Gesellschaft Das Leid der frühen Jahre

Hunderttausende von Kindern wurden in Heimen der jungen Bundesrepublik misshandelt. Die größte Verantwortung trifft die Kirche

Er ist der Pater der Herzen. Das haben die Zeitungen über ihn geschrieben. Er hat ein Bundesverdienstkreuz bekommen, den Verdienstorden von Berlin, gibt gern Interviews und stellt sich vor die Fernsehkameras. Er ist ein regionaler Medienstar, der in Talkshows sitzt. 30 Jahre lang hat der Salvatorianerpater Vincens im Berliner Knast Tegel »schwere Jungs« betreut, da kann er viel erzählen. Was davor war, hat ihn kaum einer gefragt.

Gerald Hartford lebt 300 Kilometer entfernt bei Hildesheim und ist ein schweigsamer Mensch. Er verlässt selten seine Wohnung. Der Fernseher ist sein Tor zur Außenwelt. Und in diesem Tor hat er zufällig seinen früheren Heimerzieher wiedererkannt. Pater Vincens gilt ihm als »Peiniger seiner Jugendjahre«. Hartford hat lange mit sich gerungen, ob er es durchhalten würde, die ungewohnt lange Fahrt, die Konfrontation mit dem cholerischen katholischen Priester.

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Nun stehen sich die beiden gegenüber. Auf der gepflasterten Terrasse seines schmucken Alterssitzes, des Salvatorianerklosters Berlin-Lankwitz, gibt der Gottesmann nur zögerlich zu, vor seiner Berliner Zeit in einem Erziehungsheim gearbeitet zu haben. Gerald Hartford hält in der einen Hand ein Foto, das ihn mit 18 Jahren zeigt, in der anderen eine Zeichnung des berüchtigten »Bunkers«. Einer dunklen Zelle im Keller des Salvator-Kollegs Klausheide im westfälischen Örtchen Hövelhof. Hier wurden die Kinder eingesperrt, wenn ihre Erzieher sie abstrafen wollten.

Pater Vincens, sonst immer eine Spur zu laut, hat es die Sprache verschlagen. Der Mann ist offenbar erschrocken über die unverhoffte Begegnung mit der verdrängten Vergangenheit. Ob er noch wisse, fragt ihn Hartford, was er mit ihm damals gemacht habe? Der Pater schaut auf das Bild seines früheren Zöglings, nimmt es in die Hand. Plötzlich scheint er sich an etwas zu erinnern, will das Foto loswerden. Er hält es angewidert von sich, als sei es verseucht von den Erinnerungen, die er nicht hochkommen lassen will. »Nehmen Sie mal? Bitte, hier! Nehmen Sie’s mal ab!«

Der strenge Pater verweigert seinem ehemaligen Zögling das Gespräch

Nein, über die Zeit, bevor er nach Berlin kam, mag der Pater nicht sprechen. Hartford zittert am ganzen Körper, sagt aber ruhig, dass ihn der Pater damals immer wieder eingesperrt habe. Ja, räumt der Mönch schließlich ein, man habe schon mal Störenfriede in einen »Besinnungsraum« gesteckt. »Aber nur kurz.« Besinnungsraum? Oder Bunker? Gerald Hartford erinnert sein Gegenüber daran, dass er viele Wochen in dieser Zelle, auf einer Holzpritsche ohne Matratze, in der Ecke ein Eimer für die Notdurft, zubringen musste. Der Jugendliche hatte vergeblich versucht, dem Arbeitszwang, den ständigen Schlägen und Demütigungen der Salvatorianerbrüder durch Flucht zu entkommen. Er will endlich über diese Zeit mit den Verantwortlichen sprechen. Er hofft auf eine kleine Geste der Entschuldigung.

»Das hatte ich nicht zu verantworten«, verteidigt sich Pater Vincens, der Geralds Gruppe unter sich hatte. Er sieht sich nach den Nonnen am Eingang um, die interessiert herüberschauen, dann wirft er energisch seinen Kopf in den Nacken und sagt: »Deswegen muss ich jetzt wohl das Gespräch beenden.« Pater Vincens lässt Hartford einfach stehen. An der Klosterpforte dreht er sich noch mal um und ruft: »Und bitte, verlassen Sie das Grundstück.«

Bevor Gerald Hartford nach Berlin kam, hatte er sich zum ersten Mal seit 33 Jahren wieder in sein ehemaliges Kinderheim hineingewagt. Die Baracken, in denen er einst schuftete, sind penibel renoviert. Der Strafbunker und seine früheren Schlafräume blieben tabu, weil das ehemalige Heimkind die heutigen Heimkinder hätte stören können, hieß es. Immerhin förderte man einen angegilbten Ordner aus dem Archiv des Heimes zutage. Hartford, der kurz darin blättern durfte, war fassungslos. Die Akte enthält sein einziges Jugendfoto. Es prangt auf einem Formular, auf dem fett gedruckt »Beobachtungsbogen« steht.

