Rente Die Entdeckung des Alters
Das Gute an der Rentendebatte: Die Deutschen merken, worauf es künftig ankommt
Wenn in Deutschland über die Rente gestritten wird, fürchten sich meistens die Falschen. So ist es auch diesmal: In Zeitschriften und Fernsehsendungen klagen Dachdecker mit gebeugten Rücken über die geplante »Rente ab 67«, und Umfragen zeigen, dass die Reform vor allem die Älteren empört. Dabei sind gerade sie von der Reform nicht oder kaum betroffen. Die Anhebung des Rentenalters soll erst 2012 beginnen. Wer 1947 geboren wurde, muss einen Monat länger arbeiten, die 1948 Geborenen zwei Monate länger und so weiter. Erst für den Jahrgang 1963 gilt die Altersgrenze von 67 Jahren. Angela Merkel und ihr Vizekanzler Franz Müntefering haben ein Gesetz verabredet, das vor allem die geburtenstarken Jahrgänge trifft.
Erstaunlicherweise kommt aus dieser Altersgruppe wenig Protest. Schon die vergangenen Rentenreformen gingen den Babyboomern nie schnell und weit genug: Erst kämpften sie dafür, dass Helmut Kohl als Kanzler den demografischen Faktor in seine Rentenreform aufnahm. Später forderten sie Gerhard Schröder auf, das Rentenniveau möglichst weit abzusenken. All das schadete nicht den Rentnern von heute, sondern denen von morgen. Insgesamt, so die Berechnungen des Rentenexperten Bert Rürup, haben die Reformen von Kohl und Schröder zur Verringerung der Rentenansprüche um dreißig Prozent geführt. Verkehrte Welt: Die Verlierer nicken – und die anderen klagen.
Trotzdem hat der Streit um die Rente ab 67 vermutlich Fortschritte gebracht, und zwar auf drei Ebenen. Erstens steht zu hoffen, dass den Babyboomern ihre wahre Situation bewusster wird. Das Vertrauen in das Rentensystem ist zwar in dieser Generation nicht groß, doch die richtigen Konsequenzen ziehen nur wenige. Dazu gehört vor allem die Einsicht, dass Altersvorsorge mehr ist als Zahlungen an die Rentenkasse, Immobilienerwerb oder Fondssparen. Für den materiellen Lebensstandard, nicht nur für die Lebensqualität, ist beispielsweise entscheidend, wie gesund jemand mit 65 oder 70 ist. Wer fit ist, kann arbeiten und die Rente aufbessern, wer krank ist, zahlt vermutlich an Arzt und Krankenhäuser mehr aus eigener Tasche als die heutige Rentnergeneration. Altersvorsorge bedeutet auch lebenslanges Lernen, was zwar beschworen wird, aber für mittlere Jahrgänge nicht selbstverständlich ist. Bei der Weiterbildung steht Deutschland im internationalen Vergleich besonders schlecht da.
Noch bei zwei weiteren Punkten zeichnen sich Fortschritte in der Rentendebatte ab. Da ist der Mut von Müntefering und Merkel, die umstrittene Reform überhaupt anzupacken. Unmittelbar nach den Koalitionsverhandlungen ergab eine Umfrage, dass die Rente ab 67 beim Wähler noch schlechter ankommt als die Erhöhung der Mehrwertsteuer. Die meisten Politiker kennen solche Zahlen und reagieren auf sie. In den Wahlprogrammen von CDU und SPD war von der Rente ab 67 nicht die Rede. Trotzdem stand sie im schwarz-roten Regierungsprogramm.
