Dieses hübsche Nachwehen zum Andersen-Jahr beginnt mit einem hässlichen Splittergeräusch. Der Zerrspiegel des teuflischen Kobolds zerspringt hörbar in Billionen Einzelteile, sie fliegen umher und dringen in Augen und Herzen.

Auch der kleine Kay wird gespickt und erkaltet allmählich von innen, wenn ihn die Schneekönigin in ihren Eispalast entführt. Booooa, ist das kalt, bibbert die Sprecherin Nina Hagen so frostbeulenhaft, dass man der Dame einen Muff reichen möchte. Wem bitte? Nina Hagen, der Königin des exklusiven Grusels?

Die erzählt Andersen?

Wenn Künstler sich ins Märchenfach begeben, wird es manchmal schaurig onkelhaft, tantenhaft. Hier wird es aufregend schön. Nina Hagen liest also Hans Christian Andersens Schneekönigin, deren legendärer Eispalast im vergangenen Jahr, zu Andersens 200. Geburtstag, weltweit in Kinder- und Erwachsenenköpfen erstand. Und man kann über Frau Hagen denken, was man will: Als Märchentante ist sie sensationell.

Sie hat ihrer Stimme ein Samtkleid übergezogen, eine überraschend weiche 19-Uhr-Sandmännchen-Stimme. Aber sie betet den Text nicht herunter, denn wenn es drauf ankommt, springt sie wie jener teuflische Kobold in die Rollen, sie macht ein ganzes Lautmalereigeschäft auf, sie frisiert und onduliert ihren pompösen, klassisch geschulten Mezzo wie eine Barockperücke, sie schreit die Krähe so eindringlich, dass man ihren Hals vom HNO-Spezialisten inspizieren lassen möchte, sie gurrt die Taube, sie blökt das Rentier, als sei sie in Wirklichkeit Bass, kurzum: Sie macht sich und uns einen Heidenspaß. Affige Show macht sie nie.

Falsch zu sagen, die Musik auf der CD Die Reise zur Schneekönigin (Gateway 4M CD 130101, Vertrieb: Alive - 59 Min., 12,95 e) umgebe den Text wie eine Dekoration, die gepflegte Atmosphäre reinbringt und ansonsten nicht auffällt.

Hier wird sie zum zweitwichtigsten Möbelstück im Märchenhaus. Und das, obwohl sie von weit her geborgt ist, von Peter Tschaikowskij und seiner Nussknacker-Ballettmusik. Wie kam das?