Österreich Gelegenheit, Nacht, Diebe
Wie es gelang, die »Saliera« aus dem angeblichen »Bollwerk« zu stehlen
Zum ersten Mal schlug ein Diebstahlmelder zum Schutz der Saliera im Jahre 1949 Alarm. Damals wurde das berühmte Salzfass, von Benvenuto Cellini zwischen 1540 und 1543 modelliert, in der Londoner Tate Gallery feierlich präsentiert. »Es war meine erste Auslandsreise«, erinnert sich Hermann Fillitz, damals Kurator und später Direktor des Wiener Kunsthistorischen Museums (KHM). »Nach der Eröffnung sind wir alle mit Sektgläsern ganz glücklich, ja arglos draußen auf dem Trafalgar Square gestanden. Und urplötzlich waren wir von lauter Bobbys umzingelt.« Der Spuk war schnell aufgeklärt: Eine streunende Katze hatte sich in den Kunsttempel verirrt und war über einen der schweren Brokatteppiche geschlichen, unter dem hochsensible Alarmdrähte das kostbare Objekt sicherten.
Über ein halbes Jahrhundert später verlief der Saliera-Alarm weniger glimpflich. In der Nacht vom 10. auf den 11. Mai 2003 wurde er schlicht ignoriert, und der Täter, mutmaßlich Robert Mang, kletterte mit dem erbeuteten Juwel ungehindert aus dem Raffael-Saal des KHM. »Durch den Diebstahl hat das Kunsthistorische Museum seine Unschuld verloren«, erinnert sich Georg Leithe-Jasper, der frühere Direktor der Kunst- und Schatzkammer des KHM, des eigentlichen Standorts der Saliera. »Die Reaktion meiner Kollegen vom Louvre bis zur Eremitage war erschütternd. Es stimme also doch, sagten sie, das KHM sei ein unseriöses Haus geworden.«
In der Groteske rund um Raub und Rückgabe des Kleinods, die vergangene Woche in einer erbitterten Abwehrschlacht der zuständigen Ministerin Elisabeth Gehrer bei einer parlamentarischen Dringlichkeitsdebatte mündete, kam der ruinierte Ruf des Flaggschiffs der österreichischen Museen allerdings gar nicht zur Sprache. Im Gegenteil: Gehrer behauptete kühn, das KHM sein »ein Bollwerk« gewesen, das Sicherungssystem state of the art, also auf dem technisch besten Stand, der damals möglich war.
Zum Zeitpunkt des Diebstahls war allerdings höchstens das Baugerüst state of the art, das von der Firma Thyssen vor Teilen der renovierungsbedürftigen Fassade des KHM aufgestellt worden war: vor der Südwestfront zum Museumsplatz, der das KHM vom gegenüberliegenden neuen Museumsquartier trennt, und vor dem Haupteingang zum Maria-Theresien-Platz, der zwischen den beiden Schwesterhäusern des Kunst- und des Naturhistorischen Museums liegt. Um Unbefugte am Besteigen zu hindern, waren die unteren fünf Meter mit einer glatten Holzplatte verschalt worden. Der Gerüstschutz gegen den Museumsplatz besaß allerdings eine Schwachstelle: An der Gebäudekante zum Maria-Theresien-Platz war für die Bauarbeiter eine einfache Holztür angebracht, die zum Gerüstbereich führte. Sie war nur durch »ein einfaches Vorhängeschloss, das jeder einfach händisch abnehmen und umdrehen konnte«, gesichert, wie sich der Fotograf Dominik Doppel erinnert.
Er war von dem mit der Renovierung beauftragten Steinmetzunternehmen engagiert worden, um die Arbeit zu dokumentieren. Doppel erinnert sich: »Ich bin auf das Gerüst spaziert, sooft ich wollte. Auch nach Ende der Tagschicht. Ich habe nie einen Ausweis gebraucht, kein Mensch hat mich gefragt. Einmal war die Tür verschlossen, also bin ich drübergeklettert.« Anhand seines Archives kann er seine Klettereien rekonstruieren: am 28. Oktober 2002, am 26. März 2003, am 5. April 2003, am 1. und am 3. Mai 2003. Eine Woche danach kam der Dieb.