Wer das angesichts der demografischen Prognosen für banal und selbstverständlich hält, sei an die Wahlkämpfe der Jahre 1998 und 2002 erinnert: Nach dem ersten rot-grünen Wahlsieg diskutierte das neue Kabinett noch allen Ernstes über die Rente ab 60. Im Jahr 2002 zog die Regierung Schröder mit dem Konzept der Hartz-Kommission in den Wahlkampf. Auch darin war die Verkürzung, nicht die Verlängerung der Lebensarbeitszeit vorgesehen. Der Kommissionschef Peter Hartz, damals gerade 61 geworden, verkündete am Tag der Präsentation: »Einen alten Kerl wie mich würde ich doch auch nicht einstellen!«
Ein weiterer Fortschritt in der Rentendiskussion besteht darin, dass viel von sozialen Unterschieden zwischen den Rentnern die Rede ist. Dazu hat vor allem der SPD-Abgeordnete Karl Lauterbach beigetragen. Er erinnerte daran, wie stark die Lebenserwartung in Deutschland vom sozialen Status abhängt. Arme sterben früher, deshalb bekommen sie im Durchschnitt auch viel kürzer Rente.
- Datum 13.09.2006 - 10:48 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 16.02.2006 Nr.8
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Sehr geehrte Frau Niejahr,
ich befürchte, dass die Deutschen noch viel mehr lernen, als sich nur top-fit fürs Rentenalter zu halten.
Zum Beispiel lernen sehr viele, dass der freie Fall eine gleichmäßig beschleunigte Bewegung ist und das beim Aufprall der einwirkende Impuls wesentlich von der Fallhöhe, der Beschleunigung und der Beschaffenheit, sprich Elastizität des Untergrundes abhängt. Für viele alte, abgearbeitete Knochen werden die Beanspruchungen zu groß werden.
Ich bin einer dieser Babyboomer und 1968 geboren. Und bis zum heutigen Tag ist mein Hunger nach Wissen und Fertigkeit nicht gestillt. Aber glauben Sie, dass mir dies irgendetwas in puncto Sicherung meiner Rente nutzt? Nach heutiger Sicht der Dinge würde ich im Alter von 67 Jahren auf eine Lebensarbeitszeit von 51 Jahren blicken und die Spanne reicht von schwerer Schlosserarbeit bis zu meiner jetzigen Tätigkeit als Ingenieur. Ich dürfte damit in meinem Beruf länger ausgehalten und mehr in die Sozialsysteme einbezahlt haben, als z.B. ein ungelernter Taxifahrer, der seinen Job nicht gemocht hat und dann irgendwann den grossen Staatsmann gab. Und das die Renten-Schnitzkünste des sauerländer Realschülers ein riesiger Unsinn sind, das weiß in Ihrer Redaktion auch jeder, vom Lehrling bis zum ehemaligen Kultur-Staatssekretär. Real ist, dass viele Arbeitnehmer einen sehr grossen Zeitraum zwischen dem Ausscheiden aus dem Berufsleben und dem Eintritt ins Rentenalter überbrücken müssen, und genau dieser Zeitraum wird das Gros des tatsächlichen Rentenverlustes bemessen. In bin mir sicher, dass ich nicht alleine auf diese Erkenntnis gestoßen bin - dies ist ja der Zweck der Reform, wobei das Wort Reform die wahre Absicht verschleiert. So gesehen, bleibt natürlich ein grosser Zeitraum, um sich zu bilden und fit fürs Alter zu halten. Aber es ist auch Vorsicht im Umgang mit agilen Rentnern geboten, oftmals neigen sie zu zänkischen Auseinandersetzungen und belasten zudem die Krankenkassen.
Das, was viele Deutsche jetzt wirklich lernen, ist, dass die Lage fatal ist. Warum verweigert sich ein Volk seiner Zukunft, obwohl die Stunde seiner grössten Not und Verzweiflung schon über ein halbes Jahrhundert zurückliegt? Warum befällt diese Agonie alle Lebensbereiche? Zwölf Jahre den falschen Ideen nachgehangen und ein schreckliches Ende haben den Boden für jede Zielvorgabe erodieren lassen. Welcher Politiker hat denn in den letzten Jahrzehnten noch ein Staatsziel formuliert? Die staatsmännische Aufforderung zum Konsum schiebe ich als Torheit beiseite. Von jeder vernünftigen Lebens- und Berufsplanung wird die Formulierung eines Ziels erwartet, warum gilt dieses Prinzip nicht für einen Staat? Wenn ich mir die Fraktionsvorsitzenden der im Bundestag vertretenen Parteien anschaue, dann starren meine Augen ins Leere. Die politische Klasse hat keine Klasse; mit Verlaub - ein Haufen Ignoranten, Klugscheißer und Bedenkenträger. Vielleicht war Deutschland doch nicht so gut beraten, soviele Laien an zu wichtige Schlüsselpositionen heranzulassen. Dieser Fehler hat sich jedoch mittlerweile in alle Lebensbereiche ausgedehnt - statt den erlernten Beruf, übt man den gefühlten Beruf aus. Wenn Pfuscher am Werk sind, wird man nicht fertig. Welche Reform der letzten Jahre hat denn ein Schlußpunkt erlebt.
