klassik Ach, die Gefühle!

Der chinesische Wunderpianist Lang Lang hat eine neue CD vorgelegt und tourt durch Deutschland. Verzweifelt versucht er, nicht nur brillant, sondern auch geistreich zu spielen.

Die Lieblingsanekdote des Pianisten Lang Lang geht so: Als er zwei Jahre alt war, habe er im chinesischen Fernsehen die Zeichentrickfiguren Tom & Jerry gesehen, die auf dem Klavier die Ungarische Rhapsodie Nr. 2 von Franz Liszt spielten. Dies sei der erste Kontakt mit westlicher klassischer Musik gewesen, an den er sich erinnern könne – eine Art musikalisches Urerlebnis. In seinem neuen Soloprogramm (mit dem er seit dem letzten Wochenende auf Tournee ist) spielt Lang Lang nun die Liszt-Rhapsodie selbst. Er gibt sie als Rausschmeißer vor den Zugaben, und man hat in seiner Version die Zeichentrickfiguren genau vor Augen: wie die Maus Jerry im rasanten Schlussteil als Strich hin und her flitzt und skurril auf der Klaviatur tanzt, wie Kater Tom plötzlich Knoten in den Fingern hat und die Tasten sich selbstständig machen. Einmal schaut Lang Lang mit schreckensgeweiteten Kater-Tom-Augen auf seine Hände, als fürchte er, was seine übermütigen Jerry-Finger wohl als Nächstes anstellen. Das ist die beste Pointe des Abends, weil der Klavierstar zwar die Virtuosennummer abliefert, die jeder von ihm erwartet, sie aber gleichzeitig ins Selbstparodistische kippen lässt.

Lang Lang setzt seine technische Brillanz nicht respektheischend ein, sondern er präsentiert sie als Witz, als schräge Laune, als etwas, das, auf die Spitze getrieben, zum Lachen reizt. Es scheint, als beginne das ehemalige chinesische Klavierwunderkind, das inzwischen 23 Jahre alt ist, seinen Virtuosenstolz zu ironisieren. Lang Lang gibt zwar noch die Rolle des allseits bewunderten Fingerartisten – und reißt damit die Zuhörer beim Tourneeauftakt in Hannover selbstverständlich von den Sitzen –, aber sie genügt ihm nicht mehr. Er will beweisen, dass er auch ein geistreicher Musiker ist.

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Deshalb hat er ins Zentrum seines neuen Programms (und seiner neuen CD) die Kinderszenen von Robert Schumann gerückt. Sie sind für die Hände leicht, aber gehören gedanklich zum Anspruchsvollsten, das man sich vornehmen kann. Schumann hat sie bewusst gegen den Konzertsaal als Zirkuskuppel komponiert – verschwiegene, traumschöne, hoch empfindliche Miniaturen. »Du wirst dich daran erfreuen« , schreibt er in einem Brief an Clara Wieck, »musst dich aber als Virtuosin vergessen.« Die Kinderszenen handeln von imaginierter Kindlichkeit. Stücktitel wie Von fremden Ländern und Meeren oder Am Kamin sind nicht anekdotisch gemeint, sondern stehen für Ideen aus der romantischen Welt des nicht mehr Sagbaren. Sie sind »Rückspiegelungen eines Älteren für Ältere« (Schumann). Und für den Interpreten gilt Alfred Brendels Diktum: Wer sich an die Kinderszenen wagt, muss ein erwachsener Künstler sein.

An diesem Anspruch scheitert Lang Lang kläglich. Er führt die Stücke als Spielzeug vor, reitet den Ritter vom Steckenpferd im Konzert wie ein aggressives Kleinkind zugrunde, staunt schmachtend die berühmte Träumerei an und lässt den Haschemann als blechernes Geschwindigkeitsmonster abschnurren. Lang Lang stürzt sich in die Verausgabung der Gefühle, wo Konzentration und lyrischer Feinsinn geboten sind. Er sucht von Satz zu Satz nach effektvollen Kontrasten, wo Schumann den übergeordneten Zusammenhang im Kopf hatte und den Zyklus gleichsam als Thema mit Variationen komponierte. Die ergreifende Schlussansprache Der Dichter spricht, in der der Komponist das Poetische gleichsam zu sich selbst kommen lässt, zerfällt unter seinen Händen in geraunte Akkorde und zusammenhanglos versonnene Tonfolgen.

