Gesellschaft Das Leid der frühen Jahre

Hunderttausende von Kindern wurden in Heimen der jungen Bundesrepublik misshandelt. Die größte Verantwortung trifft die Kirche

Er ist der Pater der Herzen. Das haben die Zeitungen über ihn geschrieben. Er hat ein Bundesverdienstkreuz bekommen, den Verdienstorden von Berlin, gibt gern Interviews und stellt sich vor die Fernsehkameras. Er ist ein regionaler Medienstar, der in Talkshows sitzt. 30 Jahre lang hat der Salvatorianerpater Vincens im Berliner Knast Tegel »schwere Jungs« betreut, da kann er viel erzählen. Was davor war, hat ihn kaum einer gefragt.

Gerald Hartford lebt 300 Kilometer entfernt bei Hildesheim und ist ein schweigsamer Mensch. Er verlässt selten seine Wohnung. Der Fernseher ist sein Tor zur Außenwelt. Und in diesem Tor hat er zufällig seinen früheren Heimerzieher wiedererkannt. Pater Vincens gilt ihm als »Peiniger seiner Jugendjahre«. Hartford hat lange mit sich gerungen, ob er es durchhalten würde, die ungewohnt lange Fahrt, die Konfrontation mit dem cholerischen katholischen Priester.

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Nun stehen sich die beiden gegenüber. Auf der gepflasterten Terrasse seines schmucken Alterssitzes, des Salvatorianerklosters Berlin-Lankwitz, gibt der Gottesmann nur zögerlich zu, vor seiner Berliner Zeit in einem Erziehungsheim gearbeitet zu haben. Gerald Hartford hält in der einen Hand ein Foto, das ihn mit 18 Jahren zeigt, in der anderen eine Zeichnung des berüchtigten »Bunkers«. Einer dunklen Zelle im Keller des Salvator-Kollegs Klausheide im westfälischen Örtchen Hövelhof. Hier wurden die Kinder eingesperrt, wenn ihre Erzieher sie abstrafen wollten.

Pater Vincens, sonst immer eine Spur zu laut, hat es die Sprache verschlagen. Der Mann ist offenbar erschrocken über die unverhoffte Begegnung mit der verdrängten Vergangenheit. Ob er noch wisse, fragt ihn Hartford, was er mit ihm damals gemacht habe? Der Pater schaut auf das Bild seines früheren Zöglings, nimmt es in die Hand. Plötzlich scheint er sich an etwas zu erinnern, will das Foto loswerden. Er hält es angewidert von sich, als sei es verseucht von den Erinnerungen, die er nicht hochkommen lassen will. »Nehmen Sie mal? Bitte, hier! Nehmen Sie’s mal ab!«

Der strenge Pater verweigert seinem ehemaligen Zögling das Gespräch

Nein, über die Zeit, bevor er nach Berlin kam, mag der Pater nicht sprechen. Hartford zittert am ganzen Körper, sagt aber ruhig, dass ihn der Pater damals immer wieder eingesperrt habe. Ja, räumt der Mönch schließlich ein, man habe schon mal Störenfriede in einen »Besinnungsraum« gesteckt. »Aber nur kurz.« Besinnungsraum? Oder Bunker? Gerald Hartford erinnert sein Gegenüber daran, dass er viele Wochen in dieser Zelle, auf einer Holzpritsche ohne Matratze, in der Ecke ein Eimer für die Notdurft, zubringen musste. Der Jugendliche hatte vergeblich versucht, dem Arbeitszwang, den ständigen Schlägen und Demütigungen der Salvatorianerbrüder durch Flucht zu entkommen. Er will endlich über diese Zeit mit den Verantwortlichen sprechen. Er hofft auf eine kleine Geste der Entschuldigung.

»Das hatte ich nicht zu verantworten«, verteidigt sich Pater Vincens, der Geralds Gruppe unter sich hatte. Er sieht sich nach den Nonnen am Eingang um, die interessiert herüberschauen, dann wirft er energisch seinen Kopf in den Nacken und sagt: »Deswegen muss ich jetzt wohl das Gespräch beenden.« Pater Vincens lässt Hartford einfach stehen. An der Klosterpforte dreht er sich noch mal um und ruft: »Und bitte, verlassen Sie das Grundstück.«

Bevor Gerald Hartford nach Berlin kam, hatte er sich zum ersten Mal seit 33 Jahren wieder in sein ehemaliges Kinderheim hineingewagt. Die Baracken, in denen er einst schuftete, sind penibel renoviert. Der Strafbunker und seine früheren Schlafräume blieben tabu, weil das ehemalige Heimkind die heutigen Heimkinder hätte stören können, hieß es. Immerhin förderte man einen angegilbten Ordner aus dem Archiv des Heimes zutage. Hartford, der kurz darin blättern durfte, war fassungslos. Die Akte enthält sein einziges Jugendfoto. Es prangt auf einem Formular, auf dem fett gedruckt »Beobachtungsbogen« steht.

Rund hundert Dokumente belegen, wie nichtig damals die Gründe für seine Heimeinweisung waren. »Arbeitsbummelei« steht da. Beim Umblättern erkennt er auf einer Seite die Handschrift seiner Mutter. Es sind Briefe von ihr an das Heim, von denen er bis zu diesen Tag nichts wusste. Auch eine Art Gutachten seines letzten Lehrers findet sich. Der schrieb: »Wenn Gerald nun in ein gutes Milieuumfeld hineinkommt, hat er alle Chancen, ein gutes und erfolgreiches Leben zu führen.«

Nur zehn Prozent der Familien galten nach dem Krieg als »heil«

Hartford kamen Tränen, der Mann von der Heimleitung guckte betreten und nahm ihm die Akte wieder ab. Er verlangte einen »ordentlichen« Antrag auf Akteneinsicht. Hartford stellte ihn an Ort und Stelle schriftlich – doch das reichte nicht. Am nächsten Tag wurde das Heim vom zuständigen Hausjuristen der Caritas in Paderborn gerüffelt. Die Einsicht in die Akte »hätte nicht geschehen dürfen«, sagte der Kirchenadvokat, »es könnte ja Negatives für die Erzieher drinstehen«. Für Hartford begann ein langer Kampf um seine Akte.

So weit wie er sind viele andere ehemalige Heimkinder noch längst nicht gekommen. Dabei teilten sein Schicksal in den Gründerjahren der Bundesrepublik Tausende von Gleichaltrigen. In den sechziger Jahren drillten staatliche, katholische und evangelische Erzieher Kinder und Jugendliche in rund 3000 Heimen mit mehr als 200000 Plätzen. Gut die Hälfte der Kinder war zwei bis vier Jahre lang in solchen Heimen. Andere verbrachten ihre ganze Kindheit und Jugend in den oft hermetisch abgeschlossenen Häusern.

Rund 80 Prozent der Heime waren in konfessioneller Hand. Insbesondere die katholischen Frauen- und Männerorden führten jahrzehntelang zahlreiche Erziehungsanstalten. Sie hießen »Zum Guten Hirten« oder waren nach Heiligen und Ordensgründern benannt: Don-Bosco-Heim, St. Vincenzheim, St. Hedwig oder Marienheim.

Heute leben aus dieser Zeit noch mindestens eine halbe, wahrscheinlich aber sogar mehr als eine Million Menschen unter uns, die zwischen 1945 und 1975 in den westdeutschen Heimen groß wurden. Sie sind jetzt zwischen 40 und 65 Jahre alt. Doch seltsam: In einer aufgeklärten Gesellschaft, die scheinbar keine Tabus mehr kennt, ist es für viele von ihnen bis heute nicht möglich, darüber zu sprechen. Selbst nahen Angehörigen offenbaren sie sich mitunter nicht – aus Scham. Sie fürchten sich vor dem diskriminierenden Etikett »Heimkind«, als hätten sie im Zuchthaus gesessen.

Kaum einer hat damals genauer hingeschaut. Die Vormundschaftsrichter nicht, die Fürsorger und Jugendämter nicht, die Schulen, Eltern und Nachbarn nicht, die mit ihren Denunziationen über einen angeblich unsittlichen Lebenswandel insbesondere bei jungen Mädchen oft entscheidend zur Einweisung ins Heim beitrugen. Dabei waren die Heranwachsenden in den fünfziger Jahren besonders belastet: Mehr als 1,5 Millionen Kinder hatten ihren Vater im Krieg verloren, rund 14 Millionen waren aus dem Osten geflohen und hatten Schwierigkeiten bei der Integration.

In den Jahren nach 1945 zogen mehr als 100000 Kinder und Jugendliche bindungs-, heimat-, berufs- und arbeitslos durch Deutschland. Viele Familien waren zerrissen, weil die Väter erst nach Jahren aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrten. Soziologische Studien kommen zu dem Urteil, dass nur zehn Prozent der Familien Ende der vierziger Jahre »heil« waren. Die Wohnungen waren häufig eng, eigene Zimmer hatten die wenigsten Kinder. Das Durchschnittseinkommen einer Familie betrug 1955 nur 280 Mark im Monat. Ein Kind ins Heim zu geben war eine vergleichsweise bequeme und billige Lösung.

Fast zwei Jahrzehnte, von 1949 bis 1967, war das geistig-politische Klima im Westen Deutschlands vor allem von den Konservativen bestimmt. Familienminister Franz-Josef Wuermeling (CDU) etwa organisierte »Kampagnen gegen Schmutz und Schund«. Er wetterte gegen Sexualität und deren Thematisierung in Kunst und Literatur. Es waren auch die Jahre des fleißigen Wiederaufbaus. Und die aufmüpfigen Jugendlichen der fünfziger Jahre mit ihrem Wunsch, anders zu leben, waren die Vorboten massiver Veränderungen der Gesellschaft. Umso verbissener hielt diese Gesellschaft an den überkommenen Idealen und Strukturen fest. Wer wagte, aus der elterlichen Wohnung auszubrechen, und sich neue Freiräume in der Freizeit suchte, riskierte rasch, ins Blickfeld der Jugendfürsorge zu geraten.