Der Aufstieg bis zum Fenster des Raffael-Saals auf Gerüstebene acht dürfte ihm ebenso wie dem eher unsportlichen Doppel wenig Mühe bereitet haben. Doppel: »Es gab bequeme Stufen von Ebene zu Ebene, und die Durchstiegsluken zwischen den Gerüstbrettern – etwa 50 mal 70 Zentimeter – waren auch in der Nacht offen. Ich konnte sogar mit der Fotoausrüstung locker durchklettern. Es dauerte nicht länger als jeweils eine Minute.«
Blinde Videokamera, begrenzter Bewegungsmelder
Auch vor dem Fenster im ersten Stock des KHM angelangt hatte der Eindringling leichtes Spiel, denn an den Scheiben befand sich keine an sich übliche Magnetschutzsicherung, die jede Beschädigung des Glases sofort gemeldet hätte – im Unterschied etwa auch zu dem baugleichen benachbarten Naturhistorischen Museum (NHM). Dort allerdings löst das System häufig Alarm aus – vor allem, wenn heftiger Wind gegen die 110 Jahre alten Fenster drückt. Deshalb, erzählt Konrad Kritscher, der für die Sicherheit zuständige Generalsekretär des NHM, hätte man sich mit der Polizei auf einen Sondertarif geeinigt, der die Kosten auf rund 100 Euro drückt, die jedes Mal anfallen, wenn alarmierte Einsatzkräfte anrücken.
Im KHM waren aber auch die Plissees, die Jalousien zwischen Innen- und Außenfenstern, nicht mit Eisenstabilisatoren, dem obligaten mechanischen System, abgesichert. Selbst nachdem der Saliera- Dieb in den Raffael-Saal unbemerkt eingedrungen war, blieb er unentdeckt. Er hätte, keine vier Meter von der vergoldeten Kleinplastik entfernt, seelenruhig eine gemächliche Verschnaufpause einlegen können, ohne in der KHM-Sicherheitszentrale Auffallen zu erregen. Kein Melder hätte ihn registriert.
Der Raffael-Saal ist ein rund 50 Quadratmeter großer, quadratischer Raum mit zwei Fenstern und zwei Türen. In der Mitte des Saales befand sich die Saliera – auf einem Holzsockel und unter einem Glassturz präsentiert. Der Raum selbst und dessen Objekte waren von drei Sicherheitssystemen geschützt, die alle bereits Mitte der achziger Jahre von der Schweizer Firma Cerberus, einem damaligen Tochterunternehmen von Siemens, installiert worden waren:
– die so genannten Bildermelder, Hängevorrichtungen, die bis aufs Millipond auf das Gewicht jedes einzelnen Bildes (darunter die Madonna im Grünen von Raffael) eingestellt sind und bei der geringsten Abweichung Alarm schlagen;
– eine Videokamera, die den gesamten Raum überwachen konnte, aber aufgrund der nicht eingeschalteten Raumbeleuchtung blind war. Außerdem handelte es sich dabei nicht um ein Infrarotgerät, wie sie in anderen KHM-Räumen später angebracht wurden. Die Kamera war überdies auch an kein Aufnahmesystem angeschlossen;
– drei vergleichsweise billige Ultraschall-Bewegungsmelder vom Typ SU 10 des Herstellers Cerberus, die zwar wesentliche Bereiche des Raumes abdeckten – und letztlich den Saliera- Alarm auslösten. Aber aufgrund des Doppler-Effektes tasten Ultraschall-Bewegungsmelder nur einen begrenzten Bereich ab, etwa in Form einer tropfenförmigen Blase. Der Fokus der drei Ultraschallblasen lag im Bereich der Saliera. Den Einstiegsbereich des Diebes konnten sie jedoch nicht erfassen.
Auf einen zusätzlichen speziellen Objektschutz der Saliera war verzichtet worden. Dazu hätten Alarmkabel im Boden verlegt werden müssen: eine sehr kostspielige Arbeit, da der Parkettboden des Raffael-Saales unter Denkmalschutz steht und die Auflagen der Behörde erheblichen Aufwand verursacht hätten.
