Kampf der Kulturen Die Macht des Lachens
Der Fall Shabana Rehman: Eine norwegische Kabarettistin pakistanischer Herkunft ätzt gegen islamische Fundamentalisten – und wird bedroht
Dieses Thema wird von den ZEIT online-Lesern intensiv diskutiert
»Was kriegen eigentlich weibliche Selbstmordattentäter als Belohnung?
72 unberührte Männer?
Das ist nicht so toll.«
Shabana Rehman
New York
Sie denkt scharf und kompromisslos und geht keinem Streit aus dem Weg. Sie fordert für Immigrantinnen die Grundrechte der Verfassung, kämpft gegen die Männerherrschaft in den Parallelgesellschaften der Einwanderer und kritisiert die falsche Toleranz gegenüber diesen Ghettostrukturen. Shabana Rehman, der norwegisch-pakistanischen Journalistin und Kabarettistin, mangelt es nicht an Kritikern und Feinden. Ähnlich wie die somalisch-niederländische Abgeordnete Ayaan Hirsi Ali oder die türkisch-deutsche Soziologin Necla Kelek wird sie von den Predigern ewiger Toleranz ebenso angefeindet wie von islamischen Fundamentalisten.
In einem Punkt aber unterscheidet sich Shabana Rehman, 29, geboren in Karatschi, seit 28 Jahren in Norwegen, von den anderen: Ihre wichtigste Waffe im Meinungskampf ist der Humor. Ihre Argumente kleidet sie in komödiantische Pointen. Manchmal so geschickt und beiläufig, dass sie nur von Hellhörigen verstanden werden. Wie in ihrem letzten norwegischen Soloprogramm: »Shabana fährt Ski über Grönland.« Die meisten verstanden das als lustige Revue über Alltagsprobleme sandalentragender Einwanderer in einem schneereichen Land. Die Bosheiten über vormoderne Macht- und Denkstrukturen auf der einen und postmoderne Multikulti-Romantik auf der anderen Seite blieben vielen verborgen.
Aber manchmal wird sie auch drastisch. Wie damals, als sie in einer Fernsehshow einen militanten Fundamentalisten buchstäblich aus den Schuhen hob. Mullah Krekar, islamischer Würdenträger und von den norwegischen Behörden des Kontakts zu terroristischen Gruppen verdächtigt, war zu einer live übertragenen Fernsehdiskussion in eine Osloer Disco gekommen, kulturell für ihn eine Art Höhle des Löwen: Alkohol statt Tee, kurze Röcke statt Burka und jede Menge junge unverheiratete Paare im Publikum.
Der Gast sah darüber hinweg, sprach arabisch und wies mit Hilfe des Übersetzers alle Verdächtigungen und alle Kritik mit sanfter Bestimmtheit von sich. Plötzlich hatte er Shabana Rehman neben sich, die mit ihrem »Fundamentalismustest« prüfen wollte, ob Mullah Krekar wirklich gefährlich sei. Ehe der sich versah, hatte die kräftige junge Frau seine Beine umfasst, ihn hochgehoben und wieder abgesetzt. »Ich sagte, er habe den Test bestanden, er müsse harmlos sein, denn schließlich sei mir als Frau, die ihn angefasst habe, nichts passiert.« Und während das Publikum auf die Situationskomik sichtlich amüsiert reagierte, verlor der Mullah die Fassung, schimpfte über die Provokation und drohte mit einer Anzeige. »Er war so außer sich«, erinnert sich Shabana Rehman und lacht fröhlich dabei, »dass er plötzlich norwegisch sprach.« Shabana Rehman erhielt viel Medienaufmerksamkeit und jede Menge hasserfüllte Post – aus Oslo und aus Übersee, per E-Mail und per Kurzmeldung auf ihr Handy. In dem Ausmaß war das neu.
Sie will provozieren – wenn es sein muss, mit dem nackten Hintern
1999 hatte sie mit dem Kabarett begonnen aus Spaß am Spaßmachen. Die Gesellschaftskritik kam erst allmählich dazu – im Kabarett und in ihren Zeitungskolumnen. Comedy, sagt sie, sei weniger gefährlich als die direkte Konfrontation. »Der Humor beschützt mich.«
Im Prinzip ja, aber es ist nicht mehr so einfach wie früher, und ihr bisher letzter öffentlicher Auftritt vor norwegischem Publikum hat dazu beigetragen. Auf der Eröffnungsveranstaltung der Filmfestspiele vergangenen August provozierte sie als Festrednerin einen Eklat – aus Ärger über den Eröffnungsfilm. Eine Romeo-und-Julia-Schnulze aus dem norwegisch-pakistanischen Milieu sollte da gefeiert werden. Das unverheiratete Liebespaar durfte sich auf der Leinwand sogar küssen. Der Filmemacher, selbst norwegisch-pakistanischer Herkunft, hielt das für eine mutige Provokation, Shabana Rehman für einen schlechten Witz. »Das war doch lächerlich, in Norwegen zu Beginn des 21. Jahrhunderts!« Um zu zeigen, wie man wirklich provoziert, entblößte sie zum Abschluss ihrer Ansprache kurz ihren Hintern und verschwand mit den Worten: »Viel Vergnügen beim Film.«
Danach hatte das Land tagelang kein anderes Thema. Shabana Rehman erhielt per E-Mail und Handy noch mehr Beschimpfungen und Morddrohungen, verbunden mit allen erdenklichen Obszönitäten. Auch die Integrationsexperten der Linken fielen über sie her: Sie habe dem multikulturellen Frieden im Lande einen schlechten Dienst erwiesen. Als dann eines Nachts aus einer Maschinenpistole auf das Restaurant ihrer Schwester geschossen wurde, war sie schockiert. Zwar wurde niemand verletzt, das Restaurant war bereits geschlossen, niemand mehr auf der Straße. Aber im stillen Oslo war das eine Warnung von anderer Qualität. Sie bekam Personenschutz. Und ging nach New York.
