Er ist der Pater der Herzen. Das haben die Zeitungen über ihn geschrieben. Er hat ein Bundesverdienstkreuz bekommen, den Verdienstorden von Berlin, gibt gern Interviews und stellt sich vor die Fernsehkameras. Er ist ein regionaler Medienstar, der in Talkshows sitzt. 30 Jahre lang hat der Salvatorianerpater Vincens im Berliner Knast Tegel »schwere Jungs« betreut, da kann er viel erzählen. Was davor war, hat ihn kaum einer gefragt. Der "Gute Engel" des Gefängnisses Berlin-Tegel, Pater Vincens, auf dem Neujahrsempfang 2002 des damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau. BILD

Gerald Hartford lebt 300 Kilometer entfernt bei Hildesheim und ist ein schweigsamer Mensch. Er verlässt selten seine Wohnung. Der Fernseher ist sein Tor zur Außenwelt. Und in diesem Tor hat er zufällig seinen früheren Heimerzieher wiedererkannt. Pater Vincens gilt ihm als »Peiniger seiner Jugendjahre«. Hartford hat lange mit sich gerungen, ob er es durchhalten würde, die ungewohnt lange Fahrt, die Konfrontation mit dem cholerischen katholischen Priester.

Nun stehen sich die beiden gegenüber. Auf der gepflasterten Terrasse seines schmucken Alterssitzes, des Salvatorianerklosters Berlin-Lankwitz, gibt der Gottesmann nur zögerlich zu, vor seiner Berliner Zeit in einem Erziehungsheim gearbeitet zu haben. Gerald Hartford hält in der einen Hand ein Foto, das ihn mit 18 Jahren zeigt, in der anderen eine Zeichnung des berüchtigten »Bunkers«. Einer dunklen Zelle im Keller des Salvator-Kollegs Klausheide im westfälischen Örtchen Hövelhof. Hier wurden die Kinder eingesperrt, wenn ihre Erzieher sie abstrafen wollten.

Pater Vincens, sonst immer eine Spur zu laut, hat es die Sprache verschlagen. Der Mann ist offenbar erschrocken über die unverhoffte Begegnung mit der verdrängten Vergangenheit. Ob er noch wisse, fragt ihn Hartford, was er mit ihm damals gemacht habe? Der Pater schaut auf das Bild seines früheren Zöglings, nimmt es in die Hand. Plötzlich scheint er sich an etwas zu erinnern, will das Foto loswerden. Er hält es angewidert von sich, als sei es verseucht von den Erinnerungen, die er nicht hochkommen lassen will. »Nehmen Sie mal? Bitte, hier! Nehmen Sie’s mal ab!«

Der strenge Pater verweigert seinem ehemaligen Zögling das Gespräch

Nein, über die Zeit, bevor er nach Berlin kam, mag der Pater nicht sprechen. Hartford zittert am ganzen Körper, sagt aber ruhig, dass ihn der Pater damals immer wieder eingesperrt habe. Ja, räumt der Mönch schließlich ein, man habe schon mal Störenfriede in einen »Besinnungsraum« gesteckt. »Aber nur kurz.« Besinnungsraum? Oder Bunker? Gerald Hartford erinnert sein Gegenüber daran, dass er viele Wochen in dieser Zelle, auf einer Holzpritsche ohne Matratze, in der Ecke ein Eimer für die Notdurft, zubringen musste. Der Jugendliche hatte vergeblich versucht, dem Arbeitszwang, den ständigen Schlägen und Demütigungen der Salvatorianerbrüder durch Flucht zu entkommen. Er will endlich über diese Zeit mit den Verantwortlichen sprechen. Er hofft auf eine kleine Geste der Entschuldigung.

»Das hatte ich nicht zu verantworten«, verteidigt sich Pater Vincens, der Geralds Gruppe unter sich hatte. Er sieht sich nach den Nonnen am Eingang um, die interessiert herüberschauen, dann wirft er energisch seinen Kopf in den Nacken und sagt: »Deswegen muss ich jetzt wohl das Gespräch beenden.« Pater Vincens lässt Hartford einfach stehen. An der Klosterpforte dreht er sich noch mal um und ruft: »Und bitte, verlassen Sie das Grundstück.«

Bevor Gerald Hartford nach Berlin kam, hatte er sich zum ersten Mal seit 33 Jahren wieder in sein ehemaliges Kinderheim hineingewagt. Die Baracken, in denen er einst schuftete, sind penibel renoviert. Der Strafbunker und seine früheren Schlafräume blieben tabu, weil das ehemalige Heimkind die heutigen Heimkinder hätte stören können, hieß es. Immerhin förderte man einen angegilbten Ordner aus dem Archiv des Heimes zutage. Hartford, der kurz darin blättern durfte, war fassungslos. Die Akte enthält sein einziges Jugendfoto. Es prangt auf einem Formular, auf dem fett gedruckt »Beobachtungsbogen« steht.

