Es ist Mittag. Im Suk habe ich ein Kopftuch gekauft, um diesmal dem braunen Kapuzenmantel für Touristinnen zu entgehen. Kurz vor dem Eingang der Ommayad-Moschee ziehe ich das Tuch verschämt über den Kopf (syrienuntypisch binde ich es unter dem Kinn auf Hexenart zusammen, besser kann ich es nicht), und man winkt mich hinein. In Socken betrete ich den Innenhof, diesen weißen, spiegelglatten See aus Marmor, gesäumt von Arkadengängen. Bei meinem ersten Besuch hatte sich mir ein älterer Herr als Führer angeboten, freundlich und unaufdringlich. Diesmal bleibe ich allein, meine Verkleidung funktioniert.

Die eigene Verhüllung: als müsse der Körper hier schweigen, nur das Material sprechen lassen, den Marmor, die Flächen. Aufflatternde Tauben, Flügelschlagen in der Luft. Frauen, deren schwarze Umhänge sich im Wind bauschen. In den Nischen der Arkaden sitzen Familien, die mitgebrachtes Essen teilen. Lachen, Stimmen und immer wieder Schlafende, ausgestreckte Leiber in der Mittagsstunde. Zwei Kinder laufen einem Ball hinterher. Schließt man die Augen, hört man Sommergeräusche wie im Freibad.

Wieder habe ich das Gefühl, die eigentliche Moschee sei dieser große weiße Platz, der trotz des offenen Himmels etwas Geschlossenes hat, der Himmel ein Teil von ihm, ein unendliches Dach. Als ich durch eine Tür in die Gebetshalle trete, fühle ich mich dagegen wie im Freien. Vielleicht liegt es an den Betenden. Ausgerichtet in eine Richtung, Mekka, bringen sie die Wände zum Verschwinden. Oder an dem Schrein von Johannes dem Täufer, einem grün verglasten Mausoleum, um das sich Christen wie Muslime versammeln.

Ich setze mich an die gegenüberliegende Wand, nein, ich knie, weil sich im Schneidersitz der Mantel öffnen und meine Jeans entblößen könnte. Verboten ist das sicher nicht, doch will ich diesmal nicht in die schützende Rolle des Touristen schlüpfen. So wie die westliche Gruppe, die nun den Raum betritt, angeführt von einem Mann, der mit dem Finger auf etwas an der Decke zeigt. Die Besucherkutten, für einige der älteren Touristinnen zu lang, schleifen über den Boden, als sich die Gruppe durch Inseln von Betenden schlängelt. Ihre Kameras folgen dem Finger.

Auch ich habe eine Kamera dabei. Als einige verhüllte Frauen auftauchen, die sich kerzengerade vor dem Schrein aufstellen und anmutig auf die Knie sinken, verharren, sich wieder erheben und das Ganze mehrmals wiederholen, fotografiere ich sie, wobei ich so tue, als gehe es mir um den Schrein. Noch ein Foto. Und noch eins. Prüfen, ob sie gut geworden sind. Zu dunkel. Jetzt schalte ich den Blitz zu. Ich sammle die Frauen wie kostbare Fundstücke. Sie verharren in der knienden Haltung, den Kopf gesenkt im Gebet. Aus dem Augenwinkel sehe ich jemanden auf mich zukommen. Ich schiebe die Kamera in die Tasche. Nun steht er vor mir, ich schaue auf. Ein junger Mann. Er lächelt verlegen. Please, can I take a picture of you? Ich bin erleichtert und nicke. Doch sein Plan ist anders. Er winkt einen Freund heran, der soll das Foto machen. Er selbst setzt sich neben mich, auf seinen Knien den aufgeschlagenen Koran. Sein Blick zufrieden und feierlich; ich spüre das mehr, als ich es sehe. Danke, sagt er hinterher, vielen Dank. Er hat mich erkannt.