Vor einiger Zeit saß ich bei einem Hi-Fi-Händler. Vor uns stand eine Anlage für 60000 Euro. Ich hatte ein paar CDs zum Probehören dabei. Unter anderem Talking Timbuktu von Ry Cooder und Ali Farka Toure. Ein Klassiker, der auf gutem Equipment klingt, als könne man den Musikern einzeln die Hand schütteln. "Ach", sagte der Händler in seinem Nobelshop, "die wollte ich immer schon haben, aber CDs sind ja so teuer."

So setzt jeder seine Prioritäten. Kurz darauf stieg ich zu meinem Freund Carsten ins Auto. Es war ein neuer Passat Kombi. Carsten war noch in der Phase, in der man das Armaturenbrett streichelt. Laut ADAC ist der Passat der Deutschen liebstes Auto: wertbeständig bis zur Rente, und mit ein paar Liter Diesel kann man 200 Stundenkilometer fahren. Ein Auto, zu dem man sagen kann: Du bist Deutschland.

Knapp 40000 Euro hatte Carsten bezahlt. Für seinen Familienwagen mit allem Chichi. Ledersitze, Klimaanlage, sogar Holzapplikationen. Als er den futuristischen Riegel, der als Schlüssel dient, ins Zündschloss schob, leuchteten Instrumente und Knöpfe in dezentem Rot, wie man es von Audi kennt. Dann schaltete Carsten das Radio ein. Es lief Pink Floyd. Wir mussten das Thema wechseln. Ich wollte ihm nicht die Freude verderben mit der Nachricht, dass David Gilmours Gitarre in dem nahezu identischen Testwagen, den ich gerade fuhr, ganz anders klänge. Wärmer, fetter, bissiger. Ausgerechnet beim Sound hatte Carsten gespart.

Freunde schauen mich manchmal etwas schräg an, wenn das Gespräch auf Stereoanlagen kommt. Wenn man jeden Tag analytisch Musik hört, kann man den normalen Elektroschrott irgendwann nicht mehr ertragen. Das soll nicht heißen, ich könnte oder würde 40000 oder 60000 Euro für eine Anlage ausgeben. Doch bei dem Wert, den viele Menschen der Musik beimessen, wundere ich mich oft, warum sie die Geräte, die sie dafür jahrelang nutzen, im Vorbeihuschen kaufen. Natürlich legt der Kult, den manche Leute um die Musiktechnik treiben, die Vermutung nahe, Stereoanlagen seien so etwas wie Autos fürs Wohnzimmer. Statussymbole, die immerhin einen Vorteil haben: keine Abgase zu produzieren. Man kann auch auf einem Ghettoblaster CDs hören. Gute Musik setzt sich gegen die letzte Brüllbüchse durch. Aber wenn man sich schon hinsetzt und lauscht, und sei es bei einer Fahrt zum Supermarkt – warum dann nicht mit Gänsehaut?

Gute Lautsprecher lassen Musik frei. Solche nicht ganz billigen Boxen baut zum Beispiel die Firma Dynaudio. Ein Hersteller, der auch Tonstudios ausstattet, unter anderem jene der BBC. Mit dieser Firma hat Volkswagen zusammengearbeitet, um den vormals braven Passat audiophil aufzurüsten; genauer gesagt: eine Stereoanlage einzubauen, die nichts mehr gemein hat mit dem dürren, leidenschaftslosen Werkssound, für den VW berüchtigt ist. Für etwa 900 Euro, also weniger als für eine so genannte Sportbereifung fällig wäre.

Seit einiger Zeit gibt es in der Autoindustrie einen Trend zum High-End-Hi-Fi. Wir reden hier nicht von Spielzeug, wie es in der Demo-Wand im Media-Markt steckt oder im tiefer gelegten Golf zu wuffen pflegt, sondern von Namen, die nach Geld klingen. Edle Klangmarken werden vorzugsweise von Herstellern eingebaut, bei denen Steigerungen der Motorleistung keinen nennenswerten Kick mehr bringen. Mark Levinson im Lexus. Linn im Aston Martin. Burmester im Bugatti. Wenn die Aufrüstung so fortschreitet, werden bald die ersten esoterischen Klangverbesserungsschalen auf den Hutablagen stehen.