Er ist der Pater der Herzen. Das haben die Zeitungen über ihn geschrieben. Er hat ein Bundesverdienstkreuz bekommen, den Verdienstorden von Berlin, gibt gern Interviews und stellt sich vor die Fernsehkameras. Er ist ein regionaler Medienstar, der in Talkshows sitzt. 30 Jahre lang hat der Salvatorianerpater Vincens im Berliner Knast Tegel »schwere Jungs« betreut, da kann er viel erzählen. Was davor war, hat ihn kaum einer gefragt. Der "Gute Engel" des Gefängnisses Berlin-Tegel, Pater Vincens, auf dem Neujahrsempfang 2002 des damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau. BILD

Gerald Hartford lebt 300 Kilometer entfernt bei Hildesheim und ist ein schweigsamer Mensch. Er verlässt selten seine Wohnung. Der Fernseher ist sein Tor zur Außenwelt. Und in diesem Tor hat er zufällig seinen früheren Heimerzieher wiedererkannt. Pater Vincens gilt ihm als »Peiniger seiner Jugendjahre«. Hartford hat lange mit sich gerungen, ob er es durchhalten würde, die ungewohnt lange Fahrt, die Konfrontation mit dem cholerischen katholischen Priester.

Nun stehen sich die beiden gegenüber. Auf der gepflasterten Terrasse seines schmucken Alterssitzes, des Salvatorianerklosters Berlin-Lankwitz, gibt der Gottesmann nur zögerlich zu, vor seiner Berliner Zeit in einem Erziehungsheim gearbeitet zu haben. Gerald Hartford hält in der einen Hand ein Foto, das ihn mit 18 Jahren zeigt, in der anderen eine Zeichnung des berüchtigten »Bunkers«. Einer dunklen Zelle im Keller des Salvator-Kollegs Klausheide im westfälischen Örtchen Hövelhof. Hier wurden die Kinder eingesperrt, wenn ihre Erzieher sie abstrafen wollten.

Pater Vincens, sonst immer eine Spur zu laut, hat es die Sprache verschlagen. Der Mann ist offenbar erschrocken über die unverhoffte Begegnung mit der verdrängten Vergangenheit. Ob er noch wisse, fragt ihn Hartford, was er mit ihm damals gemacht habe? Der Pater schaut auf das Bild seines früheren Zöglings, nimmt es in die Hand. Plötzlich scheint er sich an etwas zu erinnern, will das Foto loswerden. Er hält es angewidert von sich, als sei es verseucht von den Erinnerungen, die er nicht hochkommen lassen will. »Nehmen Sie mal? Bitte, hier! Nehmen Sie’s mal ab!«

Der strenge Pater verweigert seinem ehemaligen Zögling das Gespräch

Nein, über die Zeit, bevor er nach Berlin kam, mag der Pater nicht sprechen. Hartford zittert am ganzen Körper, sagt aber ruhig, dass ihn der Pater damals immer wieder eingesperrt habe. Ja, räumt der Mönch schließlich ein, man habe schon mal Störenfriede in einen »Besinnungsraum« gesteckt. »Aber nur kurz.« Besinnungsraum? Oder Bunker? Gerald Hartford erinnert sein Gegenüber daran, dass er viele Wochen in dieser Zelle, auf einer Holzpritsche ohne Matratze, in der Ecke ein Eimer für die Notdurft, zubringen musste. Der Jugendliche hatte vergeblich versucht, dem Arbeitszwang, den ständigen Schlägen und Demütigungen der Salvatorianerbrüder durch Flucht zu entkommen. Er will endlich über diese Zeit mit den Verantwortlichen sprechen. Er hofft auf eine kleine Geste der Entschuldigung.

»Das hatte ich nicht zu verantworten«, verteidigt sich Pater Vincens, der Geralds Gruppe unter sich hatte. Er sieht sich nach den Nonnen am Eingang um, die interessiert herüberschauen, dann wirft er energisch seinen Kopf in den Nacken und sagt: »Deswegen muss ich jetzt wohl das Gespräch beenden.« Pater Vincens lässt Hartford einfach stehen. An der Klosterpforte dreht er sich noch mal um und ruft: »Und bitte, verlassen Sie das Grundstück.«

Bevor Gerald Hartford nach Berlin kam, hatte er sich zum ersten Mal seit 33 Jahren wieder in sein ehemaliges Kinderheim hineingewagt. Die Baracken, in denen er einst schuftete, sind penibel renoviert. Der Strafbunker und seine früheren Schlafräume blieben tabu, weil das ehemalige Heimkind die heutigen Heimkinder hätte stören können, hieß es. Immerhin förderte man einen angegilbten Ordner aus dem Archiv des Heimes zutage. Hartford, der kurz darin blättern durfte, war fassungslos. Die Akte enthält sein einziges Jugendfoto. Es prangt auf einem Formular, auf dem fett gedruckt »Beobachtungsbogen« steht.

Rund hundert Dokumente belegen, wie nichtig damals die Gründe für seine Heimeinweisung waren. »Arbeitsbummelei« steht da. Beim Umblättern erkennt er auf einer Seite die Handschrift seiner Mutter. Es sind Briefe von ihr an das Heim, von denen er bis zu diesen Tag nichts wusste. Auch eine Art Gutachten seines letzten Lehrers findet sich. Der schrieb: »Wenn Gerald nun in ein gutes Milieuumfeld hineinkommt, hat er alle Chancen, ein gutes und erfolgreiches Leben zu führen.«