Neurologie Der mit den Tics
Er ist ein Aufklärer in eigener Sache. Christian Hempel lebt mit dem Tourette-Syndrom, einer Krankheit, die ihn gegen seinen Willen schreien und zucken lässt. Für seine Tourette-Seite im Internet wurde er mehrfach ausgezeichnet
Manchmal kommt es vor, dass ältere Damen Christian Hempel fragen, ob er noch alle Tassen im Schrank habe. Wenn er in der Kirche plötzlich den Kopf in den Nacken wirft und spuckt, wenn er sich im Restaurant gegen die Stirn schlägt oder in der Fußgängerzone laut »Heil Hitler« brüllt.
Dann muss der 32-Jährige erklären. Dass er mit dem Tourette-Syndrom leben muss – einer neurologischen Erkrankung, die ihn dazu bringt, genau das zu tun, was gerade völlig unpassend ist. »Es ist wie ein Spiel, aber es ist kein schönes Spiel«, sagt Hempel.
Wenn er Glück hat, hören die Damen sogar zu, fragen nach. Sie erfahren dann, dass in Deutschland mindestens 40000 Menschen mit Tourette leben, manche Experten sprechen sogar von mehr als einer Million. Per definitionem müssen bei Tourette mindestens zwei motorische Tics, zum Beispiel dauerndes Blinzeln und Grimassieren, sowie ein vokaler Tic über einen Zeitraum von mindestens einem Jahr auftreten. Sie müssen vor dem 21. Lebensjahr beginnen und gelten nur als Krankheit, wenn die Patienten unter ihnen leiden. Nur wenige sind so schwer betroffen wie Hempel.
Als er von seiner Krankheit erfährt, sucht er vergeblich nach deutschen Informationen im Internet. Darum entwirft er 1997 den Internet-Auftritt der deutschen Tourette-Gesellschaft – die erste deutsche Web-Seite zur Krankheit überhaupt. Seitdem hat er für das Design und sein Engagement bereits zwei Preise gewonnen.
Bei betagten Damen hat Hempel ein festes Programm. »Wenn ich mit der Erklärung zu Tourette fertig bin, erzähle ich noch Nachrichten aus meinem Leben als Könner und Macher, der wider Erwarten lebt und lacht«, sagt Hempel und grinst. Sein Abitur lasse sich bei solchen Gelegenheiten gut anbringen, seine Abschlussnote von 1,8, »das freut die meisten«.
Hempel ist Web-Designer und das, was man einen lockeren Typ nennt. In Shirt und Jeans sitzt er in seinem Büro nahe der Lüneburger Altstadt und erzählt, dass seine Tics manchmal sogar die Stimmung aufheitern, wenn er etwa morgens in die Firma kommt und statt seine Kollegen zu begrüßen »Obugadobu« brüllt und alle lachen müssen.
Wie ein Dirigent schleudert Hempel im Gespräch den linken Arm in die Luft, springt plötzlich auf wie eine Marionette, die an unsichtbaren Fäden aus dem Stuhl gehoben wird. Das wirkt allerdings gar nicht komisch; es sieht eher so aus, als würde jemand mit enormer Kraft an seinen Gliedern reißen und seinen Kopf verdrehen.
Er ist dabei völlig klar im Kopf und könnte jeden einzelnen Tic registrieren, wenn er wollte. Aber er will nicht. »Das würde ich gar nicht aushalten«, sagt er. Er wisse ja, wie unmöglich das aussehe, das Schreien, Hüpfen, Schlagen, Zucken. Manchmal fragt sich Hempel durchaus, warum er sich nicht abstellen kann. Früher, in den sechziger Jahren, empfahl man den Patienten eine Psychotherapie. Doch Tourette ist keine psychische Erkrankung, so viel ist heute klar.
- Datum 09.02.2006 - 13:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT 09.02.2006 Nr.7
- Kommentare 1
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







Ohne Zweifel ist der erschienene Artikel über Christian Hempel, der mit Tics und einem Tourette-Syndrom leben muss, eine gelungene Berichterstattung über das Erleben eines Einzelnen mit seinen ganz individuellen Tics und Erfahrungen. Dieser Artikel, der relativ gleichzeitig von einer TV-Dokumentation über Herrn Hempel begleitet wurde, hat vielleicht vielen Menschen Hoffnung gegeben, auch ganz bestimmt viele Herzen emotional berührt, und auch ich wünsche Herrn Hempel alles Gute auf seinem weiteren Lebensweg.
Diese doch sehr individuellen und deshalb auch relativ einseitigen medialen Darstellungen rufen jedoch nicht überall Begeisterung hervor. Tics, ob motorisch oder vokal auch im Erleben mit einem Tourette-Syndrom gibt es sehr häufig. Es sind jedoch eher wenige, die sich mit dem Problem der Koprolalie herumschlagen müssen. Es sind sicher auch nicht die meisten, die mit noch viel schlimmeren Tics leben müssen - und dennoch wirkt sich die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit durch "einseitige" Berichterstattung nicht zum Besten tic-belasteter Menschen aus.
Nur ein Fortschritt in der Erforschung der Ursachen, durch die effektive Therapien möglich würden, könnte dazu beitragen, daß soziale Reaktionen endlich einen angemessenen Charakter bekommen und einer Mehrheit der Menschen mit Tics oder sogar dem Tourette-Syndrom ein barrierefreieres Leben gestatten.
Alles andere polarisiert und führt zu Unzufriedenheiten, Stigmatisierung, Mobbing und sonstigen sozialen Problemen. Solange sich das nicht ändert, werden sich Menschen mit Tics der Öffentlichkeit und somit auch der Forschung entziehen. Berichterstattungen wie hier werden immer einen Insel-Charakter haben deshalb finde ich auch die Überschrift dieses Artikels nicht sehr passend. Es wäre besser, die Redaktion würde zukünftig bei solchen Artikeln das Individuum in den Vordergrund stellen und nicht die Tics oder das Tourette-Syndrom, denn darunter gibt es tausende andere Biografien, mal leichter mal schwerer betroffen, jedenfalls immer irgendwie anders
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren