Berlinale»Mein Mythos, was ist das?«

Brigitte Bardot ist eine der »Traumfrauen«, die von der Berlinale mit einer Retrospektive geehrt werden. Eine Begegnung in Paris von 

Langsam, mühsam steigt sie aus der Limousine. Einen winzigen Augenblick lang scheint die Menge den Atem anzuhalten, dann drängt sie los. Es sind Hunderte Fotografen, Fernsehleute, Fans, Schaulustige, eine grell aufleuchtende Wand aus Kamera-Augen. Wie von Sinnen brüllen die Leute ihren Vornamen, wollen eine Pose, einen Blick, ein Bild: »Brischiiiiitt!« Im Licht der Blitze ist ihr Gesicht kreideweiß. Verzweifelt versuchen ihre Begleiter, den Weg zum Eingang zu bahnen, aber die Menge ist überall. Hinten, wo die Sicht am schlechtesten ist, gehen zwei Fotografen aufeinander los. Kameras scheppern zu Boden. Schreie, Schimpfen, Chaos. Man muss wissen, dass die Frau, um die es hier geht, vor dreißig Jahren ihren letzten Film gedreht hat. Vielleicht genügt es auch, einfach umzudenken: Hier tritt kein Mensch auf, sondern ein Mythos.

Brigitte Bardot ist in den Pariser Vorort Levallois gekommen, um eine Weihnachtsaktion der französischen Tierheime zu unterstützen. In einer nüchternen Sporthalle aus den Siebzigern harren Hunderte von Katzen und Hunden darauf, sich in Streichelgeschenke zu verwandeln. Es ist unglaublich, wie sich die Atmosphäre auflädt, sobald Bardot den Saal im Erdgeschoss betritt. Nicht nur den Hunden scheinen die Haare zu Berge zu stehen. Die Tiere brechen in ohrenbetäubendes Geheul aus, die Fotografen klettern auf die Käfige. Einer bricht fast ein. Im Gedränge wird Bardot, die wegen einer Hüftarthrose nur mit Krücken laufen kann, beinahe umgeworfen. Dann eine gespenstische Szene: Inmitten des Trubels zieht Bardot einen mageren Terrier aus seinem Käfig und beginnt, ihn zu streicheln, wie in Trance. Es ist ein Moment, im dem die ganze Tragik ihres Lebens zwischen exzessivem Starruhm und obsessivem Tierschutz aufscheint.

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Zwei Tage später in der Fondation Brigitte Bardot. Das Gebäude der von Bardot gegründeten Tierschutz-Stiftung liegt im teuren 16. Arrondissement, nur ein paar Schritte neben dem Eiffelturm. Brigitte Bardot sitzt bereits am Tisch, in schwarzer Hose und dünnem Baumwolljäckchen, vor ihr zwei Champagnergläser. Sie ist ungeschminkt, ungeliftet und sieht aus, als käme sie gerade aus dem Garten. Ihr Blick ist freundlich, aber auch ein wenig unsicher. Um unsere Beine streicht ein erschreckend dünner Irish Setter, ein Mitbringsel von der Tierschutz-Veranstaltung. »Sehen Sie nur, er war halb verhungert«, sagt Bardot und schiebt ein Glas über den Tisch. »Aber ich werde ihn schon aufpäppeln. Finden Sie, dass ihm der Name Caramel steht?«

Das ist sie also. BB. Der größte Star, den Frankreich je hervorgebracht hat. Die Frau, die für eine neue Form der Schönheit stand. Vor ihr waren weibliche Filmstars unerreichbare Wesen, die gestylt über Galatreppen schwebten. Bardot hüpfte im leichten Röckchen über Stock und Stein und fütterte die Kameras mit einem Sex, der verwirrend natürlich war. Von Japan bis New York trugen die Frauen flache Schuhe und kopierten ihre »Sauerkrautfrisur«, mit der sie aussah, als sei sie eben erst dem Bett entstiegen. Sie war die global verständliche Antwort auf die Steifheit der Fünfziger, die pure Körperlichkeit, ein neuer Lebensstil, die Revolution.

Während sie so dasitzt, die grauweißen Haare lose um den Kopf gesteckt, während sie den Hund streichelt und einen Zuckerwürfel für ihn auspackt, ertappt man sich dabei, wie man die Legende in der Legende sucht. Es sind die Lippen, diese einmalig trotzigen Bardot-Lippen, die alles wieder aufsteigen lassen. Die legendäre Anfangsszene von Roger Vadims … und immer lockt das Weib, in der sie nackt hinter wehenden Bettlaken in der Sonne lümmelt. Die junge Bardot barfuß und fröhlich am Strand von St. Tropez. Das Leben als ewige Party, auf der man nur hin und wieder einem Champagnerkorken ausweichen muss. Die Gazettenbilder und die drei Tonnen Rosen, die Gunter Sachs über ihrem Haus La Madrague abwerfen ließ. Und natürlich die schulterzuckende Laszivität, mit der sie in Jean-Luc Godards Die Verachtung ihren Filmehemann Michel Piccoli an den Rand des Wahnsinns treibt.

»Keine Fotos, keine politischen Fragen« lautete die kategorische Bedingung des Sekretärs für ein Gespräch. Und während man noch überlegt, wie sich die unerwünschten Fragen eben doch platzieren lassen – am Anfang oder lieber am Ende, wenn es nicht mehr so schlimm wäre, rausgeschmissen zu werden –, stellt sich das Politische von selbst ein. In Gestalt von Bardots viertem Ehemann Bernard d’Ormale tritt es durch die Tür. D’Ormale, ein Weggefährte des rechtsextremen Politikers Jean-Marie Le Pen, streckt die Hand aus und blafft gleich los: »Arbeiten Sie für eine Zeitung, die diesen Namen überhaupt verdient?« Angespannte Stille. Bardot zieht an ihrer Zigarette. Man hört, wie Caramel den Zuckerwürfel zermalmt.

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