Rund hundert Dokumente belegen, wie nichtig damals die Gründe für seine Heimeinweisung waren. »Arbeitsbummelei« steht da. Beim Umblättern erkennt er auf einer Seite die Handschrift seiner Mutter. Es sind Briefe von ihr an das Heim, von denen er bis zu diesen Tag nichts wusste. Auch eine Art Gutachten seines letzten Lehrers findet sich. Der schrieb: »Wenn Gerald nun in ein gutes Milieuumfeld hineinkommt, hat er alle Chancen, ein gutes und erfolgreiches Leben zu führen.«

Leser-Kommentare
  1. Die Initiatorin der jetzt endlich in der Bundesrepublik Deutschland herbeigeführten Investigation der den bundesrepublikanischen Heimkindern in der Nachkriegszeit zugefügten Leiden, Gisela Nurthen, schrieb schon am 30.08.2003 zu diesem Thema, aber niemand (ausser DER SPIEGEL) war zu der Zeit bereit darüber zu berichten.

    SYSTEMATISCHE KINDESMISSHANDLUNG IN KIRCHLICHEN HEIMEN – AUSBEUTUNG VON KINDERN IN MASSIVEN WIRTSCHAFTSUNTERNEHMEN DER KIRCHEN IN DEUTSCHLAND.

    WER SCHWEIGT, MACHT SICH (MIT)SCHULDIG.

    Hier geht es um ein noch immer verschwiegenes, dunkles Kapitel der jüngsten deutschen Nachkriegsgeschichte. Kein fiktives Psycho-Drama, sonder um einen gesellschaflich-politischen Skandal, um Verbrechen größten Ausmaßes: Hunderttausende von Kindern und Jugendlichen wurden von Kriegsende bis hinein in die 80er Jahre in kirchlichen Kinder- und Fürsorge-Erziehungsheimen gefangengehalten, geprügelt, gedemütigt, psychisch und physisch gefoltert. Sie wurden all´ ihrer Menschenrechte beraubt, lebten in einem Vakuum der Entrechteten. Vom Grundgesetz 1949 durch die Volksvertretungen, Artikel 1: ``Die Würde des Menschen ist unantastbar´´ waren sie ausgeschlossen, sie waren Parias. Durch Staat und Kirche waren sie unmenschlichen und herabwürdigenden Erziehungsmethoden ausgesetzt, sodaß die meisten von ihnen noch heute durch diese brachialen Gewaltanwendungen zu leiden haben. Sie sind traumatisiert, leben oft am Rande der Gesellschaft und haben schwer zu kämpfen.

    Obwohl es für jeden Mißstand in der Gesellschaft einen Verein oder eine Lobby gibt, für diese Opfer gibt es sie nicht. Im Gegenteil, ein großer Teil der Gesellschaft zeigt ausgeprägtes Desinteresse. ``Was nicht sein darf, ist auch nicht´´, scheint die Maxime zu sein. Man schielt in´s Ausland und empört sich über die Menschenrechtsverletzungen dort, anstatt erst einmal nachzufragen, wie es möglich war, daß mitten unter uns, in einer neuen Demokratie, während des Wirtschaftswunders und des Wiederaufbaus, Kinder und Jugendliche lautlos verschwinden konnten und oft jahrelang nicht wieder auftauchten. Eltern und Verwandte vermuteten sie in guten Händen bei den frommen ``Schwestern´´, Lehrer fragten nie nach, wo die Kinder eigentlich sind, Nachbarn waren zu sehr mit sich beschäftigt. Aber die Initiatoren, die Landschaftsverbände und Jugendämter, zusammen mit den Vormunden wußten, in welch horribles Terrain sie die Minderjährigen schickte. Sie übergaben das Sorgerecht den ``Schwestern´´ und ``Brüdern´´, die diese familienbezeichnende Anrede nicht verdienten. Sie praktizierten, nur kurz nach Kriegsende, weiterhin Alt-Nazi-Methoden, diesmal aber in fundamentalistisch-christlichen Sinne. Die Täterschaft waren die Ordensleute der beiden Amtskirchen, im Habit Gottes.

    Verstreut in jedem Bundesland existierten diese Heime, umzäunt oder hochummauert, nicht selten auch mit Wachhunden für die Nacht. In den Heimen herrschte ein Terror-Regime, das heutzutage nur schwer verständlich ist. Dort war man sich jeder Minute seiner Wehrlosigkeit bewußt und wagte deshalb auch nicht zu rebellieren, es hatte ja doch keinen Sinn: Kinder mußten ruhig sein, das war oberstes Gebot, und da setzte es dann Ohrfeigen, falls man trotzdem sprach.

    Zur Ruhigstellung gab´s morgens Valium oder Truxaletten-Saft, und die Müdigkeit machte es vielen Kindern unmöglich, effektiv lernen zu können. Die Spuren der Schläge waren den Sportlehrern bekannt, oft waren Wunden und Striemen sichtbar, aber das kümmerte niemanden, es handelte sich ja sowieso ``nur´´ um ungewollte, verwaiste oder vernachlässigte Kinder, die kaum der Rede wert waren.

    Diese Kinder, die sich schon durch familienbedingte Defizite nach einem besonderen Maß an Liebe und Zuwendung sehnten, wurden nicht durch notwendiges Verständnis oder Schutzbedürfnis seelisch kompensiert, sondern zusätzlich durch Spott, Hohn und Erniedrigungen im Schmerz noch akzentuiert.

