Buch Ein Blick über den eigenen Kulturkreis hinaus

Auch im Islam werden bioethische Fragen höchst kontrovers diskutiert

Die Frage nach den ethischen Implikationen der Biomedizin beschäftigt die deutsche wie internationale Öffentlichkeit seit Jahren. In Feuilletons und Gremien wird mit Kompetenz, Engagement und bisweilen unakademischem Furor diskutiert, wobei manche der zahlreichen Fronten entlang religiös begründeter Positionen verlaufen. Wenig überraschend konzentrieren sich diese hierzulande auf christliche Wertvorstellungen; der Blick über den Rand des Reagenzglases bildet die Ausnahme.

Dabei gibt es gute Gründe, ohne Überheblichkeit zur Kenntnis zu nehmen, wo das Thema Bioethik im Islam verortet wird. Eine Analyse der Einstellungen anderer Kulturkreise sei für die Debatte in Deutschland bedeutsam, wolle sie nicht »im Vorläufigen oder gar Provinziellen verharren«, schreibt Thomas Eich. In der Studie Islam und Bioethik zeichnet der Bochumer Islamwissenschaftler die Diskussion unter islamischen Rechts- und Religionsgelehrten nach. Er fasst vor allem drei einflussreiche Organisationen ins Auge, die sich regelmäßig mit medizinethischen Fragen befassen.

Anzeige

Dass zwei von ihnen für die Auslegung des Islamischen Rechts, den Fiqh, zuständig sind, ist kein Zufall: Moralische Bewertungen leiten sich im Islam eben direkt aus der Scharia her, die auch ethische und theologische Sachverhalte regelt. Dies geschehe jedoch häufig auf der Grundlage von Einzelfällen, schreibt Eich und betont, dass man »eine erhebliche Bandbreite islamischer Rechtsmeinungen« vorfinde. Anders gesagt: Jeder Mufti hat das Recht auf seine eigene Meinung.

Die Folge: Nicht einmal in zentralen Fragen wie dem Zeitpunkt, zu dem menschliches Leben beginnt, konnten sich die Gelehrten auf eine Position einigen. Gegensätzliche Beschlüsse wechselten sich ab: Von der einen Organisation wurde die Embryonenforschung vorsichtig erlaubt, von der anderen kategorisch verboten. Praktisch einhellig lehnen die Gelehrten dagegen reproduktives Klonen ab – freilich nicht, weil dadurch ein Eingriff in Gottes Schöpfungsmacht erfolgte, sondern aufgrund der sich ergebenden unklaren Abstammungsverhältnisse. Generell wird weniger auf der Basis naturwissenschaftlicher Erkenntnisse als auf der Grundlage von Koran und Prophetensprüchen argumentiert. Kein Wunder, meint Eich: Die meisten Gelehrten besäßen kein oder nur unzureichendes medizinisches Wissen.

Trotz seiner Kürze und des Bemühens, grundlegende Sachverhalte auch dem fachlich nicht versierten Leser verständlich zu machen, ist Thomas Eichs Buch keine leichte Lektüre – doch das liegt an der Materie. Als »ausgesprochen diffus und leicht manipulierbar« charakterisiert der Autor den bisherigen Verlauf des islamischen bioethischen Diskurses.

Solange sich das nicht ändert, wird die Vielstimmigkeit der islamischen Welt sich wohl auch auf dem Feld der Bioethik fortsetzen.

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
    • Quelle DIE ZEIT 09.02.2006 Nr.7
    • Versenden E-Mail verschicken
    • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
    • Artikel Drucken Druckversion | PDF
    • Schlagworte Buch | Bioethik | Recht | Islam | Scharia | Koran | Ethik
    • Artikel-Tools präsentiert von:

    Service