Weltordnung Die neueste Weltordnung
Der Aufstand der Muslime, der Aufstieg Asiens: Der Westen kann den Globus nicht mehr dominieren. Wenn er trotzdem seine Prinzipien durchsetzen will, muss er sich selbst ändern
Dieses Thema wird von den ZEIT online-Lesern intensiv diskutiert
Eigentlich müsste man es in den Köpfen knacken und rattern hören, so rasant verändert sich in diesen Wochen unser Bild von der Welt. Eine Art Weltbürgerkriegsstimmung zwischen dem radikalen Islam und dem Westen ist der dramatischste Ausdruck einer neuen, außer Kontrolle geratenen Wirklichkeit. Doch den Gefallen tut uns die Lage nicht, dass sie so einfach zu entschlüsseln wäre – »wir« gegen »die«, zwei Lager wie damals im Konflikt mit dem Ostblock, gefährlich, aber übersichtlich.
Freund und Feind sind nicht mehr so leicht zu unterscheiden. Was ist Russland in diesem historischen Augenblick? Ein Verbündeter, vielleicht die letzte Hoffnung, Iran von der Atombombe abzubringen? Eine unheimliche Halbdiktatur und ein Risiko für unsere Energieversorgung, wie Putins Drohung gezeigt hat, der Ukraine den Gashahn zuzudrehen? Was sind China und Indien – Stützen der Weltordnung von morgen oder unzuverlässige Zweckalliierte, die bei nächster Gelegenheit wieder Sonderdeals mit den Mullahs von Teheran abschließen werden, um sich das Öl für ihren Wirtschaftsboom zu sichern? Hinter dem Gefühl der Herausforderung, das die islamistischen Randalierer dem Westen zurzeit einflößen, steht noch ein anderes, tieferes, ein Gefühl der Ratlosigkeit und Desorientierung: Es gibt keinen Kompass und keine Landkarte für diesen Globus mehr.
Im Grunde versuchen wir seit 1989, seit dem Ende des Kalten Krieges, uns einen Reim auf die gewandelten Verhältnisse zu machen. Man könnte die Geschichte seither als eine Geschichte von Deutungsschüben, von Ideenbestsellern schreiben – eine hektische Weltformelproduktion, die von der Realität immer wieder überholt wurde. Schnelles Denken, noch schnellere Wirklichkeit. Es war vor nicht einmal zwanzig Jahren, als Francis Fukuyama das »end of history« verkündete: Die liberale Demokratie hat gesiegt, es gibt keine Systemalternativen mehr, sondern höchstens noch Rückzugsgefechte der Gegner. Europa und Amerika als Endstufen des historischen Fortschritts, Russland und China irgendwie auf dem Weg der Reform, am Rande des Weltgeschehens ein paar Schmutzecken wie Irak oder Libyen: Das war die Philosophie des westlichen Hochgefühls im Augenblick des Triumphs über den Kommunismus.
1993 kam der Gegenentwurf, Samuel Huntingtons »clash of civilizations«. Die Geschichte war weitergegangen, auf dem Balkan kämpften Orthodoxe gegen Katholiken, Christen gegen Muslime. Huntington malte eine Zukunft aus, in der der Westen mitnichten Fukuyamas siegreiche Universalzivilisation war, sondern eine Kultur unter mehreren, womöglich weniger vital als die islamische oder die chinesische. Huntington wird als Prophet des westlich-muslimischen Konflikts gelesen, aber prophetischer war womöglich seine Diagnose der Schwäche des Westens selbst, des Widerspruchs zwischen Absolutheitsanspruch und schwindender Macht. Der Westen ist stark genug, um eine ständige Provokation für die anderen zu sein, aber nicht stark genug, um sie zu beherrschen oder umzuerziehen. Die Welt wird immer moderner, aber sie wird davon nicht westlich; die anderen können aus der Modernität auch Waffen für ihr Anderssein schmieden.
Interessanterweise ist Huntington nicht der Klassiker des 11. September 2001 geworden. Es hatte da schon nicht mehr die Krise des Westens Konjunktur, sondern das Gegenteil: die Allmacht Amerikas. Unter Clinton war das die soft power gewesen, MacDonald’s und Hollywood in allen Ländern, das Internet, die Globalisierung, die zugleich Amerikanisierung war. Unter Bush, nach 9/11, kam die hard power zurück, und darüber wölbte sich der ganz große Ideenhimmel: Weltmacht plus Weltmission, die Vereinigten Staaten als globaler Demokratie-Exporteur, als revolutionäre Kraft, beginnend mit der »Transformation« des Nahen und Mittleren Ostens. Es war, in den Idealen, viel mehr Fukuyama als Huntington, nun aber bewaffnet, angestrengt, in Kampf- und Kriegsstimmung. Nach dem Ende der Geschichte und dem Zusammenprall der Zivilisationen war das amerikanische Imperium die Formel für die neue Zeit geworden. Im Frühjahr 2003, mit dem Sieg über Saddam Hussein, standen diese Macht und diese Deutung auf dem Höhepunkt.
Und jetzt, drei Jahre, ein Paradigma und eine Epoche weiter? Wahrheitsbruchstücke aus den Theorien von gestern haben sich erhalten. Von amerikanischer Allmacht wird so schnell niemand mehr reden, aber die USA sind noch immer die stärkste Kraft auf dem Globus. Fukuyamas Ende der Geschichte erleben wir nicht, doch es stimmt, dass Markt, Freiheit und Demokratie universale Ausstrahlung haben. Und Huntingtons clash of civilizations hat jetzt sowieso seine große Stunde.
- Datum 09.02.2006 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 09.02.2006 Nr.7
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