Karikaturenstreit
Islam heißt Staatsreligion
Der Protest gegen die dänischen Karikaturen verunsichert Europa: Können wir auf einen Islam hoffen, der sich mit unseren Freiheitsrechten verträgt?
Angesichts der eskalierenden Konflikte mit islamistischen Gruppen fordern einsichtige Muslime wie der aus Syrien stammende und in Göttingen lehrende Bassam Tibi seit langem die Entwicklung eines Euro-Islams. Er soll, um die Integration in westliche Gesellschaften zu erleichtern, bestimmte Werte der abendländischen Kultur aufnehmen, vor allem die Trennung von Religion und Politik sowie die Anerkennung individueller Menschenrechte.
Dieser Forderung kann man nur zustimmen. Es stellt sich aber die Frage, ob ein solcher Euro-Islam noch ein authentischer Islam ist. Niemand bezweifelt zum Beispiel, dass ein liberaler Jude ein wirklicher Jude ist, auch wenn er sich nicht um koscheres Essen kümmert. Kann aber ein Muslim, der die abendländische Leitkultur bejaht, noch als wirklicher Muslim gelten? Ist ihm zuzumuten, sich einen aufgeklärten oder liberalen Islam zu Eigen zu machen? Schließlich haben sowohl die Trennung von Religion und Politik als auch der Primat des Individuums vor der Gesellschaft, die einander bedingen, christliche Wurzeln.
Die Rechte des Individuums. Die Geschichte des Urchristentums zeigt, dass es der Einzelne war, der sich für den Anschluss an die christliche Gemeinde entscheiden musste. Dies bedeutete oft einen Bruch mit den nächsten Angehörigen. Ein Satz wie »Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist mein nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist mein nicht wert« (Mt 10,37) weist auf diese Situation hin. Wenn auch oft der Hausvater die Religion des Hauses bestimmte, so waren andererseits Ehen von Christen und Nichtchristen nicht ungewöhnlich (1 Kor 7,12–16). Durch die Taufe wurde der Einzelne in die christliche Gemeinde aufgenommen, und dieses Zeichen der Individuation, das sich später sogar mit der persönlichen Namensgebung verband, ist in der volkskirchlichen Situation immer festgehalten sowie durch täuferische Gruppen betont herausgestellt worden.
Wichtiger ist freilich der theologische Sachverhalt, der sich in diesem Zeichen artikuliert. Während die hellenistische Religiosität davon ausging, dass die religiöse Wahrheit der vernünftigen Einsicht, der »Weisheit« (sophia), offen steht und nur aus Uneinsichtigkeit geleugnet werden kann, sagt Paulus von der christlichen Botschaft, sie sei »den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit« (1 Kor 1,23). »Denn weil die Welt durch ihre Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch törichte Predigt zu retten, die daran glauben« (1 Kor 1,21). »Glaube«, durch eine in den Augen der Griechen »törichte Predigt« erweckt, ist also kein intellektueller Vorgang, sondern ein existenzieller Lebensvollzug – ein Überführtwerden von der in der Predigt laut werdenden, den Nichtglaubenden ärgerlichen oder törichten Botschaft. »Denn die göttliche Torheit ist weiser, als die Menschen sind, und die göttliche Schwachheit ist stärker, als die Menschen sind« (1 Kor 1,25).
Das heißt: Die Wahrheit, die der Glaube glaubt, ist zwar mit anderen Wahrheitsansprüchen nicht kompatibel, aber sie ist auch keine allgemeine oder allgemein einsichtige Wahrheit. Der christliche Glaube ist vielmehr ein durch und durch persönlich geprägtes, das heißt individuelles Phänomen und insofern auch die wesentliche Grundlage des modernen Menschrechtsgedankens, wenn darin auch Momente der stoischen Ethik aufgenommen wurden.
Im Unterschied zum Urchristentum hat sich der frühe Islam nicht auf dem Weg der Mission ausgebreitet, die den Einzelnen anspricht, sondern auf dem Weg militärischer Eroberung. Als Mohammed in seiner Heimatstadt Mekka keine Unterstützung fand, wich er bekanntlich nach Medina aus, wo er mit Hilfe befreundeter Stämme die Herrschaft in die Hand bekam und von wo aus er den Krieg gegen Mekka führte. Damit begann die arabische Eroberung der Länder vom Zweistromland bis nach Spanien, die mit einer kollektiven Islamisierung verbunden war, von der nur Juden und Christen, die Mohammed als seine Vorläufer ansah, bis zu einem gewissen Grade ausgenommen waren.