Rund hundert Dokumente belegen, wie nichtig damals die Gründe für seine Heimeinweisung waren. »Arbeitsbummelei« steht da. Beim Umblättern erkennt er auf einer Seite die Handschrift seiner Mutter. Es sind Briefe von ihr an das Heim, von denen er bis zu diesen Tag nichts wusste. Auch eine Art Gutachten seines letzten Lehrers findet sich. Der schrieb: »Wenn Gerald nun in ein gutes Milieuumfeld hineinkommt, hat er alle Chancen, ein gutes und erfolgreiches Leben zu führen.«

Nur zehn Prozent der Familien galten nach dem Krieg als »heil«

Hartford kamen Tränen, der Mann von der Heimleitung guckte betreten und nahm ihm die Akte wieder ab. Er verlangte einen »ordentlichen« Antrag auf Akteneinsicht. Hartford stellte ihn an Ort und Stelle schriftlich – doch das reichte nicht. Am nächsten Tag wurde das Heim vom zuständigen Hausjuristen der Caritas in Paderborn gerüffelt. Die Einsicht in die Akte »hätte nicht geschehen dürfen«, sagte der Kirchenadvokat, »es könnte ja Negatives für die Erzieher drinstehen«. Für Hartford begann ein langer Kampf um seine Akte.

So weit wie er sind viele andere ehemalige Heimkinder noch längst nicht gekommen. Dabei teilten sein Schicksal in den Gründerjahren der Bundesrepublik Tausende von Gleichaltrigen. In den sechziger Jahren drillten staatliche, katholische und evangelische Erzieher Kinder und Jugendliche in rund 3000 Heimen mit mehr als 200000 Plätzen. Gut die Hälfte der Kinder war zwei bis vier Jahre lang in solchen Heimen. Andere verbrachten ihre ganze Kindheit und Jugend in den oft hermetisch abgeschlossenen Häusern.

Rund 80 Prozent der Heime waren in konfessioneller Hand. Insbesondere die katholischen Frauen- und Männerorden führten jahrzehntelang zahlreiche Erziehungsanstalten. Sie hießen »Zum Guten Hirten« oder waren nach Heiligen und Ordensgründern benannt: Don-Bosco-Heim, St. Vincenzheim, St. Hedwig oder Marienheim.

Heute leben aus dieser Zeit noch mindestens eine halbe, wahrscheinlich aber sogar mehr als eine Million Menschen unter uns, die zwischen 1945 und 1975 in den westdeutschen Heimen groß wurden. Sie sind jetzt zwischen 40 und 65 Jahre alt. Doch seltsam: In einer aufgeklärten Gesellschaft, die scheinbar keine Tabus mehr kennt, ist es für viele von ihnen bis heute nicht möglich, darüber zu sprechen. Selbst nahen Angehörigen offenbaren sie sich mitunter nicht – aus Scham. Sie fürchten sich vor dem diskriminierenden Etikett »Heimkind«, als hätten sie im Zuchthaus gesessen.

Kaum einer hat damals genauer hingeschaut. Die Vormundschaftsrichter nicht, die Fürsorger und Jugendämter nicht, die Schulen, Eltern und Nachbarn nicht, die mit ihren Denunziationen über einen angeblich unsittlichen Lebenswandel insbesondere bei jungen Mädchen oft entscheidend zur Einweisung ins Heim beitrugen. Dabei waren die Heranwachsenden in den fünfziger Jahren besonders belastet: Mehr als 1,5 Millionen Kinder hatten ihren Vater im Krieg verloren, rund 14 Millionen waren aus dem Osten geflohen und hatten Schwierigkeiten bei der Integration.

In den Jahren nach 1945 zogen mehr als 100000 Kinder und Jugendliche bindungs-, heimat-, berufs- und arbeitslos durch Deutschland. Viele Familien waren zerrissen, weil die Väter erst nach Jahren aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrten. Soziologische Studien kommen zu dem Urteil, dass nur zehn Prozent der Familien Ende der vierziger Jahre »heil« waren. Die Wohnungen waren häufig eng, eigene Zimmer hatten die wenigsten Kinder. Das Durchschnittseinkommen einer Familie betrug 1955 nur 280 Mark im Monat. Ein Kind ins Heim zu geben war eine vergleichsweise bequeme und billige Lösung.

Fast zwei Jahrzehnte, von 1949 bis 1967, war das geistig-politische Klima im Westen Deutschlands vor allem von den Konservativen bestimmt. Familienminister Franz-Josef Wuermeling (CDU) etwa organisierte »Kampagnen gegen Schmutz und Schund«. Er wetterte gegen Sexualität und deren Thematisierung in Kunst und Literatur. Es waren auch die Jahre des fleißigen Wiederaufbaus. Und die aufmüpfigen Jugendlichen der fünfziger Jahre mit ihrem Wunsch, anders zu leben, waren die Vorboten massiver Veränderungen der Gesellschaft. Umso verbissener hielt diese Gesellschaft an den überkommenen Idealen und Strukturen fest. Wer wagte, aus der elterlichen Wohnung auszubrechen, und sich neue Freiräume in der Freizeit suchte, riskierte rasch, ins Blickfeld der Jugendfürsorge zu geraten.

Ende der fünfziger Jahre gab es eine zunehmende Zahl von Doppelverdienern, die oft nur noch materielle Ziele hatten: neue Möbel, endlich eine Musiktruhe, Telefon, den ersten Fernseher. Für die Kinder war kaum Zeit. Die Erziehung wurde an Großeltern abgegeben, immer mehr Kinder lebten als »Schlüsselkinder«. Es war so, als hätte sich ganz Deutschland abgesprochen. Die einen feierten ihr Wirtschaftswunder, die anderen verdrängten die Nazizeit.

