Berlinale Yoga hat nicht geholfen
Der Regisseur Oskar Roehler im Gespräch über strapaziösen Sex und seine Verfilmung von Michel Houellebecqs »Elementarteilchen«
DIE ZEIT: In den letzten Jahren wurden die 68er für vieles verantwortlich gemacht. Sind sie auch an den Neurosen von Oskar Roehler schuld?
Oskar Roehler: Zumindest eine ist schuld: meine Mutter Gisela Elsner. Mein Vater Klaus Roehler war kein 68er. Der war ja sogar noch im Jungzug und hat fürs Vaterland gekämpft. Allerdings hat er während der sexuellen Befreiung noch abgesahnt, als greiser Patriarch, auf den die Frauen unheimlich standen. Genau wie Michel Houellebecqs Vater, der sich in der linken Szene rumtrieb und als väterlicher Freund ausgab, um seine Sexualität auszuleben, die er in den fünfziger Jahren nicht richtig entfalten konnte. Klar sind die 68er für mich verantwortlich, dieses ganze düstere deutsche Jahrzehnt hat mich einfach geprägt.
ZEIT: Haben Sie in Houellebecq eine Art Bruder im Geiste entdeckt?
Roehler: Wir haben fast genau die gleiche Biografie mit fast genau den gleichen Eckdaten. Seine Mutter gehörte zum Jetset und ging dann nach Poona in den Aschram, so wie meine Mutter. Dann ging sie nach London und Paris, ebenfalls wie meine Mutter. Wir beide kamen zu unseren Großeltern, als wir vier waren. Und wir beide bekamen dort ein im weitesten Sinne glückliches Familienleben vorgeführt, zu dem unsere Eltern nicht fähig waren. Wenn man so will, findet sich in den Elementarteilchen auch meine eigene Kindheit wieder.
ZEIT: Und genau wie Houellebecq machen Sie den libertinären Lebensstil Ihrer Mutter für Ihre Beziehungs- und Liebesunfähigkeit verantwortlich?
Roehler: Absolut. Genau das werfe ich meiner Mutter vor. Diese Jahre des Gefühlsentzuges wird man nie wieder los.
ZEIT: Sollte man nicht so ab 30 die Verantwortung für die eigenen Neurosen übernehmen?
Roehler: Da wird Ihnen jeder halbwegs versierte Psychiater widersprechen. Für den eigenen seelischen Grundzustand muss man keine Verantwortung übernehmen.
ZEIT: Sie haben sich häufig als Teil einer verlorenen Generation bezeichnet. Auch Ihre Filme arbeiten sich an diesem Gefühl ab. Ist es nicht ein bisschen einfach, sich immerzu selbst zu bemitleiden?
Roehler: Das Selbstmitleid ist ja die Genugtuung dessen, der sich dieses Schattens nicht entledigen kann. Der Selbstmitleidige ist der Quälgeist, der sich an den anderen abarbeitet und das eigene Leid weitergibt. Auch da bin ich Fatalist wie Houellebecq. Ich konnte mein Leben weder durch Yoga, noch durch Psychotherapie, noch durch Jogging ins Positive drehen. Die Schuld liegt durchaus bei meinen Eltern und ihrem komplett verantwortungslosen Ego-Trip. Auch wenn ich die Beweggründe verstehe. Meine Mutter etwa war in ihrer Kindheit schrecklichen Repressalien ausgesetzt und wurde als schwangere 17Jährige zu einem alten Nazipsychiater geschickt. Sie war völlig instabil mit einer Neigung zur Hysterie. Irgendwann, als sie ihr schriftstellerisches Talent erkannte, brach sie einfach radikal aus. Es war ihr völlig egal, was mit ihrem Kind oder ihrem Mann passierte.
ZEIT: In Houellebecqs »Elementarteilchen« ist die Mutter eine Projektionsfläche für den Hass der Söhne. Ihr Film geht überraschend sanft mit dieser Figur um. Nina Hoss verströmt vor allem Lebenslust.