Aber auch in diesem Fall sind die theologischen Überlegungen stringenter als die historischen. Für den Islam ist die im Koran begegnende offenbarte Wahrheit zugleich eine allen Gutwilligen einleuchtende Vernunftwahrheit. Immerfort verweist der Koran auf die Wunder der Schöpfung als Beweis für seine Gotteslehre oder auf die Erzählungen des Alten Testaments als Beleg für das Gericht Gottes über die Bösen. Der Islam ist insofern eine Religion von umfassender Rationalität. Sich nicht überzeugen zu lassen ist böswillige Verstocktheit, die vielen Polytheisten in der Frühzeit des Islams das Leben gekostet hat, und vom Islam abzufallen gilt nicht von ungefähr schon im Koran als todwürdiges Verbrechen.
In diesen Zusammenhang gehört das Verständnis des Korans. Während die Bibel ein wie auch immer inspiriertes menschliches Zeugnis von der Offenbarung Gottes in Jesus Christus ist, ist für den Islam der Koran selbst die Offenbarung. Dies Buch gilt als wesensgleich mit Gott, ist sein unerschaffenes Wort. Wo im Koran alt- und neutestamentliche Worte und Berichte in einer von der biblischen Vorlage abweichenden Form begegnen, liegt deshalb kein Irrtum Mohammeds vor, vielmehr haben Juden und Christen ihre Schriften später gefälscht. Wegen seiner Wesensgleichheit mit Gott kann der Koran auch nicht übersetzt werden, sodass nur relativ wenige Muslime, die das klassische Arabisch beherrschen, den Koran überhaupt lesen können. In den Koranschulen wird der arabische Koran auswendig gelernt, und in allen Moscheen werden arabische Suren gebetet, auch wenn die Betenden den Sinn der gebeteten Worte gar nicht verstehen.
Darum kann man gegenüber dem Koran auch nicht die Haltung des Glaubens im christlichen Verständnis einnehmen. Zwar trennt der Islam die Menschen in Gläubige und Ungläubige, aber die Gläubigen sind einfach die Angehörigen der Umma, der muslimischen Gemeinschaft, in die hinein man geboren, nicht etwa getauft wird; die Ungläubigen alle anderen Menschen. Keinesfalls aber vollziehen die Gläubigen einen Akt glaubender Anerkennung im Sinn der christlichen Bekehrung, weshalb im islamischen Denken auch eine Apostasie, ein bewusster Abfall vom Glauben, undenkbar ist. Ich halte es kaum für möglich, dieses geschlossene und stark ritualisierte System zu durchbrechen und dem einzelnen Muslim gegenüber dem Koran eine Stellung einzuräumen, wie sie der Christ im Hören und Verstehen gegenüber der biblischen Botschaft einnimmt, ohne den Islam substanziell zu verändern.
Trennung von Religion und Politik. Diese Skepsis verstärkt sich, wenn man bedenkt, dass der Koran den Muslim auch der Scharia unterwirft, also seine gesamten Lebensverhältnisse regelt: Religion, Sittlichkeit, Kult, Kultur, Recht und Politik. Das aber beschränkt die zweite Reformidee für einen Euro-Islam: dass er Staat und Kirche beziehungsweise Religion und Politik trennen soll, um integrationsfähig zu sein. Er darf die staatlichen Entscheidungen nicht mehr an ein religiöses Bekenntnis binden.
Die Trennung von Staat und Kirche ist im Christentum historisch fundiert. Die frühchristlichen Gemeinden hatten keinerlei politischen Einfluss, sondern unterlagen über Jahrhunderte latenter oder manifester staatlicher Repression. Im Bestreben, ihre religiöse Freiheit zu behaupten, waren die Christen aber bemüht, sich als vorbildliche Bürger des heidnischen Staates zu erweisen. »Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist« (Mk 10,17).