Sexuelle Gefahren witterten die Erwachsenen überall

Zum Verhängnis wurde Gisela Nurthen ein Tanzabend mit amerikanischer Musik im Februar 1961, zu dem das Jugendheim in Lemgo eingeladen hatte. Die Mutter hatte ihr verboten, dort hinzugehen. Irgendwie entwischte die Tochter ihr doch. Stundenlang tanzte die 15-Jährige an diesem Abend zu »ihrer« Musik. Plötzlich war es schon zehn, sehr spät für damalige Verhältnisse. Das Mädchen fürchtete sich, nach Hause zu gehen. Sie und der Junge, mit dem sie den Abend über getanzt hatte, beschlossen, lieber nach Hannover zu fahren, in die nächstgelegene Großstadt. Was sie da wollten, wussten beide nicht so genau. Sie liefen in der Nähe des Hauptbahnhofes durch die Straßen, tranken noch irgendwo etwas, langsam wurde es hell. Als sie zurücktrampen wollten, hielt nach ein paar Minuten ein Streifenwagen der Polizei neben ihnen. 24 Stunden später folgte ein Richter, der sich Gisela nicht einmal ansah, dem Vorschlag ihres Vormunds beim Jugendamt und schickte sie in das geschlossene Vincenzheim in Dortmund – »weil sonst weitere Verwahrlosung droht«.

Ihre Erziehung besorgten fortan Nonnen, die »Barmherzigen Schwestern«, Vincentinerinnen aus Paderborn. Auch wenn, wie in ihrem Fall, »nichts« passiert war: Sexuelle Gefahren witterten die Erwachsenen überall. Insbesondere in der Musik aus Amerika. Erwachsene und Jugendliche, das waren zwei Welten, die nicht miteinander sprachen. »Es gehört sich nicht«, sagten die Alten. »Das versteht ihr nicht«, erwiderten die Jungen. Die neue Musik aus Amerika verband die Jugendlichen untereinander, es war ihre Sprache. Rock ’n’ Roll, Dixieland, Boogie-Woogie.

»Verstehst du die Texte denn überhaupt?«, wurde Gisela einmal von ihrer Schwester gefragt. »Das ist nicht zum Verstehen, das ist zum Fühlen«, war ihre Antwort. Wenn ihr Idol Elvis im Radio zu hören war, drehte Gisela den Apparat laut und stellte sich ans offene Fenster. Doch das kurze Glück hatte seinen Preis: »Die Nachbarn riefen beim Jugendamt an, weil sie der Meinung waren, dass ich zu laut Musik höre. Und am nächsten Tag kam die Fürsorgerin.«

Giselas alleinerziehende Mutter hatte Angst vor der Frau vom Amt, die häufig unangemeldet in die Wohnung kam. Auch Gisela hatte Respekt vor der Dame mit dem Haarknoten im Nacken und der umgehängten schweren Ledertasche. »So etwas gehört sich nicht für ein Mädchen!«, lautete auch ihre Standardermahnung. Genauso bedrohlich wie die Frau vom Jugendamt waren die Nachbarinnen, denn sie verbrachten anscheinend ihre ganze Freizeit damit, hinter den Gardinen der Fenster die Straße zu beobachten. Das Mädchen verabredete sich deshalb möglichst außerhalb ihrer Sichtweite. Sie mochte die frechen Jungs mit ihren Mopeds: »Mir ging es richtig gut, wenn wir mit den Mopeds durch die Gegend fuhren und mir der Wind durch die Haare fegte. Ich wusste, dass darauf wieder eine Bestrafung folgen würde.«

Die Akte des Jugendamtes schwoll an. »Ich wollte Opposition, den Kleinstadtmief durchbrechen, ich wollte, wie man heute sagt, cool sein«, erzählt Gisela. »Ich wollte etwas anderes, was das genau sein sollte, wusste ich nicht, nur, dass es anders sein sollte.« Die Stadt, in der sie lebte, war in den Augen der Teenager eine langweilige Beamtenstadt, aus der man eines Tages irgendwie entkommen müsste. Die Streifenwagen der Polizei durchkämmten abends die Straßen. Die Beamten leuchteten mit Taschenlampen in die Gesichter der Pärchen auf den Parkbänken, stets auf der Suche nach Minderjährigen, die sich in Büschen oder Hausecken herumdrückten.

Vier Jahre dauerte Giselas unbarmherzige Zeit bei den »Barmherzigen Schwestern« im Dortmunder Vincenzheim, von 1961 bis 1965. In dieser Zeit war sie ohnmächtig einem perfiden Repressionssystem frommer Schwestern ausgeliefert, die sie mit Prügel zu Gebet, Arbeit und Schweigen zwangen. Schon bei geringsten »Verfehlungen« wie unerlaubtem Sprechen oder Weinen, erinnert sich Gisela, hagelte es Schläge oder andere Strafen, obwohl es per Erlass des Sozialministeriums von Nordrhein-Westfalen schon seit 1947 verboten war, in Mädchenheimen zu schlagen, seit 1950 auch in den Heimen für Jungen. Dennoch: Geprügelt wurde oft mit allem, was gerade zur Hand war – mit Teppichklopfern oder Besenstielen. Zwischendurch gab es Boxhiebe in Rücken und Rippen.

Telefonieren war streng verboten, jegliche ein- und ausgehende Post wurde von den Nonnen gelesen und zensiert, viele Briefe kamen niemals an. Gisela durfte ohnehin nur alle vier Wochen schreiben. Die Nonnen strichen ganze Passagen durch und schrieben sogar Bemerkungen in die Briefe der Mädchen an die Eltern, wenn ihnen der Inhalt nicht passte. Besuch war einmal im Monat gestattet, die Gespräche wurden belauscht. Oft saß eine Nonne direkt am Tisch.

