Pro und Contra Mehr Rente für kleine Leute?

Wer wenig verdient, stirbt um Jahre früher als besser verdienende Menschen. Um für ausgleichende Gerechtigkeit zu sorgen, fordert der Ökonom und SPD- Abgeordnete Karl Lauterbach eine Änderung des Rentensystems. Bert Rürup, Vorsitzender des Sachverständigenrates, widerspricht: Die Umverteilung von Einkommen sei »nicht genuine Aufgabe des Rentensystems«

PRO: Karl Lauterbach

Das deutsche Rentensystem ist bei näherer Betrachtung ungerechter, als es auf den ersten Blick erscheint. Zwar orientiert sich die Rentenhöhe an der früheren Einkommenshöhe, sodass hohe Beiträge auch entsprechend hohe Renten bedingen. Völlig unberücksichtigt bleibt aber, dass Menschen mit hohem Einkommen ihre hohe Rente auch deutlich länger beziehen. Männer, die mehr als 4500 Euro im Monat verdienen, haben statistisch eine sieben Jahre längere Rentendauer als Bezieher von Einkommen unter 1500 Euro. Bei Frauen gilt ungefähr das Gleiche. Hinzu kommt, dass doppelt so viele Geringverdiener wie Gutverdiener das Rentenalter gar nicht erreichen, weil sie vorher sterben.

In Deutschland unterscheidet sich die Lebenserwartung von Einkommensstarken und Einkommensschwachen besonders stark. Während in Schweden einkommensstarke Männer nur zwei Jahre länger leben als einkommensschwache, beträgt der Unterschied in Deutschland für Männer und Frauen jeweils rund neun Jahre. Noch größer sind die Unterschiede nur in den Vereinigten Staaten, sie betragen für Männer zehn Jahre. In Deutschland wächst zwar die Lebenserwartung, doch scheinen davon in erster Linie die einkommensstarken Gruppen zu profitieren.

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Das deutsche Rentensystem erscheint auf der Grundlage dieser Zusammenhänge in einem neuen Licht. Während die öffentliche Diskussion oft den Eindruck erweckt, dass im Rentensystem eine Umverteilung von Reich zu Arm stattfinde, ist es tatsächlich umgekehrt: Die einkommensschwachen Gruppen könnten ihre eigene Rente mit einem Beitragssatz um die 15 Prozent abdecken. Einkommensstarke, wollten sie ihre eigene Umlage finanzieren, müssten deutlich mehr als 22 Prozent zahlen. Für sie ist das jetzige System äußerst attraktiv.

Nur weil die Lebenserwartung der Einkommensschwachen in Deutschland so gering ist, kann der Beitragssatz bislang noch unter 20 Prozent gehalten werden. Somit ergibt sich ein Dilemma. Könnte die Lebenserwartung der Einkommensschwachen nur auf das Niveau der mittleren Einkommensgruppen angehoben werden, wäre unser System langfristig nicht mehr bezahlbar. An der relativen Mehrbelastung der Einkommensschwachen ändert auch der Steuerzuschuss im System nichts. Einkommensschwache zahlen mit ihren Beiträgen für die langen Bezugszeiten der hohen Renten Einkommensstärkerer. Zusätzlich zahlen sie Steuern für die Renten derer, die arbeitslos sind oder Ausfallzeiten aufweisen sowie für Renten der ehemaligen Bürger der DDR.

Diese Diskussion ist auch relevant für die Frage nach den Lohnnebenkosten. Die wären niedriger, wenn in Deutschland die Einkommensstarken einen größeren Teil ihrer Rente privat absichern würden und sich gleichzeitig an der solidarischen Finanzierung des Gesundheitssystems stärker beteiligen würden. Während sich Einkommensstarke ihre langen Rentenbezugszeiten von Einkommensschwächeren mitfinanzieren lassen, entziehen sich umgekehrt viele Gutverdiener der Finanzierung der Krankheitskosten Einkommensschwacher, wenn sie in die private Krankenversicherung wechseln.

Leser-Kommentare
  1. Die These von Herrn B. Rürup - nicht genuine Aufgabe -
    ist grundsätzlich falsch.