Diese historische Trennung beruhte auf der theologischen Unterscheidung von irdischem Wohl und ewigem Heil, von weltlichem Recht und göttlicher Gerechtigkeit, von irdischen Staaten und Reich Gottes. Sie hat in Augustins Rede von der civitas terrena und der civitas Dei oder in Luthers Zwei-Reiche-Lehre jeweils zeittypische Ausprägungen gefunden, nachdem sie auf dem Konzil von Nicäa 325 dogmatisch fixiert worden war. Dies von Konstantin berufene Konzil sollte zwar primär den Streit zwischen Arianern und Orthodoxen beenden. Indem aber das Bekenntnis von Nicäa innerhalb der trinitarischen Gottesvorstellung Vater und Sohn sowohl gleichstellte als auch unterschied, wurden Schöpfung und Erlösung, Wohl und Heil als Werke des einen Gottes bekannt und mit gleicher Würde versehen, zugleich aber unterschieden, sodass der seiner Göttlichkeit entkleidete Kaiser seine politische Aufgabe im Auftrag Gottes wahrnehmen konnte.
Die christliche Trinitätslehre ist das theologische Fundament der Unterscheidung von Religion und Politik. Für den Islam ist dagegen historisch festzustellen, dass Mohammed sowohl Religionsstifter als auch autoritärer Staatsmann gewesen ist. Die Suren des Korans, die entstanden sind, nachdem Mohammed in Medina und später in Mekka die politische Macht errungen hatte, dienen durchweg der Regelung rechtlicher und politischer Belange, und zwar in der gleichen zeitlosen und unhinterfragbaren göttlichen Autorität, wie sie auch den mehr religiös orientierten Suren eignet. Dieser Ausgangspunkt wurde durch das Kalifat fortgesetzt – der Kalif war geistlicher und weltlicher Herrscher – und hat sich bis in die Gegenwart nicht geändert, auch wenn das Kalifat durch andere staatliche Strukturen abgelöst und 1924 von der türkischen Nationalversammlung auch offiziell aufgelöst wurde. Aber selbst in der laizistischen Türkei ist der Islam Staatsreligion, die von dem staatlichen Direktorium für Religionsangelegenheiten gelenkt wird. Deswegen gelingt den Muslimen in Deutschland nicht, sich in einer umfassenden Körperschaft zu organisieren; denn eine kirchenähnliche Organisation neben der staatlichen Organisation ist für den Islam nicht vorgesehen.
Dieser historischen Ausgangssituation entspricht als theologisches Fundament der radikale Monotheismus des Islams. Dessen Grundbekenntnis lautet: »Es gibt keinen Gott außer Gott«, und mit diesem Bekenntnis warnt der Koran vor den Christen, die dem Vater einen Sohn beigegeben haben und damit in den Polytheismus zurückgefallen seien. Dieser gleichsam »naive« Monotheismus ist für die Identität des Islams unaufgebbar und verbietet jede Form der Trennung von Religion und Staat. Der bedeutende Philosoph und geistige Vater Pakistans, Sir Muhammad Iqbal (1873 bis 1938), der versucht hat, islamische Kultur mit abendländischem Denken zu verbinden, hat stets darauf insistiert, dass der Islam keine Kirche, sondern ein Staatswesen sei, die Religion keine Privatangelegenheit, sondern Fundament eines umfassenden gesellschaftlichen Organismus.
Es ist der strenge Monotheismus, der eine Verbindung von authentischem Islam und offener Demokratie ausschließt. Dies zu bestreiten würde bedeuten, das trinitarische Gottesbild in den Islam zu verpflanzen, ein für Muslime abscheulicher Synkretismus. Deshalb ist es ein Gebot nüchterner Einsicht, die Hoffnung auf eine multikulturelle Gesellschaft nicht mit dem Traum eines Euro-Islams zu verbinden. Gewiss gibt es Euro-Muslime, die freilich im Kreis ihrer Glaubensbrüder oft argwöhnisch beobachtet werden; einen Euro-Islam kann es nicht geben.
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- Quelle DIE ZEIT 09.02.2006 Nr.7
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Angesichts der Krawalle wegen der Karikaturen und dem Verlangen von weniger Pressefreiheit in Sache Islam von der muslimischen Seite wo den Eiferern schon der Schaum vorm Mund steht weil sie sich pausenlos angemacht,diskriminiert und beleidigt fuehlen und der Tatsache dass der Islam wie er ist,nicht 'die'friedliebende' Religion ist wie man es uns immer wieder erzaehlen will koennen wir nicht damit rechnen dass die in Europa lebenden Muslime sich derart integrieren und Buerger sein werden'wie alle anderen'.Mag sein dass irgendwann eine Reformation kommt wie es auch der christliche Glaube untergang aber bis dahin muss noch viel Wasser den Berg runter laufen.
