Polen Zug nach Nirgendwo

Die Bürger von Frankfurt (Oder) stimmten gegen eine Straßenbahnlinie in die Nachbarstadt Siubice. Der Streit um ein deutsch-polnisches Symbol.

Vielleicht muss man Masochist sein, wenn man diese Stadt regiert. Ein Freund hat ihm das gesagt, und Martin Patzelt denkt an diese Worte, als er seinen Wagen ostwärts lenkt, vorbei an toten Dörfern und der toten Chipfabrik. Vorn am Horizont schimmern die Lichter Frankfurts an der Oder, dahinter S¬ubice, dazwischen unsichtbar der Fluss, die Grenze, über die auch künftig keine Tram verkehren wird. Patzelt hat es kommen sehen. Der Tag war eine Qual.

Es ist Sonntag, der 22. Januar. Patzelt war am Morgen rausgefahren in sein Wochenendhaus, weil er Ruhe haben wollte. Er wollte die Familie sehen und den Tatort und vergessen, wie lächerlich es war, als Oberbürgermeister über eine aussichtslose Sache abstimmen zu lassen. Am Abend war es mit der Ruhe dann vorbei. Ein Mitarbeiter hatte aufgeregt ins Telefon gekeucht, man brauche ihn im Rathaus, alles sei viel schlimmer als befürchtet.

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Patzelt, 58 Jahre, der die Abstimmung nicht wollte, hatte getan, was er tun konnte. Er hatte einen Bürgerbrief verfasst, er hat geworben und gekämpft für diese Tram, die beide Orte näher zueinander bringen sollte, die etwas Einzigartiges gewesen wäre in Europa und der Welt. Patzelt hat vorgerechnet, dass die Stadt keine Verluste machen würde; die Tram sei kein Geschenk an S¬ubice, die Polen würden diese Schleife dringend brauchen, weil sie den Weg zur Arbeit sehr erleichtere, den Weg zur Uni und den Weg zum Bahnhof, und sie tragen einen Teil der Kosten.

Patzelt sortiert noch einmal seine Gedanken. Dann stellt er den Wagen ab, betritt das Rathaus über die Hintertreppe und stellt sich im Wahlbüro den Kameras. Er trägt einen feinen dunklen Anzug und eine Brille ohne Rand, er lächelt kurz, dann hebt er an und sagt mit leiser Stimme, dass jeder Dritte an der Befragung teilgenommen habe, was nicht wenig sei, wenn man bedenke, dass sie nur empfehlenden Charakter hatte. Vier von fünf Bürgern hätten sich gegen eine neue Tram entschieden, er sagt, so deutlich habe er das nicht erwartet. Das Projekt sei damit tot, und abgesehen davon solle niemand glauben, man könne dies als Ausdruck von Ressentiments betrachten. Am Tag nach der Niederlage fordert eine Lokalzeitung seinen Rücktritt.

Der Barmann sagt: Wir fahren nur zum Einkaufen nach Polen

Das Irish Corner ist ein Pub am Fuß der Oderbrücke, jener Brücke, auf der Joschka Fischer am 1. Mai 2004, dem Tag der Osterweiterung Europas, die Polen in Empfang nahm. An den Wänden hängt ein Autogramm von Axel Schulz. Es ist halb sieben am Mittwochabend, und Karsten Renberg oder Renni (seinen Namen will er nur geändert in der Zeitung lesen) wartet, über den Eis-Crusher gebeugt, auf seine ersten Gäste. Renni, ein Mann mit kantigem Profil, kurzen Haaren und einem Brustkorb von der Größe eines Smarts, führt den Pub seit 14 Jahren.

Renni sagt, auch der letzte Bürgermeister habe sich ein teures Denkmal bauen lassen. Drüben am Fluss, da haben sie die Römertreppe in den Kai geschlagen, und als die Treppe fertig war, da kam das Hochwasser, und es kostete schon wieder. Renni sagt, sie brauchten keine neuen Investitionsruinen. »Glaubt doch kein Mensch, dass es getan ist mit dem Bau. Das Ding muss auch betrieben werden, und irgendwann geht sicher was kaputt.« Wer aber zahlt dafür, fragt Renni, wenn niemand fährt?

Die Frankfurter, sagt Renni, der seit 20 Jahren nicht in Polen war, führen nach S¬ubice zum Einkaufen und Tanken. Da sei es naheliegend, wenn sie den Wagen nähmen, und so eine Linie einzurichten, nur um ein paar Trinker aus der Kneipe heimzubringen, wäre wohl ein wenig übertrieben.