Ende der fünfziger Jahre gab es eine zunehmende Zahl von Doppelverdienern, die oft nur noch materielle Ziele hatten: neue Möbel, endlich eine Musiktruhe, Telefon, den ersten Fernseher. Für die Kinder war kaum Zeit. Die Erziehung wurde an Großeltern abgegeben, immer mehr Kinder lebten als »Schlüsselkinder«. Es war so, als hätte sich ganz Deutschland abgesprochen. Die einen feierten ihr Wirtschaftswunder, die anderen verdrängten die Nazizeit.

Sexuelle Gefahren witterten die Erwachsenen überall

Zum Verhängnis wurde Gisela Nurthen ein Tanzabend mit amerikanischer Musik im Februar 1961, zu dem das Jugendheim in Lemgo eingeladen hatte. Die Mutter hatte ihr verboten, dort hinzugehen. Irgendwie entwischte die Tochter ihr doch. Stundenlang tanzte die 15-Jährige an diesem Abend zu »ihrer« Musik. Plötzlich war es schon zehn, sehr spät für damalige Verhältnisse. Das Mädchen fürchtete sich, nach Hause zu gehen. Sie und der Junge, mit dem sie den Abend über getanzt hatte, beschlossen, lieber nach Hannover zu fahren, in die nächstgelegene Großstadt. Was sie da wollten, wussten beide nicht so genau. Sie liefen in der Nähe des Hauptbahnhofes durch die Straßen, tranken noch irgendwo etwas, langsam wurde es hell. Als sie zurücktrampen wollten, hielt nach ein paar Minuten ein Streifenwagen der Polizei neben ihnen. 24 Stunden später folgte ein Richter, der sich Gisela nicht einmal ansah, dem Vorschlag ihres Vormunds beim Jugendamt und schickte sie in das geschlossene Vincenzheim in Dortmund – »weil sonst weitere Verwahrlosung droht«.

Ihre Erziehung besorgten fortan Nonnen, die »Barmherzigen Schwestern«, Vincentinerinnen aus Paderborn. Auch wenn, wie in ihrem Fall, »nichts« passiert war: Sexuelle Gefahren witterten die Erwachsenen überall. Insbesondere in der Musik aus Amerika. Erwachsene und Jugendliche, das waren zwei Welten, die nicht miteinander sprachen. »Es gehört sich nicht«, sagten die Alten. »Das versteht ihr nicht«, erwiderten die Jungen. Die neue Musik aus Amerika verband die Jugendlichen untereinander, es war ihre Sprache. Rock ’n’ Roll, Dixieland, Boogie-Woogie.

»Verstehst du die Texte denn überhaupt?«, wurde Gisela einmal von ihrer Schwester gefragt. »Das ist nicht zum Verstehen, das ist zum Fühlen«, war ihre Antwort. Wenn ihr Idol Elvis im Radio zu hören war, drehte Gisela den Apparat laut und stellte sich ans offene Fenster. Doch das kurze Glück hatte seinen Preis: »Die Nachbarn riefen beim Jugendamt an, weil sie der Meinung waren, dass ich zu laut Musik höre. Und am nächsten Tag kam die Fürsorgerin.«

Giselas alleinerziehende Mutter hatte Angst vor der Frau vom Amt, die häufig unangemeldet in die Wohnung kam. Auch Gisela hatte Respekt vor der Dame mit dem Haarknoten im Nacken und der umgehängten schweren Ledertasche. »So etwas gehört sich nicht für ein Mädchen!«, lautete auch ihre Standardermahnung. Genauso bedrohlich wie die Frau vom Jugendamt waren die Nachbarinnen, denn sie verbrachten anscheinend ihre ganze Freizeit damit, hinter den Gardinen der Fenster die Straße zu beobachten. Das Mädchen verabredete sich deshalb möglichst außerhalb ihrer Sichtweite. Sie mochte die frechen Jungs mit ihren Mopeds: »Mir ging es richtig gut, wenn wir mit den Mopeds durch die Gegend fuhren und mir der Wind durch die Haare fegte. Ich wusste, dass darauf wieder eine Bestrafung folgen würde.«

Die Akte des Jugendamtes schwoll an. »Ich wollte Opposition, den Kleinstadtmief durchbrechen, ich wollte, wie man heute sagt, cool sein«, erzählt Gisela. »Ich wollte etwas anderes, was das genau sein sollte, wusste ich nicht, nur, dass es anders sein sollte.« Die Stadt, in der sie lebte, war in den Augen der Teenager eine langweilige Beamtenstadt, aus der man eines Tages irgendwie entkommen müsste. Die Streifenwagen der Polizei durchkämmten abends die Straßen. Die Beamten leuchteten mit Taschenlampen in die Gesichter der Pärchen auf den Parkbänken, stets auf der Suche nach Minderjährigen, die sich in Büschen oder Hausecken herumdrückten.

Vier Jahre dauerte Giselas unbarmherzige Zeit bei den »Barmherzigen Schwestern« im Dortmunder Vincenzheim, von 1961 bis 1965. In dieser Zeit war sie ohnmächtig einem perfiden Repressionssystem frommer Schwestern ausgeliefert, die sie mit Prügel zu Gebet, Arbeit und Schweigen zwangen. Schon bei geringsten »Verfehlungen« wie unerlaubtem Sprechen oder Weinen, erinnert sich Gisela, hagelte es Schläge oder andere Strafen, obwohl es per Erlass des Sozialministeriums von Nordrhein-Westfalen schon seit 1947 verboten war, in Mädchenheimen zu schlagen, seit 1950 auch in den Heimen für Jungen. Dennoch: Geprügelt wurde oft mit allem, was gerade zur Hand war – mit Teppichklopfern oder Besenstielen. Zwischendurch gab es Boxhiebe in Rücken und Rippen.

Telefonieren war streng verboten, jegliche ein- und ausgehende Post wurde von den Nonnen gelesen und zensiert, viele Briefe kamen niemals an. Gisela durfte ohnehin nur alle vier Wochen schreiben. Die Nonnen strichen ganze Passagen durch und schrieben sogar Bemerkungen in die Briefe der Mädchen an die Eltern, wenn ihnen der Inhalt nicht passte. Besuch war einmal im Monat gestattet, die Gespräche wurden belauscht. Oft saß eine Nonne direkt am Tisch.

»Ich verlor meinen Namen, wurde wie die anderen nummeriert. Wir durften nur schön ordentlich, nach den Nummern sortiert, in Zweierreihen durchs Haus marschieren – zur Arbeit, zur Kirche, zur Toilette, zum Essen.« An jeder Tür musste die Mädchenkolonne schweigend warten, bis die Nonnen auf- und zugeschlossen hatten. An die Wand lehnen war streng verboten. Wer beim gemeinsamen Toilettengang zu lange brauchte, bei dem hämmerten die Nonnen lautstark gegen die Türen. »Alles musste im Blitztempo geschehen.« Nur der Gottesdienst in der Hauskapelle nicht. Neulinge nahmen auf der Empore Platz. Unten im Kirchenschiff saß oft eine ganze Reihe von Mädchen mit kurz geschorenen Haaren, die Köpfe gesenkt, in grauer Kleidung – Heiminsassinnen, die versucht hatten auszureißen.

Uneheliche Kinder hatten für die Nonnen einen besonderen Makel

Für die Nonnen waren ihre Zöglinge nichts als eine Herde von Sünderinnen. Bei jeder Gelegenheit mussten sie sich immer wieder die gleiche Litanei anhören: »Ihr seid nichts wert, ihr seid nicht rein, aus euch kann ohne uns nichts werden.« Alle unehelichen Kinder hatten für die Nonnen einen besonderen Makel. Reinheit und Unversehrtheit der Mädchen waren den »Barmherzigen Schwestern« überaus wichtig. Die Unversehrtheit überprüfte ein alter Frauenarzt, dessen Hände zitterten, auf einem noch älteren Untersuchungsstuhl. Während der gynäkologischen Untersuchungen setzten sich die Nonnen vor den Stuhl und schauten ungeniert zu, egal, wie sehr sich die Mädchen schämten.

»Jede Minute des Tages wurden wir bewacht, auch während des Entkleidens zur Nacht oder beim Waschen. Sämtliche Schamgrenzen wurden dabei verletzt. Die Nonnen standen um uns herum, spielten mit Schlüsseln oder Rosenkränzen, die seitlich an ihren Bäuchen herunterhingen, und fixierten unsere jungen Körper. Was dachten sie bloß dabei?«

Im Waschraum wurde ihnen ein Eimer gereicht, den sie mit warmem Wasser füllten. Dazu Handtuch und Schmierseife. Dann musste jede in eine Toilettenkabine. Nun gingen die Nonnen auf und ab, sie glotzten unter jeden Türspalt, ob die Beine auch weit genug auseinander standen und das Wasser plätscherte, denn das »Unaussprechliche« musste von allem Schmutz und von aller Unkeuschheit gesäubert werden.

Einmal war die Stimmung abends im Schlafsaal etwas ausgelassener, weil die wachhabende Nonne nicht an ihrem Platz war. Das Licht war schon aus. In dem dunklen Raum scherzten die Mädchen über ihre Lieblingslieder. Gisela sang in die Dunkelheit hinein hingebungsvoll einen Song von Elvis Presley. Sie hatte die Nonne nicht hereinkommen hören. Mit einem Ruck wurde sie aus dem Bett gerissen, über den Boden geschleift, den Flur entlang bis zur »Klabause«, jener gefürchteten Zelle mit Glasbausteinen anstelle von Fenstern. Die Ausstattung bestand nur aus einer Holzpritsche, einer groben Decke und einem Blecheimer mit Deckel als Toilette.