Auf diesen Artikel habe ich lange gewartet und bitte alle Multikultis, Grüne, Migrantenforscher, Gutmenschen und kirchliche Würdenträger sich diesen Artikel hinter die Ohren zu schreiben.
Eine Multikulti Utopie, von der uns z.B. eine Claudia Roth immer wieder vorschwärmt, in der alle Weltreligionen und Ethnien friedlich miteinander leben, wie traumhaft schön. Nur hat es das noch nie wirklich gegeben. Und wenn es denn doch möglich sein sollte, ist der Weg dahin sehr viel länger, als wir uns das vorstellen mögen. Auch das wird im Artikel deutlich.
Und wenn europäische Muslime von einem Euroislam reden, wissen sie, was das bedeutet, und wenn sie es wissen, könnten sie das bitte erklären?
Und könnte bitte die europäische Muslime endlich die Ersten sein und zwar einfach aus Prinzip immer zumindest mit die Ersten, die gegen Zwangsheirat, gegen islamistischen Terror, gegen ständige Verunglimpfung unserer Kultur und Religion, für Demokratie, Gleichberechtigung, Pressefreiheit, Trennung von Staat und Kirche auch in muslimischen Ländern kämpfen.
Es gibt ein berechtigtes Misstrauen dem Islam gegenüber und ein Statement, was man in letzter Zeit immer wieder hört, wie, geht doch mal in die Moscheen und ihr werdet sehen, wie überflüssig Eure Sorgen sind ist an Naivität, oder an bewusster Irreführung nicht zu überbieten.
Ein hervorragender Artikel, den man all jenen ans Herz legen sollten, welche die verharmlosenden Mythen über den Islam gedankenlos nachplappern, weil sie sich eine paradiesische Multikultigesellschaft wünschen, in der alle friedlich nebeneinander leben und sich tolerieren. Dies kann es aber zwischen Islam und Humanismsus nie geben, da jener die Toleranz im Sinne der abendländischen Aufklärung ablehnt. In diesem Punkt muss ich dem Artikel von Walter Schmithals widersprechen. Der Islam ist keine rationale Religion, wenn wir Vernunftreligion im Sinne von Kant verstehen wollen, also derart, dass sie in der Offenbarungsreligion enthalten ist, die sich aber im Gegensatz zur Vernunftreligion in einer bildlichen, mythischen Sprache und in historischem Zusammenhang ausdrückt. Eine vernünftige Religion müßte aber als Konsequenz eines rationalen Menschenbildes die Autonomie des Individuums und des freien Willens anerkennen. Für alle, die beim Stichwort rational ihre Stirn runzeln: Das rationale Menschenbild behauptet nicht, dass der Mensch keine Emotionen habe, oder dass Gefühle unwesentlich seien; es behauptet nur, dass wir etwa die allgemeinen und universellen Grundsätze unseres Handelns rational begründen sollen und nicht emotional, d.h. dass wir nicht einfach jemanden auf dem Zebrastreifen totfahren, nur weil es sich für mich im Moment gerade so verdammt gut anfühlt, sondern dass wir uns an ethische Prinzipien halten, die für ALLE Menschen verbindlich sind. Genau diese Universalität unabhängig vom jeweiligen Glauben fehlt dem Islam, der nur die Universalität seines Glaubensanspruchs kennt. D.h. für den Islam ist nur der Moslem ein eigentlicher Mensch, weshalb der Koran bedenkenlos zur Tötung Nichtgläubiger aufrufen kann dies ist aber kein rationaler Standpunkt.
Auch Religionen sind dem Wandel unterworfen, sie verändern sich mit fortschreitender Bildung. Religionen taugen so lange, wie sie verschleiern können, dass sie sich mehr um sich selbst, sprich ihre Macht kümmern, als um den Menschen.
Islam wie Christentum sind deshalb ob sie wollen oder nicht dem Wandel unterworfen. Das Christentum wäre im herkömmlichen Sinne auch keine Religion, wenn wahrgenommen würde, dass sein Kernsatz "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" in erster Linie Lebensphilosophie sein soll, die die Entwicklung zum Menschen unterstützt.