Renni hat seinen Pub aus alten VEB-Beständen übernommen. Anfangs lief es gut, doch in den vorigen Jahren haben sich die Umsätze beinah halbiert. Drüben, sagt er, verkauften sie den halben Liter Bier für 80 Cent, er hingegen zahle für den halben Liter Guinness schon im Einkauf rund Einsdreißig. Um den Pub, sein »Baby«, zu erhalten, muss sich Renni strecken. Zweimal in der Woche setzt er sich ins Auto, fährt nach Rostock, gibt Seminare in einer Barschule. Im vergangenen Jahr war Renni Dritter bei den Deutschen Cocktailmixer-Meisterschaften. Um 19 Uhr bestellt der erste Gast ein Weizenbier.

Der Bürgermeister sagt: Die Polen brauchen die Tram dringend

Das Leben kostet Kraft in Frankfurt (Oder), wer bleiben will, muss kämpfen. Das haben Renni und der Bürgermeister gemeinsam. Viele sind fortgegangen, knapp 60000 Einwohner zählt man heute, nach der Wende waren es noch 80000.

Renni sagt, die Stadt versuche, die Bürger mit Versprechen ruhig zu stellen, und weil sie die nicht eingehalten habe, sei irgendwann der Eindruck aufgekommen, man habe nichts im Griff. Nicht anders sei es bei der Tram gewesen, die im Grunde längst beschlossen gewesen sei, ehe ein Abgeordneter bezweifelte, dass sie sich rechnen würde. Es wurden Gutachten erstellt und nicht für glaubwürdig befunden, und irgendwann stand die Idee im Raum, das Volk zu fragen, was es davon hält.

Das Volk aber, dessen Meinung bislang nie gefragt war, hat nun nein gesagt. Es hätte immer nein gesagt, meint Martin Patzelt, egal zu welchem Vorhaben. Es hat die Abstimmung genutzt, um der Verwaltung eine Ohrfeige zu verpassen.

Der Oberbürgermeister sitzt in der Europa-Universität an einem Tisch, es ist Mittwochabend, kurz nach 20 Uhr, der Medienstammtisch. Ein Mann tritt an Patzelts Tisch, Patzelt erhebt sich, gibt ihm die Hand und sagt: »Sie wollen also, dass ich jetzt zurücktrete?« Der Mann trägt einen roten Pulli. Er grinst. »Ich will Ihnen mal was verraten«, sagt Patzelt nach einer Weile. »Wenn ich überzeugt wäre, dass das etwas bringen würde, dann würde ich es sogar tun.«

Patzelt war gerade 24, ein ausgebildeter Sozialarbeiter, als ihm die Leitung eines Kinderheimes übertragen wurde. Er blieb dort 20 Jahre lang, bis zu jenem Sommer 1990, als alles anders wurde. Die Macht, sagt er, lag damals auf der Straße, er witterte die Chance, die Dinge zu verändern, und er dachte, die CDU sei ein Verein, der für ein verlässliches System christlicher Werte bürge. Als man ihn vor zwei Jahren bat, als Oberbürgermeister zu kandidieren, zierte Patzelt sich. Am Ende siegte er knapp. Es ist schwierig, Politik zu machen, wenn man keine Mehrheiten besitzt; es zwingt einen dazu, die Konventionen manchmal zu vergessen. Als in S¬ubice der Wohnraum knapper wurde, lud er die Polen ein, die leeren Plattenbauten seiner Stadt zu mieten. Und um zu sehen, was mit dem Verkehr geschieht, wenn man die Große Oderstraße sperrt, ließ er die Große Oderstraße eines Morgens einfach sperren. Es gab Ärger damals, so wie heute mit der Tram, und Patzelt glaubt, er habe etwas falsch gemacht. Er glaubt, er habe die Vorzüge der Tram nicht vermitteln können.

Renni hat ein Haus gebaut vor ein paar Jahren, in den Oderwiesen, draußen in Lebus. Er hat die Wände hochgezogen und das Dach gedeckt, und erst im vergangenen Sommer hat er eine Mauer vor das Haus gesetzt. Ihn nervten die Spaziergänger, die immer auf das Grundstück liefen. Jetzt hat er seine Ruhe. Im Irish Corner ist am Donnerstagabend schon etwas mehr los, einige Studenten hängen an der Theke und an einem Tisch zwei Rentner. Diese Woche gibt es Gulaschsuppe, und Renni hat zu tun. Renni sagt, er habe festgestellt, dass das Private immer mehr an Bedeutung gewinne, er merke das nicht nur an sich, auch die Gespräche an der Theke drehten sich nur selten noch um öffentliche Dinge. Früher, sagt er, war das anders, auch bei ihm. Er ist als Koch zur See gefahren, auf Tankern, Eisbrechern und Schleppern. Zwei Jahre lang lernte er auf Kuba, wie man Cocktails mixt, und als er wiederkam, da änderte sich alles. Renni, offen für die Welt und voller Tatendrang, eröffnete den Pub, und weil ihm das nicht reichte, trat er in die SPD ein. Er wollte diskutieren, mitgestalten und irgendwann ins Parlament der Stadt, aber man ließ ihn nicht. Als er herausfand, dass die ersten Listenplätze aller Kreise komplett von Gewerkschaftern gehalten wurden, ging er sich bei seinem Vorsitzenden beschweren, Renni sagte: Mensch, das hatten wir doch schon. Es war der Anfang seines Rückzugs.