    Die Entwicklung - von Beginn der Schöpfung an,bis zum heutigem Rentendesaster, vom Urtier bis zu Herrn B. Rürup,
    ist grundsätzlich alles genuin.

    Auch die menschliche Zukunft hat nur eine Chance - durch genuinen Verlauf.

    Wie eine soziale globale Menscheit in Zukunft leben wird,
    ist abhängig von der Einbeziehung der erblichen, angeborenen Informationen aus der Vergangenheit.

    Das was ich HEUTE FÜR MORGEN in Bewegung setze, kann nur -
    auch im Detail - genuinen begleitend erfolgen.

    Die Verantwortung für die Folgegenerationen resultiert aus genuinen Verständnis.

    Die soziale Zukunft ist eine genuine Aufgabe.

    Wenn wir Herrn B. Rürup folgen, werden wir genuin erfolglos bleiben.

    Gleitschirmfred

    • zorc
    • 11.02.2006 um 14:54 Uhr

    etiam schreibt: "... daß man sich nicht auf das besinnt, was die Rentenversicherung tatsächlich ist und als was Sie angelegt wurde: Eine Sozialversicherung gegen kinderloses Altern in Armut." -- Dass man an ihrem Ursprung ablesen könne, was eine Sache "tatsächlich" ist, ist einer der gedanklichen Kurzschlüsse, der den Menschen offenbar nicht auszutreiben ist. Die Rentenversicherung ist, was wir sie sein lassen wollen. Das schließt natürlich ein, dass wir sie unseren Ansprüchen und den demographischen und ökonomischen Gegebenheiten unserer Gesellschaft anpassen müssen. Das ist es dann aber auch schon -- "tatsächlich" müssen wir die nötigen Denkanstrengungen selbst unternehmen und können uns nicht auf die vermeintliche Natur der Dinge berufen.

  2. Sollen die Kinder etwa gesetzlich verpflichtet werden,
    für den Unterhalt ihrer Eltern im Alter zu sorgen ?
    Was passiert dann, wenn sie das nicht leisten wollen
    oder mangels Einkommen nicht können ?

  3. Vorredner schrieb:
    >>... Damit das nicht so wäre, müssten Sie die Rentenleistungen an die Eltern nach der LEISTUNG der Kinder bemessen, nicht nach deren Kopfzahl>Übrigens: dass die Kosten der Kindererziehung einseitig
    zu Lasten der Familien individualisiert seien, ist ein
    typisch deutsches Märchen. Wer zahlt denn staatliche
    Wohltaten wie z.B. die gratis Krankenversicherung für
    Hausfrauen oder die weitgehende Einkommenssteuerbefreiung
    für verheiratete Männer durch das sog. Ehegattensplitting?

  4. Vorredner schrieb:
    >>... Damit das nicht so wäre, müssten Sie die Rentenleistungen an die Eltern nach der LEISTUNG der Kinder bemessen, nicht nach deren Kopfzahl>Übrigens: dass die Kosten der Kindererziehung einseitig
    zu Lasten der Familien individualisiert seien, ist ein
    typisch deutsches Märchen. Wer zahlt denn staatliche
    Wohltaten wie z.B. die gratis Krankenversicherung für
    Hausfrauen oder die weitgehende Einkommenssteuerbefreiung
    für verheiratete Männer durch das sog. Ehegattensplitting?