    Die ``Barmherzigen Schwestern´´ hatten kein Erbarmen, im Gegenteil, wer am wenigsten an Familienangehörigen aufzuweisen hatte, wurde zur besonderen Zielscheibe auserkoren. ``Du Taugenichts, kein Wunder daß du deine Mutter in´s Grab gebracht hast´´, oder ``wer will dich denn schon, du bist nicht umsonst hier, bist nichts und wirst auch nichts werden´´, oder ``bist eine Teufelsbrut deiner Mutter, wirst auch in der Gosse landen, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.....´´. Das waren die Standard-Verbal-Injurien, die aus frommen Kehlen auf die Kinder niederprasselten. Wer eine Widerrede wagen sollte, wurde weggesperrt.

    Wer weinte, bekam noch zusätzlich eine Tracht Prügel, denn auch Emotionen waren verboten. Mit verzerrten, glühenden Gesichtern schlugen sie zu, als wollten sie ``den Teufel austreiben´´, und das verbalisierten sie auch simultan mit kreischenden Wortfetzen. Rage konnte hervorgerufen werden durch ``Schwätzen´´, durch plötzliches Aufstehen vom Stuhl oder Ähnliches. Dinge, die normale Kinder naturgemäß tun. Danach ging´s dann oft in die Kapelle zum Beten und eine andere Nonne kam und dann war erstmal wieder Ruhe. Bis eines der nächsten Kinder wieder gegen irgendein Gebot verstieß und dann ging das Geschrei von vorne los.

    Der Bedarf an sehnsüchtiger Liebe wurde jäh zurückgewiesen, denn das gehörte nicht in das restriktive, gottgewollte Schema. So resultierte aus Terror Angst, und Angst erzeugt Schweigen. Und geschwiegen haben sie, die Kinder. Sehr lange sogar.

    Geschwister wurden oft über Jahre hinweg voneinander separiert, denn Ordnung mußte ja schließlich sein: Mädchen gehörten, auch im Kindesalter, einfach nicht zu den Jungs. Da gab es nun viele Geschwister, die durch diese perverse ``Ordnungsliebe´´jahrelang nebeneinander her lebten, sich aber nicht sehen oder besuchen durften. Familienbande mußten durchschnitten werden, auch Elternliebe wurde verhöhnt oder durch ironische Bemerkungen in´s Lächerliche gezogen. Sowas lockte dann schallendes Gelächter aus den ``Bräuten Christi´´. Die frommen Schwestern waren keine identitätsstiftenden Vorbilder. Für viele Kinder, die sonst niemanden auf der Welt hatten, waren sie nichts anderes als Schimären. Zerrbilder einer Erwachsenenwelt, die aus der Hölle zu kommen schienen.

    Der Modus Vivendi der Kinder schloß jede Individualität aus. Ergebenheit, Resignation und eine zehrende Tristesse waren die täglichen Begleiter dieser wehrlosen und hilfsbedürftigen Geschöpfe. Dazu kam dann noch die soziale Stigmatisierung durch die Gesellschaft. Als ``dumme und verlogene´´ Heimkinder wurden sie in der Schule, oft genug auch von Lehrern, geächtet. Spielkameraden grenzten sich ab, der Umgang mit Heimkindern wurde von vielen Eltern verboten.

    Viele von den lieben Schwestern leben noch heute, man trifft sie lächelnd bei Einkäufen oder auf Spaziergängen. Viele dieser Kinderheime reichten dann ihre Kinder, sobald sie 14 Jahre alt waren, weiter an die Fürsorge-Erziehungs-Heime.

    Für diese Kinder bedeutete das eine Fortsetzung ihrer jahrelangen Misere. Jungs kamen zu den Mönchen, Mädchen wieder zu den Nonnen. Dort wartete dann die berüchtigte Zwangsarbeit auf sie, mit der sie zu Tausenden die Gottesleute bereicherten. Aus der Bevölkerung wurden dann auch, aus lächerlichen Nichtigkeitsgründen, Jugendliche eingewiesen. Als ``verwahrlost´´ wurden fast alle eingestuft: einen Freund zu haben war sittenwidrig, Grund genug für eine Einweisung. Gerne zu flirten oder sich zu schminken ebenfalls, zu enge Nietenhosen oder zu kurze Röcke, eben alles, was nicht in die damalige, heuchlerische und miefige Zeit paßte. Auch Flüchtlings- oder Schlüsselkinder wurden gezielt verfolgt und eingesperrt, damit sie Zucht und Ordnung lernten.

    Auch bei sexuell mißbrauchten Jugendlichen gab es kein Pardon, sie wurden gezielt bestraft, denn für die Nonnen waren sie die Täter. Das wurde ihnen jede Minute des Tages klargemacht: Sie seien des Teufel´s Verführung in Menschengestalt. Betont werden muß noch, dass der Prozentsatz der Ausreißer oder Suizide beächtlich war, auch darüber herrscht Schweigen.