Nun redet die EU schon davon einen FREIWILLIGEN Ehrenkodex aufzusetzen der uns auf 'deutsch' die Pressefreiheit masschneidert fuer die Muslime...Die Mullahs koennen sich haendereibend zurueck setzen und freuen: nun fallen wir alle unter diese Religion ..was kommt naechstens,Kopftuch fuer Frauen und Schweinefleisch Verbot, Sharia for all?
Herzlichen Glückwunsch zu so eienr fundierten, mutigen und kritischen Beschreibung. Ich habe Ihren Ausführungen wirklich nichts hinzuzufügen.
Bleibt zu hoffen, dass sich diese Form der Analyse durchsetzt und nicht einer verweichlichten "alle-Weltanschaungen-sind-doch-kompatibel" Haltung ergiben muß. Danke. Klare und fundierte Analysen sind rar in der Dikussion.
...die außerordentliche Belesenheit und Nachdenklichkeit, die Ihren Postings in diesem Forum (und anderen) zugrunde liegt - von der ausgefeilten Sprache ganz zu schweigen. Sehr fraglich, ob ich Ihnen da das Wasser reichen kann; wahrscheinlich nicht. Und trotzdem möchte ich Ihnen widersprechen.
Immer wieder erlebe ich, wie Streitgespräche zwischen Angehörigen der christlich-abendländischen Kulturkreises einerseits und Muslimen andererseits in ein unwürdiges Phrasentennis ausarten, in dem jeder das Böse nur im Feld des anderen zu verorten versucht.
Westliche Diskutanten erinnern dabei an diejenigen Koranverse, in denen vom Krieg gegen Andersgläubige die Rede ist; um dagegenzuhalten, weisen Muslime auf andere Texte hin, welche die Friedfertigkeit des Islam zu unterstreichen scheinen (stellvertretend für alle Sure 5:32 Wer einen Menschen tötet, tötet die ganze Menschheit).
Die einen verweisen berechtigtermaßen - vorwurfsvoll auf die Gewalt, die islamische Machthaber bei der Ausbreitung ihres Herrschaftsgebiets allzu oft angewendet haben; die anderen erinnern ebenso mit Recht - auf die Kriminalgeschichte des Christentums (Karlheinz Deschner), die Kreuzzüge, Kolonialismus und Holocaust ermöglicht und mit dem kirchlich abgesegneten Massaker von Srebrenica 1995 ( http://www.gfbv.de/presse... ) gewiss noch kein Ende genommen hat.
Als evangelischer Christ und deutscher Staatsbürger habe ich an einigen derartigen Diskussionen teilgenommen; man könnte sie endlos fortsetzen, aber das erscheint mir fruchtlos.
Denn: Nur Fundamentalisten (die es in mehr als nur einer Religion gibt) behaupten, dass, wer sich gegen eine wörtliche Auslegung der jeweiligen heiligen Schriften stellt, kein richtiger Gläubiger ist.
Theologische Aussagen, welche die Interpretationsbedürftigkeit heiliger Texte betonen und sich damit gegen ihre wortwörtliche Auslegung stellen, gibt es in der islamischen Kultur seit langem: Wie dem lesenswerten Ausatz von Navid Kermani (hier: http://www.navidkermani.d... ) entnommen werden kann, wird bereits dem 655 geboren vierten Kalifen Ali ibn Abu Talib der Satz zugeschrieben, der Koran sei ...eine Schrift zwischen zwei Buchdeckeln, die nicht spricht; es sind Menschen, die mit ihm sprechen. In der Folgezeit haben sich auch in der islamischen Religionslehre viele untereinander konkurriertende Lesarten herausgebildet, von denen diejenige der Islamisten eine, aber eben nicht die allein maßgebliche ist. Auch diese Aussage wird in dem o.g. Text mit Beispielen untermauert.
Aus allen diesen Überlegungen folgt: Es gibt nie und nimmer den Islam als homogenes, in sich geschlossenes Ganzes. (Gleiches gilt, denke ich, auch für alle anderen Weltreligionen). Religion manifestiert sich immer nur in der ganzen Vielfalt - und Widerprüchlichkeit - dessen, was ihre Anhänger tun, sagen und unterlassen. Es ist deswegen ein Widerspruch in sich, wenn manche, die so gern den Islam als Religion pauschal verurteilen, gleichzeitig sagen, sie hätten nichts gegen Muslime als Menschen.
