Ich strolchte gerne durch Amman. Bereits nach wenigen Tagen kannten mich etliche Jordanier. Bäcker schleusten mich in ihre Läden, damit ich ihre frischen Kekse probierte. Bei einem Möbelhändler musste ich mich im Schaufenster in einen Sessel setzen, um als Europäer für seine Polstergarnituren zu werben. Tee wurde mir allerorten angeboten. Nirgendwo auf der Welt habe ich freundlichere Menschen getroffen. Kein Gerempel, keine Grobheiten im Gewimmel der Altstadt. Selbst im Basar streifen die Menschen sich kaum an der Schulter. Jordanier müssten den Betrieb in der Münchner Fußgängerzone für die Schlacht von Poltawa halten, in ihrer blutigen Endphase. Das mag alles auf einigen Regeln des Korans beruhen und auf beduinischen Traditionen: Mit lautem Krakeelen und Hysterie wären die Stämme in der Wüste wohl nicht weit gekommen.

Den unverdaulichen Brocken, welcher der Islam sein kann, lernte ich bei einem arabischen Handy-Verkäufer kennen. Seine bunten, ausschließlich westlichen Produkte präsentierte er säuberlich auf schrägen Holzstellagen. Überhaupt stammt fast jedes Konsumprodukt hier aus der Welt der Ungläubigen, nicht einmal arabische Zigaretten fand ich zu kaufen. Neben mir beugte sich ein Imam über die Handys. Er schien eines kaufen zu wollen. "Gut", stellte er fest, "Handys sind keine Erfindung des Westens. Der Prophet, Friede sei mit ihm, hat sie natürlich vorhergesagt." Der Händler lachte nicht. Er wagte offenbar nicht zu lachen, sondern blickte verhalten irritiert. Sein geistlicher Kunde holte aus: "Das Handy ist arabisch. Denn wie heißt es in der Sure des Korans? Ihr werdet die Stimme von der Seite hören. Und wo tragen wir das Handy?" Dabei klopfte der Imam sich befriedigt auf sein langes Gewand: "Am Gürtel, an der Seite!" Er ging weiter und begutachtete den nächsten Stand.

Auch ich wagte nicht zu lachen, als der Händler mir das Gespräch übersetzte. Zu bedrückend ist das Problem. Die stolze Religion von der arabischen Halbinsel erträgt es nicht, den jahrhundertealten Stillstand wahrzunehmen, und ihre Zerrissenheit zeigt sich, wenn abends westliche Flaggen verbrannt werden und morgens dieselben Zündler für ein Visum in die USA oder nach Dänemark anstehen. Mit einem Fleischhändler in Amman kam ich darüber ins Gespräch. Er nutzte die Gelegenheit, um mir ein ganzes enthäutetes Lamm anzupreisen. "Soll ich es im Hotelzimmer grillen?", fragte ich. "Ich weiß nicht. Aber es ist beste Qualität." Hans Pleschinski

Hans Pleschinski, geboren 1956, lebt in München. Von ihm erschien zuletzt der Roman "Leichtes Licht"