    • zorc
    • 11.02.2006 um 15:11 Uhr

    'Wahrnehmer' nimmt leider nichts wahr, sondern schickt ein paar Vorurteile ins Gefecht, damit er nicht nachdenken muss.
    a) "Neid-Argumentation" ist so ein Begriff (wie das noch unsäglichere "Gutmensch"), den seine Benutzer für ein Argument in ihrem Sinne halten, obwohl er doch nur sagt, was sowieso klar ist: Gesellschaftliche Debatten haben fast immer mit Verteilungskämpfen zu tun; Neid gehört selbstverständlich dazu. Dass es bei bestimmten Lösungsvorschlägen für gesellschaftliche Probleme ganz selbstlos um das Gesamtinteresse gehe, ist meist nur die Augenwischerei derer, die von der in Frage stehenden Lösung am meisten profitieren.
    b) Dass das erreichte Lebensalter, von genetischen Rahmenbedingungen abgesehen, in erster Linie von der Ernährung abhänge, ist eine Behauptung, die schön in Wahrnehmers Idee von individueller Verantwortung passt; viel mehr hat sie aber auch nicht zu bieten. Erste Frage: Wie steht es denn mit psychischen Faktoren? Stress, Angst, Frustration, Minderwertigkeistgefühle? Alles nur Einbildung? Und zweitens: Warum ernähren sich die "Geringverdiener" so, selbst wenn sie sich anderes leisten könnten? Ursachenforschung würde offenbar in Grauzonen führen, die Wahrnehmer lieber nicht wahrnimmt.
    c) 'Eigenverantwortung' ist die ideologische Allzweckwaffe des letzten Vierteljahrhunderts, gedankenlos hervorgeholt, woimmer man auf soziale Probleme stösst. Aber wem kommt sie zu Gute? Wessen Interessen werden damit verteidigt oder befördert, wessen Ansprüche damit als illegitim gebrandmarkt? Das ist die Debatte, die zu führen wäre.

    • etiam
    • 13.02.2006 um 11:37 Uhr

    Es mag sein, dass heute bei der Rentenversicherung niemand an die mittellose Witwe denkt, die zu Bismarks Zeiten noch im Fokus stand - es hat allerdings nichts mit geistiger Inflexibilität zu tun, an den ursprünglichen Sinn der Rentenversicherung zu erinnern, nachdem dieser unsinnigerweise immer noch von ihr erfüllt wird. Die Tatsache, dass sich jeder den Sinn der Rentenversicherung so definiert wie er möchte (nämlich meist a la kapitalgedeckte Altersvorsorge) ist ja gerade das Problem der Rentenversicherung.
    Ich darf hier an den Generationsvertrag erinnern, und daran, dass das Kapital der Rentenversicherung aus nicht mal einer Monatsauszahlung besteht. Tatsache bleibt: die Rentenversicherung kollektiviert nach wie vor das Risiko der Kinderarmut, auch wenn dies einigen zu abstrakt erscheint. Nachdem heute jeder Erwerbstätige am Ende seines Erwerbslebens lediglich den Rentenanspruch der Vorgängergeneration befriedigt hat, bliebe ihm kein eigener Rentenanspruch, wäre da nicht die nachfolgende Erwerbsgeneration, die dafür aufkommt. Das Überleben der Rentenversicherung hängt somit an Einzahlungen und Kindern. Während die Einzahlungen bei der Rentenbemessung sehr wohl Berücksichtigung finden, ist die Kinderzahl, trotz ihres viel stärkeren Einflusses unberücksichtigt geblieben. Während die Kosten für die Folgegeneration (nicht zuletzt durch Rentenversicherungslose Erziehungszeiten über 3 Jahren) vollständig individualisiert bleiben, wird der Nutzen gänzlich kollektiviert. In einer Zeit, wo Kinder nicht mehr selbstverständlich sind, hat sich eben gerade dieser Zweck überlebt! Das klein-klein des Lauterbachschen Verteilungsscharmützels bleibt vor diesem existentiellen Hintergrundproblem geradezu lächerlich.

  5. @Wahrnehmer: kann Ihnen nur zustimmen. Letztlich fordert
    Herr Lauterbach, dass wer verantwortlich mit seiner Gesund-
    heit umgeht, indem er sich z.B. ausgewogen ernährt (und das
    ist keine Frage des Geldes) dafür bestraft wird.
    Wer sich hingegen gedankenlos mit Junk Food vollstopft und
    darum ständig krank ist, soll belohnt werden.
    Wann werden Politiker wie H. Lauterbach kapieren, dass
    die Gelder, die sie umverteilen, auch erwirtschaftet
    werden müssen - von den wenigen Bürgern, die noch arbeiten
    und Steuern zahlen ?
    Stattdessen züchten sie sich immer neue Klientele,
    um ihre Macht mit deren Stimmen zu erhalten.

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