»Ich verlor meinen Namen, wurde wie die anderen nummeriert. Wir durften nur schön ordentlich, nach den Nummern sortiert, in Zweierreihen durchs Haus marschieren – zur Arbeit, zur Kirche, zur Toilette, zum Essen.« An jeder Tür musste die Mädchenkolonne schweigend warten, bis die Nonnen auf- und zugeschlossen hatten. An die Wand lehnen war streng verboten. Wer beim gemeinsamen Toilettengang zu lange brauchte, bei dem hämmerten die Nonnen lautstark gegen die Türen. »Alles musste im Blitztempo geschehen.« Nur der Gottesdienst in der Hauskapelle nicht. Neulinge nahmen auf der Empore Platz. Unten im Kirchenschiff saß oft eine ganze Reihe von Mädchen mit kurz geschorenen Haaren, die Köpfe gesenkt, in grauer Kleidung – Heiminsassinnen, die versucht hatten auszureißen.

Uneheliche Kinder hatten für die Nonnen einen besonderen Makel

Für die Nonnen waren ihre Zöglinge nichts als eine Herde von Sünderinnen. Bei jeder Gelegenheit mussten sie sich immer wieder die gleiche Litanei anhören: »Ihr seid nichts wert, ihr seid nicht rein, aus euch kann ohne uns nichts werden.« Alle unehelichen Kinder hatten für die Nonnen einen besonderen Makel. Reinheit und Unversehrtheit der Mädchen waren den »Barmherzigen Schwestern« überaus wichtig. Die Unversehrtheit überprüfte ein alter Frauenarzt, dessen Hände zitterten, auf einem noch älteren Untersuchungsstuhl. Während der gynäkologischen Untersuchungen setzten sich die Nonnen vor den Stuhl und schauten ungeniert zu, egal, wie sehr sich die Mädchen schämten.

»Jede Minute des Tages wurden wir bewacht, auch während des Entkleidens zur Nacht oder beim Waschen. Sämtliche Schamgrenzen wurden dabei verletzt. Die Nonnen standen um uns herum, spielten mit Schlüsseln oder Rosenkränzen, die seitlich an ihren Bäuchen herunterhingen, und fixierten unsere jungen Körper. Was dachten sie bloß dabei?«

Im Waschraum wurde ihnen ein Eimer gereicht, den sie mit warmem Wasser füllten. Dazu Handtuch und Schmierseife. Dann musste jede in eine Toilettenkabine. Nun gingen die Nonnen auf und ab, sie glotzten unter jeden Türspalt, ob die Beine auch weit genug auseinander standen und das Wasser plätscherte, denn das »Unaussprechliche« musste von allem Schmutz und von aller Unkeuschheit gesäubert werden.

Einmal war die Stimmung abends im Schlafsaal etwas ausgelassener, weil die wachhabende Nonne nicht an ihrem Platz war. Das Licht war schon aus. In dem dunklen Raum scherzten die Mädchen über ihre Lieblingslieder. Gisela sang in die Dunkelheit hinein hingebungsvoll einen Song von Elvis Presley. Sie hatte die Nonne nicht hereinkommen hören. Mit einem Ruck wurde sie aus dem Bett gerissen, über den Boden geschleift, den Flur entlang bis zur »Klabause«, jener gefürchteten Zelle mit Glasbausteinen anstelle von Fenstern. Die Ausstattung bestand nur aus einer Holzpritsche, einer groben Decke und einem Blecheimer mit Deckel als Toilette.

Mädchen versuchten, ihren Qualen durch Suizid ein Ende zu setzen

Etwas mehr als die Hälfte aller Heime in der Bundesrepublik war in der Nachkriegszeit allein in katholischer Hand. Die katholische Kirche, insbesondere die daran beteiligten Orden und Gemeinschaften, trifft deswegen die größte Verantwortung für diese unselige Ära öffentlicher Erziehung in der westdeutschen Geschichte. Auf einer Tagung zum Thema »Katholische Heimerziehung in unserer Zeit«, 1959 in Stuttgart, begrüßte Monsignore Alois Hennerfeind, ein Münchner Heimdirektor, die Teilnehmer mit dem Hinweis, dass nach einer Statistik des Deutschen Caritasverbandes 11261 katholische Ordensfrauen und 11127 katholische Laien in den Heimen »aus innerer Berufung und mit der ganzen seelischen Hingabe der erziehungsbedürftigen Jugend dienen wollen«. Der Prälat stolz: »Welch unendlicher Wert an Liebe ist in den 22400 Personen dargestellt, die in unseren 1500 Heimen Tag für Tag erzieherisch wirken!«

In den USA, Kanada und Irland haben ehemalige Opfer dieser Liebe inzwischen das Recht auf Entschuldigung und Wiedergutmachung. Sollten auch die deutschen Heimkinder solche Ansprüche anmelden, müssen sie sich wohl auf einen schweren Kampf gegen die Institution Kirche einrichten. Bei der Deutschen Bischofskonferenz, den Ordensgemeinschaften, bei Caritas und Diakonie weiß man fast nichts darüber, was jahrzehntelang in den konfessionellen Heimen geschehen ist. Man wollte es wohl nicht wissen. Beschwerden wurden meist abgeblockt.

