Syriana ist ein ungewöhnlich komplexer Thriller. Manchmal ist es schwer, sich von den vielen Handlungsfäden nicht verwirren zu lassen: Ein CIA-Agent wird verraten und abgehalftert, weil seine vor Ort erworbenen Kenntnisse des Nahen Ostens nicht mehr in die neue Strategie der Zentrale passen. Ein Öl-Analyst durchlebt nach einem tragischen Unfall eine Ehekrise und wird zum Berater eines reformerisch gesinnten arabischen Thronfolgers. Zwei Prinzen – ein Idealist und ein korrupter Schwächling – streiten um die Nachfolge des greisen Emirs. Ein aufstrebender schwarzer Rechtsanwalt wird von einem Ölkonzern engagiert, um eine dubiose Fusion rechtlich zu flankieren. Zwei junge pakistanische Ölarbeiter geraten in einem Golfstaat in den Sog des Selbstmordterrorismus. Der neue Clooney – mit Vollbart und 15 Kilo Übergewicht BILD

Zwischen diesen Erzählsträngen schaltet Stephen Gaghan ziemlich rücksichtslos hin und her. Die Spannung entsteht nicht zuletzt daraus, dass der Zuschauer dauernd nach Inidizien für das sucht, was diese disparaten Geschichten wohl im Innersten zusammenhält. Syriana ist der seltene Fall eines neuen amerikanischen Films, der die Auffassungsgabe des Kinogehers bis zum Äußersten testet und oft überfordert. Es gibt keine eindeutige Hauptfigur, kein master narrative, kaum sympathische Charaktere, an die man sich klammern könnte. Die Schauplätze sind auf dem halben Erdball verteilt.

Andererseits ist die Sache gar nicht so kompliziert. Der Film beeindruckt nämlich ebenso sehr durch die Stimmung, in die er den Zuschauer versetzt, wie durch die Geschichten, die er erzählt. Und diese Stimmung wird vom größten Schauspieler der Gegenwart getragen: George Clooney. Er hat für diesen Film 15 Kilo zugenommen, sich einen Vollbart wachsen lassen und Farsi sowie Arabisch gelernt. Er verkörpert Bob Barnes, einen Agenten draußen im Feld – zuerst in Teheran, später in Beirut. Barnes ist der letzte altmodische Geheimdienstmann, der sich vor Ort herumtreibt und mit den Leuten lebt, die er ausspioniert – eine Figur wie von John Le Carré, versetzt in die Unübersichtlichkeit der Welt nach dem Kalten Krieg. Clooney ist wieder sehr cool in dieser Rolle, aber die Coolness hat sich mit Bitterkeit angereichert. Zu Anfang sieht man den behäbigen Barnes in Teheran ein Waffengeschäft abwickeln. Er verlässt den Ort des Waffendeals, hinter ihm explodiert ein Auto, Barnes aber geht einfach weiter und dreht sich nicht einmal um.

Alle sind schuldig: Die Araber, die CIA, die amerikanische Ölindustrie

Barnes ist einer jener altmodischen Agenten, auf deren Dienste im Nahen Osten die USA irgendwann glaubten verzichten zu können. Leute wie Barnes hatte man im Irak nicht vor Ort. Man musste auf BND-Mitarbeiter zurückgreifen, wie wir jetzt wissen. Barnes ist ein Patriot, er liebt seine Arbeit, und er nimmt sie so ernst, dass seine Erkenntnisse den Vorgesetzten nicht immer gefallen. Der Geheimdienst scheint in die Fänge von Ideologen geraten zu sein. Ein »Komitee zur Befreiung Irans« gibt den Ton an. Von Barnes will man nur noch Dinge hören, die zu diesem Projekt passen. Als er vor dem Geheimdienst-Ausschuss die Komplexität der Lage darstellt, wird er von einer eifernden Abgeordneten zurechtgewiesen.

Der Film stellt sich nicht nur in dieser Szene, sondern durch seine ganze Struktur auf die Seite der Komplexität. Das nimmt für ihn ein, auch dann noch, wenn Gaghan es mit der Fülle der Figuren und Konflikte übertreibt. Man ist einfach dankbar dafür, dass ein Film sich so viel vornimmt: Syriana wagt es zu zeigen, wie das Handeln einer Gruppe von Ölmanagern in Texas die Entscheidung zweier gefeuerter Ölarbeiter am Golf beeinflusst, sich mit einem Tanker in die Luft zu sprengen. Er stellt einen Zusammenhang her zwischen dem Öldurst des Westens und der Unreformierbarkeit der arabischen Welt. Er zeigt, wie der radikale Islam das Loch in der Seele junger Männer füllt, die nicht mehr gebraucht werden.