Mädchen versuchten, ihren Qualen durch Suizid ein Ende zu setzen

Etwas mehr als die Hälfte aller Heime in der Bundesrepublik war in der Nachkriegszeit allein in katholischer Hand. Die katholische Kirche, insbesondere die daran beteiligten Orden und Gemeinschaften, trifft deswegen die größte Verantwortung für diese unselige Ära öffentlicher Erziehung in der westdeutschen Geschichte. Auf einer Tagung zum Thema »Katholische Heimerziehung in unserer Zeit«, 1959 in Stuttgart, begrüßte Monsignore Alois Hennerfeind, ein Münchner Heimdirektor, die Teilnehmer mit dem Hinweis, dass nach einer Statistik des Deutschen Caritasverbandes 11261 katholische Ordensfrauen und 11127 katholische Laien in den Heimen »aus innerer Berufung und mit der ganzen seelischen Hingabe der erziehungsbedürftigen Jugend dienen wollen«. Der Prälat stolz: »Welch unendlicher Wert an Liebe ist in den 22400 Personen dargestellt, die in unseren 1500 Heimen Tag für Tag erzieherisch wirken!«

In den USA, Kanada und Irland haben ehemalige Opfer dieser Liebe inzwischen das Recht auf Entschuldigung und Wiedergutmachung. Sollten auch die deutschen Heimkinder solche Ansprüche anmelden, müssen sie sich wohl auf einen schweren Kampf gegen die Institution Kirche einrichten. Bei der Deutschen Bischofskonferenz, den Ordensgemeinschaften, bei Caritas und Diakonie weiß man fast nichts darüber, was jahrzehntelang in den konfessionellen Heimen geschehen ist. Man wollte es wohl nicht wissen. Beschwerden wurden meist abgeblockt.

Kein Orden, der Kinderheime unterhielt, hat je eine kritische Untersuchung der dort praktizierten Erziehung veröffentlicht. Die Jubiläumsbroschüren der konfessionellen Heime zum 75- oder 100-jährigen Bestehen überspringen in der Regel diese Zeit. Dabei exekutierten viele Heimleiter und Erzieher nach 1945 zunächst wenig verändert und unreflektiert eine um die Jahrhundertwende ausgeklügelte und vom NS-Regime fortentwickelte Straf- und Besserungspädagogik. Mehr als zwei Jahrzehnte lang interessierte kaum jemanden, was hinter den dicken Mauern geschah.

Elke Page war mit ihrer Schwester Regina 1960 ins Vincenzheim eingewiesen worden. Die 18-jährige Regina musste zusammen mit ihrer knapp einjährigen Tochter Christine kommen. Sie war zwar mit einem 20-Jährigen verheiratet, doch das Jugendamt beanstandete die fehlende gemeinsame Wohnung und hielt sie für eine ordentliche Ehe noch für zu unreif. Ihren Säugling durfte sie jedoch nur einmal in der Woche, am Sonntag, für ein paar Stunden sehen. Obwohl Regina für die Nonnen täglich in einem Saal der Kinderabteilung des Vincenzhauses andere Säuglinge pflegen musste, hatten die Schwestern es dem Fürsorgezögling untersagt, sich im direkt angrenzenden Raum um ihre eigene Tochter zu sorgen. An den Wochentagen konnte sie den Kontakt zu ihrem Kind nur heimlich bewerkstelligen, wenn ihre Freundin Lissy an der Eingangstür »Schmiere« stand.

Die jungen Mädchen im Vincenzheim empfanden es schon als Wohltat, statt in die Wäscherei zur Arbeit in die Großküche abkommandiert zu werden, denn dort hielten sich nur wenige Nonnen auf. Man konnte miteinander flüstern, wenigstens bis die rasselnden Schlüsselbunde der verhassten »Spitzhauben« zu hören waren. Immer wieder versuchten Mädchen, durch Suizid ihren Qualen im Heim ein Ende zu setzen, indem sie aus den oberen Stockwerken sprangen. Recht häufig verletzten sie sich auch absichtlich, in der Hoffnung, dann wenigstens ins Krankenhaus zu kommen. Ein »beliebter« Versuch war es, in der Näherei Stecknadeln zu schlucken. Doch anstelle des erhofften Krankenhausaufenthaltes setzten die Nonnen den Mädchen oft nur eine große Schüssel Sauerkraut vor, das sollte helfen.

Es waren meist nichtige Gründe, die zur Einweisung in die Erziehungsanstalten führten – Gründe, die ein gesellschaftliches Kartell bestimmte, zu dem Jugendbehörden, Gerichte, Lehrer, Nachbarn, Eltern und vor allem die damals noch einflussreichen Kirchen gehörten. Sie legten fest, was gut und böse, wer brav und wer ungezogen war und ab wann ein Mädchen als »sexuell verwahrlost« zu gelten hatte. Sie verkündeten als eine Art Naturgesetz, dass die uneheliche Geburt eine Schande sei.

Gisela hatte als kleines Kind immer darüber gegrübelt, was es denn heiße, »unehrlich« geboren zu sein. Sie hatte das Wort »unehelich« falsch verstanden und einen Begriff gesucht, den sie kannte: unehrlich. Irgendetwas stimmt mit mir nicht, dachte sie, auf ihrer Geburt müsse wohl eine Lüge lasten, wie ein schwarzer Schatten. Das Missverständnis bestand lange, denn sie spürte, dass sie besser niemanden danach fragte. Wen auch? Ihre Mutter nicht, die Nachbarin nicht, die Mitschüler nicht. Bis sie eines Tages als junger Teenager begriff. Was die Sache nicht besser machte.

Der ehemalige Jugendamtsmitarbeiter aus Paderborn Rudolf Mette erinnert sich noch gut an die jahrelang vorherrschende Praxis: »Die Vormundschaftsrichter haben sich die Kinder praktisch nie angesehen. Sie haben nach Aktenlage sehr schnell entschieden, ohne Auseinandersetzungen, ohne großes Hin und Her. Oft habe ich den Antrag auf Fürsorgeerziehung morgens zum Gericht gebracht und konnte gleich warten, bis ich den Beschluss in der Tasche hatte. Der war zwar vorläufig und musste nach Ablauf von sechs Wochen noch einmal bestätigt werden, aber das war Routine. Eine kritische Betrachtung der Einweisungen fand überhaupt nicht statt. Die Richter haben immer für die Heimeinweisung des Kindes entschieden. Immer. So habe ich das erlebt, und so war es überall im Lande.«

Die Gesellschaft wollte mit Wegsperren und Ausgrenzen die drohende weitere »Verwahrlosung« der Jugendlichen bekämpfen. Doch was war das eigentlich? »Beim Jugendamt haben Lehrer angerufen und auf Schulversäumnisse oder häufiges Zuspätkommen hingewiesen«, sagt Rudolph Mette. »Nachbarn berichteten, dass ein Kind einer alleinerziehenden Mutter unpassend gekleidet sei oder mit 15 schon einen Freund oder Freundin hatte, auf Tanzveranstaltungen ging und die Schule schwänzte. Unpassend gekleidet konnte heißen: mit knisterndem Petticoat oder mit engen Hosen, weitem Pullover, offenen langen Haaren oder Pferdeschwanz.«

In Bad Schwalbach schickte 1964 das Amtsgericht den siebenjährigen Thomas sowie seinen neunjährigen Bruder in die geschlossene Fürsorgeerziehung und setzte als »Gründe« unter sein Urteil: »Die Anhörung der Mutter hat ergeben, dass sie mit den beiden Kindern nicht fertig wird. Tatsache ist jedenfalls, das hat die gehörte Mutter selbst zugegeben, dass die Kinder keinen Respekt vor ihrer Mutter haben. Bei Belehrungen lachen sie sie an oder speien aus. Es ist auch schon vorgekommen, daß sie sie u. a. ›blöde Kuh‹ nennen.« Das reichte.

Den Opfern ist es heute ein Bedürfnis, sich endlich freizureden

Wer dann in einem evangelischen Heim von Diakonissen oder in einem katholischen von Mönchen und Nonnen erzogen wurde, erlebte, dass Reden und Handeln weit auseinander klaffen können: Da die frommen Sprüche der Schwestern und Brüder, hier die unbarmherzige Behandlung, die das Kind am eigenen Leib zu spüren bekam. Die ihnen Anvertrauten galten vielen Ordensbrüdern und -schwestern als verlorene Seelen, als wertlose Geschöpfe unter der Sonne Gottes. Sie pflanzten Heimkindern ein tiefes Schuldgefühl ein, das sie bis heute nicht loswurden. Zugleich sollten sie ihren Peinigern auch noch ständig dankbar sein für das, was ihnen im Heim widerfuhr.

Nach Jahrzehnten scheint es den Opfern aber nun ein großes Bedürfnis zu sein, sich endlich freizureden von jenem Gefüge der Unterdrückung. Der Preis des Schweigens waren oftmals Angst, Panikattacken, chronische Schmerzen, Tabletten- oder Alkoholabhängigkeit, Essstörungen, Aggressionen gegen andere und sich selbst bis hin zu Suizidversuchen. Bei vielen ging nicht nur das Selbstvertrauen kaputt, auch die Fähigkeit, einem anderen Menschen zu vertrauen, wurde lebenslänglich zerstört.

Noch drücken sich die Kirchen vor dem offiziellen Eingeständnis ihrer Schuld gegenüber den ehemaligen Heimkindern, sie wehren die Vorwürfe aber auch nicht mehr einfach ab. Jürgen Gohde, Präsident des Diakonischen Werkes, formuliert sehr gewunden: »An dieser Stelle müssen wir feststellen, dass das zu dem Teil der Geschichte gehört, mit dem wir leben müssen.« Der Protestant benennt immerhin die »obrigkeitsstaatliche Tradition der Erziehung, die unsere deutsche Situation mit geprägt hat«, und von der »die Kirche auch nicht frei gewesen« sei.