Ach, die Gefühle. Lang Lang versucht sie auch bei Mozart und Chopin in jeder Phrase inbrünstig hervorzukehren. Mit der unbedingten Bereitschaft, sein Herz auf den Tisch des Hauses zu legen, lässt er sich von ihnen treiben wie eine Nussschale auf hoher See. Und jede Nuance findet ihren Ausdruck in einer Pose: Wenn es ernst und pathetisch wird, geht er ins Hohlkreuz und legt das Kinn auf die Brust, die zarten Kantilenen leitet er mit einem Augenaufschlag zur Saaldecke ein.

Nur: So aufregend klingt sein Mozart gar nicht. Glatt und fast ein bisschen seifig gibt er die C-Dur-Sonate KV 330 – mit Ausnahme des ruhig und kantabel ausgespielten langsamen Satzes. Lang Langs Mozart flutscht. Und das c-moll- Klavierkonzert, das er vergangene Woche mit dem Deutschen Symphonieorchester unter Kent Nagano in der Berliner Philharmonie spielte, geriet ihm zu einer Sammlung überpointiert gedrechselter Einzelstellen, manieriert und am Geist des Stücks schwer vorbei: Wenig war da zu hören von der Seelendüsternis und den schwankenden Stimmungen, die Mozart in diesem Konzert zu erkennen gibt. Lang Lang überstrahlt alles mit seinem Sonnengemüt. Immerzu will er die Zuhörer vom Reichtum seiner Ausdrucksmöglichkeiten überzeugen. Noch die unscheinbarste Begleitfigur spielt er mit der Geste: Hört her, hier ist meine Stimme zwar gar nicht wichtig, aber ich kann sie mit viel Gefühl phrasieren. Lang Lang will nicht nur ein Virtuose der Tasten, sondern auch der Empfindungen sein. Aber er vergisst, dass musikalischer Ausdruck nicht wie ein Tom-&-Jerry -Comic funktioniert.

 
Leser-Kommentare
    • Yinyue
    • 05.03.2006 um 18:47 Uhr

    In einer Zeitung wird Lang Lang mit dem "chinesischen Pianisten-Schlacks" genannt. Wer kann mir erklären, was das Wort "Schlacks" bedeutet. Vielen Dank!!!