Das Erstarken des militanten Islamismus in der Gegenwart (und die Tatsache, dass manche ihn für repräsentativ für den Islam insgesamt halten) hat mehrere Ursachen. Eine der wichtigsten ist aber, dass es in zumindest zwei der wichtigsten Empfängerländern unserer Petrodollars (Saudi-Arabien und Iran) äußerst mächtige Interessengruppen gibt, welche den gewaltsamen Kampf gegen Andersgläubige mit wahren Unmengen and Geld und modernster Propaganda-, Kommunikations- und Waffen-Technologie propagieren und unterstützen. Wie gesagt: Die Mittel hierfür kommen - nachdem sie vielleicht drei oder vier Zwischenstationen durchlaufen haben - direkt von uns. Das darf natürlich nicht dazu verleiten, uns im Westen wieder den schwarzen Peter zuzuschieben für die Gewalt, die uns droht. Es zeigt aber, dass wir mit dem Machtzuwachs dieser gefährlichen, aggressiv-islamistischen Variante des Islam einiges mehr zu tun haben, als manchen klar ist.
Historisch richtig ist, dass sich der Islam oft mit kriegerischen Mitteln ausgebreitet hat. Aber wo auch immer er hinkam, hat der die lokalen Kulturen nicht einfach ausgelöscht, sondern zumindest Teile von ihnen in vielfältiger Weise in die eigene religiöse und profane Lebenswirklichkeit integriert. Das hat eine enorme Vielfalt regionaler (sub)kultureller Ausprägungen des Phänomens Islam geschaffen, von denen nur wenige mit dem grausamen Rigorismus etwa der saudischen Wahabiten oder der afghanischen Taliban etwas gemein haben. Wer etwa die religiöse und ethische Vorstellungswelt indischer Sufis, türkischer Aleviten oder bosnischer Muslime mit der Ideologie dieser Fanatiker in eins setzt, tut Millionen von Menschen ein großes Unrecht. Nicht militante Islamisten, sondern vorwiegend konservative und weitgehend quietistische Strömungen mehr oder minder strenger Observanz machen bis heute die unspektakuläre Normalgestalt des Islam aus, wie der Leipziger Orientalist Holger Preissler (hier: http://www.asia-religion.... ) mit Recht schreibt.
Niemand kann in Abrede stellen, dass der Koran eine Vielzahl von Textstellen aufweist, die mit unseren heutigen Vorstellungen von Menschenrechten, Demokratie und Pluralismus nicht zu vereinbaren sind. Wahr ist aber auch: Viele, viele tausend Muslime haben z.B. in Algerien, Saudi-Arabien, Iran, Libyens und Syriens ihre Opposition gegen Despotie und Menschenrechtsverletzungen mit dem Verlust ihrer Freiheit, ihrer körperlichen und seelischen Unversehrtheit, ja, oft auch ihrem Leben bezahlt. Haben wir wirklich nichts besseres vor, als diesen armen Teufeln aus der Kuscheligkeit unserer geistig-moralischen Sofaecke auch noch hinterher rufen, ihr Glaube sei gar nicht der wahre Islam? Wenn ja, dann stellen wir uns an die Seite ihrer Peiniger. Die Opfer hätten besseres verdient.
Keine Frage: In vielen Textstellen des Koran findet eine patriarchalische wir sagen heute mit Recht frauenfeindliche - Lebenswirklichkeit Ausdruck. Und wenn heute jemand Frauen und Mädchen das Recht auf ein menschenwürdiges Leben streitig macht, darf nicht von anderen die Toleranz einfordern, zu der er selbst (offensichtlich) nicht bereit ist. Deshalb verdienen die in Teilen -erfolgreichen Bemühungen der vergangenen, rot-grünen Bundesregierung, Hilfsangebote für Opfer häuslicher Gewalt auszubauen und gerade für Frauen mit Migrationshintergrund leichter zugänglich zu machen, eine noch verstärkte Fortsetzung und Unterstützung. Übrigens: Die meisten Organisationen, die derartige Hilfsangebote leisten, nehmen über Geld- und Sachspenden gerne entgegen. Hier kann jeder zeigen, ob ihm das traurige Schicksal vieler muslimischer Frauen nur als Vorwand für billige Stimmungsmache gegen Minderheiten dient, oder ob ihm die Sache dieser Frauen wirklich etwas wert ist.
