Berlinale Ein weiblicher Robespierre

Frankreichs politische Korruption erreicht das Kino: In Claude Chabrols Film »L’ivresse du pouvoir« spielt Isabelle Hupppert eine eiskalte Untersuchungsrichterin

Es weht bis heute ein Hauch von Gottesgnadentum durch den ehemaligen Königspalast auf der Ile de la Cité in Paris. Wo Frankreichs Monarchen über tausend Jahre lang Recht und Gesetz verkörperten, residieren seit der Französischen Revolution die obersten nationalen Gerichte. Mitten auf der Touristenrennbahn zwischen Notre-Dame und Sainte-Chapelle liegt der Pariser Justizpalast wie eine uneinnehmbare Festung. Es gibt kaum einen Franzosen, der vom tribunal de grande instance nicht mit Ehrfurcht und Schrecken spricht. Wer hier vorgeladen wird, lässt besser alle Hoffnung fahren.

So geschah es auch am heißen Sommermorgen des 5. Juli 1996. Gerade waren die Blitze der letzten französischen Atomversuche im Pazifik verglüht, da explodierte die größte Staatsaffäre der V.Republik. Zum ersten Mal wurde ein hoher Beamter – er hieß Loïk Le Floch-Prigent – direkt an seinem Arbeitsplatz wegen Korruption und Machtmissbrauch verhaftet und in den Justizpalast gebracht. Er war der ehemalige Präsident des staatlichen Erdöl- und Raffineriekonzerns Elf Aquitaine, der von 1989 bis 1993 fast die Hälfte der Geschäftserlöse für Schmiergelder, internationale schwarze Kassen, Waffengeschäfte und persönliche Bereicherung entwendet hatte.

Man kann sich nur wundern, dass der französische Film erst heute diesen Riesenskandal aufgreift, dessen Aufklärung die Republik stärker erschütterte, als es alle Spiegel-, Flick-, Neue-Heimat- und CDU-Spendenaffären in Deutschland zusammen taten. Jetzt hat sich Claude Chabrol in seinem 60. Spielfilm des Themas angenommen, und schon die ersten Publikumsreaktionen in den prallvollen Pariser Voraufführungen zeigen, dass der Hunger nach politischen Themen gewaltig ist.

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Der Sturz des Konzernpräsidenten beginnt in einer furiosen, ungeschnittenen Eröffnungssequenz, einer Art von gebremstem freiem Fall aus der Chefetage. Obwohl der Präsident längst den Konzern gewechselt hat, ahnt er an diesem Morgen, dass der 5. Juli kein gewöhnlicher Tag wird. Er hat keinen Blick für die berauschende Panoramakulisse des Pariser Stadtzentrums vor seinem Bürofenster, sondern telefoniert unablässig auf mehreren Apparaten zugleich. Plötzlich greift er fluchtartig seine Unterlagen und will das Haus verlassen. Doch der Aufzug hält endlos auf jeder Etage, wo der Chef mit jedem Assistenten und Bittsteller noch einzeln reden muss. Endlich ist die Lobby mit der rettenden Drehtür erreicht, da erstarrt die Vogelflugbewegung der Kamera, als draußen zwei Zivilpolizisten den Chef unsanft ins Auto zerren.

In den Katakomben des Justizpalastes erlebt der wütende Konzernchef, warum die französische Rechtspflege so gefürchtet ist. François Berléand spielt ihn als überforderten Emporkömmling, der erstaunlich schnell zerbricht. Zum ersten Mal in seinem Leben tritt der Boss einem leibhaftigen Untersuchungsrichter gegenüber, jener französischen Institution, deren Allmacht im europäischen Justizwesen nahezu einzigartig ist. Denn die umfassenden Kompetenzen eines juge d’instruction aus Polizei-, Staatsanwalts- und Richterbefugnissen überschreiten eigentlich alle Grenzen der juristischen Gewaltenteilung. Doch hier ist der gnadenlose Richter eine zarte, schöne Frau (Isabelle Huppert), die mit einer anspringenden Eiseskälte agiert, als sei sie die Inkarnation jener vorschriftsmäßigen Blindheit und Égalité, mit der Frankreichs Staats- und Justizordnung jede Individualität leugnet.

Angesichts der Fülle an Kriminal-und Polizeigeschichten ist es erstaunlich, dass französische Regisseure diese Ausnahmeinstitution so selten als Filmsujet wählen. Doch im Erschrecken des Konzernchefs über die aggressive Neutralität der Untersuchungsrichterin zeigt sich stellvertretend, warum Franzosen große Berührungsängste mit dieser Zentralinstanz ihrer Strafjustiz haben.

Im Zuge des Verfahrens wird der Mann ausgelöscht. Statt simpler Sozialkritik am Ränkespiel der Mächtigen zeigt Chabrol, dass die französische Strafjustiz und die Staatskorruption zwei Extreme sind, die miteinander korrespondieren: In beiden Sphären verlieren die Personen ihre Identität, weil ihre Verantwortung von einer übergeordneten Stelle untergraben wird und jede Macht sich an einer höheren stößt.

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