In den verwinkelten Kellern des Stuttgarter Katharinenhospitals lagert ein Schatz. Aufeinander gestapelt, stehen dort blasstürkisfarbene, versiegelte Tonnen mit insgesamt 14,02 Kilogramm reinem Oseltamavir, besser bekannt unter dem Namen Tamiflu. Der Vorrat würde für die Behandlung von rund 20000 schwer grippekranken Patienten reichen. Eine Reserve für den Fall, dass sich wie 1918 ein Influenzaerreger über die ganze Welt ausbreitet, der Millionen von Menschen das Leben kostet. »Es gibt nur 18 Stellen in Deutschland, wo so etwas steht«, sagt der Klinikapotheker Holger Hennig, »in den speziellen Lagern der 16 Bundesländer, bei der Bundeswehr – und hier.« BILD

Der schlagzeilenträchtigste Influenzaerreger ist das Virus H5N1. Es grassiert zurzeit in Nord-Zypern und im Nordirak. Doch der gefürchtete Keim kann momentan allenfalls Tierseuchen auslösen – ein echter Pandemie-Erreger ist er noch nicht. Erst wenn H5N1 oder ein anderes aggressives Grippevirus irgendwo auf der Welt rasch von Mensch zu Mensch spränge, wäre der Ernstfall eingetreten. Niemand weiß, wann dies geschieht. Doch irgendwann, da sind sich alle Experten sicher, wird es passieren. Und deshalb ist es besser, sich gut darauf vorzubereiten.

Nationaler Influenzapandemieplan heißt die Strategie, die eine Bund-Länder-Kommission unter der wissenschaftlichen Federführung des Robert Koch-Instituts (RKI) gegen diesen Seuchenzug entwickelt hat. Die ersten, noch etwas vagen Teile des Plans wurden im März 2005 veröffentlicht. Aufgeführt waren darin, garniert mit vielen Konjunktiven, unter anderem die Verteilungskriterien für einen Impfstoff, Empfehlungen für die Einlagerung antiviraler Medikamente und viele Anregungen für die Vorsorgemaßnahmen von Ländern und Gemeinden.

Fast ein Jahr ist seitdem vergangen, und die große Frage lautet: Sind Bund und Länder, der Katastrophenschutz, die Kommunen, Krankenhäuser und niedergelassene Ärzte heute gewappnet gegen die große Gefahr?

Dem Stuttgarter Klinikchef reicht die nationale Vorsorge nicht

Dem Katharinenhospital ist der Plan offenbar nicht konkret genug. »Wir können uns nicht darauf verlassen, dass alles auf nationaler Ebene geregelt ist«, sagt Claude Krier, der Chef des Stuttgarter Klinikums. »Die Patienten werden bei uns vor der Tür stehen, und dann müssen wir handeln.« Also hat das Klinikum in Kooperation mit der Stadt im vergangenen halben Jahr gute Arbeit geleistet; Belege dafür sind nicht nur die gut verschlossenen Tonnen im Keller, sondern auch ein Gesamtkonzept. Kriers Strategie lautet: Patienten versorgen, Mitarbeiter schützen und den Normalbetrieb aufrechterhalten, »denn schließlich haben Menschen auch im Pandemiefall Herzinfarkte«.

Bis ins kleinste Detail sind Vorkehrungen getroffen. Sollten sich beispielsweise die Menschen plötzlich gegenseitig mit dem Vogelgrippevirus H5N1 anstecken und Patienten immer häufiger mit Schmerzen, Luftnot und hohem Fieber im Hospital auftauchen, müssten diese von den anderen Maladen separiert werden. Influenzakranke würden dann durch die Notaufnahme der Inneren Medizin gelotst, Nichtinfluenzakranke fünfzig Meter weiter durch die Aufnahme der Chirurgie. Sollte die Lage eskalieren, könnte um die Ecke auch ein ganzes Klinikgebäude freigeräumt werden.

Die Stuttgarter sorgen für sich. Die 14,02 Kilogramm Tamiflu sind eine Extraration, reserviert für die Landeshauptstadt. Das Land Baden-Württemberg hat Tamiflu-Vorräte nur für acht Prozent der Bevölkerung eingelagert. Den Verantwortlichen war das Grund genug, in ihrer unmittelbaren Nähe noch etwas nachzurüsten. Der Klinikapotheker Holger Hennig bekam die Mittel, um direkt beim Schweizer Pharmahersteller Roche das Medikament zu ordern – schon im August vergangenen Jahres.

Um ihre Mitarbeiterstäbe sorgt sich die Stadt besonders. Rund 2400 Klinikangestellte werden im Ernstfall an die Verladerampe der Klinikapotheke bestellt und bekommen dort zwei Packungen Tamiflu und 20 Atemmasken in die Hand gedrückt. Das Paket soll für drei Wochen vor Influenza schützen. Zum Schutz aller ihrer 4800 städtischen Angestellten hat Stuttgart Kapseln für 40 Tage eingelagert. Es ist zwar wissenschaftlich umstritten, ob die Tamiflu-Prophylaxe im Ernstfall wirklich nützen wird – aber die Fürsorge hat noch einen zweiten Grund. Als 2003 die Lungeninfektion Sars in Asien wütete, blieb viel Krankenhauspersonal aus Angst vor Ansteckung einfach zu Hause. Wer sich gut geschützt fühlt, das ist die Hoffnung der Stuttgarter, kommt auch zur lebenswichtigen Arbeit, wenn überall Panik ausbricht.