Roehler: Ja klar, sonst wäre die Grandezza der Figur verloren gegangen. Die Mutter ist nun mal eine Schlüsselfigur, die die sexuelle Revolution in vollen Zügen genossen hat. Sobald sie auftritt, muss sie ein lebendiges, sinnliches Wesen sein. Man kann sie, glaube ich, nicht nur aus der Sicht der beiden Söhne zeigen. Sonst bekäme sie zu viel Hass aufgebürdet.
ZEIT: Was hat Sie an der seltsamen Sexualität der beiden Halbbrüder interessiert?
Roehler: Beide reagieren ganz unterschiedlich auf den enormen Gefühlsmangel ihrer Kindheit. Christian Ulmens Figur kann Liebe und Sexualität nur als Abstraktum und rechnerische Größe begreifen. Moritz Bleibtreus Bruder wiederum liefert sich märtyrerhaft und obsessiv diesem Mangel aus. Er fühlt sich stigmatisiert durch seinen kleinen Schwanz und stellt sich gleichzeitig mit gnadenlosem Exhibitionismus an den Pranger. Ich finde Houellebecqs Beschreibungen der Intimität absolut fesselnd. Es sind wahnsinnig ehrliche Stellen. In einem Film muss man aber im Gegensatz zum Buch andere Schwerpunkte setzen. Der viele Sex wäre zu strapaziös und zu quälend geworden.
ZEIT: Warum?
Roehler: Diese homosexualisierten französischen Filme, die ich in den letzten Jahren gesehen habe, haben mich eigentlich immer abgestoßen. Da holt man sich einen Pornodarsteller wie Rocco Siffredi auf den Set und zeigt ihn mit erigiertem Schwanz. Die Zuschauer sehen nun mal lieber Filme, in denen ein Regisseur seine Liebe zum Leben ausdrückt. Ich hatte einfach keine Lust, den Leuten wieder dieses Unglück aufzutischen.
ZEIT: Muss man Houellebecqs Weltekel wirklich mit Gefühlen erwärmen?
Roehler: Anders wär es, glaube ich, nicht gegangen. Man hätte natürlich einen viereinhalbstündigen Film machen können. Einen Film voller Sexszenen, der mit der kalten Fortpflanzungsfantasie des Klonens geendet hätte. Das Problem an diesem Buch und seinem Schluss ist aber, dass die Destruktivität durch den Filter der Sprache zu einem großartigen Zitatenschatz wird. Im Film würde das nur depressiv und selbstmitleidig wirken. Das würde kein Zuschauer mitmachen.
ZEIT: Sie haben aber schon vieles gefilmt, von dem man hätte annehmen können, dass es kein Zuschauer mitmacht.
Roehler: Okay, aber das wollte ich in diesem Fall nicht wiederholen. Und Houellebecqs Romanende, in dem die Sexualität abgeschafft wird, weil sie Aggressionen hervorruft, wollte ich in dieser propagandahaften Klarheit nicht verfilmen. Das liest sich ja sehr manipulativ, wie eine Erfolgsstory. Ich habe einfach keinen Trick gefunden, das plausibel zu machen. Auch weil ich nicht daran glaube, dass Sexualität eine rein destruktive Kraft ist.
ZEIT: Am Ende von Houellebecqs »Elementarteilchen« stehen Selbstmorde, Kälte, Einsamkeit. Bei Ihnen siegt die Liebe, sogar über den Tod hinaus.
Roehler: Houellebecq stürzt uns am Ende in die totale Leere. Letztlich ist er ein sinnesfeindlicher Dogmatiker. Einer, der behauptet, dass das Leben scheiße ist, dass Liebesbeziehungen nicht funktionieren. Und wenn eine funktioniert, dann kriegt die Frau mit 40 Jahren Unterleibskrebs und bringt sich um. Das ist mir ziemlich gegen den Strich gegangen. Daher fanden wir unseren Liebesschluss eine coole Wendung. Und wenn man der Figur des Physiker-Bruders, ihrem Universum und ihren Gedanken hätte gerecht werden wollen, dann hätte man einen anderen Film machen müssen. Daher haben wir manches auf die rein zwischenmenschliche Ebene gezogen. Es mag sein, dass das dann stellenweise trivialisiert wirkt.
ZEIT: Gab es auch Überlegungen, das Buch in einer anderen Tonlage zu verfilmen?