Auch auf katholischer Seite hat man begonnen, den Vorwürfen nachzugehen. Caritas, einzelne Orden und auch die Deutsche Bischofskonferenz signalisieren seit neuestem Gesprächsbereitschaft. Bislang hatten nur Einzelne der Verantwortlichen den Mut zu reden. »Unser ganzer Stil war im Grunde gewalttätig«, sagt etwa Günter Matschke, der Anfang der sechziger Jahre als junger Diakon im evangelischen Knabenheim Werl gearbeitet hatte. Die Kasernenhof-Pädagogik habe in allen kirchlichen Heimen geherrscht, die er kannte.

Theo Breuel, Caritas-Abteilungsleiter im Erzbistum Paderborn, hat sogar gegenüber ihm persönlich bekannten Betroffenen, darunter Gerald Hartford, ein Schuldbekenntnis abgelegt, wie sie es von den Kirchen insgesamt erwarten. »Wir bedauern zutiefst, dass Derartiges vorgekommen ist«, sagte Breuel angesichts der geschilderten Vorfälle im Vincenzheim und im Salvator-Kolleg. »Dass so etwas möglich war, können wir uns nur dadurch erklären, dass Menschen versagt haben.«

»Jetzt wird uns erst bewusst, was mit uns geschehen ist«, sagten Regina Page und Elke Meister beim ersten Wiedersehen mit dem alten Gemäuer in Dortmund, in das man sie einmal als Teenager bei den »Barmherzigen Schwestern« eingesperrt hatte. »Wir haben ängstlich unsere schrecklichen Erlebnisse in all den Jahren als schwere Last mit uns herumgetragen.«

Die beiden Schwestern sowie Gisela Nurthen, Gerald Hartford und viele ehemalige Heimkinder wollen sich nicht länger dafür schämen, dass sie so aufgewachsen sind. Die Schande der Heimerziehung haben andere zu verantworten – allen voran die Kirchen.

Deshalb machte sich auch Gerald Hartford auf den Weg, nach Berlin zu seinem Pater Vincens. Als Sohn eines englischen Soldaten war Hartford zunächst in England aufgewachsen und – nachdem seine Mutter allein nach Deutschland zurückgekehrt war – in der Schule wegen Sprachschwierigkeiten nicht mitgekommen. Er funktionierte dann auch als Lehrling in den Augen seiner Meister nicht und wurde zu Pater Vincens ins Heim eingewiesen. Im Erziehungsheim der Salvatorianer-Brüder galt die Arbeit als wichtigstes Besserungsmittel. Hartford erinnert sich daran, im Salvator-Kolleg Klausheide Scheinwerfer für die Firma H. und Matratzen für eine Firma aus der Region gefertigt zu haben.

So wie er wurden überall im Land Heimkinder als billige Arbeitskräfte ausgenutzt, ein System mit langer Tradition in den konfessionellen Heimen. Die alte Mönchsregel »Bete und arbeite« erlebte eine perverse Renaissance in einigen Heimen. Auch die frommen Schwestern in Dortmund bekämpften die Sünde vor allem mit akkordähnlicher Arbeit. Gisela Nurthen musste mit Dutzenden von anderen schulentlassenen Mädchen über 14 Jahren unentwegt nähen und stopfen, waschen, mangeln und bügeln. Aufstehen mussten die Jugendlichen morgens um sechs. Strammstehen zum Morgengebet. Dann waschen, ein hastiges Frühstück, Einteilung zur Arbeit. Mittags gab es nach fünf Stunden die erste Pause. Am Nachmittag noch eine kurze Kaffeepause, es gab »Muckefuck«. Bis zu zehn Stunden schuftete die damals 15-Jährige unbezahlt im immer gleichen Takt. Am Samstag mussten sie und die anderen bis mittags arbeiten. Selbst sonntags wurden noch »in der Freizeit« Taschentücher zum Verkauf in der Nähstube umhäkelt.

Bei der Arbeit herrschte Sprechverbot, nur Marienlieder waren erlaubt. »Mein Platz war an der großen Heißmangel. Das stundenlange Stehen in großer Hitze – selbst im Sommer ohne zusätzliche Getränke –, das ständige Falten riesiger Bettwäsche ließ sämtliche Glieder schmerzen. Die Kolonne trottete abends schweigend durch die Gänge zurück wie geprügelte Hunde.« Das aufgeweckte, am Leben interessierte Mädchen verkümmerte bei den Nonnen. Als Gisela von einem Tag auf den anderen ins Heim gesteckt wurde, war sie Quartanerin mit guten Noten im Mädchengymnasium. Ihr Abschlusszeugnis (»Schulbesuch: regelmäßig, häuslicher Fleiß: gut«) trägt den Vermerk: »Gisela verlässt unsere Schule auf Wunsch der Mutter.« Sie hatte gute Noten, doch im Vincenzheim war es mit dem Gymnasium vorbei. Die Nonnen fanden, Volksschule reiche.

Im Heim bot man ihr großzügig eine »Ausbildung« an: Büglerin oder Näherin. Auch sonst gab es wenig Förderung. Bei kurzen Ausflügen aus dem geschlossenen Heim unter strenger Aufsicht der Nonnen in den nahe gelegenen Hoesch-Park mussten die Teenager Bi-Ba-Butzemann, Plumpsack und andere Ringelreihen-Spiele machen, »zum Gespött aller, die uns sahen«, erinnern sich die Geschwister Elke und Regina. Es gab weder Radio noch Zeitungen für die Mädchen, außer einem Kirchenblatt. Von dem, was sich außerhalb der Mauern ihres Heimes zutrug, erfuhren sie so gut wie nichts.

Die hauseigene Großwäscherei war für die Vincentinerinnen offenbar ein lukratives Geschäft. Die Arbeit bringe, so schrieb 1962 der Dortmunder Kirchliche Anzeiger ganz offen, »um die Steuerzahler etwas zu beruhigen«, einen »nicht unerheblichen Teil« der Kosten ein. Hotels, Firmen, Krankenhäuser und viele Privathaushalte zahlten gut – und fragten nicht, wer da fürs Reinwaschen missbraucht wurde. »Die Kunden bekamen uns nie zu sehen, es gab extra einen Abholraum, zu dem war uns der Zutritt streng verboten«, erzählt Gisela. Lohn gab es so wenig wie Taschengeld – mithin auch keinen Rentenanspruch für die Heimjahre. »Wir waren jugendliche Zwangsarbeiter«, sagen ehemalige Heimkinder heute verbittert.

Die Diakonie Freistatt bei Diepholz, eine Zweigstelle der von Bodelschwinghschen Anstalten in Bethel, hat das »ora et labora!« brutal umgesetzt. Freistatt war mit seiner Presstorfproduktion, mit seinen Schlossereien und Schmieden von Beginn an als reiner Wirtschaftsbetrieb konzipiert, mit billigen Arbeitskräften. Wenn nicht gerade Choräle gesungen wurden, mussten die 14- bis 21-Jährigen im Sommer wie im Winter im Moor Torf stechen und pressen. In den meisten Heimen gab es Produktionswerkstätten für Billigartikel, die eher an die Arbeit hinter Gefängnismauern erinnerten: Es wurden Kugelschreiber, Lackstifte, Verpackungen und Ähnliches produziert. In Don-Bosco-Heimen stellten Minderjährige in zehnstündigen Schichten 4000 Kugelschreiber pro Tag her. Die Entlohnung: »Anerkennungsgutscheine« für fünf Zigaretten oder zwei Flaschen Cola.

Die Kinder mussten hart arbeiten – für einen erbärmlichen Hungerlohn

Im Heim Zum Guten Hirten in Münster herrschte jahrzehntelang das Schweigegebot. Bei der Arbeit, im Speisesaal und in den Schlafsälen war das Sprechen untersagt. Schweigsam, effektiv und einträglich – so sollten die Zöglinge sein. Unterlagen aus dem Guten Hirten in Münster belegen die erbärmliche Bezahlung der Zöglinge selbst noch zu Beginn der siebziger Jahre: »Das Entgelt für eine 40-stündige Arbeit in der Woche schwankt zwischen 2 und 4 DM.« In der Regel erhielten die Kinder und Jugendlichen – trotz harter Arbeit mit bis zu 48 Stunden die Woche – keinen entsprechenden Lohn. Sie waren auch nicht sozialversichert. Die »verlorenen Jahre« sind für die Betroffenen heute noch finanziell ein Debakel. Sie fehlen bei der Rente, die für die meisten ohnehin recht schmal ist.

Lange Zeit galten für Ausreißer, Arbeitsverweigerer und »Versager« besondere Strafen. Diese reichten von spezieller Kleidung über kahl geschorene Köpfe bis hin zum längeren Einsperren: Bis weit in die siebziger Jahre hielten viele Heime an der Praxis fest, Kinder gewaltsam zu isolieren, in den eigens hergerichteten, oft fensterlosen, gefängnisähnlichen Zellen, den »Karzern«, »Klabausen« oder »Bunkern«. In den Hausordnungen hieß das: »Herausnahme aus der Gemeinschaft durch Isolierung in Einzelzimmer«.

Oder wie erinnert sich der Berliner Pater Vincens? »Es gab keine Strafzellen, Besinnungsräume nannten wir das!« Bei einer Untersuchung in drei württembergischen Heimen im Jahre 1967 inspizierte der Erziehungswissenschaftler Hermann Wenzel derartige »Besinnungszellen«. »Hinter einem schmalen Gang, der durch Betonwabenfenster nur spärlich Licht erhält, liegen drei Einzelzellen, die circa 3 Meter lang, 1,50 breit und 2,50 hoch sind. Eine Belüftungsanlage gibt es nicht. In diesen Zellen befinden sich ein an die Wand geschlossenes Klappbett, ein Wandtisch und ein Wandsitz. Die Wände sind dunkel mit Ölfarbe gestrichen, die Türen mit Zinkblech beschlagen und durch Spezialschlösser gesichert. Spärliche Beleuchtung erhalten die Zellen vom Gang her durch ein mit dichtem Maschendraht verkleidetes Stahlgitter, das sich über der Tür befindet.«

Arrest bekam ein Delinquent dort oft aus nichtigem Grund, etwa wenn er versucht hatte, heimlich Briefe an der Zensur vorbeizuschmuggeln – an die Mutter, den Freund oder eine Freundin. Wenzel konstatierte 1967, dass in den ersten drei Tagen der Arreststrafe lediglich »karge Kost« gereicht wurde, in anderen Fällen gab es Wasser und Brot, »wegen oftmals nur geringfügiger Anlässe«, wie »freches Benehmen« oder »Onanieren«.

