Selten nur hat eine einzige Rede eine derartige Wirkung gehabt. Millionen von Menschen schöpften neue Hoffnung. Viele andere wurden tief erschüttert, und diktatorische Regime gerieten ins Wanken. Niemand außerhalb des engsten Zirkels der Moskauer Führung hatte vorher etwas geahnt, auch nicht die 1436 Delegierten des XX.Parteitags der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, die sich am Morgen des 25. Februar 1956 zu einer geschlossenen Sitzung im Großen Palast des Kreml einfanden. Einziger Tagesordnungspunkt war eine »Bericht« genannte Rede des Ersten Sekretärs des Zentralkomitees, Nikita Sergejewitsch Chruschtschow.

Chruschtschow, 1894 im südrussischen Dorf Kalinowka geboren und ursprünglich Metallarbeiter im Donbass, Kommunist seit 1918 und seit Ende der dreißiger Jahre im engsten Führungskreis um Josef Stalin, war aus den Machtkämpfen nach dem Tod des Diktators im März 1953 als Sieger hervorgegangen.

Er begann seine Rede zwar im üblichen Funktionärston, kam aber gleich mit dem ersten Satz zum Thema: »Im Rechenschaftsbericht des Zentralkomitees der Partei an den XX. Parteitag, in einer Reihe von Diskussionsbeiträgen von Parteitagsdelegierten, aber auch schon früher, auf den ZK-Plenen, wurde nicht wenig über den Personenkult und seine schädlichen Folgen gesagt.« Die Delegierten verstanden: Es ging um Stalin.

Die Parteiführung hatte sie schon etwas eingestimmt. Im Saal waren keine Stalin-Bilder mehr zu sehen, seine Bücher waren allesamt »ausverkauft«. Und Anastas Mikoyan, seit über zwanzig Jahren Mitglied der obersten Parteiführung, hatte sich bereits sehr kritisch über einige Positionen Stalins geäußert.

Dennoch traf Chruschtschows vierstündige Rede die meisten Delegierten wie ein Schlag vor den Kopf. »Es war so still in dem großen Saal«, schrieb er selbst später, »dass man das Summen einer Fliege hätte hören können.« Mit versteinertem Gesicht hörten Lazar Kaganowitsch, Wjatscheslaw Molotow und andere hochrangige Funktionäre vom Präsidiumstisch aus zu.

Chruschtschow fing vergleichsweise schonend an. Wiederholt rühmte er Stalins »Verdienste«. Leicht kritisch belegte er dann mit Klassikerzitaten, dass jedwede Form eines Personenkultes »dem Geiste des Marxismus-Leninismus fremd« sei. Oder er zitierte Briefe des Partei- und Staatsgründers Lenin, aus denen hervorging, dass sich Stalin gegen dessen Frau Nadeshda Krupskaja rüpelhaft benommen hatte. Dann aber kam er zu Stalins Massenmorden an den Genossen während des Großen Terrors von 1936 bis 1938: Viele ehrliche Kommunisten seien aufgrund »gefälschter, lügnerischer Beschuldigungen« verhaftet und erschossen worden. Chruschtschow hielt den Abgeordneten vor Augen, wie es den Delegierten eines anderen Parteitags ergangen war: Von den 1966 Teilnehmern des XVII. Parteitages im Jahre 1934 hatte der Diktator 1108 ermorden lassen.

Nach dem Krieg, kritisierte Chruschtschow weiter, habe sich Stalin unablässig als begnadeter Stratege und Woshd (Führer) feiern lassen. Dabei habe er 1941 zahllose Hinweise auf den bevorstehenden deutschen Angriff in den Wind geschlagen. Trotz vorhandener industrieller Kapazitäten sei die Bewaffnung der Roten Armee völlig unzureichend gewesen, das Offizierskorps durch die »Säuberungen« aufs grausamste dezimiert. Immer wieder habe Stalin verhängnisvolle Fehlentscheidungen getroffen.