Kein Orden, der Kinderheime unterhielt, hat je eine kritische Untersuchung der dort praktizierten Erziehung veröffentlicht. Die Jubiläumsbroschüren der konfessionellen Heime zum 75- oder 100-jährigen Bestehen überspringen in der Regel diese Zeit. Dabei exekutierten viele Heimleiter und Erzieher nach 1945 zunächst wenig verändert und unreflektiert eine um die Jahrhundertwende ausgeklügelte und vom NS-Regime fortentwickelte Straf- und Besserungspädagogik. Mehr als zwei Jahrzehnte lang interessierte kaum jemanden, was hinter den dicken Mauern geschah.

Elke Page war mit ihrer Schwester Regina 1960 ins Vincenzheim eingewiesen worden. Die 18-jährige Regina musste zusammen mit ihrer knapp einjährigen Tochter Christine kommen. Sie war zwar mit einem 20-Jährigen verheiratet, doch das Jugendamt beanstandete die fehlende gemeinsame Wohnung und hielt sie für eine ordentliche Ehe noch für zu unreif. Ihren Säugling durfte sie jedoch nur einmal in der Woche, am Sonntag, für ein paar Stunden sehen. Obwohl Regina für die Nonnen täglich in einem Saal der Kinderabteilung des Vincenzhauses andere Säuglinge pflegen musste, hatten die Schwestern es dem Fürsorgezögling untersagt, sich im direkt angrenzenden Raum um ihre eigene Tochter zu sorgen. An den Wochentagen konnte sie den Kontakt zu ihrem Kind nur heimlich bewerkstelligen, wenn ihre Freundin Lissy an der Eingangstür »Schmiere« stand.

Die jungen Mädchen im Vincenzheim empfanden es schon als Wohltat, statt in die Wäscherei zur Arbeit in die Großküche abkommandiert zu werden, denn dort hielten sich nur wenige Nonnen auf. Man konnte miteinander flüstern, wenigstens bis die rasselnden Schlüsselbunde der verhassten »Spitzhauben« zu hören waren. Immer wieder versuchten Mädchen, durch Suizid ihren Qualen im Heim ein Ende zu setzen, indem sie aus den oberen Stockwerken sprangen. Recht häufig verletzten sie sich auch absichtlich, in der Hoffnung, dann wenigstens ins Krankenhaus zu kommen. Ein »beliebter« Versuch war es, in der Näherei Stecknadeln zu schlucken. Doch anstelle des erhofften Krankenhausaufenthaltes setzten die Nonnen den Mädchen oft nur eine große Schüssel Sauerkraut vor, das sollte helfen.

Es waren meist nichtige Gründe, die zur Einweisung in die Erziehungsanstalten führten – Gründe, die ein gesellschaftliches Kartell bestimmte, zu dem Jugendbehörden, Gerichte, Lehrer, Nachbarn, Eltern und vor allem die damals noch einflussreichen Kirchen gehörten. Sie legten fest, was gut und böse, wer brav und wer ungezogen war und ab wann ein Mädchen als »sexuell verwahrlost« zu gelten hatte. Sie verkündeten als eine Art Naturgesetz, dass die uneheliche Geburt eine Schande sei.

Gisela hatte als kleines Kind immer darüber gegrübelt, was es denn heiße, »unehrlich« geboren zu sein. Sie hatte das Wort »unehelich« falsch verstanden und einen Begriff gesucht, den sie kannte: unehrlich. Irgendetwas stimmt mit mir nicht, dachte sie, auf ihrer Geburt müsse wohl eine Lüge lasten, wie ein schwarzer Schatten. Das Missverständnis bestand lange, denn sie spürte, dass sie besser niemanden danach fragte. Wen auch? Ihre Mutter nicht, die Nachbarin nicht, die Mitschüler nicht. Bis sie eines Tages als junger Teenager begriff. Was die Sache nicht besser machte.

Der ehemalige Jugendamtsmitarbeiter aus Paderborn Rudolf Mette erinnert sich noch gut an die jahrelang vorherrschende Praxis: »Die Vormundschaftsrichter haben sich die Kinder praktisch nie angesehen. Sie haben nach Aktenlage sehr schnell entschieden, ohne Auseinandersetzungen, ohne großes Hin und Her. Oft habe ich den Antrag auf Fürsorgeerziehung morgens zum Gericht gebracht und konnte gleich warten, bis ich den Beschluss in der Tasche hatte. Der war zwar vorläufig und musste nach Ablauf von sechs Wochen noch einmal bestätigt werden, aber das war Routine. Eine kritische Betrachtung der Einweisungen fand überhaupt nicht statt. Die Richter haben immer für die Heimeinweisung des Kindes entschieden. Immer. So habe ich das erlebt, und so war es überall im Lande.«

Die Gesellschaft wollte mit Wegsperren und Ausgrenzen die drohende weitere »Verwahrlosung« der Jugendlichen bekämpfen. Doch was war das eigentlich? »Beim Jugendamt haben Lehrer angerufen und auf Schulversäumnisse oder häufiges Zuspätkommen hingewiesen«, sagt Rudolph Mette. »Nachbarn berichteten, dass ein Kind einer alleinerziehenden Mutter unpassend gekleidet sei oder mit 15 schon einen Freund oder Freundin hatte, auf Tanzveranstaltungen ging und die Schule schwänzte. Unpassend gekleidet konnte heißen: mit knisterndem Petticoat oder mit engen Hosen, weitem Pullover, offenen langen Haaren oder Pferdeschwanz.«

In Bad Schwalbach schickte 1964 das Amtsgericht den siebenjährigen Thomas sowie seinen neunjährigen Bruder in die geschlossene Fürsorgeerziehung und setzte als »Gründe« unter sein Urteil: »Die Anhörung der Mutter hat ergeben, dass sie mit den beiden Kindern nicht fertig wird. Tatsache ist jedenfalls, das hat die gehörte Mutter selbst zugegeben, dass die Kinder keinen Respekt vor ihrer Mutter haben. Bei Belehrungen lachen sie sie an oder speien aus. Es ist auch schon vorgekommen, daß sie sie u. a. ›blöde Kuh‹ nennen.« Das reichte.