Renni eröffnete ein Fischrestaurant und später eine Diskothek, die Röhre. Der Laden lief ganz gut, so lange, bis »die Libanesen« kamen. Immer wieder habe es Ärger gegeben, Prügeleien, die Frauen hätten sich belästigt gefühlt, und deshalb beschloss Renni, nur »ein gewisses Kontingent an Libanesen« durch die Tür zu lassen. Das Fernsehen bekam Wind davon, ein Kamerateam von Monitor filmte in der Röhre mit versteckter Kamera, und tags darauf brachte die Lokalzeitung eine Geschichte, die ihn als Ausländerhasser darstellte. Renni sagt, er habe seinen Laden retten wollen. Damals, als er noch zur See gefahren sei, da hätten sie ein Buch gehabt, in dem stand, wie man sich als Gast in einem fremden Land verhalten sollte. Er verlange ja nicht viel, sagt er, nur dass man sich anständig benehme. Dass niemand seine Gäste störe, was heute meistens dann vorkomme, wenn wieder »ein paar Polen« vor dem Pub »rumlungern«. Renni ist genervt von der Empfindlichkeit der Leute. Vom Druck, sich politisch korrekt verhalten zu müssen. Wenn man den Mund aufmache, sagt er, und sich beklage, »dann schwingen alle gleich die Nazikeule«. Er nennt das »Schema N«.

Diejenigen, die Samstagfrüh ins alte Rathaus kommen, haben Martin Patzelt noch nicht aufgegeben. Es ist Sprechstunde von neun bis zwölf. Viele sind es nicht, die draußen warten. Ein altes Mütterchen beschwert sich über schlecht gestreute Gehwege, und ein Behinderter bittet um eine Genehmigung für einen Parkplatz hinter seinem Haus. Patzelt hört zu, macht Notizen, lächelt und verspricht zu helfen.

Wenn man bei Martin Patzelt aus dem Fenster schaut, dann hat man einen feinen Blick aufs Ufer. Unten liegt die Brücke mit ihren blau gestrichenen Bögen. Die Holzmöbel im Büro, die Stühle und der Schrank, der Schreibtisch und die Sessel, sie alle sind noch aus der alten Zeit. Patzelt sagt, er könne es nicht wagen, in neues Inventar zu investieren. Die Leute, glaubt er, denken, dass es Dringlicheres gibt. Patzelt ist wieder im Alltag angekommen. Niemand hat ihn heute Morgen nach der Tram gefragt. Niemand fordert ihn mehr auf, seinen Hut zu nehmen.

Die Gemüter haben sich beruhigt nach einer Woche, manches scheint nun klarer. Das Problem, sagt Patzelt, liege wohl darin, dass Politik in einer Stadt wie Frankfurt (Oder) nie nur Politik für Frankfurt (Oder) ist. Ganz gleich, ob es um Kindertagesstätten geht, um Sportfeste und Schulen, immer dreht es sich um Deutsche und um Polen, immer geht es dabei um Symbole für das ganze Land. Selbst wenn »nur eine neue Trambahnlinie« in Betrieb genommen werden soll. Der Bürgermeister, sagt er, müsse Symbole schaffen, auch wenn die Menschen müde davon sind. Auch wenn sie glauben, dass die Politiker zu weit in die Ferne blicken und deshalb nicht erkennen, wo daheim der Schuh drückt. Vielleicht, sagt Patzelt, sei das der eigentliche Grund für diese Abreibung.

 
Leser-Kommentare
  1. Fährt Renni nun regelmäßig nach Polen einkaufen und tanken, oder hat er das seit 20 Jahren nicht mehr getan? Beim Erstellen eines Storyboards sollte man doch viellecht etwas mehr darauf achten, dass es auch über einzelne Absätze hinweg konsistent bleibt. Ansonsten ließe sich ein Hauch von Fiktionalität erahnen - nicht nur von Renni-Kunden wie mir.

  2. Wenn diese Tram fuer die Polen wichtig ist dann sollten die ueberlegen ob Polen sie nicht baut und erhaelt.Denn ganz offensichtlich wollen die Frankfurter an der Oder sie nicht und man muss den Wunsch der Einwohner respektieren.Ganz offensichtlich wurden schon andere symbolische Bauten errichtet die sich nicht gezahlt haben

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