Schule Mangel? Welcher Mangel?

Die Kultusminister rechnen hoch: Bis 2015 fehlen 70000 Lehrer. Stimmt nicht, sagen die Bildungsforscher

Wen Heinz-Peter Meidinger nicht schon alles einstellen musste. Einen Förster zum Beispiel, der hat den Schülern Bio beigebracht, und österreichische Diplomübersetzerinnen übernahmen an Meidingers Deggendorfer Gymnasium den Englischunterricht. »Ich habe nichts gegen Seiteneinsteiger«, sagt der Oberstudiendirektor. »Aber das darf nicht auf Kosten der Qualität gehen!« Darum hat Meidinger, der im vergangenen November als Vorsitzender des Philologenverbandes wiedergewählt worden ist, den Kampf gegen den Lehrermangel zu einer der zentralen Aufgaben seiner neuen Amtszeit erklärt: »Die Situation ist dramatisch. In einzelnen Fächern ist der Arbeitsmarkt komplett leer gefegt!« Dramatisch sind auch die Prognosen des Philologenverbandes. Bis 2015 sollen demnach 80000 Pädagogen fehlen, die Folgen wären reihenweise Unterrichtsausfall, riesige Klassen – und noch mehr Behelfslehrer ohne pädagogische Vorbildung. Die Kultusministerkonferenz (KMK) hat schon 2003 vor der gewaltigen Lehrerlücke gewarnt und diese auf mindestens 70000 Stellen taxiert. Den 371000 frei werdenden Lehrerjobs ständen zwischen 2002 und 2015 nur 297000 Absolventen gegenüber. Fazit: Selbst wenn sich die Abiturienten ab sofort scharenweise fürs Lehramt einschrieben, zum Lückenschluss ist es längst zu spät.

Möglicherweise gibt es sogar einen Lehrerüberschuss

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Allerdings nur, wenn man den Zahlen glaubt. Denn so alarmierend das Bild ist, das KMK und Philologenverband zeichnen, so falsch ist es möglicherweise auch. Die Essener Arbeitsgruppe Bildungsforschung/Bildungsplanung kommt in ihrem jüngsten Arbeitsmarktbericht zu dem Ergebnis, dass bis 2015 »eine insgesamt ausgeglichene Bilanz zwischen Nachfrage und Angebot« wahrscheinlich sei, anders ausgedrückt: Die Geschichte vom großen Lehrermangel könnte sich als Märchen entpuppen. »Wenn sich die restriktive Einstellungspolitik der Länder nicht ändert, dürften wir sogar einen Lehrerüberschuss bekommen«, sagt der wissenschaftliche Leiter der Arbeitsgruppe, Klaus Klemm. Auch Berlins Schulsenator Klaus Böger (SPD) will sich nicht mehr auf die KMK-Zahlen festlegen lassen, und Hessens Kultusministerin Karin Wolff (CDU) räumt sogar ein, dass Klemm Recht haben könnte: »Es sieht so aus, als könnte sich der Lehrerarbeitsmarkt zumindest quantitativ ausgleichen, aber nicht qualitativ.« Dass die »Horrorzahlen der KMK«, wie Klemm sie nennt, nicht Wirklichkeit werden, dafür macht der Bildungsforscher vor allem die Sparpolitik der Bundesländer verantwortlich. Die Verlängerung der Arbeitszeit hat den Bedarf an Neueinstellungen erheblich abgesenkt, ebenso wie die im neuen Bundesbeamtengesetz festgelegten Pensionsminderungen, die viele ältere Lehrer vom vorzeitigen Ausscheiden aus dem Schuldienst abhalten.

Die besten Aussichten haben Haupt- und Berufsschullehrer

Wobei der scheinbare Ausgleich von Angebot und Nachfrage auf dem Lehrerarbeitsmarkt keineswegs bedeutet, dass am Ende alle glücklich sind. Denn viele der heutigen Lehramtsstudenten werden trotzdem keine Stelle finden. Sie studieren nicht auf die richtige Schulart, oder – noch schlimmer – sie haben sich die falschen Fächer ausgesucht. »Die Abiturienten hören, es werden Lehrer gesucht, und schwups studieren sie Germanistik fürs Gymnasium«, sagt Klemm. »Das ist der Fehler.« Denn auch in zehn Jahren werden je nach Fach und Bundesland teilweise nur ein Drittel der künftigen Gymnasiallehrer zum Zug kommen, besonders eng ist es unter anderem in Deutsch, Geschichte, Biologie und in allen modernen Fremdsprachen außer Englisch. In einzelnen Fächern sieht es zwar besser aus für Studienräte, etwa in Mathematik, Kunst, Physik, Latein, Musik und Informatik. Insgesamt aber rechnet allein Nordrhein-Westfalen bis 2020 mit 20000 arbeitslosen Gymnasiallehrern. Für die heutigen Abiturienten, so die Prognose des NRW-Kultusministeriums, seien die Beschäftigungschancen sogar »verschwindend gering«. Auch künftigen Grundschullehrern droht in vielen Ländern die Arbeitslosigkeit. »Wir müssen den Abiturienten immer wieder klar machen: Studiert nicht nur die Schulgänge, die ihr selbst gehabt habt«, sagt Hessens Ministerin Wolff. Wer dagegen Lehrer an den weniger imageträchtigen Haupt-, Real- oder Berufsschulen werden will, hat in fast allen Feldern gute Aussichten, besonders chancenreich sind Mathematik, Englisch, Physik, Informatik und technische Fächer.

