BuchDie Masse macht’s

Gegen die »Vernichtung der Vielfalt«: In seinem letzten Werk schöpft der Philosoph Paul Feyerabend noch einmal aus dem Vollen von Maximilian Probst

Was ist Philosophie? »Ein Hexengebräu, das einige ziemlich todbringende Bestandteile enthält«. Denn sie zerstöre die Poesie, Fülle und Flexibilität des gesunden Menschenverstandes. An deren Stelle träten fahle Abstraktionen, Normen, Formeln – eine Leere, der die Philosophen den Namen »Realität« zu geben pflegten. Provokativ wie immer, so präsentiert sich der Philosoph Paul Feyerabend in seinem posthum erschienenen Werk Die Vernichtung der Vielfalt.

Mit seiner Philosophenschelte knüpft er an sein frühes Buch Wider den Methodenzwang an, das in den siebziger Jahren Feyerabends Ruf als Enfant terrible der Wissenschaftstheorie begründet hatte. Es sollte »die Menschen von der Tyrannei philosophischer Obskuranten und abstrakter Begriffe wie ›Wahrheit‹, ›Realität‹ oder ›Objektivität‹ befreien«. Dazu entwickelte er den Gedanken einer »anarchistischen Theorie des Wissens«, die er auf die griffige Formel Anything goes brachte – nicht gerade zur Freude seines Lehrers Karl Popper, der sich Zeit seines Lebens bemühte, eine normativ verbindliche Methode des wissenschaftlichen Denkens zu finden.

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In seinem letzten, unvollendet gebliebenen Werk umkreist Feyerabend in mehreren Fallstudien – man kann sie als eigenständige Essays lesen – die Ambivalenz der Abstraktion. Was gemeinhin als Zivilisationserscheinung aufgefasst wird, betrachtet er aus der Perspektive einer Verlustrechnung: Mit dem Absehen vom Konkreten und Besonderen verarmt die Welt seit Menschheitsgedenken. Bunt war die Götterwelt Homers, blass, seit sie Xenophanes auf den gemeinsamen Nenner, den einen Gott herunterbrach. Bei Parmenides bleibt davon nur ein logisches Konstrukt, das er »Sein« betitelt – ein Ewiges, Unteilbares, Unveränderliches, erreichbar nur über die Vernunft. Damit ist laut Feyerabend der Grund gelegt für den Siegeszug der wissenschaftlichen Weltsicht mit ihrer rigiden Unterscheidung von (verdeckter) Realität und (oberflächlicher) Erscheinung.

Allerdings: Abstraktionen können erst dann »logisch« und »argumentativ« hergeleitet werden, schreibt Feyerabend, wenn sie zuvor in die Prämissen eingegangen sind. Nicht besser stehe es um die Notwendigkeit, mit der das Resultat aus den Prämissen hervorgeht, den Beweis: Seine Überzeugungskraft beruhe ganz auf der Struktur einer dramatischen Erzählform. Der Abstraktion liege somit keine Einsicht zugrunde, sondern eine Entscheidung. Nichts spricht dagegen, sich anders zu entscheiden.

Feyerabend zeigt uns die Alternativen. Er zeigt, was die getroffenen Entscheidungen ausgeschlossen haben. Nicht etwa, weil er dem Irrationalen das Wort redet und den Fortschritt abwürgen will. Sondern weil er erkennt, dass jede neue Perspektive sich aus Mehrdeutigkeiten und Widersprüchen herausbildet. Fortschritt ist das Anwachsen der Menge alternativer Theorien zu einem bestimmten Gegenstandsgebiet. Die Masse macht’s.

Ergänzt wird diese Sicht durch ein konstruktivistisches Realitätsmodell. Feyerabend zufolge ist Realität immer inszeniert; sie bedarf der Bühne, um in Erscheinung zu treten. Und je nach Art der Bühne zeigt sie sich anders. Als Ganze bleibt sie unerschöpflich. Allerdings lässt die Realität nicht alles mit sich machen. Sie kann sich unseren Inszenierungsbemühungen verweigern: Sie spielt dann einfach nicht mit, sagt Feyerabend und versucht damit, zwischen der Scylla der Objektivität und der Charybdis des Relativismus hindurchzusteuern.

Natürlich lässt sich einwenden, dass Feyerabends Positionen nicht wirklich neu, ja vielleicht schon überholt sind: Viel Nietzsche steckt darin, Hermeneutik und Dekonstruktion. Der Unterschied liegt dann auch weniger in der Argumentation als im Material. Und das ist im Falle Feyerabends nicht nur die Kultur – sondern auch die Wissenschaftsgeschichte von der Geometrie Euklids bis hin zur Relativitätstheorie und Quantenmechanik. Dabei erweist er sich als ein Meister der Weitwinkelphilosophie: Keiner kommt so schnell wie er von Parmenides über Shakespeare zum Energieerhaltungssatz und wieder zurück.

Es sind diese Materialfülle und Paul Feyerabends großes Gespür fürs Dramatische, die sein Buch so lesenswert machen. Nicht nur, dass er dieses Element überall am Werke sieht – er handhabt es auch selbst aufs Beste. Kann das verwundern? Sagt man nicht, Herkunft sei Zukunft? Und so könnte man sich fragen, ob die Fixierung des Dramatischen und Bühnenhaften am Ende seines Lebens nicht Feyerabends Anfängen geschuldet ist – kurz: der Stadt Wien, dieser »Besten aller Halbwelten«, dieser Bühnenstadt par excellence.

Denkt man dann noch an die vielen Stimmen, die sich in seinem Text kreuzen, ahnt man, wem das Buch Die Vernichtung der Vielfalt zuletzt verpflichtet ist: der Kaffeehaus-Tradition.

Die Vernichtung der VielfaltEin BerichtPaul K. FeyerabendSachbuchEnglischBuchPassagen Verlag2005Wien48344Volker Böhnigk und Rainer Noske
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