Zuerst traute ich meinen Augen nicht. Ich drehte meinen Kopf wieder zurück und schaute Rana an, die mir gerade erzählte, dass sie mit zwei Freundinnen eine Kaffeehauskette namens "Ramala" plane. "Der Name setzt sich aus den Anfangssilben unserer Vornamen zusammen. Wir haben uns beim BWL-Studium kennen gelernt und überlegt, dass wir hier dringend einen modernen Coffeeshop brauchen, in dem es Cappuccino gibt und Caffè Latte, koffeinfrei, mit Sojamilch und so weiter. Nicht immer nur den ewig gleich bitteren Cahue Arabia, wie er in den traditionellen Kaffeehäusern, in denen man außerdem keine Frauen antrifft, angeboten wird", sprudelte die 20-Jährige über, während ich mich fragte, ob sie tatsächlich nicht bemerkte, was mir vor wenigen Sekunden diesen Schrecken eingejagt hatte, der noch immer anhielt. Ich vermied es, mich erneut umzudrehen, und hoffte einfach, es habe sich um eine Halluzination gehandelt. "Die erste Filiale machen wir in Ramallah auf, dann in Nablus, Bethlehem, Hebron und natürlich Jerusalem. Auch in Israel würde ich gerne eine Dependance eröffnen, in Jaffa, aber die Behörden dort lassen mich nicht. Die haben ja Angst vor mir." Rana lachte und schaute mich zwinkernd an. "Na, was hältst du von unserer Business-Idee?"

An den anderen Tischen brach jetzt leichte Unruhe aus. Wir befanden uns in einem der elegantesten Gartenlokale der palästinensischen Regierungsstadt, 18 Kilometer nördlich von Jerusalem. Proper angezogene Gäste saßen hier um von Kerzen beleuchtete Tische unter Feigen- und Maulbeerbäumen, gurgelnde Wasserpfeifen neben sich, frisch gezapftes Pils, dazu Pizza aus dem Steinofen. Doch vor etwa einer Minute war die im Hintergrund plätschernde libanesische Popmusik abrupt gestoppt worden. Deshalb schauten einige, so auch ich, fragend zur Bar hin, wo zudem eine hässlich strahlende Neonleuchte eingeschaltet wurde.

Ich blickte Rana an und nickte in Richtung Bar, dann drehten wir uns beide um. Dort standen noch immer die drei Männer, ruhig, die Arme hängend, in ziviler Kleidung, Jeans, Hemd, Lederjacke, und jeweils mit einer schwarzen Stoffmaske über dem Kopf. Die Szenerie hatte etwas Becketthaftes, doch unter völliger Abwesenheit von Humor, und ich war sicher, die Männer würden jeden Moment ihre Schusswaffen zücken und etwas Verrücktes tun, etwas "Islamistisch-Militantes". Ich hatte einen solchen Vorfall seit Beginn meiner Stadtschreiberzeit erwartet, und alle meine Bewegungen froren ein. Auch die anderen Gäste reagierten, wenn auch gelassener: Die meisten der Gespräche verstummten, das Wasserpfeiferauchen wurde eingestellt, die letzten Bissen Pizza runtergeschluckt, während die drei Männer noch immer kein Wort von sich gaben. Sie standen einfach nur da – und mahnten. Im Gaza-Streifen waren an diesem Tag 34 Palästinenser von israelischen Soldaten getötet worden. Jeder im Lokal wusste das und verstand intuitiv, dass die drei Männer deshalb gekommen waren: um kurzfristig den normalen Betrieb des kleinbürgerlichen Ramallahs zu unterbrechen. Um darauf hinzuweisen, dass keine Normalität herrscht. Vielleicht sogar, um die Toten zu ehren.

Nach wenigen Minuten verließen die Demonstranten das Gartenlokal. Am Eingang gab einer von ihnen einen Pistolenschuss in die Luft ab, und innerhalb der nächsten Viertelstunde leerte sich das Etablissement. Wie ich bald erfahren sollte, ging dies in allen Restaurants der Stadt so, denn alle wurden sie von den drei Maskenmännern besucht. "Die haben nicht genug Geld, um selbst angenehm zu Abend zu essen", sagte Rana spöttisch, als wir in ihrem nagelneuen Polo durch das abendliche Ramallah fuhren, auf der Suche nach einem noch geöffneten Café. "Deshalb wollen sie anderen den Spaß verderben. Langweilig. Da steigt mein Adrenalinspiegel kein Stück."

Auch ich hatte mich mittlerweile beruhigt, wenn mir auch noch immer nicht klar war, ob ich mich tatsächlich in Gefahr befunden hatte oder mir einfach nur die Drastik der Situation deutlich vor Augen geführt worden war. Ob sie denn auch mit westlicher Kundschaft für ihre geplante Kaffeehauskette rechne, fragte ich Rana. Sie antwortete, sie zweifele keinen Augenblick daran, dass auch künftig Touristen das Heilige Land besuchen würden. "Und wenn sie einmal da sind, verdienen sie einen guten Service und einen hochwertigen Kaffee." Vielleicht, um wach genug zu sein, mit Situationen, die so verstörend wie klärend zugleich sind, umgehen zu können.

Norman Ohler, geboren 1970, lebt in Berlin. Über seine Erlebnisse in Ramallah schrieb er für ZEIT-Online ein Tagebuch.