Unter einer Burka kann man kein Ikea-Regal zusammenbauen
»Zufall«, sagt Shabana Rehman. Seit September lebt sie hier, in Brooklyn. Sie sei nicht »untergetaucht« wie Ayaan Hirsi Ali nach dem Mord an dem Filmemacher Theo van Gogh. »Ich bin nicht auf der Flucht.« So ernst sei die Lage nie gewesen. Um das Stipendium am American Comedy Institute habe sie sich schon lange vor den nächtlichen Schüssen beworben. Sie wolle ihr komödiantisches Naturtalent verfeinern, sagt sie. Dazulernen. Über Norwegen hinauswachsen.
Gern nutzt sie auf den Kleinkunstbühnen im Umfeld des Broadways wie dem populären Caroline’s Comedy Club nahe dem Times Square die Abende mit »offenem Mikrofon« für kurze Auftritte. Sie kennt das New Yorker Motto: Wer es hier schafft, schafft es überall. Sie will es schaffen!
Auch hier beginnt sie ihr Programm in eine schwarze Burka gehüllt, befreit sich schließlich von dem Umhang, denn »in der Burka kann man zwar als Gespenst Kinder verscheuchen, aber kein Ikea-Regal zusammenbauen«. Sie erzählt von der mangelnden Redefreiheit in muslimischen Ländern, wo man als Frau ganz schnell umgebracht wird, wenn man über seine Sexualität öffentlich redet, und nimmt im nächsten Atemzug gleich noch die USA aufs Korn: »Es ist in muslimischen Ländern so alltäglich, Menschen umzubringen, dass sogar die Amerikaner in muslimischen Ländern Menschen umbringen.«
Sie verarbeitet auch die Hasstiraden ihrer Feinde. »Mein Hund wird dich f… und auf dich spucken«, hatte einer geschrieben. Sie reißt auf der Bühne staunend die Augen auf: »Na, so was – wo hat der Hund das denn her? Aus dem heiligen Koran?« Schallendes Gelächter – eine Ermunterung.
Die kann sie gebrauchen. Am selben Abend kommen Meldungen über die Zuspitzungen des Konflikts um die dänischen Karikaturen, die inzwischen, ebenso unerwünscht wie unverdient, westeuropäisches Kulturerbe geworden sind. Die Aggressionen in Beirut und Damaskus und die Drohungen speziell auch gegen Norweger lassen sie nicht kalt. Ein Anrufer aus Oslo rät ihr zur Vorsicht, auch bei dem, was sie in ihrer Kolumne in der liberalen Tageszeitung Dagbladet schreibt. Dort hat sie gerade ihrem Zorn über den muslimischen Mob und über die bußfertige Haltung der nordischen Regierungen freien Lauf gelassen, unter dem Titel Hurentochter Europa (auch das eine Fundsache aus ihrer Hasspost). Vielleicht, so regte sie sarkastisch an, sollte man die Karikaturisten »teeren und federn«, die Außenminister Dänemarks und Norwegens könnten sie auf einen Esel setzen und vor der Presse herumführen. So bekäme dann auch al-Dschasira ein paar Bilder für sein Programm – vielleicht ließe der muslimische Mob sich auf diese Weise versöhnen.
»Ich bin ein lustiges, liberales Mädel«, hat sie vor wenigen Stunden noch gesagt. »Zum Fröhlichsein brauche ich nicht viel: mein Herz, meine Stimme, ein Mikrofon.« Sie sei glücklich, wenn sie die Leute zum Lachen bringe.
Jetzt, auf dem nächtlichen Broadway, wird sie ganz leise und ernst: »Ich fürchte, die ganze Scheiße hört nie auf.« Sie würde gern mal wieder unbefangen komisch sein, ohne die aktuelle Tragik dieser irren Welt, ohne Fanatismus, Intoleranz, Zwangsheirat und Ehrenmorde. Einfach alberne Witze machen – zum Beispiel über Sandalenträger im Schnee.
- Datum 09.02.2006 - 13:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | Auf mehreren Seiten lesen
- Quelle DIE ZEIT 09.02.2006 Nr.7
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