Den Opfern ist es heute ein Bedürfnis, sich endlich freizureden

Wer dann in einem evangelischen Heim von Diakonissen oder in einem katholischen von Mönchen und Nonnen erzogen wurde, erlebte, dass Reden und Handeln weit auseinander klaffen können: Da die frommen Sprüche der Schwestern und Brüder, hier die unbarmherzige Behandlung, die das Kind am eigenen Leib zu spüren bekam. Die ihnen Anvertrauten galten vielen Ordensbrüdern und -schwestern als verlorene Seelen, als wertlose Geschöpfe unter der Sonne Gottes. Sie pflanzten Heimkindern ein tiefes Schuldgefühl ein, das sie bis heute nicht loswurden. Zugleich sollten sie ihren Peinigern auch noch ständig dankbar sein für das, was ihnen im Heim widerfuhr.

Nach Jahrzehnten scheint es den Opfern aber nun ein großes Bedürfnis zu sein, sich endlich freizureden von jenem Gefüge der Unterdrückung. Der Preis des Schweigens waren oftmals Angst, Panikattacken, chronische Schmerzen, Tabletten- oder Alkoholabhängigkeit, Essstörungen, Aggressionen gegen andere und sich selbst bis hin zu Suizidversuchen. Bei vielen ging nicht nur das Selbstvertrauen kaputt, auch die Fähigkeit, einem anderen Menschen zu vertrauen, wurde lebenslänglich zerstört.

Noch drücken sich die Kirchen vor dem offiziellen Eingeständnis ihrer Schuld gegenüber den ehemaligen Heimkindern, sie wehren die Vorwürfe aber auch nicht mehr einfach ab. Jürgen Gohde, Präsident des Diakonischen Werkes, formuliert sehr gewunden: »An dieser Stelle müssen wir feststellen, dass das zu dem Teil der Geschichte gehört, mit dem wir leben müssen.« Der Protestant benennt immerhin die »obrigkeitsstaatliche Tradition der Erziehung, die unsere deutsche Situation mit geprägt hat«, und von der »die Kirche auch nicht frei gewesen« sei.

Auch auf katholischer Seite hat man begonnen, den Vorwürfen nachzugehen. Caritas, einzelne Orden und auch die Deutsche Bischofskonferenz signalisieren seit neuestem Gesprächsbereitschaft. Bislang hatten nur Einzelne der Verantwortlichen den Mut zu reden. »Unser ganzer Stil war im Grunde gewalttätig«, sagt etwa Günter Matschke, der Anfang der sechziger Jahre als junger Diakon im evangelischen Knabenheim Werl gearbeitet hatte. Die Kasernenhof-Pädagogik habe in allen kirchlichen Heimen geherrscht, die er kannte.

Theo Breuel, Caritas-Abteilungsleiter im Erzbistum Paderborn, hat sogar gegenüber ihm persönlich bekannten Betroffenen, darunter Gerald Hartford, ein Schuldbekenntnis abgelegt, wie sie es von den Kirchen insgesamt erwarten. »Wir bedauern zutiefst, dass Derartiges vorgekommen ist«, sagte Breuel angesichts der geschilderten Vorfälle im Vincenzheim und im Salvator-Kolleg. »Dass so etwas möglich war, können wir uns nur dadurch erklären, dass Menschen versagt haben.«

»Jetzt wird uns erst bewusst, was mit uns geschehen ist«, sagten Regina Page und Elke Meister beim ersten Wiedersehen mit dem alten Gemäuer in Dortmund, in das man sie einmal als Teenager bei den »Barmherzigen Schwestern« eingesperrt hatte. »Wir haben ängstlich unsere schrecklichen Erlebnisse in all den Jahren als schwere Last mit uns herumgetragen.«

Die beiden Schwestern sowie Gisela Nurthen, Gerald Hartford und viele ehemalige Heimkinder wollen sich nicht länger dafür schämen, dass sie so aufgewachsen sind. Die Schande der Heimerziehung haben andere zu verantworten – allen voran die Kirchen.

Deshalb machte sich auch Gerald Hartford auf den Weg, nach Berlin zu seinem Pater Vincens. Als Sohn eines englischen Soldaten war Hartford zunächst in England aufgewachsen und – nachdem seine Mutter allein nach Deutschland zurückgekehrt war – in der Schule wegen Sprachschwierigkeiten nicht mitgekommen. Er funktionierte dann auch als Lehrling in den Augen seiner Meister nicht und wurde zu Pater Vincens ins Heim eingewiesen. Im Erziehungsheim der Salvatorianer-Brüder galt die Arbeit als wichtigstes Besserungsmittel. Hartford erinnert sich daran, im Salvator-Kolleg Klausheide Scheinwerfer für die Firma H. und Matratzen für eine Firma aus der Region gefertigt zu haben.