Zu bedenken ist aber auch, dass immerhin drei Staaten mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit bereits Frauen als Regierungschefinnen hatten: Bangladesh mit Khaleda Zia ( http://de.wikipedia.org/w... ), Pakistan mit Benazir Bhutto ( http://de.wikipedia.org/w... ) und die Türkei mit Tansu Ciller ( http://de.wikipedia.org/w... ).
Wie ich aus persönlicher Erfahrung weiss, haben diejenigen muslimischen Familien, die es mit Fleiß, Glück und Geschick zu ein wenig Wohlstand gebracht haben, schon seit langer Zeit eine äußerst ansehnliche Zahl muslimischer Ärztinnen, Lehrerinnen, Anwältinnen etc. hervorgebracht, die ihren Glauben keineswegs verleugnen. So mancher orientalische Patriarch spart sich das Geld für das Studium der Tochter vom Munde ab; bei einigen anderen hilft der in den Golfstaaten oder bei uns angeblich oder tatsächlich reich gewordene Onkel oder ältere Bruder nach. Auch diese Menschen sind Muslime und bleiben das (in aller Recht) Zeit ihres Lebens; wir haben kein Recht dazu, sie mit gewalttätigen Islamisten oder tumben Paschas über denselben Kamm zu scheren.
Anfang des XX. Jahrhunderts lebte m.W. die Mehrheit der Muslime in Gebieten, die dem Herrschaftsbereich der westlichen Kolonialmächte angehörten. Das hatte zur Folge, dass die Menschen dort Demokratie, Pluralismus und Menschenrechte nur als Privileg der Herrschenden, nie aber als eigenen Rechtspositionen kennen lernten. Das hat es fundamentalistischen Eiferern, aber auch sekularen Diktatoren nach Art eines Saddam Hussein oder Assad leicht gemacht, den Unmut der Bevölkerung wegen hausgemachter Mißstände auf "den Westen" umzulenken. Wir sollten, denke ich, diesen historischen Hintergrund nicht vergessen, wenn wir das oft traurige und teils bedrohliche Bild, das die islamische Welt heute für uns abgibt, zur Kenntnis nehmen.
Übrigens: Demokratie und Menschenrechte sind keine urdeutschen Errungenschaften. Sie konnten sich in (West-)Deuschland erst durchsetzen können, nachdem die westlichen Alliierten uns nach der Peitsche der militärischen Niederlage das Zuckerbrot des Marshall-Plans verabreichten und so die moralische Basis für die Einführung demokratischer und rechtsstaatlicher Institutionen legten. Millionen von Menschen in den islamischen Ländern hatten eine solche Chance nie. (Bisweilen war eher das Gegenteil der Fall: Im Iran etwa wurde 1953 die gewählte Regierung Mossadegh durch einen Putsch des von der CIA ausgebildeten und kontrollierten Offizierskorps abgesetzt, das den Schah zurückholte und die iranische Demokratie liquidierten). Ist das nicht ein Grund dafür, dem desolaten Zustand, in dem sich die viele islamische Länder heute befinden, mit etwas weniger Hochmut zu begegnen?
Es gibt eine informelle, unheilige Allianz zwischen "westlichen" Kulturchauvinisten und den aggressiven Islamisten: Beide Partner in dieser großen leider allzu großen Koalition sind sich darin einig, dass diejenigen Muslime, die auf dem steinigen Pfad zwischen islamischer Tradition und säkularer Moderne ihren eigenen, guten Weg zu gehen versuchen, nicht den wahren Islam repräsentieren. Wir sollten uns - und zwar sehr gründlich - überlegen, ob wir dieser Koalition angehören wollen; ich persönlich möchte das nicht.
Herzliche Grüße,
siddiqui
Arab Human Development Reports
Da steht drin, wohin es führt, wenn Gesellschafften in der Vergangenheit gefangen sind. Eine Interpretation des Berichts findet sich hier http://www.wams.de/data/2... . Dieser Bericht zeigt ganz klar, daß mit Lösungen des 7. Jahrhunderts Probleme des 21. Jahrhunderts nicht zu lösen sind. Jedem, der bei uns mehr Islam im Leben fordert, muß man diesen Bericht unter die Nase halten, immer wieder. Islamische Lebensweise bedeutet Armut, Nichtbildung und Diktatur.
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