Sie ist die starke Frau unter den Hollywood-Schönheiten. Eine Intellektuelle mit Karate-Gürtel, deren einzelgängerische Rollen sie zu einem Idol der Emanzipationsbewegung machten: Sie war die schlagkräftige Weltraum-Erobererin Ellen Ripley in Alien, die unerschrockene Forscherin in Gorillas im Nebel, die kaltschnäuzige Ehebrecherin in Der Eissturm. Jetzt spielt sie in Mark Evans’ Tragikomödie Snowcake eine Autistin, deren halbwüchsige Tochter bei einem Autounfall ums Leben kommt. Sirgouney Weaver BILD

DIE ZEIT: Wann haben Sie das letzte Mal aus Höflichkeit gelogen?

Sigourney Weaver : Ich weiß nicht, ob ich das lügen nennen würde, aber wenn ich mir Auftritte von Kollegen anschaue, setze ich immer das freundlichste Gesicht auf, das ich habe. Jedes Theaterstück, jeder Film ist eine so emotionale Sache, dass wir Schauspieler unbedingt Ermutigung brauchen. Man muss uns immer sagen, was man an uns großartig findet, und das Negative weglassen. Wenn ich es mir recht überlege, lüge ich ständig.

ZEIT: In Snowcake spielen Sie eine Autistin, die ihre spießigen Kleinstadt-Nachbarn durch radikale Ehrlichkeit schockiert. Wären Sie gern zu so viel Taktlosigkeit imstande?

Weaver : Manchmal schon. Aber Autisten können gar nicht lügen. Sie sind unfähig, sich sozialen Konventionen zu unterwerfen, und nehmen sich ganz selbstverständlich die Freiheiten, vor denen wir uns fürchten. Sie beenden beispielsweise selten ein Gespräch, sondern wenden ihre Aufmerksamkeit plötzlich etwas Neuem zu… Dafür muss man in ihrer Gegenwart nicht darüber nachdenken, ob man sich angemessen verhält – das tue ich sonst viel zu oft.

ZEIT : Einer der schönsten Sätze in Snowcake lautet: »Du weißt nicht, wie ich mich fühle, denn du bist nicht ich.« Wie setzt man als Schauspieler diese Dialektik außer Kraft?