Viele israelische Bürger, auch Journalisten, sehen die Hamas in einem differenzierteren Licht als Sie. Selbstverständlich gibt es keinen Grund zur Freude, wenn eine Organisation an die Macht kommt, die viel unschuldiges Blut vergossen hat, israelische Zivilisten getötet hat und auch mit angeblichen palästinensischen Spitzeln widerlich verfährt. Diese vielgliedrige, nicht mit einer hierarchischen Partei zu vergleichende Organisation ist gewiss gefährlich. Aber besonders gefährlich ist sie, wenn man den Blick nicht schärft. Wenn man nicht bereit ist, genauer hinzusehen und zu erkennen, dass die Hamas ein vielfach zersplittertes, stark regional geprägtes Gebilde ist und in komplizierter Beziehung zu ihren Ablegern in Ägypten, dem Libanon, Syrien und Jordanien steht.

Angesichts dieser Lage, die sich im Übrigen nicht im Geringsten mit der Situation in Iran vergleichen lässt: Bringt es uns denn weiter, wenn wir, wie die von Ihnen außenpolitisch so gepriesene Bundeskanzlerin, beim Namen Hamas einmal heftig und angewidert mit dem Kopf schütteln?

Vielleicht wäre es auch eine Lösung gewesen, wenn die USA und Europa Israel Ende der neunziger Jahre gezwungen hätten, die Prinzipien des Friedensprozesses nicht nur anzuerkennen, sondern auch umzusetzen. Genau das, was wir jetzt von der Hamas fordern.

MARIE BOROWSKI, LEIPZIG