    Wie konnte das passieren, noch dazu so kurz nach Kriegsende? In einem von Kultur scheinbar saturiertem Land? Man müßte doch denken, wir hätten uns damals mit sozial-politischem Wissen etabliert, denn schon zur Weimarer Zeit hatten progressive Ärzte und Pädagogen den richtigen Durchblick. Auch an Veröffentlichungen und Literatur mangelte es nicht: Erich Fromm und Bruno Bettelheim waren schon damals ein Begriff. Die große Anna Freud schrieb über ``Heimatlose Kinder´´ und blickte den Kleinen in die Seele. Alexander und Margarethe Mitscherlich veröffentlichten ihre Studien. Ging all´ dies pädagogische Wissen, zusammen mit der jüdischen Kultur, in Rauch auf ? Es scheint so. Denn für uns galten, durch die kirchlichen Institutionen, weiterhin die Theorien der erb-biologischen Belastung, die lebende Erbsünde, der mit regelrechtem Exorzismus entgegengesetzt werden mußte. Die menschenverachtende Ideologie der katholischen Kirche setzte sich kontinuierlich nach 1945 fort, wir fielen also unter die ``Minderwertigen´´, bzw. ``Volksschädlinge´´.

    Der Jesuit Hermann Muckermann (1877-1962), ein rastloser Wanderprediger der Erbhygiene schon während der Weimarer Zeit, gönnte in seinen Schriften den ``Fürsorge-Zöglingen´´ das Leben nicht. Aus dem Jahrbuch der Caritas-Wissenschaft, Herausgeber Prof. Dr. Franz Keller, lesen wir:`` Echter Caritasdienst muß Dienst der Rassenhygiene sein, weil nur durch die Aufartung des Volkes auch die beste Grundlage für die Ausbreitung des Reiches Gottes auf Erden geschaffen wird, weil die Aufartung des Volkes Lebensgestaltung, Lebensbereicherung bedeutet und so im Dienste des Schöpfers und Erlösers steht.´´ Diese ideologischen Auswüchse des Dritten Reiches wurden nach 1945 in den Erziehungsheimen weiter befolgt. Ein anderer Hecht im Karpfenteich ist aber der katholische Theologe Joseph Mayer aus Paderborn, der für Himmler ein Gutachten – natürlich ein positives – zur Euthanasie der ``Minderwertigen´´ ausstellte. Unter die ``Minderwertigen´´ fielen auch die ``Fürsorge-Zöglinge´´, die sogenanten ``Ballastexistenzen´´ am deutschen Volkskörper.

    Das ist die unglückselige katholische Tradition, die wir ja leider bei den Nonnen damals kennengelernt haben. Von deren reform-pädagogischen Ausbildung kann also keine Rede sein. Stöcke, Fäuste und ein unerschöpfliches Vokabular an Gemeinheiten dienten zur Beseitigung unserer Erbsünden. Gegenseitig haben sie sich in ihren Grausamkeiten gestärkt und übten ihr kollektives Machtpotential an uns aus.

    Schwestern, die sich diesen Brutalitäten nicht anschließen wollten, denn das gab es durchaus, wurden entweder versetzt oder waren schlimmen Schikanen ihrer Mitschwestern ausgesetzt.

    Straffällig war kaum jemand der Fürsorge-Zöglinge, dafür dienten die Arbeitslager, bewacht von Justizvollzugsbeamten, oft mit scharfen Hunden. Dem Gottespersonal in den Heimen ging es grundsätzlich nur um eines: Durch unbezahlte Zwangsarbeit unsere Sünden reinzuwaschen und damit ihnen zu dienen. Oft auch mit Arbeiten im Akkord für Firmen wie Claas, Schlaraffia oder Hella-Lampen. Diese Firmen lieferten ihr Material an die Heime und die Jugendlichen mußten unter menschenunwürdigsten Bedingungen dann die Fertigprodukte liefern.

    In manchen Heimen, z.B. in dem massiven Wirtschaftsunternehmen der Diakonie, Anstalt Freistatt im Hannoverschen (Teilanstalt der v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel, bei Bielefeld), wurden die Jugendlichen zur Schwerarbeit im Moor zur Schwarz- und Weißtorfgewinnung herangezogen. Reitgurten,Torflatten und Forkenstiele standen den durchweg pädagogisch ungeschulten ``Erziehern´´ dort zur Verfügung, und da gab´s dann mal öfter was drüber, wenn´s nicht schnell genug ging.

    Mädchen schufteten in Wäschereien bis zum Umfallen. Dabei mußte das strenge Redeverbot eingehalten werden. Nur das Singen von Marienliedern war Pflicht. In diesen Liedern wurde dann die Liebe, Güte und Gnade gepriesen, mit der wir doch jetzt gesegnet seien.

    Wer nicht parierte, wurde, unter Umständen tagelang, in eine Isolierzelle gesperrt, mit Pritsche und Eimer als einziges Inventar. Kein Sozial-Pädagoge, Sozialarbeiter oder Ansprechpartner war für uns da. Keine Inspektionen, bei denen Interesse an uns gezeigt wurde. Wir waren verdammt in diesem Höllenhaus, zusammengepfercht in eine Notgemeinschaft—jedoch war jeder für sich allein in seinem Leid.

    Wer einen sehnsüchtigen Blick durch die vergitterten Fenster wagte, wurde bestraft. Nach draußen kamen wir überhaupt nicht, alle Türen waren permanent verschlossen. Viele, auch ich, sehnten sich nach einem staatlichen Gefängnis ohne Nonnen, nur um unsere Ruhe zu haben. Dies wurde mir verweigert mit der Begründung: ``Nein, du bleibst hier, es liegt doch keine Anklage vor´´.

