Neurologie Der mit den TicsSeite 4/4
Es wäre schön, wenn Tourette eines Tages etwas Normales wäre, sagt Hempel. Dann würde die Krankheit praktisch ausheilen. Tourette könnte sogar etwas Besonderes sein. Manche hätten ihm gesagt, seine lauten Schreie hätten etwas Archaisches, erzählt Hempel. Dass da etwas sei, was tief im Menschen stecke und sich plötzlich zeige. Eine Art Urschrei. Ein Stamm in Neuguinea wollte den Tourette-kranken Dokumentarfilmer Karl Joseph aus Hannover zum Häuptling ernennen. Sie hielten seine Tics für etwas Göttliches. Daran sehe man, welche Wendungen die Krankheit nehmen könne, je nach Kultur, sagt Hempel.
Auch Tourette selbst bleibt niemals gleich. Nach der Pubertät nehmen die Symptome langsam ab. »Vermutlich findet in dieser Zeit eine wichtige Hirnreifung statt, so dass die Tics dann besser kontrolliert werden können«, sagt Müller-Vahl. Mit 60 Jahren sei Tourette deutlich schwächer als mit 13. Nein, er warte nicht auf eine Besserung, sagt Hempel. Aber anstrengend sei es schon.
Nur abends wird es ruhig, da kann Hempel wunderbar arbeiten. Dann hat er oft den Eindruck, seine Tics seien schon schlafen gegangen.
Der Mensch...
Christian Hempel arbeitet als Web-Designer in Lüneburg. Obwohl er mit dem Tourette-Syndrom leben muss, hat er einen festen Job und richtet sich gerade mit seiner schwangeren Freundin ein Haus ein. Seine Krankheit lässt ihn überall auffallen. Die Normalität hinter der zuckenden Fassade sehen nur wenige. »Ich will mehr sein als nur die Summe meiner Tics«, sagt der 32-Jährige.
...und seine Idee
Christian Hempel betreut die erste deutsche Internet-Seite zum Tourette-Syndrom. Seit er sie eingerichtet hat, können Interessierte und Betroffene sich dort über die Erkrankung informieren. Betroffenen hilft es zu erfahren, dass ihr auffälliges Leiden gar nicht so selten ist. Mindestens 40000 Tourette-Kranke gibt es in Deutschland.
- Datum 09.02.2006 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 09.02.2006 Nr.7
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Ohne Zweifel ist der erschienene Artikel über Christian Hempel, der mit Tics und einem Tourette-Syndrom leben muss, eine gelungene Berichterstattung über das Erleben eines Einzelnen mit seinen ganz individuellen Tics und Erfahrungen. Dieser Artikel, der relativ gleichzeitig von einer TV-Dokumentation über Herrn Hempel begleitet wurde, hat vielleicht vielen Menschen Hoffnung gegeben, auch ganz bestimmt viele Herzen emotional berührt, und auch ich wünsche Herrn Hempel alles Gute auf seinem weiteren Lebensweg.
Diese doch sehr individuellen und deshalb auch relativ einseitigen medialen Darstellungen rufen jedoch nicht überall Begeisterung hervor. Tics, ob motorisch oder vokal auch im Erleben mit einem Tourette-Syndrom gibt es sehr häufig. Es sind jedoch eher wenige, die sich mit dem Problem der Koprolalie herumschlagen müssen. Es sind sicher auch nicht die meisten, die mit noch viel schlimmeren Tics leben müssen - und dennoch wirkt sich die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit durch "einseitige" Berichterstattung nicht zum Besten tic-belasteter Menschen aus.
Nur ein Fortschritt in der Erforschung der Ursachen, durch die effektive Therapien möglich würden, könnte dazu beitragen, daß soziale Reaktionen endlich einen angemessenen Charakter bekommen und einer Mehrheit der Menschen mit Tics oder sogar dem Tourette-Syndrom ein barrierefreieres Leben gestatten.
Alles andere polarisiert und führt zu Unzufriedenheiten, Stigmatisierung, Mobbing und sonstigen sozialen Problemen. Solange sich das nicht ändert, werden sich Menschen mit Tics der Öffentlichkeit und somit auch der Forschung entziehen. Berichterstattungen wie hier werden immer einen Insel-Charakter haben deshalb finde ich auch die Überschrift dieses Artikels nicht sehr passend. Es wäre besser, die Redaktion würde zukünftig bei solchen Artikeln das Individuum in den Vordergrund stellen und nicht die Tics oder das Tourette-Syndrom, denn darunter gibt es tausende andere Biografien, mal leichter mal schwerer betroffen, jedenfalls immer irgendwie anders
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