Erst durch die »Heimkampagne« der Apo kamen Reformen in Gang

Erst die »Heimkampagne« der Apo leitete zu Beginn der siebziger Jahre einen Bewusstseinswandel ein. Die Journalistin Ulrike Marie Meinhof entrüstete sich 1968, dass Familien oft nur »den Heimausweg« wüssten, »weil diese Gesellschaft sich immer noch nicht darauf eingerichtet hat, dass sie zehn Millionen berufstätige Frauen hat und weit über eine Million berufstätige Mütter mit Kindern unter 14. Und weil wir eine Familienpolitik haben, die nichts tut, um die Eltern über Erziehungsfragen aufzuklären, nichts.«

Nach den exemplarischen »Befreiungen« von Heimkindern im Sommer 1969, die an vorderster Stelle von Andreas Baader und Gudrun Ensslin durchgeführt wurden, kamen Reformen in den deutschen Erziehungsanstalten in Gang. Sie besetzten das Büro des Frankfurter Jugendamtsleiters und erzwangen Wohnraum für die befreiten Heimkinder. In vier Wohnungen wurden Wohnkollektive gegründet, nach deren Vorbild die noch heute üblichen »betreuten Jugendwohngemeinschaften« enstanden.

Doch die Kinder, die in den Heimen zuvor gedemütigt und misshandelt worden waren, hatten die Reformer vergessen. Die neuen Erzieher und Heimleiter interessierten sich im anstrengenden Alltag ihrer Arbeit in den achtziger und neunziger Jahren nicht für die Kinder, die vor ihrer Zeit in denselben Räumen geschlagen worden waren.

In der engen und muffigen Zelle, in der die Salvatorianer-Brüder Gerald Hartford bis 1970 einsperrten, hing ein Zettel an der Wand. Darauf stand: »Mein lieber Junge, so wie du es bisher getrieben hast, kann und darf es nicht weitergehen. Die menschliche Gesellschaft mag dich wegen deines schlechten Betragens nicht mehr in ihrer Mitte haben, sie hat dich deshalb in unsere freie und offene Anstalt eingeliefert. Durch die Fortdauer deiner schlechten Führung sieht sich deine Behörde aber leider gezwungen, noch straffere Maßnahmen zu deiner Rettung zu treffen und dir ein Einzelzimmerchen anzuweisen, damit du endlich Einkehr in dich selbst hältst und dein Leben nach den Geboten Gottes einrichtest.« Das Gefühl der Ausgrenzung, der Demütigung und Erniedrigung hat Gerald Hartford bis heute nicht verlassen. Die meisten haben, so wie er, diese Zeit tief in ihrem Inneren weggeschlossen, um überhaupt weiterleben zu können.

Gisela Nurthen hatte ihr Schweigen gebrochen. Dass sich ihre Peinigerinnen bei ihr entschuldigen, wird sie nicht mehr erleben. Sie starb wenige Tage vor Weihnachten.

Zum gleichen Thema erscheint vom Autor in der nächsten Woche das Buch »Schläge im Namen des Herrn« (Deutsche Verlags-Anstalt, München 2006, 300 Seiten, 19,90 Euro)

 
Leser-Kommentare
  1. Die Initiatorin der jetzt endlich in der Bundesrepublik Deutschland herbeigeführten Investigation der den bundesrepublikanischen Heimkindern in der Nachkriegszeit zugefügten Leiden, Gisela Nurthen, schrieb schon am 30.08.2003 zu diesem Thema, aber niemand (ausser DER SPIEGEL) war zu der Zeit bereit darüber zu berichten.

    SYSTEMATISCHE KINDESMISSHANDLUNG IN KIRCHLICHEN HEIMEN – AUSBEUTUNG VON KINDERN IN MASSIVEN WIRTSCHAFTSUNTERNEHMEN DER KIRCHEN IN DEUTSCHLAND.

    WER SCHWEIGT, MACHT SICH (MIT)SCHULDIG.

    Hier geht es um ein noch immer verschwiegenes, dunkles Kapitel der jüngsten deutschen Nachkriegsgeschichte. Kein fiktives Psycho-Drama, sonder um einen gesellschaflich-politischen Skandal, um Verbrechen größten Ausmaßes: Hunderttausende von Kindern und Jugendlichen wurden von Kriegsende bis hinein in die 80er Jahre in kirchlichen Kinder- und Fürsorge-Erziehungsheimen gefangengehalten, geprügelt, gedemütigt, psychisch und physisch gefoltert. Sie wurden all´ ihrer Menschenrechte beraubt, lebten in einem Vakuum der Entrechteten. Vom Grundgesetz 1949 durch die Volksvertretungen, Artikel 1: ``Die Würde des Menschen ist unantastbar´´ waren sie ausgeschlossen, sie waren Parias. Durch Staat und Kirche waren sie unmenschlichen und herabwürdigenden Erziehungsmethoden ausgesetzt, sodaß die meisten von ihnen noch heute durch diese brachialen Gewaltanwendungen zu leiden haben. Sie sind traumatisiert, leben oft am Rande der Gesellschaft und haben schwer zu kämpfen.

    Obwohl es für jeden Mißstand in der Gesellschaft einen Verein oder eine Lobby gibt, für diese Opfer gibt es sie nicht. Im Gegenteil, ein großer Teil der Gesellschaft zeigt ausgeprägtes Desinteresse. ``Was nicht sein darf, ist auch nicht´´, scheint die Maxime zu sein. Man schielt in´s Ausland und empört sich über die Menschenrechtsverletzungen dort, anstatt erst einmal nachzufragen, wie es möglich war, daß mitten unter uns, in einer neuen Demokratie, während des Wirtschaftswunders und des Wiederaufbaus, Kinder und Jugendliche lautlos verschwinden konnten und oft jahrelang nicht wieder auftauchten. Eltern und Verwandte vermuteten sie in guten Händen bei den frommen ``Schwestern´´, Lehrer fragten nie nach, wo die Kinder eigentlich sind, Nachbarn waren zu sehr mit sich beschäftigt. Aber die Initiatoren, die Landschaftsverbände und Jugendämter, zusammen mit den Vormunden wußten, in welch horribles Terrain sie die Minderjährigen schickte. Sie übergaben das Sorgerecht den ``Schwestern´´ und ``Brüdern´´, die diese familienbezeichnende Anrede nicht verdienten. Sie praktizierten, nur kurz nach Kriegsende, weiterhin Alt-Nazi-Methoden, diesmal aber in fundamentalistisch-christlichen Sinne. Die Täterschaft waren die Ordensleute der beiden Amtskirchen, im Habit Gottes.

    Verstreut in jedem Bundesland existierten diese Heime, umzäunt oder hochummauert, nicht selten auch mit Wachhunden für die Nacht. In den Heimen herrschte ein Terror-Regime, das heutzutage nur schwer verständlich ist. Dort war man sich jeder Minute seiner Wehrlosigkeit bewußt und wagte deshalb auch nicht zu rebellieren, es hatte ja doch keinen Sinn: Kinder mußten ruhig sein, das war oberstes Gebot, und da setzte es dann Ohrfeigen, falls man trotzdem sprach.

    Zur Ruhigstellung gab´s morgens Valium oder Truxaletten-Saft, und die Müdigkeit machte es vielen Kindern unmöglich, effektiv lernen zu können. Die Spuren der Schläge waren den Sportlehrern bekannt, oft waren Wunden und Striemen sichtbar, aber das kümmerte niemanden, es handelte sich ja sowieso ``nur´´ um ungewollte, verwaiste oder vernachlässigte Kinder, die kaum der Rede wert waren.

    Diese Kinder, die sich schon durch familienbedingte Defizite nach einem besonderen Maß an Liebe und Zuwendung sehnten, wurden nicht durch notwendiges Verständnis oder Schutzbedürfnis seelisch kompensiert, sondern zusätzlich durch Spott, Hohn und Erniedrigungen im Schmerz noch akzentuiert.

    Die ``Barmherzigen Schwestern´´ hatten kein Erbarmen, im Gegenteil, wer am wenigsten an Familienangehörigen aufzuweisen hatte, wurde zur besonderen Zielscheibe auserkoren. ``Du Taugenichts, kein Wunder daß du deine Mutter in´s Grab gebracht hast´´, oder ``wer will dich denn schon, du bist nicht umsonst hier, bist nichts und wirst auch nichts werden´´, oder ``bist eine Teufelsbrut deiner Mutter, wirst auch in der Gosse landen, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.....´´. Das waren die Standard-Verbal-Injurien, die aus frommen Kehlen auf die Kinder niederprasselten. Wer eine Widerrede wagen sollte, wurde weggesperrt.

    Wer weinte, bekam noch zusätzlich eine Tracht Prügel, denn auch Emotionen waren verboten. Mit verzerrten, glühenden Gesichtern schlugen sie zu, als wollten sie ``den Teufel austreiben´´, und das verbalisierten sie auch simultan mit kreischenden Wortfetzen. Rage konnte hervorgerufen werden durch ``Schwätzen´´, durch plötzliches Aufstehen vom Stuhl oder Ähnliches. Dinge, die normale Kinder naturgemäß tun. Danach ging´s dann oft in die Kapelle zum Beten und eine andere Nonne kam und dann war erstmal wieder Ruhe. Bis eines der nächsten Kinder wieder gegen irgendein Gebot verstieß und dann ging das Geschrei von vorne los.