    Hervorgehoben werden muß die Tatsache in diesem ganzen Elend: Diese seelischen Vernichtungsmaßnahmen hatten nur ein Ziel im Auge: das Brechen des Willens. Devot, roboterhaft und apathisch sollte die Arbeit erledigt werden, Buße tun für die Sünden. Das war in ihrem Sinne, denn gleichzeitig versorgten wir sie, die Nonnen und Mönche und somit die Kirche, mit immensen Geldeinnahmen. Die einem relgiösen Wahn entsprechende, rigide Form der Gehirnwäsche, der sie uns unterzogen, diente dafür als Fundament.

    Individualitäten, welcher Art auch immer, mußten ebenfalls beseitigt werden, denn nur durch Uniformismus war reibungsloses Arbeiten garantiert. Persönliche Charaktereigenschaften, die doch oft einen Menschen erst recht liebenswert machen, wurden verhöhnt und wenn nötig, mit Einzelhaft bestraft, ``bis man wieder zur Besinnung kommt´´.

    Die Lebensessenz wurde uns entzogen, wovon viele von uns sich nie mehr erholten. Alles wurde bestraft: Lachen, Weinen, ein Fünkchen Humor, falls noch vorhanden, das Schließen von Freundschaft. Und immer wieder: SCHWEIGEN.

    Petzen oder gegenseitiger Neid, kombiniert mit Mobbing, wurde allerdings gern gesehen, das war ganz im Sinne der frommen Schwestern und das verwendeten sie dann auch für ihre Zwecke.

    Jegliche Post, ein- und ausgehend, wurde zensiert. Besuche von Eltern waren erlaubt, allerdings nur alle paar Wochen, die Gespräche wurden allerdings von einer Nonne belauscht. Telefon, sowie Print-Medien gab es nicht. Presse, TV und Radio umwehte ein verruchter Wind, denn im Grunde war alles `Teufelszeug´. Außer religiösen Sendungen, die dann dem Zwecke der Belohnung dienten, bekamen wir von der Welt nichts mit.

    Gegessen werden mußte alles, und war es noch so ekelhaft. Oft schwammen im Eintopf glänzende Speckschwarten, an denen noch die Borsten hafteten. Mußte man erbrechen, so wurde man gezwungen, das Erbrochene ebenfalls zu verzehren. Oft auch aus der Kloschüssel.

    Nun verlangen wir, Jahre nach diesem Inferno, ein offenes Gespräch, eine Erklärung, eine Entschuldigung. Aber immer noch fühlen sich die Kirche im Recht, ignoriert uns und hofft, ``dieser Kelch möge an ihnen vorübergehen.´´

    Viele von uns, die ehemaligen Heimkinder, haben ihr unerträgliches Leben selbst frühzeitig beendet, viele sind krank, psychisch und physisch. Wir alle haben keine Rentenansprüche für diese Zeit der harten Arbeit, alle Akten seien vernichtet oder unauffindbar.

    Wir waren ihre Schutzbefohlenen, FÜRsorge-Kinder, Minderjährige, sie hatten das SORGErecht! Sie haben uns in jeder Hinsicht mißbraucht, ein Kirchen-Verbrechen in zig-tausendfacher Ausführung. Sie, die doch Armut gelobt haben, bereicherten sich an uns. Sie ließen uns zerstört zurück.

    Wenn sie aus ihren Klostermauern hervorkommen, dann schweigen und lächeln sie. Sie lächeln viel und grüßen immer sehr nett.
    ___________________________________

    Besinnliches
    Nichts
    Die Hölle war total überfüllt, und noch immer stand eine lange Schlange am Eingang. Schließlich musste sich der Teufel selbst herausbegeben, um die Bewerber fortzuschicken.

    "Ein einziger Platz ist noch frei, den muss der ärgste Sünder bekommen" rief er. "Ist vielleicht ein Mörder da?" Er hörte sich die Verfehlungen der Anstehenden an.

    Schliesslich sah er einen, den er noch nicht befragt hatte.

    "Was haben Sie getan?" fragte er ihn. "Nichts. ich bin ein guter Mensch und nur aus Versehen hier." - "Aber Sie müssen doch etwas getan haben! Jeder Mensch stellt etwas an" -"Ich sah es wohl", sagte der Mann, von sich überzeugt, "aber ich hielt mich davon fern. Ich sah, wie Menschen ihre Mitmenschen verfolgten, aber ich beteiligte mich nie. Sie haben Kinder hungern lassen und in die Sklaverei verkauft; sie haben auf den Schwachen herumgetrampelt. Sie haben von ihren Übeltaten jeder Art profitiert. Ich allein widerstand der Versuchung und tat nichts." "Absolut nichts?", fragte der Teufel ungläubig. "Sind Sie völlig sicher, dass Sie das alles angesehen haben?" - Vor meiner eigenen Tür!"- " Und nichts haben Sie getan?" wiederholte der Teufel.- "Nein!"

    Da sagte der Teufel: "Komm herein, mein Sohn. Der Platz gehört Dir"!

