Ein Säugling treibt auf einer Art Salatblatt auf einem gigantischen Strom aus knallrotem Blut. Auf der anderen Seite des Flusses schichten Unsichtbare kleine Steinmännchen auf. Eine Stimme informiert: Dies ist die Hölle, in der Kinder dafür bestraft werden, dass sie vor ihren Eltern verstorben sind. Ein harmloses Inferno, wenn man an die andere Hölle dieses Films denkt, in der Missetäter bei lebendigem Leib gehäutet werden oder mit gekonnten Samuraischwert-Hieben schön mittig halbiert. In »Hitokiri Okatsu« (Okatsu, die Rächerin) kennt die Heldin (Miyazono Junko) keine Gnade mit der korrupten Feudalschicht BILD

Dies mag nach Splatterfilm klingen, ist aber das Gegenteil: Nicht das chaotisch Zerfetzte, nicht eine Ästhetik des Durcheinanders, der Verletzung und der Zerstörung prägt die letzte halbe Stunde von Nobuo Nakagawas Jigoku – Hölle, sondern extrem stilisierte und meist stille Bilder. In kräftigen Farbkontrasten, ohne Mischtöne und mit viel homogener Fläche malt er 1960 seine Hölle aus Space- und Wüstenlandschaften, den klassischen Traum- und Fluchtorten der psychedelischen Generation ein Jahrzehnt später. Dazwischen erhebt sich dann ein abstraktes Ballett bittender Hände und werden choreografierte Massen durch kühn gestylte Martern getrieben. Diese Bilder scheinen keinen kontinuierlichen Raum darzustellen, sondern kommen als Kaskaden aus Bühnenbildern daher, die immer wieder neue Perspektiven auf diesen unvorstellbaren Höllenraum eröffnen. Das Publikum, das sich in den späten Sechzigern, mit den einschlägigen Drogen ausgerüstet, immer nur zur so genannten Farbsequenz in Kubricks 2001 in die Großbildkinos der Städte schlich, hätte hier seinen zweiten heiligen Film gehabt.

Bei der Rache denkt man unwillkürlich an Bayern München

Nobuo Nakagawa (1905 bis 1984) wird seit ein paar Jahren wieder entdeckt, und neun seiner Filme wird man bei der Berlinale in der Sektion Forum kennen lernen können. Sie sind nicht alle so spektakulär wie Jigoku, der von seinem seltsam pornografisierenden James-Bond-Vorspann über seine Big-Band-Untergangsbläser bis zu seinen klaffenden Gebirgsabgründen, seinen minutenlang auf den Fußböden von Nachtclubs herumkriechenden Kameras und seinen ständig aus dem Nichts drohend heranzischenden Dampflokomotiven auch schon vor dem Höllenfinale nicht mit unvergesslichen Eindrücken geizt. Vor allem gilt Nakagawa als ein Mann der Dämonen- und Gespenstergeschichten, mit denen er kurz vor Jigoku einige bemerkenswerte Exemplare geschaffen hat. Aber darüber hinaus fällt vor allem eines auf: Ob Dämonen oder Hölle, ein Film noir der Vierziger mit einer Prise Neorealismus oder eine Räuberpistole mit Samurais und Martial Art, immer geht es um Rache.

Ob die Hölle institutionell mit Sündern aller Art abrechnet oder eine einzelne Geschändete mit übermenschlichen Kämpferqualitäten Mord und Folter an Bruder und Vater rächt, die oft überladene, verworrene und überdeterminierte Erzählung von Bosheit und Niedertracht wird nur deswegen so verworren und so turmhoch aufgebaut, um die anschließende Entspannung in der Rache umso ruhigeren Gewissens genießen zu können. Als Fußballfreund denkt man unwillkürlich an den FC Bayern: Ist der nicht allein deshalb so feist und widerlich und rundum abstoßend, hat seit Jahrzehnten endlose Mengen Glück und Geld, kauft alle Mannschaften kaputt, spielt trotzdem wie die besengtesten Säue und gewinnt aber zu allem Überfluss in der 91. Minute durch Kullertore, damit man umso fürchterlicher eines Tages an ihm Rache nehmen wird? Zweifellos gibt es nicht mehr so viele Menschen, die im 21. Jahrhundert noch grausame Strafen gutheißen, aber ändert sich das nicht sofort, wenn man sich als Delinquenten Uli Hoeness vorstellt?