    Der Bedarf an sehnsüchtiger Liebe wurde jäh zurückgewiesen, denn das gehörte nicht in das restriktive, gottgewollte Schema. So resultierte aus Terror Angst, und Angst erzeugt Schweigen. Und geschwiegen haben sie, die Kinder. Sehr lange sogar.

    Geschwister wurden oft über Jahre hinweg voneinander separiert, denn Ordnung mußte ja schließlich sein: Mädchen gehörten, auch im Kindesalter, einfach nicht zu den Jungs. Da gab es nun viele Geschwister, die durch diese perverse ``Ordnungsliebe´´jahrelang nebeneinander her lebten, sich aber nicht sehen oder besuchen durften. Familienbande mußten durchschnitten werden, auch Elternliebe wurde verhöhnt oder durch ironische Bemerkungen in´s Lächerliche gezogen. Sowas lockte dann schallendes Gelächter aus den ``Bräuten Christi´´. Die frommen Schwestern waren keine identitätsstiftenden Vorbilder. Für viele Kinder, die sonst niemanden auf der Welt hatten, waren sie nichts anderes als Schimären. Zerrbilder einer Erwachsenenwelt, die aus der Hölle zu kommen schienen.

    Der Modus Vivendi der Kinder schloß jede Individualität aus. Ergebenheit, Resignation und eine zehrende Tristesse waren die täglichen Begleiter dieser wehrlosen und hilfsbedürftigen Geschöpfe. Dazu kam dann noch die soziale Stigmatisierung durch die Gesellschaft. Als ``dumme und verlogene´´ Heimkinder wurden sie in der Schule, oft genug auch von Lehrern, geächtet. Spielkameraden grenzten sich ab, der Umgang mit Heimkindern wurde von vielen Eltern verboten.

    Viele von den lieben Schwestern leben noch heute, man trifft sie lächelnd bei Einkäufen oder auf Spaziergängen. Viele dieser Kinderheime reichten dann ihre Kinder, sobald sie 14 Jahre alt waren, weiter an die Fürsorge-Erziehungs-Heime.

    Für diese Kinder bedeutete das eine Fortsetzung ihrer jahrelangen Misere. Jungs kamen zu den Mönchen, Mädchen wieder zu den Nonnen. Dort wartete dann die berüchtigte Zwangsarbeit auf sie, mit der sie zu Tausenden die Gottesleute bereicherten. Aus der Bevölkerung wurden dann auch, aus lächerlichen Nichtigkeitsgründen, Jugendliche eingewiesen. Als ``verwahrlost´´ wurden fast alle eingestuft: einen Freund zu haben war sittenwidrig, Grund genug für eine Einweisung. Gerne zu flirten oder sich zu schminken ebenfalls, zu enge Nietenhosen oder zu kurze Röcke, eben alles, was nicht in die damalige, heuchlerische und miefige Zeit paßte. Auch Flüchtlings- oder Schlüsselkinder wurden gezielt verfolgt und eingesperrt, damit sie Zucht und Ordnung lernten.

    Auch bei sexuell mißbrauchten Jugendlichen gab es kein Pardon, sie wurden gezielt bestraft, denn für die Nonnen waren sie die Täter. Das wurde ihnen jede Minute des Tages klargemacht: Sie seien des Teufel´s Verführung in Menschengestalt. Betont werden muß noch, dass der Prozentsatz der Ausreißer oder Suizide beächtlich war, auch darüber herrscht Schweigen.

    Wie konnte das passieren, noch dazu so kurz nach Kriegsende? In einem von Kultur scheinbar saturiertem Land? Man müßte doch denken, wir hätten uns damals mit sozial-politischem Wissen etabliert, denn schon zur Weimarer Zeit hatten progressive Ärzte und Pädagogen den richtigen Durchblick. Auch an Veröffentlichungen und Literatur mangelte es nicht: Erich Fromm und Bruno Bettelheim waren schon damals ein Begriff. Die große Anna Freud schrieb über ``Heimatlose Kinder´´ und blickte den Kleinen in die Seele. Alexander und Margarethe Mitscherlich veröffentlichten ihre Studien. Ging all´ dies pädagogische Wissen, zusammen mit der jüdischen Kultur, in Rauch auf ? Es scheint so. Denn für uns galten, durch die kirchlichen Institutionen, weiterhin die Theorien der erb-biologischen Belastung, die lebende Erbsünde, der mit regelrechtem Exorzismus entgegengesetzt werden mußte. Die menschenverachtende Ideologie der katholischen Kirche setzte sich kontinuierlich nach 1945 fort, wir fielen also unter die ``Minderwertigen´´, bzw. ``Volksschädlinge´´.

    Der Jesuit Hermann Muckermann (1877-1962), ein rastloser Wanderprediger der Erbhygiene schon während der Weimarer Zeit, gönnte in seinen Schriften den ``Fürsorge-Zöglingen´´ das Leben nicht. Aus dem Jahrbuch der Caritas-Wissenschaft, Herausgeber Prof. Dr. Franz Keller, lesen wir:`` Echter Caritasdienst muß Dienst der Rassenhygiene sein, weil nur durch die Aufartung des Volkes auch die beste Grundlage für die Ausbreitung des Reiches Gottes auf Erden geschaffen wird, weil die Aufartung des Volkes Lebensgestaltung, Lebensbereicherung bedeutet und so im Dienste des Schöpfers und Erlösers steht.´´ Diese ideologischen Auswüchse des Dritten Reiches wurden nach 1945 in den Erziehungsheimen weiter befolgt. Ein anderer Hecht im Karpfenteich ist aber der katholische Theologe Joseph Mayer aus Paderborn, der für Himmler ein Gutachten – natürlich ein positives – zur Euthanasie der ``Minderwertigen´´ ausstellte. Unter die ``Minderwertigen´´ fielen auch die ``Fürsorge-Zöglinge´´, die sogenanten ``Ballastexistenzen´´ am deutschen Volkskörper.

    Das ist die unglückselige katholische Tradition, die wir ja leider bei den Nonnen damals kennengelernt haben. Von deren reform-pädagogischen Ausbildung kann also keine Rede sein. Stöcke, Fäuste und ein unerschöpfliches Vokabular an Gemeinheiten dienten zur Beseitigung unserer Erbsünden. Gegenseitig haben sie sich in ihren Grausamkeiten gestärkt und übten ihr kollektives Machtpotential an uns aus.

    Schwestern, die sich diesen Brutalitäten nicht anschließen wollten, denn das gab es durchaus, wurden entweder versetzt oder waren schlimmen Schikanen ihrer Mitschwestern ausgesetzt.

    Straffällig war kaum jemand der Fürsorge-Zöglinge, dafür dienten die Arbeitslager, bewacht von Justizvollzugsbeamten, oft mit scharfen Hunden. Dem Gottespersonal in den Heimen ging es grundsätzlich nur um eines: Durch unbezahlte Zwangsarbeit unsere Sünden reinzuwaschen und damit ihnen zu dienen. Oft auch mit Arbeiten im Akkord für Firmen wie Claas, Schlaraffia oder Hella-Lampen. Diese Firmen lieferten ihr Material an die Heime und die Jugendlichen mußten unter menschenunwürdigsten Bedingungen dann die Fertigprodukte liefern.

    In manchen Heimen, z.B. in dem massiven Wirtschaftsunternehmen der Diakonie, Anstalt Freistatt im Hannoverschen (Teilanstalt der v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel, bei Bielefeld), wurden die Jugendlichen zur Schwerarbeit im Moor zur Schwarz- und Weißtorfgewinnung herangezogen. Reitgurten,Torflatten und Forkenstiele standen den durchweg pädagogisch ungeschulten ``Erziehern´´ dort zur Verfügung, und da gab´s dann mal öfter was drüber, wenn´s nicht schnell genug ging.

    Mädchen schufteten in Wäschereien bis zum Umfallen. Dabei mußte das strenge Redeverbot eingehalten werden. Nur das Singen von Marienliedern war Pflicht. In diesen Liedern wurde dann die Liebe, Güte und Gnade gepriesen, mit der wir doch jetzt gesegnet seien.

    Wer nicht parierte, wurde, unter Umständen tagelang, in eine Isolierzelle gesperrt, mit Pritsche und Eimer als einziges Inventar. Kein Sozial-Pädagoge, Sozialarbeiter oder Ansprechpartner war für uns da. Keine Inspektionen, bei denen Interesse an uns gezeigt wurde. Wir waren verdammt in diesem Höllenhaus, zusammengepfercht in eine Notgemeinschaft—jedoch war jeder für sich allein in seinem Leid.

    Wer einen sehnsüchtigen Blick durch die vergitterten Fenster wagte, wurde bestraft. Nach draußen kamen wir überhaupt nicht, alle Türen waren permanent verschlossen. Viele, auch ich, sehnten sich nach einem staatlichen Gefängnis ohne Nonnen, nur um unsere Ruhe zu haben. Dies wurde mir verweigert mit der Begründung: ``Nein, du bleibst hier, es liegt doch keine Anklage vor´´.

    Hervorgehoben werden muß die Tatsache in diesem ganzen Elend: Diese seelischen Vernichtungsmaßnahmen hatten nur ein Ziel im Auge: das Brechen des Willens. Devot, roboterhaft und apathisch sollte die Arbeit erledigt werden, Buße tun für die Sünden. Das war in ihrem Sinne, denn gleichzeitig versorgten wir sie, die Nonnen und Mönche und somit die Kirche, mit immensen Geldeinnahmen. Die einem relgiösen Wahn entsprechende, rigide Form der Gehirnwäsche, der sie uns unterzogen, diente dafür als Fundament.

    Individualitäten, welcher Art auch immer, mußten ebenfalls beseitigt werden, denn nur durch Uniformismus war reibungsloses Arbeiten garantiert. Persönliche Charaktereigenschaften, die doch oft einen Menschen erst recht liebenswert machen, wurden verhöhnt und wenn nötig, mit Einzelhaft bestraft, ``bis man wieder zur Besinnung kommt´´.