    [Entnommen von der Webseite der Neuapostolischen Kirchengemeinden „Weiler zum Stein“ und „Nellmersbach“, www.leutenbach-nak.de, unter der Rubrik „Besinnliches“]

    [ Kopie des Ganzen versandt an alle Zeitungen in Deutschland und auch an die Medien im Ausland. ]

    [ Ein Original wurde am 6.12.2003 auch der Bundesministerin für Justiz, der Bundesregierung Deutschlands, Brigitte Zypries, zugeschickt, mit einer Bitte um ihre "sofortige Stellungnahme". ]

    Eine besser formatierte Version dieses Artikels erscheint auch @ http://www.heimkinder-ueb...

  2. Von einem Heimkinderopfer selbst, der heute ca Jahre alt ist und seit ca 43 Jahren in Australien lebt. Ich trauere um einen guten Freund, Gisela Nurthen, der wir es alle zu verdanken haben, das diese "verdrängte Geschichte der Heimkinder in der Bundesrepublik" nun endlich mal ans Tageslicht gekommen ist.

    Dank aber gehört natürlich auch vor allem Peter Wensierski vom SPIEGEL, der bereit war dieses bisher in Deutschland tabuisierte Thema zuerst aufzugreifen, nachdem er von Gisela Nurthen im Frühjahr 2003 kontaktiert worden war. Drei lange Jahre hat es dann gebraucht diese Buch zu recherchieren: "Schläge im Namen des Herrn", und wir - alle von uns die davon wussten - haben geduldig darauf gewartet, dass dieses Buch bald erscheinen würde. Nun ist es endlich da. Und wir hoffen, das es auch in allen Schulen und höheren Bildungsinstitutionen in Deutschland zum Thema gemacht werden wird.

    Der folgende Artikel, ist einer von drei Artikeln, den Gisela Nurthen, selbst, schon im Jahre 2003 verfasst hat (unter dem Pen-Namen Regina Gazelle):

    DAS SCHWEIGEN DER (UNSCHULDS)LÄMMER : KIRCHE UND STAAT
    – betreffs Institutioneller Kindesmisshandlung in meistens kirchlichen Heimen in Deutschland

    Es ist schon erstaunlich und macht einen nachdenklich, wenn man erwägt, dass bis heute eines der größten Verbrechen der deutschen Nachkriegsgeschichte- und Sozialpolitik einfach unter dem Deckel des Schweigens verschwindet. Aber unter dem Deckel brodelt es, denn was bekanntlich lange vor sich hinkocht, läuft irgendwann mal über den Rand. Und seit einiger Zeit schon ist das jetzt der Fall.

    Damit sind aber scheinbar unsere führenden Politiker aller Parteien völlig überfordert. Ebenfalls die "Hoheiten" der beiden deutschen Amtskirchen. Denn sie alle sind verantwortlich für die Kinder und Jugendlichen der Nachkriegsjahre, die in den von ihnen geleiteten 'Heimen' unfaßbaren Leiden ausgesetzt waren: Zwangsarbeit, Demütigungen, Folterungen, Misshandlungen und Missbrauch.

    Die Opfer dieser Leidenszeit sind jetzt aber motiviert darüber zu berichten, ein öffentliches Unrechtsbewußtsein zu fordern und ihre Rechte geltend zu machen. In Kinder- und sogenannten "Fürsorge"-Heimen wurden die Hilfsbedürftigen und ihre Menschenrechte mit Füßen getreten, gemäß der Leitschnur der Nationalsozialisten, und weitergehend so nach 1945; und auch nach 1949 wurde es massenhaft fortgesetzt, noch before die Tinte beim Unterschreiben des Grundgesetzes trocken war. Kinder wurden halbtot geprügelt, in Isolierhaft gesteckt und fast bis zum Verhungern liegengelassen.

    Was jahrelang verdrängt und verschwiegen wurde, zu schwersten Traumatisierungen führte, hat jetzt eine Sprache bekommen. Einige mutige Medienvertreter bringen an’s Tageslicht, wovon jahrzehntelang niemand etwas wissen wollte. Die Medienpräsenz einiger ehemaliger Opfer motivieren weitere der Geschädigten aus ihrer Isolation und aus ihrem autistisch geführtem Leben herauszubrechen, um ihrem Dasein einen neuen Sinn zu geben: dem Sinn der Aufklärung jetzt nachzugehen und ihn leidenschaftlich und mit Entschlossenheit zu verfolgen.

    Warum tut sich Deutschland damit schon wieder so schwer? Warum wird wieder verleugnet? Oder ist es wirklich so, dass uns erst wieder das Ausland auf die Sprünge helfen muß, diese dunkelsten Jahre der Kindheitsverbrechen an unseren deutschen MitbürgerInnen verständlich zu machen? Lokale und überregionale Print-Medien, TV und Hörfunk haben jetzt angefangen ab und zu mal darüber zu berichten; allerdings schweigt die Gesellschaft als Ganze, schweigen die Kirchenvertreter und Politiker, noch immer. Unwillkürlich (was die beiden deutschen Amtskirchen und die Politiker betrifft) denkt man dann aber auch sofort an die drei sitzenden Affen: Der erste will nichts hören, der zweite will nichts sehen, und der dritte will nichts sagen. Oder ist es der bekannte Wind, der uns schon nach 1945 umwehte? Man wusste nichts, aber man wusste doch nicht so recht ob man was wusste?

