Kino Im Land der Diven

Die Italienerin als Meisterin der Inszenierung: Ein Treffen mit Gina Lollobrigida

Als ich sie traf, war sie das, was man in Italien »eine Dame eines gewissen Alters« nennt, in Deutschland würde man sagen: Sie war über siebzig. Sie schritt nicht, sie schwebte. Auf Zehn-Zentimeter-Absätzen. Am Arm trug sie einen fliederfarbenen Nerz und einen sonnengebräunten Begleiter.

Das Restaurant, in dem wir uns zum Interview verabredet hatten, war ihre Wahl gewesen. Es befand sich unweit des römischen Parlaments und stellte mit seinen goldenen Kolibris vor lila Hibiskusblüten, Gerbera-Buketts in Gelb und Rosé, grün schimmernden Bronze-Epheben und bunten Jugendstil-Glasmosaiken jenen Hintergrund dar, vor dem sich Gina Nazionale der Linse des Fotografen zu stellen gedachte – in schwarzem Paillettenrock, einem funkelnden, perlenbestickten Balenciaga-Bustier und einer purpurrosafarbenen Seidenstola. Ihre Lippen waren korallenrot. Die Fingernägel lachsrosa. Dann gestand der Fotograf, dass er die Absicht habe, sie schwarzweiß zu fotografieren. Und die Erde begann zu beben.

Anzeige

Gina Lollobrigida wollte auf ihren Zehn-Zentimeter-Absätzen sofort wieder kehrt machen. Zorn brach aus ihr heraus wie ein bengalisches Feuer, Blitze schlugen aus ihren Augen, und über dem Fotografen und mir ging ein Funkenregen nieder.

Als ihre Wut nur noch wenig glühte – der Fotograf hatte ihr das Recht garantiert, die Auswahl der Fotos später selbst zu treffen –, fühlte ich mich bemüßigt, etwas Belangloses zu sagen, irgendwie Konversation zu treiben, bis die Blitzlichtanlage aufgestellt sein würde. Wir sprachen über das Wetter, den verregneten Sommer und den römischen Straßenverkehr, und dann hörte ich mich sagen: »Ihr Sohn ist in demselben Jahr geboren wie ich.« Ich bereute den Satz, noch bevor er verklungen war. Hatte ich etwa den Verstand verloren? Wozu lebte ich seit Jahren in Italien? Hatte ich mir nicht gerade erst gesagt: Von der Italienerin lernen heißt siegen lernen?

Gina betrachtete mich. So wie ein Krokodil ein Hühnchen betrachtet, nach dem zu schnappen die Mühe nicht lohnt. Dann lächelte sie. Paillettenfunkelnd. Und sagte genüsslich: »Ach, so jung sind Sie?«

Nun könnte man einwenden: Nicht alle Italienerinnen sind wie Gina Lollobrigida. Sicher nicht. Vermutlich gibt es zwei, drei Italienerinnen, die keine Diven sind. Alle übrigen hätten genau wie sie reagiert – und mich gesteinigt. Das Alter ist für eine Italienerin etwas wie eine unheilbare Krankheit, über die man nicht spricht. Nicht mal mit Verwandten. Die Großmutter meines Freundes Federico bewahrte ihren Personalausweis im Tresor auf – dessen Zahlenkombination nur sie kannte.

Leser-Kommentare
    • majolo
    • 15.02.2006 um 14:41 Uhr

    ...das Können von Frau Reski! Alles, was ich je in meiner
    Gedankenwelt über Italienerinnen existierte, fragmentarisch und vorurteilsbeladen, hier fand ich es wieder.
    Einfach nur schön.

    (Nicht exakt wiedergegeben,aber in etwa:)"ich wollte einmal einer Italienerin [...] Unterschied zwischen [...] scheinen, und dem, was man wirklich ist, erklären.. . Und sie: Scheißdreck."

    Frau Reski bringt es auf den Punkt. Unglaublich..

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service