    Die Lebensessenz wurde uns entzogen, wovon viele von uns sich nie mehr erholten. Alles wurde bestraft: Lachen, Weinen, ein Fünkchen Humor, falls noch vorhanden, das Schließen von Freundschaft. Und immer wieder: SCHWEIGEN.

    Petzen oder gegenseitiger Neid, kombiniert mit Mobbing, wurde allerdings gern gesehen, das war ganz im Sinne der frommen Schwestern und das verwendeten sie dann auch für ihre Zwecke.

    Jegliche Post, ein- und ausgehend, wurde zensiert. Besuche von Eltern waren erlaubt, allerdings nur alle paar Wochen, die Gespräche wurden allerdings von einer Nonne belauscht. Telefon, sowie Print-Medien gab es nicht. Presse, TV und Radio umwehte ein verruchter Wind, denn im Grunde war alles `Teufelszeug´. Außer religiösen Sendungen, die dann dem Zwecke der Belohnung dienten, bekamen wir von der Welt nichts mit.

    Gegessen werden mußte alles, und war es noch so ekelhaft. Oft schwammen im Eintopf glänzende Speckschwarten, an denen noch die Borsten hafteten. Mußte man erbrechen, so wurde man gezwungen, das Erbrochene ebenfalls zu verzehren. Oft auch aus der Kloschüssel.

    Nun verlangen wir, Jahre nach diesem Inferno, ein offenes Gespräch, eine Erklärung, eine Entschuldigung. Aber immer noch fühlen sich die Kirche im Recht, ignoriert uns und hofft, ``dieser Kelch möge an ihnen vorübergehen.´´

    Viele von uns, die ehemaligen Heimkinder, haben ihr unerträgliches Leben selbst frühzeitig beendet, viele sind krank, psychisch und physisch. Wir alle haben keine Rentenansprüche für diese Zeit der harten Arbeit, alle Akten seien vernichtet oder unauffindbar.

    Wir waren ihre Schutzbefohlenen, FÜRsorge-Kinder, Minderjährige, sie hatten das SORGErecht! Sie haben uns in jeder Hinsicht mißbraucht, ein Kirchen-Verbrechen in zig-tausendfacher Ausführung. Sie, die doch Armut gelobt haben, bereicherten sich an uns. Sie ließen uns zerstört zurück.

    Wenn sie aus ihren Klostermauern hervorkommen, dann schweigen und lächeln sie. Sie lächeln viel und grüßen immer sehr nett.
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    Besinnliches
    Nichts
    Die Hölle war total überfüllt, und noch immer stand eine lange Schlange am Eingang. Schließlich musste sich der Teufel selbst herausbegeben, um die Bewerber fortzuschicken.

    "Ein einziger Platz ist noch frei, den muss der ärgste Sünder bekommen" rief er. "Ist vielleicht ein Mörder da?" Er hörte sich die Verfehlungen der Anstehenden an.

    Schliesslich sah er einen, den er noch nicht befragt hatte.

    "Was haben Sie getan?" fragte er ihn. "Nichts. ich bin ein guter Mensch und nur aus Versehen hier." - "Aber Sie müssen doch etwas getan haben! Jeder Mensch stellt etwas an" -"Ich sah es wohl", sagte der Mann, von sich überzeugt, "aber ich hielt mich davon fern. Ich sah, wie Menschen ihre Mitmenschen verfolgten, aber ich beteiligte mich nie. Sie haben Kinder hungern lassen und in die Sklaverei verkauft; sie haben auf den Schwachen herumgetrampelt. Sie haben von ihren Übeltaten jeder Art profitiert. Ich allein widerstand der Versuchung und tat nichts." "Absolut nichts?", fragte der Teufel ungläubig. "Sind Sie völlig sicher, dass Sie das alles angesehen haben?" - Vor meiner eigenen Tür!"- " Und nichts haben Sie getan?" wiederholte der Teufel.- "Nein!"

    Da sagte der Teufel: "Komm herein, mein Sohn. Der Platz gehört Dir"!

    [Entnommen von der Webseite der Neuapostolischen Kirchengemeinden „Weiler zum Stein“ und „Nellmersbach“, www.leutenbach-nak.de, unter der Rubrik „Besinnliches“]

    [ Kopie des Ganzen versandt an alle Zeitungen in Deutschland und auch an die Medien im Ausland. ]

    [ Ein Original wurde am 6.12.2003 auch der Bundesministerin für Justiz, der Bundesregierung Deutschlands, Brigitte Zypries, zugeschickt, mit einer Bitte um ihre "sofortige Stellungnahme". ]

    Eine besser formatierte Version dieses Artikels erscheint auch @ http://www.heimkinder-ueb...

  2. Von einem Heimkinderopfer selbst, der heute ca Jahre alt ist und seit ca 43 Jahren in Australien lebt. Ich trauere um einen guten Freund, Gisela Nurthen, der wir es alle zu verdanken haben, das diese "verdrängte Geschichte der Heimkinder in der Bundesrepublik" nun endlich mal ans Tageslicht gekommen ist.

    Dank aber gehört natürlich auch vor allem Peter Wensierski vom SPIEGEL, der bereit war dieses bisher in Deutschland tabuisierte Thema zuerst aufzugreifen, nachdem er von Gisela Nurthen im Frühjahr 2003 kontaktiert worden war. Drei lange Jahre hat es dann gebraucht diese Buch zu recherchieren: "Schläge im Namen des Herrn", und wir - alle von uns die davon wussten - haben geduldig darauf gewartet, dass dieses Buch bald erscheinen würde. Nun ist es endlich da. Und wir hoffen, das es auch in allen Schulen und höheren Bildungsinstitutionen in Deutschland zum Thema gemacht werden wird.

    Der folgende Artikel, ist einer von drei Artikeln, den Gisela Nurthen, selbst, schon im Jahre 2003 verfasst hat (unter dem Pen-Namen Regina Gazelle):

    DAS SCHWEIGEN DER (UNSCHULDS)LÄMMER : KIRCHE UND STAAT
    – betreffs Institutioneller Kindesmisshandlung in meistens kirchlichen Heimen in Deutschland

    Es ist schon erstaunlich und macht einen nachdenklich, wenn man erwägt, dass bis heute eines der größten Verbrechen der deutschen Nachkriegsgeschichte- und Sozialpolitik einfach unter dem Deckel des Schweigens verschwindet. Aber unter dem Deckel brodelt es, denn was bekanntlich lange vor sich hinkocht, läuft irgendwann mal über den Rand. Und seit einiger Zeit schon ist das jetzt der Fall.

    Damit sind aber scheinbar unsere führenden Politiker aller Parteien völlig überfordert. Ebenfalls die "Hoheiten" der beiden deutschen Amtskirchen. Denn sie alle sind verantwortlich für die Kinder und Jugendlichen der Nachkriegsjahre, die in den von ihnen geleiteten 'Heimen' unfaßbaren Leiden ausgesetzt waren: Zwangsarbeit, Demütigungen, Folterungen, Misshandlungen und Missbrauch.

    Die Opfer dieser Leidenszeit sind jetzt aber motiviert darüber zu berichten, ein öffentliches Unrechtsbewußtsein zu fordern und ihre Rechte geltend zu machen. In Kinder- und sogenannten "Fürsorge"-Heimen wurden die Hilfsbedürftigen und ihre Menschenrechte mit Füßen getreten, gemäß der Leitschnur der Nationalsozialisten, und weitergehend so nach 1945; und auch nach 1949 wurde es massenhaft fortgesetzt, noch before die Tinte beim Unterschreiben des Grundgesetzes trocken war. Kinder wurden halbtot geprügelt, in Isolierhaft gesteckt und fast bis zum Verhungern liegengelassen.

    Was jahrelang verdrängt und verschwiegen wurde, zu schwersten Traumatisierungen führte, hat jetzt eine Sprache bekommen. Einige mutige Medienvertreter bringen an’s Tageslicht, wovon jahrzehntelang niemand etwas wissen wollte. Die Medienpräsenz einiger ehemaliger Opfer motivieren weitere der Geschädigten aus ihrer Isolation und aus ihrem autistisch geführtem Leben herauszubrechen, um ihrem Dasein einen neuen Sinn zu geben: dem Sinn der Aufklärung jetzt nachzugehen und ihn leidenschaftlich und mit Entschlossenheit zu verfolgen.

    Warum tut sich Deutschland damit schon wieder so schwer? Warum wird wieder verleugnet? Oder ist es wirklich so, dass uns erst wieder das Ausland auf die Sprünge helfen muß, diese dunkelsten Jahre der Kindheitsverbrechen an unseren deutschen MitbürgerInnen verständlich zu machen? Lokale und überregionale Print-Medien, TV und Hörfunk haben jetzt angefangen ab und zu mal darüber zu berichten; allerdings schweigt die Gesellschaft als Ganze, schweigen die Kirchenvertreter und Politiker, noch immer. Unwillkürlich (was die beiden deutschen Amtskirchen und die Politiker betrifft) denkt man dann aber auch sofort an die drei sitzenden Affen: Der erste will nichts hören, der zweite will nichts sehen, und der dritte will nichts sagen. Oder ist es der bekannte Wind, der uns schon nach 1945 umwehte? Man wusste nichts, aber man wusste doch nicht so recht ob man was wusste?