    Hatten ehemalige Bedienstete in diesen 'Heimen' Angst um ihre beruflichen Zukunftschancen, oder waren sie schon infiziert vom "Erreger" der Brutalität? Warum schwiegen Ärzte, Studenten, Lehrer, junge Novizen und Priester der Orden, Diakonissen und Diakone des Evangeliums, die angeblich ihr Leben der Nächstenliebe geweiht hatten? Alle sahen die Wunden, die Eiterbeulen, die Striemen, die geschwollenen Gesichter verursacht durch Schläge – sie blickten doch täglich in die blutunterlaufenen Kinderaugen! Ist es nicht beschämend, in Deutschland mit einer fast 60 Jahre langen Lücke in der Heim-Pädagogik aufweisen zu müssen? Ja, wir haben alles gelesen, haben turmweise Bücher aus pädagogischen Fachhochschulen nach Hause geschleppt, um irgend etwas zu finden, was wir selbst erlebt hatten. Es ist verdammt hart zu finden. Alles bleibt tabuisiert, verschwiegen und versteckt, bis heute.

    Geht es aber um Mißstände im Ausland, wird eiligst das Mäntelchen des politischen Gutmenschen übergestreift um sich dementsprechend zu profilieren. Auch die Medien werden nicht müde, über Kinder-Zwangsarbeit, Kinderfolterungen oder über Käfig-Haltung von Kindern in irgendwelchen anderen Ländern zu berichten. Da braucht ihr gar nicht so weit schauen, wir sind hier, wir leben noch, wir haben die deutsche Version von 1945-1985, über zwei Generationen hinweg am eigenen Körper erlebt! Während in Kinos "Grün ist die Heide" lief, waren Hunderttausende von Kindern und Jugendlichen wehrlos einem Terror-Regime ausgesetzt, hinter Stacheldraht oder hohen Mauern, oder in Abgelegenheit in Teufelsmooren wie zum Beispiel im Betheleigenen Freistätter Wietingsmoor im Hannoverschen, wo dieses Terror-Regieme mindestens für insgesamt 86 Jahre von Bethel getrieben wurde.

    Versuche von einigen "ehemaligen Heimkinder" durch Internet-Foren mit Politikern oder Kirchenverbänden die Sache aufzuarbeiten, scheitern schon beim ersten Versuch. Es wird weiterhin verhöhnt, verleugnet, überhaupt nicht geantwortet oder einfach gelöscht. Gelöscht?! Das läßt Erinnerungen an die Bücherverbrennung während der NS-Zeit hochkommen!

    Wir alle, Mitglieder der *Bundes-Interessengemeinschaft der missbrauchten und misshandelten Heimkinder in Deutschland, 1945-1985*, international vertreten durch den *Bund der (jetzt aktiven) von den Kirchen in Deutschland in Heimen misshandelten Kinder, 1945-1985* sind und waren immer bereit für eine direkte Konfrontation mit den Verantwortlichen, um unsere Traumata besser verarbeiten zu können. Leider müssen wir immer wieder erfahren, dass wir weiterhin unerwünscht sind, und kein Interesse an den Folgeerscheinungen dieser Leidenszeit besteht. Allein der Landschaftsverband Westfalen-Lippe erklärte sich bereit, Gespräche mit uns zu suchen und unsere Akten ausfindig zu machen. Dieses Versprechen wird auch eingehalten.

    Doch sollten auch die jetzigen Nachfolger und Verantwortlichen von Kirche und Politik diesem Beispiel folgen und diesem Teil der Geschichte nachgehen. Sie sollten nicht weiter so tun, als hätte es diese Zeit nie gegeben. Es gab sie, und wir sind ihre Zeitzeugen!

    Auch ist es für die jüngere Generation wichtig, über diese Zeit zu erfahren. Immer wieder werden wir gefragt: "Warum steht soetwas nicht in Geschichtsbüchern? Wir dachten, nach 1945 war Schluß damit." Da müssen wir dann leider antworten, dass es für uns erst richtig anfing, und dass niemand sich um uns kümmerte.

    Jetzt aber stehen wir die betroffenen "ehemaligen Heimkinder" Deutschlands vereinigt und entschlossen einander zur Seite: einer für alle und alle für einen – gemeinsam anstatt einsam. Und so treten wir jetzt unseren damaligen Peinigern entgegen und verlangen einstimmig unser Recht auf Gehör.

    Anscheinend aber, auch in heutigen Zeiten, "In Deutschland gilt der jenenige als viel gefährlicher, der auf den Schmutz hinweißt, als der, der ihn gemacht hat." Carl von Ossietzky

    Wie junge Knospen reckten wir uns
    Der Sonne entgegen
    Wollten das Leben probieren
    Wollten vom sanften Wind
    Der Liebe gestreichelt werden
    Wollten tanzen, wollten Bewegung
    Wollten stark werden
    Doch die Bräute Christi
    Fesselten uns
    Mit dem Befehl eines permanenten Silentiums.
    Wir wollten wachsen und gedeihen.
    Wir gingen nur etwas in die Höhe.

