Im Kaffeehaus saßen sich sechs Männer gegenüber, gestikulierten sich den Morgen aus dem Leib und warfen sich die Sätze zu wie Bälle. Keine Ahnung, wovon sie sprachen, was ihre Gemüter immer wieder von neuem erhitzte, sie aber im nächsten Augenblick auch genauso bereitwillig wieder zu besänftigen wusste. Nach ein paar Minuten wurde mir klar, dass der ältere Mann, der rechts neben mir saß und mit jedem Lachen seine fehlenden Zähne zeigte – eine Tatsache, die er übrigens mit den anderen Männern teilte –, der Besitzer des Etablissements war.

Noch immer im Aufwachen begriffen, genoss ich meinen türkischen Mokka und wollte vor meiner Abreise ein letztes Mal eintauchen in jene Szenerie aus Menschen und Gesprächsbrocken in Kairo, die mich in den letzten Wochen immer wieder ins Innere dieser Stadt eingeladen hatte. Ich fühlte mich wohl und aufgehoben in dem garagenförmigen, dunkelgrün gekachelten Raum, der zur Straßenseite hin offen war und für denjenigen, der die arabischen Schriftzeichen allenfalls als inspirierende Bilder wahrnimmt, von außen betrachtet genausogut ein kleines Lebensmittelgeschäft oder eine Autowerkstatt hätte sein können. Drinnen aber herrschte so etwas wie eine häuslich-familäre Stimmung. Ich sah gerade zu, wie sich einer der jungen Burschen hinter der Theke – seinen Gesichtzügen nach war er der Sohn des Kaffeehausbesitzers – mit der größten Selbstverständlichkeit und Seelenruhe wusch und eine anderes Hemd anzog, als mich der Alte, der Vater, völlig unverhofft ansprach:

"Where from?"

"Germany", sagte ich, "Germany!"

So unverhofft er mich angespochen hatte, so sehr freute er sich plötzlich. Er strahlte über das ganze Gesicht und erwiderte: "Oh, Germany!" Und rief sogleich. "Uwe Seeler!" Dann war er nicht mehr zu bremsen: Overath, Netzer, Müller, Beckenbauer… "Aber der erste Müller!", mahnte er, mich und meine Kenntnisse prüfend. "Nicht der spätere!" Ich nickte unbeholfen, kam der Litanei all der Namen bald nicht mehr hinterher, freute mich aber nicht minder über das unerwartete Gesprächsthema. Er habe damals sogar, nur wegen des Fußballs, betonte er, er habe damals unbedingt Deutsch lernen wollen und in der DDR-Botschaft um Unterricht nachgefragt. Das sei seinerzeit anders gewesen als heute, müsse ich wissen, weil auch in Ägypten Sozialismus geherrscht habe. Ein paar Stunden Deutsch und auch noch gleich einen Tanzkurs habe er belegt. Ein Pfund für die deutsche Sprache und drei für den Tanzunterricht. Dann stand er auf, deutete mit sanften Schritten einen Walzer an, den Fußball durch den Raum tragend, und sang immer wieder "Uwe Seeler, Uwe Seeler…"

Doch von einer Sekunde auf die andere stockte er, hielt einen zögerlichen Gedanken lang inne, verließ den Dreivierteltakt seiner Erinnerung genauso unversehens, wie er sich in ihn hineingedreht hatte, und schaute mich besorgt an… "Uwe Seeler… Er lebt doch noch?"