Der Wahnsinn gipfelt dann noch darin, dass unzählige Journalisten und Redakteure im Verbund mit Experten (egal ob erlernt oder gefühlt) ihren Geist an der haarscharfen Analyse der Katastrophe aufbauen. Der Wirkungsgrad solcher Debatten ist nicht nur näherungsweise, sondern exakt Null.
Da sich das System nicht aus eigener Kraft erneuern kann und mein Aufenthalt als zusammenhängende Kohlenwasserstoffverbindung begrenzt ist, habe ich meine persönlichen Konsequenzen gezogen bzw. bin zu diesen gezwungen worden. Ich habe Deutschland verlassen und die Vorstellung, einmal in meine Heimat zurückzugehen, verblaßt. Ich bin in ein Land gegangen, indem zumindest die Bedeutung solcher Schlüsselthemen, wie beispielhaft die Rente eines ist, erkannt wurde und nicht jeder die Fahne seiner Unbilden diesbezüglich unbedacht schwenkt.
Zum Schluß und ungeachtet der Rechte an Heines Gedichten:
Lebensfahrt
Ein Lachen und Singen! Es blitzen und gaukeln
Die Sonnenlichter. Die Wellen schaukeln
Den lustigen Kahn. Ich saß darin
Mit lieben Freunden und leichtem Sinn.
Der Kahn zerbrach in eitel Trümmer,
die Freunde waren schlechte Schwimmer,
Sie gingen unter, im Vaterland;
Mich warf der Sturm an den Seinestrand.
...
Während die Rentenversicherung wegen der demographischen Verschiebungen mit Vollgas an die Wand fährt, streitet man darüber, wie man das wenige das bleibt, womöglich gerechter verteilen könnte. Mit der Rente ab 67 wurde wenigstens einem Problem ursächlich Rechnung getragen, nämlich der steigenden Lebenserwartung.Das zweite Problem, das die Rente dauerhaft gefährdet ist die wegbrechende Erwerbsgeneration. Solange Kinderlosigkeit nach wirtschaftlichen Opportunitätskriterien sinnvoll ist, wird sich daran auch nichts ändern. Dafür, dass dieser Faktor zumindest in Zukunft die wesentliche Determinante für den Kollaps der RV sein wird, hält man sich doch sehr auf Nebenkriegsschauplätzen beschäftigt.
Ich frage mich, was für Eltern aus Leuten werden, die sich
"nach wirtschaftlichen Opportunitätskriterien" für Kinder
entscheiden (sollen). Deren Kinder tun mir jetzt schon leid.
Es geht mir um die Kinder, die aus wirtschaftlichen Opportunitätskriterien nicht gezeugt werden, und nicht andersrum.
Ein wesentlicher Teil der zurückgehenden Reproduktion liegt am faktischen Verschwinden von Drei- und Mehrkinderfamilien - nicht weil diese ein drittes Kind nicht genauso lieben würden, sondern weil viele nach zwei Kindern Pleite sind!!!
Man braucht schon eine gehörige Portion wirtschaftlicher Weltfremde um zu übersehen, dass es viele Menschen gibt, die sich Kinder nicht mehr leisten können - genauer: nicht mehr leisten wollen um nicht auf ein für unakzeptabel angesehenes Niveau abzurutschen. Und das passiert heute schnell!
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