So wie er wurden überall im Land Heimkinder als billige Arbeitskräfte ausgenutzt, ein System mit langer Tradition in den konfessionellen Heimen. Die alte Mönchsregel »Bete und arbeite« erlebte eine perverse Renaissance in einigen Heimen. Auch die frommen Schwestern in Dortmund bekämpften die Sünde vor allem mit akkordähnlicher Arbeit. Gisela Nurthen musste mit Dutzenden von anderen schulentlassenen Mädchen über 14 Jahren unentwegt nähen und stopfen, waschen, mangeln und bügeln. Aufstehen mussten die Jugendlichen morgens um sechs. Strammstehen zum Morgengebet. Dann waschen, ein hastiges Frühstück, Einteilung zur Arbeit. Mittags gab es nach fünf Stunden die erste Pause. Am Nachmittag noch eine kurze Kaffeepause, es gab »Muckefuck«. Bis zu zehn Stunden schuftete die damals 15-Jährige unbezahlt im immer gleichen Takt. Am Samstag mussten sie und die anderen bis mittags arbeiten. Selbst sonntags wurden noch »in der Freizeit« Taschentücher zum Verkauf in der Nähstube umhäkelt.

Bei der Arbeit herrschte Sprechverbot, nur Marienlieder waren erlaubt. »Mein Platz war an der großen Heißmangel. Das stundenlange Stehen in großer Hitze – selbst im Sommer ohne zusätzliche Getränke –, das ständige Falten riesiger Bettwäsche ließ sämtliche Glieder schmerzen. Die Kolonne trottete abends schweigend durch die Gänge zurück wie geprügelte Hunde.« Das aufgeweckte, am Leben interessierte Mädchen verkümmerte bei den Nonnen. Als Gisela von einem Tag auf den anderen ins Heim gesteckt wurde, war sie Quartanerin mit guten Noten im Mädchengymnasium. Ihr Abschlusszeugnis (»Schulbesuch: regelmäßig, häuslicher Fleiß: gut«) trägt den Vermerk: »Gisela verlässt unsere Schule auf Wunsch der Mutter.« Sie hatte gute Noten, doch im Vincenzheim war es mit dem Gymnasium vorbei. Die Nonnen fanden, Volksschule reiche.

Im Heim bot man ihr großzügig eine »Ausbildung« an: Büglerin oder Näherin. Auch sonst gab es wenig Förderung. Bei kurzen Ausflügen aus dem geschlossenen Heim unter strenger Aufsicht der Nonnen in den nahe gelegenen Hoesch-Park mussten die Teenager Bi-Ba-Butzemann, Plumpsack und andere Ringelreihen-Spiele machen, »zum Gespött aller, die uns sahen«, erinnern sich die Geschwister Elke und Regina. Es gab weder Radio noch Zeitungen für die Mädchen, außer einem Kirchenblatt. Von dem, was sich außerhalb der Mauern ihres Heimes zutrug, erfuhren sie so gut wie nichts.

Die hauseigene Großwäscherei war für die Vincentinerinnen offenbar ein lukratives Geschäft. Die Arbeit bringe, so schrieb 1962 der Dortmunder Kirchliche Anzeiger ganz offen, »um die Steuerzahler etwas zu beruhigen«, einen »nicht unerheblichen Teil« der Kosten ein. Hotels, Firmen, Krankenhäuser und viele Privathaushalte zahlten gut – und fragten nicht, wer da fürs Reinwaschen missbraucht wurde. »Die Kunden bekamen uns nie zu sehen, es gab extra einen Abholraum, zu dem war uns der Zutritt streng verboten«, erzählt Gisela. Lohn gab es so wenig wie Taschengeld – mithin auch keinen Rentenanspruch für die Heimjahre. »Wir waren jugendliche Zwangsarbeiter«, sagen ehemalige Heimkinder heute verbittert.

Die Diakonie Freistatt bei Diepholz, eine Zweigstelle der von Bodelschwinghschen Anstalten in Bethel, hat das »ora et labora!« brutal umgesetzt. Freistatt war mit seiner Presstorfproduktion, mit seinen Schlossereien und Schmieden von Beginn an als reiner Wirtschaftsbetrieb konzipiert, mit billigen Arbeitskräften. Wenn nicht gerade Choräle gesungen wurden, mussten die 14- bis 21-Jährigen im Sommer wie im Winter im Moor Torf stechen und pressen. In den meisten Heimen gab es Produktionswerkstätten für Billigartikel, die eher an die Arbeit hinter Gefängnismauern erinnerten: Es wurden Kugelschreiber, Lackstifte, Verpackungen und Ähnliches produziert. In Don-Bosco-Heimen stellten Minderjährige in zehnstündigen Schichten 4000 Kugelschreiber pro Tag her. Die Entlohnung: »Anerkennungsgutscheine« für fünf Zigaretten oder zwei Flaschen Cola.

Die Kinder mussten hart arbeiten – für einen erbärmlichen Hungerlohn

Im Heim Zum Guten Hirten in Münster herrschte jahrzehntelang das Schweigegebot. Bei der Arbeit, im Speisesaal und in den Schlafsälen war das Sprechen untersagt. Schweigsam, effektiv und einträglich – so sollten die Zöglinge sein. Unterlagen aus dem Guten Hirten in Münster belegen die erbärmliche Bezahlung der Zöglinge selbst noch zu Beginn der siebziger Jahre: »Das Entgelt für eine 40-stündige Arbeit in der Woche schwankt zwischen 2 und 4 DM.« In der Regel erhielten die Kinder und Jugendlichen – trotz harter Arbeit mit bis zu 48 Stunden die Woche – keinen entsprechenden Lohn. Sie waren auch nicht sozialversichert. Die »verlorenen Jahre« sind für die Betroffenen heute noch finanziell ein Debakel. Sie fehlen bei der Rente, die für die meisten ohnehin recht schmal ist.