    Hatten ehemalige Bedienstete in diesen 'Heimen' Angst um ihre beruflichen Zukunftschancen, oder waren sie schon infiziert vom "Erreger" der Brutalität? Warum schwiegen Ärzte, Studenten, Lehrer, junge Novizen und Priester der Orden, Diakonissen und Diakone des Evangeliums, die angeblich ihr Leben der Nächstenliebe geweiht hatten? Alle sahen die Wunden, die Eiterbeulen, die Striemen, die geschwollenen Gesichter verursacht durch Schläge – sie blickten doch täglich in die blutunterlaufenen Kinderaugen! Ist es nicht beschämend, in Deutschland mit einer fast 60 Jahre langen Lücke in der Heim-Pädagogik aufweisen zu müssen? Ja, wir haben alles gelesen, haben turmweise Bücher aus pädagogischen Fachhochschulen nach Hause geschleppt, um irgend etwas zu finden, was wir selbst erlebt hatten. Es ist verdammt hart zu finden. Alles bleibt tabuisiert, verschwiegen und versteckt, bis heute.

    Geht es aber um Mißstände im Ausland, wird eiligst das Mäntelchen des politischen Gutmenschen übergestreift um sich dementsprechend zu profilieren. Auch die Medien werden nicht müde, über Kinder-Zwangsarbeit, Kinderfolterungen oder über Käfig-Haltung von Kindern in irgendwelchen anderen Ländern zu berichten. Da braucht ihr gar nicht so weit schauen, wir sind hier, wir leben noch, wir haben die deutsche Version von 1945-1985, über zwei Generationen hinweg am eigenen Körper erlebt! Während in Kinos "Grün ist die Heide" lief, waren Hunderttausende von Kindern und Jugendlichen wehrlos einem Terror-Regime ausgesetzt, hinter Stacheldraht oder hohen Mauern, oder in Abgelegenheit in Teufelsmooren wie zum Beispiel im Betheleigenen Freistätter Wietingsmoor im Hannoverschen, wo dieses Terror-Regieme mindestens für insgesamt 86 Jahre von Bethel getrieben wurde.

    Versuche von einigen "ehemaligen Heimkinder" durch Internet-Foren mit Politikern oder Kirchenverbänden die Sache aufzuarbeiten, scheitern schon beim ersten Versuch. Es wird weiterhin verhöhnt, verleugnet, überhaupt nicht geantwortet oder einfach gelöscht. Gelöscht?! Das läßt Erinnerungen an die Bücherverbrennung während der NS-Zeit hochkommen!

    Wir alle, Mitglieder der *Bundes-Interessengemeinschaft der missbrauchten und misshandelten Heimkinder in Deutschland, 1945-1985*, international vertreten durch den *Bund der (jetzt aktiven) von den Kirchen in Deutschland in Heimen misshandelten Kinder, 1945-1985* sind und waren immer bereit für eine direkte Konfrontation mit den Verantwortlichen, um unsere Traumata besser verarbeiten zu können. Leider müssen wir immer wieder erfahren, dass wir weiterhin unerwünscht sind, und kein Interesse an den Folgeerscheinungen dieser Leidenszeit besteht. Allein der Landschaftsverband Westfalen-Lippe erklärte sich bereit, Gespräche mit uns zu suchen und unsere Akten ausfindig zu machen. Dieses Versprechen wird auch eingehalten.

    Doch sollten auch die jetzigen Nachfolger und Verantwortlichen von Kirche und Politik diesem Beispiel folgen und diesem Teil der Geschichte nachgehen. Sie sollten nicht weiter so tun, als hätte es diese Zeit nie gegeben. Es gab sie, und wir sind ihre Zeitzeugen!

    Auch ist es für die jüngere Generation wichtig, über diese Zeit zu erfahren. Immer wieder werden wir gefragt: "Warum steht soetwas nicht in Geschichtsbüchern? Wir dachten, nach 1945 war Schluß damit." Da müssen wir dann leider antworten, dass es für uns erst richtig anfing, und dass niemand sich um uns kümmerte.

    Jetzt aber stehen wir die betroffenen "ehemaligen Heimkinder" Deutschlands vereinigt und entschlossen einander zur Seite: einer für alle und alle für einen – gemeinsam anstatt einsam. Und so treten wir jetzt unseren damaligen Peinigern entgegen und verlangen einstimmig unser Recht auf Gehör.

    Anscheinend aber, auch in heutigen Zeiten, "In Deutschland gilt der jenenige als viel gefährlicher, der auf den Schmutz hinweißt, als der, der ihn gemacht hat." Carl von Ossietzky

    Wie junge Knospen reckten wir uns
    Der Sonne entgegen
    Wollten das Leben probieren
    Wollten vom sanften Wind
    Der Liebe gestreichelt werden
    Wollten tanzen, wollten Bewegung
    Wollten stark werden
    Doch die Bräute Christi
    Fesselten uns
    Mit dem Befehl eines permanenten Silentiums.
    Wir wollten wachsen und gedeihen.
    Wir gingen nur etwas in die Höhe.

    Ein Meer von Blüten der Jugend
    15, 16, 17, 18 Jahre alt
    Warteten hoffnungsvoll auf eine Zukunft
    Doch Gottes stellvertretende Hände
    Wurden Fäuste, peitschten nieder
    Auf junge Körper und Seelen
    Ertränkten uns im Meer eigener Tränen.
    Viele weinen noch immer!

    Der besser formatierte Version dieses Artikels erscheint auch @ http://www.heimkinder-ueb...

    Wenn es der DIE ZEIT recht ist, bin ich auch bereit Kopien der anderen zwei Artikel (einer davon in Englisch) und weitere Kommentare von Gisela Nurthen zur Veröffentlichung in DIE ZEIT oder auch im SPIEGEL zur Verfügung zu stellen. Das war auch Giselas letzter Wunsch.

    • roro11
    • 13.02.2006 um 14:01 Uhr

    Diese Praxis der schwarzen Pädagogik hat es nicht nur in „Fürsorgeheimen“ gegeben, sondern auch in Internaten unter Leitung der katholischen Kirche.
    Ich weiß, wovon ich spreche, denn ich selbst war in einem solchen Internat unter der Leitung der Salesianer Don Bosco
    Es gab zwar nicht den so genannten „Besinnungsraum“, aber brutale Schläge und mobbing waren an der Tagesordnung (ich war nicht davon betroffen, da mein Vater wohl Spenden dem „Erzieher“ zukommen ließ). Auch gab es das Sprechverbot auf der Toilette, im Schlafsaal und zum Teil im Speisesaal, Spaziergänge nur unter Aufsicht, die Postzensur und natürlich den Zwang zum Kirchenbesuch (jeden Morgen eine Messe, sonntags zwei und eine Andacht). Dies geschah alles unter dem Deckmantel der „Nächstenliebe“ und des „Wohlwollens“.
    Ich habe nie verstanden, warum Eltern Ihre Kinder in ein solches Internat schicken konnten. Doch es muss bei meinen Eltern ein blindes Vertrauen in die katholische Kirche und ihren Organisationen in Verbindung mit einer preußisch-katholischen Weltanschauung bestanden haben, so dass kein Unrechtsgefühl aufkam.
    Dass ich, so glaube ich, keinen größeren psychischen Schade, wie andere(z.B. Jürgen Bartsch, er war in diesem Internat mein Messdienerpartner) davon getragen habe, wundert mich heute noch.
    Gruß roro11

    • swerba
    • 09.02.2006 um 15:21 Uhr

    es ist grausam lesen zu müssen, was früher möglich war und es niemanden gab der das unterbinden konnte. diese kinder waren den erwachsenen und gottesdienern ausgeliefert, denn diese handelten ja ausschließlich im namen gottes. vor ca. 2 jahren hat hollywood eine gelungene verfilmung,wie ich finde, die genau dieses problem beschreibt, herausgebracht. sehenswert, traurig und stiftet zum nachdenken an.

  3. Und nichts hat so viele Menschen um ihr Leben oder zu Tode gebracht, wie die gute christliche Barmherzigkeit. Wenn man sich die christliche - im Speziellen die katholische - Sexualmoral betrachtet, hat man die tiefenpsychologische Erklärung schnell zur Hand: Auf blinden, durch sexuelle Selbstunterdrückung hervorgerufenen Selbsthass stösst die Anweisung des Nazareners : Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Und das tun sie dann auch.

    • iceman
    • 12.02.2006 um 17:51 Uhr

    Handelt es sich bei diesem Artikel um einen Ersatz für die von einigen geforderten Jesus-Karikaturen?
    Der Verdacht drängt sich auf, wenn ausgerechnet jetzt so ein Artikel erscheint, nebst passendem Foto.

    Nichts gegen den Artikel selber, der über die Mißstände in den kirchlichen Erziehungsanstalten der 60er-Jahre berichtet, aber erstens hätte die ZEIT besser damals darüber berichtet, und zweitens gab es, in der deutschen Nachkriegszeit, nicht nur in Erziehungsheimen ein hohes Maß an Gewalt gegen Kinder. Das gab es auch in vielen Familien.

    In der deutschen Mehrheitsgesellschaft ist das Phänomen des häuslichen Prügel-Patrons weitgehend verschwunden.

    Dennoch gibt es heutzutage wieder diese Kinder, die in einem sehr patriarchialischen Elternhaus aufwachsen, zuwenig Rückzugsmöglichkeiten haben, zuwenig Bildungsanreize erhalten, und als Ersatz dafür zuviel Schläge kassieren.

    Die Intention des vorliegenden Artikels ist schon klar (wir sind ja nicht blöd), nur liegt ein großes Problem der heutigen Medien in einer Art Relativierungs-Süchtelei, wodurch leider immer wieder Alibis geschaffen werden für die Verantwortlichen der Mißstände (und das sind immer Individuen, niemals eine ganze Gruppe von Menschen).

    • poeblo
    • 12.02.2006 um 12:59 Uhr

    dass einmal mehr einer unserer besten das bundesverdienstkreuz bekommen hat. wie wäre es mit ein paar nachtschatten, gestrenger ausgezeichneter herr?

  4. Es geht um die heutige Situation hier, nicht um eine graue Vergangenheit. Von wegen "nie wieder" und "was frueher moeglich war"! Wie sieht es heute aus in den religioesen Institutionen, die unsere Kinder "betreuen"?

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