Reinhart Koselleck war einer der Großen unter denen, die nach dem Krieg neu anfingen, in der Tradition verwurzelt und zugleich aufgeschreckt aus ihr angesichts der Katastrophen, die sie gerade am eigenen Leib erfahren, die sie überlebt hatten, anders als so unendlich viele neben ihnen.

Um die »Pathogenese der bürgerlichen Welt« zu verstehen, schreibt Koselleck Kritik und Krise, die Dissertation. Nachdem der Staat, um die religiösen Bürgerkriege zu beenden, die Gesellschaft sich unterworfen, ihr jedoch einen eigenen »Innenraum« konzediert hatte, trennten sich Politik und Moral. Im Namen der Moral verurteilte bürgerliche Intelligenz den Staat. Ihre Utopie, ihre Erwartung an die Geschichte, das gute Gewissen, das sie daraus bezog, führten in die Krise, die seitdem kein Ende fand; und zu den fürchterlichsten Untaten.

Utopiekritisch setzt Koselleck an, und dabei bleibt es. Er schreibt die klassische Untersuchung über Preußen zwischen Reform und Revolution, auch ein brillantes Stück Historiographie, die Geschichte von 1815 bis 1848. Aber seine eigentlichen Formen sind der Vortrag, der Aufsatz, die Diskussion. Darin entfaltet sich der unglaubliche, bestens angelegte, Zinsen über Zinsen tragende Reichtum seiner Fragen, Beobachtungen, Perspektiven, seiner Bildung wie seines sprühenden Geistes und Witzes.

Seine bedeutendste Hinterlassenschaft ist das Lexikon Geschichtliche Grundbegriffe, das er zusammen mit Werner Conze herausgab. Auch Begriffe haben Geschichte. Sie können nicht nur Indikatoren, sondern auch Faktoren des Wandels sein. In der »Sattelzeit«, den Jahrzehnten um 1800, bricht die Begriffswelt um; neue, zumal »Zielbegriffe« bilden sich, alte werden neu verstanden oder treten zurück. Die Geschichte wird »singularisiert«; nur noch eine Geschichte scheint alles zu durchwalten, wird Subjekt ihrer selbst. Eine »neue Zeit« beginnt. Historie kann nicht mehr magistra vitae sein. »Erfahrungsraum« und »Erwartungshorizont« klaffen auseinander. In drei Schritten skizziert er die Geschichte »asymmetrischer Gegenbegriffe«: Das statische Grieche – Barbar macht dem dynamischen Christ – Heide Platz, am Ende steht das vernichtende Mensch – Unmensch.

Kosellecks Fragen und Anregungen gehen in viele Richtungen. Jede Oberfläche wird durchsichtig für Hintergründe, Teufelsfüße, Fehlleistungen und all die modernen Äquivalente der Verblendung. Er entfaltet eine Leidenschaft für Prognosen, für vergangene schriftlich, für aktuelle in Gesprächen, beschäftigt sich mit den Träumen der Juden nach 1933, Zeugnissen für Verletzungen, die Menschen in den Schlaf verfolgen.

Den Plan einer historischen Theorie hat er aufgegeben. In zwei Bänden, Vergangene Zukunft und Zeitschichten, legt er die Aufsätze dazu vor. Zwei weitere sollen folgen. Da sind die Möglichkeiten und Grenzen historischer Erkenntnis ausgeschritten, das »Vetorecht« der Quellen betont. Mit der Begriffsgeschichte wird die Sprache zum Thema, auch die des Historikers, die zugleich tauglich gemacht wird zum Begreifen neuer Zusammenhänge. Vieles an diesen theoretischen Ansätzen war so neu, daß es nur sehr allmählich aufgenommen wurde. Den »denkenden Historiker« hatte Gadamer ihn genannt.

Anthropologische Konstanten drängten sich in den Vordergrund. Jetzt fragt er: »Wie neu ist die Neuzeit?« Altes und Neues überlappen sich, die Mehrschichtigkeit der Zeit wird wichtiger. Immer stärker wird auf Erfahrung reflektiert. Handeln und Ereignisse erscheinen – und sind – je neu; trotzdem wiederholen sich in ihnen weithin gleiche Strukturen. Es liegt in der Konsequenz eigener Erfahrung von Krieg, Gefangenschaft, dem Euthanasiemord an einer Tante, dem Bombentod des Bruders, daß Erinnerung und der Umgang damit ihn beschäftigen. So das Interesse für die Kriegerdenkmäler, die er jetzt so intensiv sammelt wie einst die Zitate für die Begriffsgeschichte. Nie hat er in Debatten geschwiegen. Schließlich aber, 1993, engagiert er sich öffentlich. In aller Schärfe nimmt er die gedankenlose Vermengung von Tätern und Opfern in der Neuen Wache aufs Korn, den Aberwitz auch, daß man der Millionen Juden mit der Kollwitzschen Statue gedenken will, in der Form der Pietà, mit ihren antisemitischen Anklängen. Und es erschüttert ihn, als er hören muß, daß nicht zuletzt seine Kritik zum Handel zwischen Kohl und Bubis führt, zum Grundstück für das – allein den Juden gewidmete – Holocaust-Denkmal. Angesichts des wuchernden Gedenkwesens beschwört er das Recht jedes Einzelnen auf seine Erinnerung, ein Grundrecht, in dem er nicht bevormundet werden darf. Erinnerung an Gewalt, an Todesangst, ist »in den Leib gebrannt« und stirbt mit ihm. Damit verschließt sich auch ein Zugang zur jüngsten Geschichte. Da fehlt den Jüngeren etwas.

»Die Themen brennen noch unter den Nägeln, aber bald wird die Generation der naturaliter Besserwisser obsiegen. Vielleicht taucht irgendwann die Schmuggelpost der Welthistorie wieder hoch, aus dem Meer des Vergessens. Laß es Dir gut gehen!« So schloß sein letzter Brief an mich. Am 3.Februar ist Reinhart Koselleck im Alter von 82Jahren in Bielefeld gestorben. Unendlich viel bleibt ungesagt.

Christian Meier ist Professor emeritus für Alte Geschichte an der Universität München