Berlinale Jeder kann ein Held sein

Die Ästhetik der »Berliner Schule« hat das deutsche Kino revolutioniert. Jetzt stürmt die zweite Generation die Berlinale. Eine Begegnung mit Henner Winckler, Valeska Grisebach und Ulrich Köhler

Mitte der neunziger Jahre schlug das deutsche Kino die Augen auf. Plötzlich schaute es mit statischer, oft frontaler Kamera auf Menschen und Orte, erzählte Geschichten, in denen das Banale nicht so einfach vom Bedeutsamen, das große Drama nicht so leicht von der winzigen Erschütterung zu trennen ist. Die »Berliner Schule« war geboren. Die Regisseure Angela Schanelec, Thomas Arslan und Christian Petzold zählen zur ersten Generation dieser Bewegung, die eigentlich keine ist oder sein will. Glühende Manifeste gab es nicht. Irgendwie geschah alles eher zufällig. Man hatte an der Berliner Filmhochschule dffb studiert, tauschte sich locker aus und ließ die Filme hauptsächlich von der Berliner Firma Schramm Film produzieren. Und doch steht die Berliner Schule, aus der die Franzosen in ihrer cineastischen Begeisterung gleich eine nouvelle nouvelle vague allemande machten, für einen Aufbruch, eine neue Präzision im deutschen Kino.

Dass diese Bewegung jetzt mit ihrer »zweiten Generation« und gleich drei Filmen auf der Berlinale vertreten ist, spricht nicht nur für ihr ästhetisches Gewicht, sondern auch für die neue Aufgeschlossenheit der Berliner Filmfestspiele. Und auch wenn die Namen von Valeska Grisebach, Ulrich Köhler und Henner Winckler den meisten Kinozuschauern noch nicht viel sagen mögen – alle drei haben hoch beachtete Regiedebüts gedreht. Alle drei sind sich ihrer Filmsprache so sicher, dass es fast unheimlich wirkt. Und alle drei haben auf ganz unterschiedliche Art faszinierende »Familienfilme« gedreht, die zugleich vom tiefen Unbehagen an der familiären Festlegung erzählen.

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Henner Winckler, der an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg studierte und seit zwei Jahren als künstlerischer Mitarbeiter an der Potsdamer Filmhochschule Konrad Wolf arbeitet, zählte bereits seit seinem vor drei Jahren entstandenen Debütfilm Klassenfahrt zu ebenjener im Ausland gefeierten Vorhut der Berliner Schule. In seinem neuen Film, der in der Berlinale-Sektion Forum läuft, schließt er fast bündig an das Pubertätsdramas seines Erstlings an. Maggy (Kim Schnitzer), die Heldin seines Films Lucy, wartet. Sie wartet, dass endlich der richtige Junge kommt und sie in seine unbeholfenen Kontaktversuche einschließt. Dass irgendetwas ihre unbestimmte Sehnsucht in eine neue Richtung schubst. Dass sich ein Gespür für ihr Wollen und Wünschen, kurz: fürs eigene Leben einstellt. Nur dass Maggy, um die 18, bereits eine Tochter hat: Lucy, etwa ein halbes Jahr. Die beiden leben bei Maggys Mutter, einer Enddreißigerin, die den verunglückten Lebensentwürfen in dieser vaterlosen Welt etwas Zyklisches verleiht.

»Maggy steht am Wickeltisch und wickelt, aber irgendwie will sich das richtige Gefühl zu dieser Tätigkeit nicht einstellen«, sagt Winckler. »Mir war wichtig, dass Maggy ihre Tochter zwar liebt, aber zugleich wie einen Fremdkörper wahrnimmt, für den sie noch kein Gefühl hat.« Nicht ohne Vorfreude schaut er wieder durchs Fenster des Restaurants Schoenbrunn auf die spiegelglatten Wege im Berliner Volkspark Friedrichshain, wo alle zwei Minuten ein Jogger auf die Nase fällt.

Wincklers Blick auf die Jugendlichen, ihre gedruckste Sprache und verhuschte Körperlichkeit hat eine unglaubliche Sicherheit. Mit feinem Gespür für Stimmungswechsel, für das alles entscheidende Schweigen zwischen den spärlichen Dialogen tastet er in Lucy die bloß oberflächliche Ereignislosigkeit ab. Dabei stößt er genau auf die Stellen, an denen sich das Drama der Pubertät mit dem einer schwierigen Mutterschaft überkreuzt.

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