"Der freie Wille" Tabus gibt es nichtSeite 6/6
– Würde man durch eine Therapie die Quellen des eigenen Spiels verschütten?
– Therapie hab ich schon gemacht, das find ich auch sinnvoll. Aber ich will nicht Filmarbeit als Therapie benützen. Das empfände ich als Missbrauch der Arbeit. Dafür hängt am Film viel zu viel: 40 Leute, ein Regisseur, viel Geld. Da geht’s nicht um mich, sondern um die Geschichte. Ich würde den Figuren nicht gerecht, wenn ich mich da therapieren wollte, es ginge stattdessen um meine eigene Eitelkeit, das will ich nicht.
– Dennoch: Woher kommt die Wut?
– Frühkindliche Ursachen hat das sicher, diese Spielweise. Aber wenn ich nun mal eine Batterie habe, die läuft, warum soll ich sie ausbauen? Ich bin froh, dass sie da ist. Ich hatte immer das Gefühl, ich bin voll mit Batterien, die mich in den Himmel schießen.
– Haben Sie nicht Angst, dass Ihre große Gestaltungsquelle, der Schmerz, eine Ressource sein könnte, die irgendwann erschöpft, leer gespielt ist?
– Davor hätte ich keine Angst. Weil ich denke, dass dann auf jeden Fall etwas Neues kommt. Ich hoffe sogar, dass bestimmte Dinge sich verbrauchen und verbrennen. Ich denke, alles, was da ist, ist auch irgendwie gut; man sollte es zu was Gutem machen. Und man sollte sich nicht darüber Gedanken machen, ob das vielleicht peinlich sei. Meine Grunderfahrung im Leben ist: Jedes bisschen Mut wird belohnt.
Am Ende eines Gesprächs mit einem berühmten Mann fragt man gern nach den letzten Dingen. Wenn Jürgen Vogel über ein Leben nach dem Tod spricht, wird eine Beschreibung seiner Arbeit daraus. Er sagt: »Ich fände es toll, wenn sich herausstellen würde, dass man nicht einfach irgendwo reingeboren worden ist, sondern dass man es sich selbst ausgesucht hat. Wenn man diesen Gedanken ins Leben übernimmt, ist man nicht mehr Opfer, sondern selbstbestimmt. Du hast dir dein Leben ausgesucht, nun musst du damit klarkommen. Auch das Elend – du hast es gewollt.« An diesem Gedanken arbeitet er unaufhörlich – im Kino.
- Datum 09.02.2006 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 09.02.2006 Nr.7
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