Ananas heißt ananas, Zebra zebra, und esek ist vom Esel nicht weit entfernt. In der Klasse 3a hängen gleich oder ähnlich klingende Wörter auf einer Leine über den Köpfen der Kinder. Deutsch und Türkisch zu lernen kann einfach sein, lautet das pädagogische Signal. Doch leider ist das Lernen oft eher schwer. Heute etwa, wenn Otfried Preusslers Kleine Hexe zum "Holzklauben" in den Wald geht oder "Kücük cadi" drei alte Frauen trifft. Bei solch schwierigen Begriffen muss der Banknachbar helfen.

Die 21 Mädchen und Jungen der dritten Klasse der Hamburger Heinrich-Wolgast-Schule haben da ihre Erfahrung. Vom ersten Schultag an lernen sie zweisprachig. Ihre Schule ist eine von zwei deutsch-türkischen Grundschulen in der Stadt. Jeden Tag üben die Kinder den Sprung zwischen den Kulturen. Während sie die Kleine Hexe auf Deutsch lesen, müssen sie Fragen auf Türkisch bearbeiten.

An der Wand hängen Bilder deutscher Rittergestalten und Darstellungen aus dem Osmanischen Reich. Und wenn zum Schulanfang Gottesdienst gefeiert wird, steht neben dem Pfarrer der Imam der Stadtteilmoschee. "Beide Sprachen und Kulturen sollen möglichst gleichberechtigt sein", sagt die Klassenlehrerin Elke Bake, und Susan Sahin, ihre türkischstämmige Kollegin, nickt. Deutschpflicht auf dem Schulhof wie in einer Realschule in Berlin-Wedding? Dort haben sich Schüler, Lehrer und Eltern geeinigt, in der Schule nur noch deutsch zu reden. Seitdem diskutieren Politiker und Bildungsverantwortliche, ob aus der freiwilligen Vereinbarung einer Schule eine Vorschrift für alle deutschen Schulhöfe werden soll. Hört endlich auf, türkisch zu reden – so lautet der Tenor der Debatte der vergangenen Wochen.

Das klingt an der Heinrich-Wolgast-Schule wie eine Forderung aus einer anderen Welt. Wer hier einen Tag mit Schülern und Lehrern verbringt, dem kommen ganz andere Fragen in den Sinn: Warum betrachten Schulen die Herkunftssprache ihrer Schüler als Makel und nicht als Schatz? Wo lernen künftige Lehrer, Kinder zu unterrichten, die aus einer anderen Kultur stammen? Und wieso fehlen in den Lehrerzimmern Pädagogen, deren Eltern selbst aus Bosnien, Marokko oder der Türkei kommen?

Mittlerweile stammen rund 30 Prozent aller Grundschüler aus Migrantenfamilien, in Großstädten wie Bremen sind es über 40 Prozent: Kinder und Enkel von Gastarbeitern und Flüchtlingen, eingebürgerte Neudeutsche und heimgeholte Aussiedler. Doch selbst nach 30 Jahren Einwanderung hat die Schulpolitik auf diese Realität kaum reagiert. Das Idealbild der Schule sei bis heute der deutsche Schüler aus der Mittelstandsfamilie, kritisiert die Augsburger Pädagogin und Migrationsforscherin Leonie Herwartz-Emden.

Am Nachmittag lernen deutsche Kinder Türkisch als Fremdsprache

Dabei fehlt es weder an idealistischen Lehrern noch an engagierten Schulleitern. In vielen Schulprogrammen hat das Bekenntnis "Wir achten die Herkunftskultur jedes Schülers" seinen festen Platz. Auch an gut gemeinten Projekten – hier einige Fortbildungen zum Thema Antirassismus, dort ein paar zusätzliche Deutschstunden – herrscht kein Mangel. Nach ihrer Wirksamkeit jedoch fragt niemand. "Jedes Bundesland werkelt vor sich hin, evaluiert wurde nichts", bekennt selbstkritisch der Berliner Landesschulrat Hans-Jürgen Pokall. Den Kern der Schule – den regulären Unterricht, die Lehrerausbildung, die Schulbücher und Lehrpläne – haben die pädagogisch wertvollen Appelle und Projekte bislang nicht erreicht.