Berlin, Schwedische Residenz

Die Gäste kamen übers Eis. Es war ein Abend, an dem die ganze Pückler Straße mit blankem Horror überzogen war, der Grunewald rauschte lustvoll mit der Drohung noch schrecklicherer Übel, was mochte einem in so einer Nacht nicht alles zustoßen. Wohl dem, der zur Stelle war, wenn die Haustür an einem dezenten Flachdachbungalow aufklappte und man sich mit einem Sprung in den Spalt von Licht und Wärme retten konnte. Drinnen stand der Hausherr, der kleine Carl Tham, Botschafter von Schweden, der einer der größten Gastgeber von Berlin ist, auf so etwas wie einer Haushaltsleiter und berichtete den andächtig nach oben gekippten Gesichtern seiner Gäste von seinem schönsten Erlebnis des letzten Sommers. In Värmland! Carl Tham war mit seiner Caren durch eine Landschaft gekurvt, die aus der Perspektive eines Nils Holgersson wie Gekröse aus Fels und Wasser aussieht, aus dem CD-Player hatte eine warme Stimme vorgelesen: aus Gösta Berling.

Sie hörten zu, sie waren gebannt. Sie mochten gar nicht mehr aufhören, weiterzufahren und weiter zuzuhören, der Erzählung von dem schönen Pfarrer, die Geschichte vom Trunkenbold und Weiberhelden, dem Sünder Gösta Berling, der stets nach dem Guten strebte und sich mit Leidenschaft im Leben verirrte, sofern sich dazu auch nur die kleinste Gabelung bot. Carl und Caren gerieten in den Griff des Berling-Kicks, wie Tham bekannte, der den berühmtesten aller schwedischen Romane natürlich wie alle Schweden als Kind gelesen, aber dann vergessen hatte. Nur widerwillig habe man ab und zu angehalten, und auch nur, um sich die Tränen zu trocknen.

In so einer Pause muss die Idee geboren worden sein, Berling in Berlin!

auszurufen, einen Abend zu Ehren der Nobelpreisträgerin Selma Lagerlöf zu inszenieren, Untertitel: Derjenige, der nicht weint, hat nichts verstanden.

Auch in Berlin gibt es ja nicht selten Anlass, die Dinge des Lebens mit feuchten Augen zu betrachten, nicht zuletzt deshalb, weil kaum einer noch den Anschein erwecken kann, sie im Ansatz zu verstehen, geschweige denn lenken zu können, jene breiten Geldströme zum Beispiel, die einigen so unverdient zu- und an anderen so gemein vorbeifließen, während zugleich Abertausende von einer Zeitungsausgabe zur nächsten in die Höllen der Arbeitslosigkeit abstürzen, als seien sie auf das grausame Rad der Fortuna geflochten und hörten, noch im Fallen, ihr höhnisches Lachen. Kann man versagen und trotzdem gut sein? Ist Katharsis möglich, wenn wir doch im entscheidenden Moment blind bleiben und das Verhängnis über uns strafend hereinbricht wie damals, als die Deiche um das Gut Ekeby brachen, weil Gösta Berling seinen Platz verließ, um der schönen Gräfin den Hof zu machen, Katastrophe durch Führungsschwäche?

Solche Dinge konkret anzusprechen, dazu ist ein Botschafter natürlich zu sehr Diplomat. Wie ja auch Selma Lagerlöf, auch wenn sie Lehrerin war, nur mit leichter Hand die Sagen von Värmland aufgriff und zu einem Epos verflocht, das den Sound eines Dekameron hat, aber auch als Soap am frühen Nachmittag zu senden wäre, häppchenweise. Die Erfolge Thams liegen im Atmosphärischen.