    Ein Meer von Blüten der Jugend
    15, 16, 17, 18 Jahre alt
    Warteten hoffnungsvoll auf eine Zukunft
    Doch Gottes stellvertretende Hände
    Wurden Fäuste, peitschten nieder
    Auf junge Körper und Seelen
    Ertränkten uns im Meer eigener Tränen.
    Viele weinen noch immer!

    Der besser formatierte Version dieses Artikels erscheint auch @ http://www.heimkinder-ueb...

    Wenn es der DIE ZEIT recht ist, bin ich auch bereit Kopien der anderen zwei Artikel (einer davon in Englisch) und weitere Kommentare von Gisela Nurthen zur Veröffentlichung in DIE ZEIT oder auch im SPIEGEL zur Verfügung zu stellen. Das war auch Giselas letzter Wunsch.

    • roro11
    • 13.02.2006 um 14:01 Uhr

    Diese Praxis der schwarzen Pädagogik hat es nicht nur in „Fürsorgeheimen“ gegeben, sondern auch in Internaten unter Leitung der katholischen Kirche.
    Ich weiß, wovon ich spreche, denn ich selbst war in einem solchen Internat unter der Leitung der Salesianer Don Bosco
    Es gab zwar nicht den so genannten „Besinnungsraum“, aber brutale Schläge und mobbing waren an der Tagesordnung (ich war nicht davon betroffen, da mein Vater wohl Spenden dem „Erzieher“ zukommen ließ). Auch gab es das Sprechverbot auf der Toilette, im Schlafsaal und zum Teil im Speisesaal, Spaziergänge nur unter Aufsicht, die Postzensur und natürlich den Zwang zum Kirchenbesuch (jeden Morgen eine Messe, sonntags zwei und eine Andacht). Dies geschah alles unter dem Deckmantel der „Nächstenliebe“ und des „Wohlwollens“.
    Ich habe nie verstanden, warum Eltern Ihre Kinder in ein solches Internat schicken konnten. Doch es muss bei meinen Eltern ein blindes Vertrauen in die katholische Kirche und ihren Organisationen in Verbindung mit einer preußisch-katholischen Weltanschauung bestanden haben, so dass kein Unrechtsgefühl aufkam.
    Dass ich, so glaube ich, keinen größeren psychischen Schade, wie andere(z.B. Jürgen Bartsch, er war in diesem Internat mein Messdienerpartner) davon getragen habe, wundert mich heute noch.
    Gruß roro11

    • swerba
    • 09.02.2006 um 15:21 Uhr

    es ist grausam lesen zu müssen, was früher möglich war und es niemanden gab der das unterbinden konnte. diese kinder waren den erwachsenen und gottesdienern ausgeliefert, denn diese handelten ja ausschließlich im namen gottes. vor ca. 2 jahren hat hollywood eine gelungene verfilmung,wie ich finde, die genau dieses problem beschreibt, herausgebracht. sehenswert, traurig und stiftet zum nachdenken an.

  3. Und nichts hat so viele Menschen um ihr Leben oder zu Tode gebracht, wie die gute christliche Barmherzigkeit. Wenn man sich die christliche - im Speziellen die katholische - Sexualmoral betrachtet, hat man die tiefenpsychologische Erklärung schnell zur Hand: Auf blinden, durch sexuelle Selbstunterdrückung hervorgerufenen Selbsthass stösst die Anweisung des Nazareners : Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Und das tun sie dann auch.

    • iceman
    • 12.02.2006 um 17:51 Uhr

    Handelt es sich bei diesem Artikel um einen Ersatz für die von einigen geforderten Jesus-Karikaturen?
    Der Verdacht drängt sich auf, wenn ausgerechnet jetzt so ein Artikel erscheint, nebst passendem Foto.

    Nichts gegen den Artikel selber, der über die Mißstände in den kirchlichen Erziehungsanstalten der 60er-Jahre berichtet, aber erstens hätte die ZEIT besser damals darüber berichtet, und zweitens gab es, in der deutschen Nachkriegszeit, nicht nur in Erziehungsheimen ein hohes Maß an Gewalt gegen Kinder. Das gab es auch in vielen Familien.

    In der deutschen Mehrheitsgesellschaft ist das Phänomen des häuslichen Prügel-Patrons weitgehend verschwunden.

    Dennoch gibt es heutzutage wieder diese Kinder, die in einem sehr patriarchialischen Elternhaus aufwachsen, zuwenig Rückzugsmöglichkeiten haben, zuwenig Bildungsanreize erhalten, und als Ersatz dafür zuviel Schläge kassieren.

    Die Intention des vorliegenden Artikels ist schon klar (wir sind ja nicht blöd), nur liegt ein großes Problem der heutigen Medien in einer Art Relativierungs-Süchtelei, wodurch leider immer wieder Alibis geschaffen werden für die Verantwortlichen der Mißstände (und das sind immer Individuen, niemals eine ganze Gruppe von Menschen).

    • poeblo
    • 12.02.2006 um 12:59 Uhr

    dass einmal mehr einer unserer besten das bundesverdienstkreuz bekommen hat. wie wäre es mit ein paar nachtschatten, gestrenger ausgezeichneter herr?

  4. Es geht um die heutige Situation hier, nicht um eine graue Vergangenheit. Von wegen "nie wieder" und "was frueher moeglich war"! Wie sieht es heute aus in den religioesen Institutionen, die unsere Kinder "betreuen"?

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