Auf dem Papier könnte also bis 2015 tatsächlich ein kurioser Gleichstand von offenen Stellen und Bewerbern entstehen, der in der Realität jedoch einer noch tieferen Spaltung auf dem Lehrerarbeitsmarkt gleichkäme: Die Länder würden mit Prämien und Fortbildungsprogrammen um die raren Fachkräfte buhlen, während gleichzeitig Zehntausende arbeitslose Nachwuchslehrer ihre Hoffnung auf einen Arbeitsplatz längst begraben hätten.

Lehrermangel bei gleichzeitiger Lehrerarbeitslosigkeit, das ist der Unterschied zum Einstellungsboom der siebziger Jahre. Damals explodierten die Schülerzahlen ein letztes Mal vor dem Pillenknick, gleichzeitig investierten die Bundesländer im Rahmen der so genannten Bildungsexpansion Milliarden in den Ausbau des westdeutschen Bildungssystems. Die Folge waren zusätzliche Stellen in allen Fächern und Schularten. Heute dagegen gehen die Schülerzahlen zurück, parallel läuft der Abbau der Lehrerjobs. Insgesamt ein düsteres Bild für künftige Lehramtsanwärter, wäre da nicht ebenjene Lehrergeneration der »glücklichen siebziger Jahre«, wie Klaus Böger sie nennt. Diese Generation geht jetzt in Rente und ermöglicht die überfällige Verjüngung der Kollegien, die zuletzt die OECD in ihrer Lehrerstudie angemahnt hatte – wenn die Schulen denn geeignetes Personal unter den zu Geisteswissenschaften neigenden Lehrämtlern finden.

Hier wiederholt sich bei aller Unterschiedlichkeit der Szenarien ein Kardinalfehler der Siebziger. In ihrer Not hatten die Bundesländer damals Lehrer bis zur schlechtestmöglichen Examensnote eingestellt; Pädagogen, die zu anderen Zeiten nie die Chance auf einen Job bekommen hätten – aus gutem Grund: Sie, und nicht etwa die Zehntausenden, oftmals hoch motivierten Seiteneinsteiger, waren es dann auch, die sich die nächsten 30 Jahre durch die Schule wurstelten und so das Image des Lehrerberufs belasteten. »Ein gewisser Überschuss an ausgebildeten Lehrern ist daher aus Sicht der Kultusministerien und der Schulen wünschenswert, denn dann muss man nicht alle, sondern kann die Besseren nehmen«, sagt Ewald Terhart, Experte für Lehrerbildung an der Universität Münster. »So bitter das im Einzelfall auch ist.« Genau diesen Überschuss könnte das seit 2003 von den Kultusministern beschworene Mangelszenario samt den in der Folge gestarteten Werbekampagnen bewirken, sollte die Zahl der Lehramtsstudenten auch in den Mangelfächern tatsächlich nachhaltig ansteigen – wonach es bislang allerdings nicht aussieht. Doch selbst wenn die Strategie aufginge, würde sie den ewigen Zyklus von Lehrermangel und Lehrerarbeitslosigkeit lediglich in die Zukunft fortschreiben. »Dabei gibt es Alternativen«, sagt Terhart. Eine vorausschauende Einstellungspolitik etwa, die jedes Jahr ähnlich viele Pädagogen einstellt und so die großen Generationswechsel und Brüche samt den zugehörigen Wellenbewegungen vermeiden könnte. »Das würde aber auch bedeuten, dass in manchen Jahren die Länder mehr Lehrer einstellen müssen, als sie aktuell brauchen«, sagt Terhart. »Kein sehr wahrscheinliches Szenario.«

Die GEW fordert stattdessen, auf die fast schon vergessenen Absolventen der achtziger Jahre zurückzugreifen, das Jahrzehnt, in dem es bundesweit fast einen kompletten Einstellungsstopp gegeben hatte. »Dadurch bekommen wir eine ausgeglichenere Altersstruktur an den Schulen«, sagt Gerd Köhler, der im Bundesvorstand der Gewerkschaft für Hochschule und Forschung zuständig ist. »Es wäre doch auch ökonomischer Unsinn, diese Leute außen vor zu lassen und stattdessen auf Seiteneinsteiger zurückzugreifen.« Die OECD-Experten schlagen in ihrer Lehrerstudie zudem vor, im Lehramtsstudium die Grenzen zwischen den Schulformen und den Schulfächern abzubauen. »Wir haben nicht nur ein fragmentiertes Schulsystem, sondern auch eine fragmentierte Lehrerbildung«, bestätigt Gerd Köhler. Die Umstellung der Lehramtsstudiengänge auf die europaweit gültigen gestuften Abschlüsse Bachelor und Master eröffne die Chance, Lehrer in Zukunft so auf den Beruf vorzubereiten, dass sie leichter schul- und fachübergreifend eingesetzt werden könnten. »Dann können die Kultusminister viel schneller auf Mangelsituationen reagieren«, so Köhler.

Berlins Schulsenator Böger stapelt allerdings tief, was mögliche Studienreformen angeht. »Wenn wir das Studium so hinbekämen, dass mancher nicht mehr erst im Referendariat eine mögliche Kinderphobie entdeckt, dann hätten wir schon eine Menge erreicht.« Ansonsten müsse man sich wohl mit weiteren Auf-und-ab-Bewegungen auf dem Lehrerarbeitsmarkt abfinden. »Es gibt einfach zu viele Unwägbarkeiten, von der Geburtenentwicklung bis zum Studierverhalten, um in den Prognosen immer richtig zu liegen.« Doch ganz gleich, ob Lehrermangel oder -arbeitslosigkeit, entscheidend sei, dass bei den Lehramtsstudenten die Motivation stimme: »Dann werden sie auch was finden. Gute Lehrer werden immer gebraucht.«

 
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