Roehler: Man hätte am Anfang auf eine ganz krude Comedy ausweichen können. Das hätte dann ausgesehen wie ein Videoclip zu The Prodigy. Wie eine ganz rigorose krasse Junk-Trash-Nummer. Die hätte dann 30 bis 40 Sekunden gehalten, und dann wäre es ganz ernst und ganz real geworden.
ZEIT: Warum gibt es in »Elementarteilchen« keine typisch Roehlerschen Überhöhungen?
Roehler: Ich hatte nicht die Zeit, solche Szenarien zu bauen, was ich schade fand. Ich denke auch, dass Bernd Eichinger, was die Überhöhungen angeht, als Regulativ gewirkt hat. Statt überhöht sollte der Film nachvollziehbar sein und auf dem Boden bleiben. Eben auch für den normalen Zuschauer.
ZEIT: Wie stehen Sie eigentlich zu Houellebecqs merkwürdigem Konservatismus?
Roehler: Ich stehe hundertprozentig hinter seinen Thesen. Als ich das Buch zum ersten Mal las, waren die Elementarteilchen für mich eine Art Evangelium, Houellebecq war der erste Schriftsteller, der einen soziokulturellen Erklärungskatalog abgab für das, was meiner Generation widerfahren ist. Genau wie ich trauert er bestimmten Werten nach. Ich wollte in meinem Film deutlich machen, dass die Fixierung auf das rationale Erfassen der Welt vieles zerstört hat: die Religion, ein bestimmtes Sozialverhalten, die Mysterien der Sexualität. Jedes Mädchen erfährt heute aus sämtlichen Frauenzeitschriften, wie oft es Sex haben sollte und wie der Geschlechtspartner beschaffen sein muss. Dieser Materialismus weitet sich auf alle Lebensbereiche aus. Auf die geistige Bildung, auf die klassischen Werte des Zusammenlebens, auf die Familie.
ZEIT: Wodurch unterscheiden Sie sich letztlich von Ursula von der Leyen?
Roehler: Wir stehen an verschiedenen Fronten. Die Familienministerin tradiert völlig ungebrochen ihre bürgerlichen Werte, während Menschen wie Houellebecq und ich Opfer der Gesellschaft sind. Wir verwalten ja nicht die konservativen Werte. Wir haben sie einfach nie gehabt, genossen oder in Anspruch genommen. Wir sind Außenseiter, die auch gerne ein Familienleben gehabt hätten. Außerdem wünschen wir anderen Leuten insgeheim ähnliche Erfahrungen wie die, die uns selbst zerstört haben (lacht).
ZEIT: Sind Sie Houellebecq einmal begegnet?
Roehler: Ja, in Paris, aber er war sehr in sich gekehrt. Eigentlich war er nicht ansprechbar, weil er so weit weg war. Im Grunde hatte er überhaupt keine Lust, zu kommunizieren. Er war wie ein schwarzes Loch. Er kann sich natürlich leisten, so asozial zu sein. Die Übersetzerin hat dann versucht, die peinlich langen Pausen mit Fragen zu überdecken. Irgendwann haben wir ihn mit seinem Hündchen rausgebracht. Er achtete nicht auf den Straßenverkehr und lief einfach auf eine mehrspurige Straße, wo die Autos mit quietschenden Reifen hielten. Er ist ein Anarcho, der völlig drauf scheißt, was die Außenwelt sagt. Der Typ ist eine Nummer für sich. Wahrscheinlich wollte er in den nächsten Swinger-Club.
ZEIT: Haben Sie ihm einen Ihrer Filme gezeigt?
Roehler: Davon konnte keine Rede sein. Seine Selbstdarstellung an diesem Tag war die eines Menschen, der wie mumifiziert in der Ecke sitzt, Cognacs kippt und den lieben Gott einen guten Herrn sein lässt. Obwohl er selbst Filme machen will. Er dreht ja auch Pornos. Zusammen mit seiner Frau oder Freundin. Einen sogar auf 35 Millimeter. Er soll aber schlecht sein. Man hat mir erzählt, dass richtige Pornokenner nicht auf ihre Kosten kommen.
Das Gespräch führte Katja Nicodemus
- Datum 09.02.2006 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 09.02.2006 Nr.7
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