Daher registrierte die Sicherheitszentrale den Eindringling erst, als er die Glasvitrine zertrümmerte. Entworfen hatte das Präsentationsmöbel der KHM-Architekt Karl Hasenauer, 1935 überarbeitete es Clemens Holzmeister. Der Glassturz bestand ursprünglich aus drei Millimeter dickem Fensterglas, das zu Beginn der achziger Jahre von einer kleinen Glaserei in der Wiener Lerchenfelderstraße lediglich durch 4,7 Millimeter starkes Glas ersetzt wurde, obwohl Sammlungsleiter Leithe-Jasper Panzerglas gefordert hatte.
Zum Vergleich: Ganz abgesehen von eigener Objektsicherung und den ganzen Raum abtastenden Infrarot-Bewegungsmeldern wird die Venus von Willendorf, eines der wertvollsten Objekte des benachbarten NHM, von sieben Zentimeter dickem, schussdichtem und gegen eine Schlagwucht von zumindest tausend Kilo resistentem Panzerglas geschützt.
Nachdem der Saliera- Dieb den ersten und einzigen Alarm ausgelöst hatte, reagierte das Personal der Sicherheitszentrale, die im ersten Untergeschoss im diagonal dem Raffael-Saal gegenüberliegenden Gebäudeteil des KHM untergebracht ist, vorerst nicht. Es war sich wegen häufiger Fehlalarme zur Gewohnheit geworden, erst dann ein Sicherheitsprocedere auszulösen, wenn innerhalb von zwanzig Sekunden ein zweites Element des Meldesystems Alarm schlug. Wohl nicht so sehr aus Nachlässigkeit: Auf dem Security-Team lastete auch interner Druck, keine zusätzlichen Kosten zu verursachen, die durch einen automatisch ausgelösten Polizeieinsatz angefallen wären und das angespannte Budget des in die Vollrechtsfähigkeit entlassenen Museums belastet hätten.
Der Kontrollalarm entfiel, weil es kein weiteres Sicherungselement gab, das der Saliera- Dieb hätte aktivieren können. Erst dann wären die Security-Leute aktiv geworden: Sie hätten händisch über mehrere Schalter die Raumbeleuchtung und die Videokameras eingeschaltet und auf ihren Monitoren kontrolliert, wo genau in dem weitläufigen Gebäude Gefahr drohen könnte. Denn im Unterschied zu anderen Schatzhäusern verfügte das KHM nicht über eine so genannte Ringschaltung, die hintereinander in allen Sälen die Beleuchtung automatisch aktiviert, unmittelbar nachdem eine Alarmmeldung eingeht. An ein System, das nach der bereits damals gültigen und modernen Security-Devise »You can't keep them out, but you can keep them in« wie etwa im Louvre das Museum nach einem Alarm in eine Falle verwandeln und so die Flucht eines Eindringlings verhindern soll, ist im KHM aufgrund der Denkmalschutzauflagen gar nicht erst zu denken.
Es wäre daher bestenfalls eng geworden für den Saliera- Dieb, entkommen wäre er dem »Bollwerk« KHM trotzdem. Denn das Sicherheitspersonal hätte erst rund 100 Meter über zwei Stiegen und durch drei schwere Eichentüren zurücklegen müssen, um an den Tatort zu gelangen.
Dem geschulten Blick des Sicherheitsanlagenbauers Mang müssen die Lücken des Systems sofort ins Auge gestochen sein. Noch in der Ära von KHM-Direktor Fillitz war 1989 die Installation einer »Brand- und Intrusionsmeldeanlage« ausgeschrieben worden. Diesen Auftrag konnte die Philips-Tochter PKE an Land ziehen, die 1990 mit dem Einbau begann und ihn 1995 beendete.
Dieses System befand sich zwar auf dem damaligen Stand der Technik (etwa durch Verwendung von Infrarot-Bewegungsmeldern). Allerdings wurden es nicht in allen Räumen eingebaut, sondern vorwiegend in den großen Gemäldesälen. Nicht jedoch dort, wo die Saliera stand. Denn bis zur Fertigstellung der langwierigen Neuadaption der Kunst- und Schatzkammer sollte es sich lediglich um einen – im wahrsten Sinne des Wortes – temporären Aufstellungsort handeln.
- Datum
- Quelle DIE ZEIT 09.02.2006 Nr.7
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren