Berlinale Mister Perfect

Oscar-Favorit II: Heath Ledger ist der Hollywood-Star der Saison. Jetzt probiert er sich in dem Drogenfilm »Candy« aus

Ist Heath Ledger die große weiße Hoffnung des amerikanischen Kinos? Wahrscheinlich nicht. Aber er ist zweifellos der Star dieser Saison – kaum ein Schauspieler war in den letzten Monaten auf Festivals und Preisverleihungen präsenter als der blonde, mit dem sonnengeküssten Teint eines Surfers ausgestattete Australier. Fünf Filme hat Ledger im vergangenen Jahr gedreht. Und es spielt keine Rolle, dass er als einer von Terry Gilliams Brothers Grimm eher ratlos durch den Märchenwald stapfte und für den jetzt bei uns startenden Casanova trotz seiner in Hollywood beachtlichen 1,85 Meter nicht die rechte Statur hat. Denn rechtzeitig zur Vergabe der großen amerikanischen Filmpreise, der Golden Globes im Januar und der Oscars im März, hat der Schauspieler Ledger die eine Vorstellung geliefert, die zählt. Als stiller, mit seinen Gefühlen hadernder schwuler Cowboy in Ang Lees kunstvoll an der Genregrenze angesiedeltem Western Brokeback Mountain ist er zumindest in Reichweite eines Academy Award gelangt – auch wenn die Konkurrenz, wie seine Fangemeinde im Internet etwas resigniert bemerkt, in diesem Jahr sehr hart ist und der Globe für den besten dramatischen Schauspieler bereits an ihm vorbeigereicht wurde.

Das Patchworkhafte, das Nebeneinander von Schrägem und Stromlinienförmigem, von Ambitioniertem und Trivialem in Ledgers aktuellem Output ist allerdings sehr typisch. Der 26-Jährige aus Perth, der nach dem Liebhaber aus Emily Brontës Sturmhöhe auf den dringend nach einem »oh!« verlangenden Namen Heathcliff getauft wurde, hat eine ausgesprochen gewundene Karriere und die charakteristischen Leiden eines Jungstars in unsicheren Zeiten hinter sich.

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Als er nach einer schauspielerischen Minimalausbildung an der Highschool – die Fama sagt, er hatte die Wahl zwischen Kochen und Drama –, den üblichen TV-Auftritten und Kleinstrollen den amerikanischen Teil seiner Laufbahn begann, war bereits abzusehen, dass der Thron des Sexsymbols in Hollywood vakant werden würde. Die »Großen Vier«, Tom Cruise, Brad Pitt, Johnny Depp und Keanu Reeves, allesamt Jahrgänge zwischen 1962 und 1964, steuerten auf die magische Vierziger-Marge zu. Und die »nächste Generation«, in den frühen Siebzigern Geborene wie Leonardo DiCaprio oder Ewan McGregor, zeigte jenseits von Titanic und Moulin Rouge keine Neigung mehr, das Erbe anzutreten.

Seit geraumer Zeit ist daher die amerikanische Filmindustrie auf der Suche nach dem neuen Mr. Perfect: einem, der, schön, sexy und im Idealfall ausdrucksstark, imstande wäre, die Fantasie der Zuschauer dauerhaft zu binden, über unedle Drehbücher zu triumphieren und riskante Big-Budget-Projektionen ins Plus zu hieven. In den Achtzigern reichte dazu noch die pure Muskelkraft der Schwarzeneggers und Stallones. Weil Genres, Star-Images und Publikumserwartungen auf dem globalisierten Unterhaltungsmarkt aber immer schwerer zur Deckung zu bringen sind, hat sich zum einen die Durchlaufgeschwindigkeit für den Hollywood-Nachwuchs deutlich erhöht.

Zum anderen hat die Industrie ihren Radius erweitert: Sie fischt entschlossen den Independent-Teich ab – wie im Fall von Heath Ledgers Brokeback Mountain- Partner Jake Gyllenhaal, oder sie importiert das Talent aus den überseeischen englischsprachigen Ländern – so etwa den Neuseeländer Russell Crowe, die Australier Eric Bana und Hugh Jackman, den Iren Colin Farrell. Da kann es dann passieren, dass ein Newcomer sich nach zwei oder drei Auftritten am Rande der Sichtbarkeit plötzlich im Zentrum einer dreistelligen Millionenproduktion wiederfindet – wie der Engländer Orlando Bloom im Königreich der Himmel.

In Ledgers Fall begann alles 1999 mit der Hauptrolle in der Teenager-Komödie Zehn Dinge, die ich an Dir hasse, die ihn als jugendlichen hunk auswies – so heißt ein attraktiver, mit physischen Vorzügen verschwenderisch ausgestatteter Mann, von dem eine Frau nicht erwartet, dass er Hegel mit ihr diskutiert. Obwohl Tom Cruise und Brad Pitt in dieser Sparte angefangen und Hollywood-Schauspieler sowieso selten die Gelegenheit haben, über Hegel zu sprechen, löst das Epitheton hunky automatisch einen Gegenreflex aus. Heath Ledger wirkte fortan jedenfalls immer ein wenig, als sei er auf der Flucht, und gab ironische Kommentare. Etwa zur Frage nach einer »neuen Welle« australischer Schauspieler: »Tatsächlich sind wir Replikanten.

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