Lange Zeit galten für Ausreißer, Arbeitsverweigerer und »Versager« besondere Strafen. Diese reichten von spezieller Kleidung über kahl geschorene Köpfe bis hin zum längeren Einsperren: Bis weit in die siebziger Jahre hielten viele Heime an der Praxis fest, Kinder gewaltsam zu isolieren, in den eigens hergerichteten, oft fensterlosen, gefängnisähnlichen Zellen, den »Karzern«, »Klabausen« oder »Bunkern«. In den Hausordnungen hieß das: »Herausnahme aus der Gemeinschaft durch Isolierung in Einzelzimmer«.

Oder wie erinnert sich der Berliner Pater Vincens? »Es gab keine Strafzellen, Besinnungsräume nannten wir das!« Bei einer Untersuchung in drei württembergischen Heimen im Jahre 1967 inspizierte der Erziehungswissenschaftler Hermann Wenzel derartige »Besinnungszellen«. »Hinter einem schmalen Gang, der durch Betonwabenfenster nur spärlich Licht erhält, liegen drei Einzelzellen, die circa 3 Meter lang, 1,50 breit und 2,50 hoch sind. Eine Belüftungsanlage gibt es nicht. In diesen Zellen befinden sich ein an die Wand geschlossenes Klappbett, ein Wandtisch und ein Wandsitz. Die Wände sind dunkel mit Ölfarbe gestrichen, die Türen mit Zinkblech beschlagen und durch Spezialschlösser gesichert. Spärliche Beleuchtung erhalten die Zellen vom Gang her durch ein mit dichtem Maschendraht verkleidetes Stahlgitter, das sich über der Tür befindet.«

Arrest bekam ein Delinquent dort oft aus nichtigem Grund, etwa wenn er versucht hatte, heimlich Briefe an der Zensur vorbeizuschmuggeln – an die Mutter, den Freund oder eine Freundin. Wenzel konstatierte 1967, dass in den ersten drei Tagen der Arreststrafe lediglich »karge Kost« gereicht wurde, in anderen Fällen gab es Wasser und Brot, »wegen oftmals nur geringfügiger Anlässe«, wie »freches Benehmen« oder »Onanieren«.

Erst durch die »Heimkampagne« der Apo kamen Reformen in Gang

Erst die »Heimkampagne« der Apo leitete zu Beginn der siebziger Jahre einen Bewusstseinswandel ein. Die Journalistin Ulrike Marie Meinhof entrüstete sich 1968, dass Familien oft nur »den Heimausweg« wüssten, »weil diese Gesellschaft sich immer noch nicht darauf eingerichtet hat, dass sie zehn Millionen berufstätige Frauen hat und weit über eine Million berufstätige Mütter mit Kindern unter 14. Und weil wir eine Familienpolitik haben, die nichts tut, um die Eltern über Erziehungsfragen aufzuklären, nichts.«

Nach den exemplarischen »Befreiungen« von Heimkindern im Sommer 1969, die an vorderster Stelle von Andreas Baader und Gudrun Ensslin durchgeführt wurden, kamen Reformen in den deutschen Erziehungsanstalten in Gang. Sie besetzten das Büro des Frankfurter Jugendamtsleiters und erzwangen Wohnraum für die befreiten Heimkinder. In vier Wohnungen wurden Wohnkollektive gegründet, nach deren Vorbild die noch heute üblichen »betreuten Jugendwohngemeinschaften« enstanden.

Doch die Kinder, die in den Heimen zuvor gedemütigt und misshandelt worden waren, hatten die Reformer vergessen. Die neuen Erzieher und Heimleiter interessierten sich im anstrengenden Alltag ihrer Arbeit in den achtziger und neunziger Jahren nicht für die Kinder, die vor ihrer Zeit in denselben Räumen geschlagen worden waren.

In der engen und muffigen Zelle, in der die Salvatorianer-Brüder Gerald Hartford bis 1970 einsperrten, hing ein Zettel an der Wand. Darauf stand: »Mein lieber Junge, so wie du es bisher getrieben hast, kann und darf es nicht weitergehen. Die menschliche Gesellschaft mag dich wegen deines schlechten Betragens nicht mehr in ihrer Mitte haben, sie hat dich deshalb in unsere freie und offene Anstalt eingeliefert. Durch die Fortdauer deiner schlechten Führung sieht sich deine Behörde aber leider gezwungen, noch straffere Maßnahmen zu deiner Rettung zu treffen und dir ein Einzelzimmerchen anzuweisen, damit du endlich Einkehr in dich selbst hältst und dein Leben nach den Geboten Gottes einrichtest.« Das Gefühl der Ausgrenzung, der Demütigung und Erniedrigung hat Gerald Hartford bis heute nicht verlassen. Die meisten haben, so wie er, diese Zeit tief in ihrem Inneren weggeschlossen, um überhaupt weiterleben zu können.

Gisela Nurthen hatte ihr Schweigen gebrochen. Dass sich ihre Peinigerinnen bei ihr entschuldigen, wird sie nicht mehr erleben. Sie starb wenige Tage vor Weihnachten.

Zum gleichen Thema erscheint vom Autor in der nächsten Woche das Buch »Schläge im Namen des Herrn« (Deutsche Verlags-Anstalt, München 2006, 300 Seiten, 19,90 Euro)