  1. Ich selbst habe Lang Lang bei seinem Solo-Auftritt in der Philharmonie gesehen und kann die radikal-negative Meinung von Herrn Spahn absolut nicht teilen. Der chinesische Pianist Lang Lang ist ein Ausnahmekünstler. Jemandem, der mit allen großen Orchestern und Dirigenten der Welt zusammengearbeitet hat, kann man nicht fehlende Musikalität vorwerfen! Lang Lang hat sich längst vom Wunderkindimage losgelöst und ist ein reifer Künstler mit tiefem musikalischen Verständnis geworden. Es mag sein, dass seine Gestik und Mimik bei seinen Auftritten an manchen Stellen etwas übertrieben ist- für mich jedoch lenkt das nicht von der Musik ab, sondern unterstreicht seine emotionale Verbundenheit mit dem, was er spielt. Meines Erachtens sind gerade jene Gefühlsausdrücke elementar für jeden Musiker. Was ist denn Musik? Sie ist das "Organisieren von EMOTIONEN in der Zeit", sagt der polnische Pianist Krystian Zimerman, ebenfalls in einem Interview in der ZEIT und unterstreicht die Bedeutung der Gefühle für das Erschaffen und Ausüben von Musik. Deswegen offenbart eine Kritik hinsichtlich der Emotionen, siehe "Ach, die Gefühle" ein völliges Fehlverständnis für die Wechselwirkung zwischen Musik, dem Interpreten, der sie ausübt und dem Publikum, das sie hört! Dass es Lang Lang vielleicht an manchen Stellen an der vollständigen geistigen Bewältigung der Musik mangelt sei Hrn. Spahn zugestanden. Jedoch sollte mein bei einer so harschen Kritik bedenken, dass er gerade mal 23 Jahre alt ist. Die geistige Auseinandersetzung mit der Musik wird mit wachsendem Alter auch bei Lang Lang stetig zunehmen.Desweiteren möchte ich anmerken, dass das selbstdarstellerische Element bei seinen Konzerten eine nicht zu unterschätzende,wertvolle Funktion für seine Hörerschaft hat. Durch die Faszination seiner Person gelingt es Lang lang auf ganz natürliche Art und Weise immer mehr Menschen für die klassische Musik zu begeistern, nicht nur in China, sondern weltweit! Somit erfüllt Lang Lang eine Mittlerfunktion von höchstem kulturellen Wert. Unsere Gesellschaft braucht nicht nur intellektuelle "Stille-Kämmerlein-Pianisten", die sich vor der Öffentlichkeit verschließen wie Glenn Gould oder Richter- nein wir brauchen gerade so einen strahlenden, brillianten Mann wie Lang Lang, der sich den Menschen zuwendet und ihnen den Weg in die faszinierende Welt der klassischen Musik ebnet. Lang Lang ist publikumsnah, menschen,- und vor allem kinderfreundlich. Sein soziales Engagement zeigt sich nicht zuletzt an der Mitgliedschaft in der UNICEF, zu dessen jüngstem ehrenamtlichen Botschafter er 2004 ernannt wurde.
    Das Solo-Konzert von Lang Lang, das ich in der Philharmonie gesehen und gehört habe war nicht nur das schönste, sondern auch das musikalisch intensivste, das ich je erlebt habe.
    In seinem Spiel verbindet sich technische Perfektion mit einem zutiefst poesievollen Spiel. Und Technik kann nicht von der Musik getrennt werden. Zusammen bilden sie eine harmonische Einheit! Lang Lang ist gegenwärtig zweifelsohne einer der besten Pianisten der Welt!!
    Augrund angeführter Argumente sehe ich keinerlei Rechtfertigung für die repektlose und verkennende Kritik, die Hr. Spahn in seinem Artikel an den Tag legt und wünsche das dies reflektierend zur Kenntnis genommen wird.
    Respektvoll, Nathaniel Mandal

  2. 3. \N

    Hätte Herr Spahn ein bisschen mehr Ahnung von Schumann, wüsste er, dass das Stück "Von fremden Ländern und Menschen" heißt- peinlich dann einen falschen Titel zu drucken.....

  3. Ich habe Lang Lang in Leipzig gehört und kann einen großen Teil der Rezension nur bestätigen: mit zwar sehr kultiviertem Anschlag eine Aneinanderreihung von schönen Phrasen ohne inhaltlichen Bezug zueinander und ohne Spannungsbogen in absoluter Langeweile (Chopin h-moll), allerdings fand ich den Mozart (330) sehr pointiert, geistreich und individuell. Trotz fulminanter Technik bei der Liszt-Rhapsodie scheint mir Lang Lang als Musiker doch überschätzt zu sein.

  4. Ich verfolge seit einigen Jahren zahlreiche Pianisten auf Ihrem Weg und kann nur anmerken, daß mich die respektlose Kritik sehr geärgert hat.
    Lang Lang ist ein "Ausnahme-Pianist" der sein Wunderkinderimage schon weit hinter sich gelassen hat.

    Junge Pianisten wie Lifschnitz, Volodos, Kissin oder Lang entwickeln über Jahre interessante Profile. Jeder hat seinen eigenen Charakter und seine eigene Seele. Lang Lang überrascht und man darf gespannt sein, wie es sich weiter entwickeln wird.
    Persönliche Gefühle solten bei Kritiken nicht der Hintergrund des geschriebenen Wortes sein. Wenn ich Dinge objektiv bewerten möchte - ist ein respektloser Ton fehl am Platz.

    Mit freundlichen Grüßen
    Hendrik . Laue

  5. Ich möchte nur darauf hinweisen, dass Lang Lang nicht nur ein wunderbarer sondern auch zeitgenössischer Pianist ist. Dies sieht man nicht nur an dessen Spielweise sondern auch an der Ausaneinadersetzung mit der heutigen Zeit. Mein Sohn hat mich darauf hingewiesen, dass Lang Lang heute Live im Second Life spielt. Ein virtuelles Konzert für echte Ohren. Einmal bei www.yahoo.de zu sehen und bei der Schule, die diese Veranstaltung durchführt. www.l-4.de

    Grüße

    T. Müller

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