Der hellrosa Torte mit der "23" aus Zuckerguss fehlte ein gutes Drittel, wir hatten über Horoskope geredet, dann war uns der Gesprächsstoff ausgegangen, und nun saßen wir, eine kleine Gesellschaft von fünf Leuten, lächelnd und schweigend auf zerschlissenen Sofas um einen zerkratzten Holztisch herum und nippten Cola. Muhammad, das Geburtstagskind, stand auf, drehte am Kassettenrekorder, jetzt hörte man Madonna etwas lauter, Like a Prayer. Ich sah mich immer wieder verstohlen um, wobei ich versuchte, weder neugierig noch schockiert auszusehen. Hier wohnten Laila, Muhammad und Ahmed, drei Studenten Anfang zwanzig, im siebenten Stock eines zu Teilen unbewohnbaren, zerschossenen Hauses. Es waren Drusen, die Minderheit der Minderheit, sie trugen natürlich nicht die wallenden weißen Gewänder der Alten, sondern Jeans und T-Shirt. Außer den beiden Sofas, einem alten Teppich, dem Tisch mit dem Kuchen, den Plastikflaschen und den Wälzern der Wirtschafts- und Ingenieurwissenschaften auf dem Fensterbrett gab es hier buchstäblich nichts. Nebenan befand sich noch ein Zimmer, in dem aufgereiht drei Betten standen, eine Handbreit voneinander entfernt.

Ich weiß nicht, was ich mir vorstellte, als Sarah, die von Ahmed eingeladen worden war, mich gebeten hatte, mitzukommen. Ahmed sei möglicherweise an ihr interessiert, hatte sie mir erklärt, es wäre nett, wenn ich dabei wäre, sozusagen in der Rolle der beschützenden älteren Freundin. Tatsächlich schien es auch nötig. Ahmed rückte immer ein wenig zu nahe an Sarah heran, versuchte, sie beim Sprechen an der Schulter oder am Arm zu berühren. Jetzt, in das Schweigen hinein, sagte er in seinem passablen, am Goethe-Institut erworbenen Deutsch, ich zeige dir den Balkon, wobei er sich nur an Sarah wandte. Sarah sah mich hilfesuchend an, und, klar, ich kam mit.

Der Balkon war nicht direkt ein Balkon, vielmehr der durch ein Fenster erreichbare Dachgarten des Nachbarhauses. Die Aussicht über Beirut war wirklich sensationell. Drei rostige Liegestühle standen herum. Hier und da kam eine Blume durch den Sand. Sarah hatte, warum auch immer, ihre winzige Handtasche mitgenommen. Sie lehnte sich an eine kleine Steinmauer, die Überreste eines weiteren Stockwerks. Ahmed trat gleich neben sie, zeigte auf Gebäude, es hätte eine romantische Szene sein können, aber Sarah fühlte sich nicht wohl, sie rückte ab und verlor dabei ihre Handtasche. Sie landete nur ein paar Meter tiefer auf einem anderen Dach. Es war nicht besonders gefährlich, sie zu holen. Ahmed übernahm das gern. Als er sie aufgefischt hatte, streckte er seine Hand aus. Sarah sollte ihm helfen, sich hochzuziehen, aber ich war schneller, ich griff nach ihm, eine warme, trockene Hand, er sagte Danke, sah mich aber nicht an, sein Blick fiel hilflos auf Sarah.

Als wir zurück ins Zimmer traten, rauchten die anderen schweigend. Wir setzten uns. Ahmed verschwand kurz, und als er zurückkam, nahm er neben Laila Platz. Madonna hatte aufgehört zu singen. Auf der hellrosa Torte war die "2" schon fast nicht mehr sichtbar.

Silke Scheuermann, geboren 1973, lebt in Frankfurt am Main. Von ihr erschien zuletzt der Erzählband "Reiche Mädchen"