Vielleicht sollte man noch einmal daran erinnern, mit welch übler Laune die Filmfestspiele im vergangenen Jahr begannen. Wie eine dunkle Wolke hing der rassistische Eröffnungsfilm, dessen Titel auf immer im Orkus der Filmgeschichte verschwinden möge, über dem Potsdamer Platz. Danach kam die Berlinale nicht mehr so richtig in Fahrt, und das hysterische Geschrei nach Stars übertönte auch noch die wenigen guten Filme.

In diesem Jahr ist alles anders. Nicht weil der Eröffnungsfilm Snowcake gefühliges Schauspielerkino bot. Auch nicht weil die übrigen Wettbewerbsbeiträge so viel besser wären. Sondern weil der Herrgott aus Hollywood zur Berlinale hinabgestiegen ist. Am zweiten Tag des Festivals materialisierte sich George Clooney zur Vorführung von Steven Gaghans Politthriller Syriana. Und wie es sich für den Herrgott gehört, erschien er jedem in anderer Gestalt: den Feuilletons als linksliberaler Regierungskritiker, den Frauenzeitschriften als Frauenheld ohne Frau und den Kameraobjektiven als ewig winkender Strahlemann, dessen makellos weiße Zähne von jeder Titelseite blitzten. Dass Clooney inzwischen viel mehr ist als ein Star, nämlich eine Art glamouröser Briefkastenonkel unserer Zeit, wurde spätestens auf seiner Pressekonferenz deutlich. Da befragte man ihn nach seiner Meinung zu Martini, alternativen Energien, zu der amerikanischen Außenpolitik, zum chinesischem Kino, dem Comer See, zu gesunder Ernährung und der Frau an sich.

Er passt perfekt in ein Festival, das von Kulturkämpfen eingeholt wird

Tatsächlich war Clooney ein Glücksfall für die Berlinale. Weil er die Show- und Gazettenmaschine genauso bedient wie den politisierten Bilderdiskurs. Weil sich in seiner Person ein großes Stilempfinden mit ebenso großer Selbstironie verbindet. Und weil es grundsätzlich sympathisch ist, dass ein Mensch mit diesem Aussehen die Welt dennoch ein bisschen verändern will.

In Gaghans Film spielt Clooney den CIA-Agenten Bob Barnes und sieht aus wie ein bärtiger Bulldozer. Mit 15 Kilo Übergewicht trottet er durch Teheran und Beirut. Er ist der letzte Gerechte, ein altmodischer Typ, der sich immer noch als Geheimdienstler fühlt, während über seinem Kopf längst computergesteuerte Raketen den Job erledigen.

Bei der Begegnung im Hotelzimmer wirkt Clooney viel schmächtiger als seine Leinwandgestalten. Wenn er sich von seinem Hotelsessel erhebt, um die fünfhundertste Journalistin dieses Tages zu begrüßen, könnte er vom hässlichen Polyesterteppich übergangslos in einen Fred-Astaire-Film weiter gleiten. Im Grunde sieht er aus, als sei er schon in einem winzigen Smoking geboren worden. Clooney ist der Welt elegantester Star, der legitime Nachfolger von Cary Grant, der Mann, dem Hollywood aus der Hand frisst. Nach Berlin ist er gekommen, um über seinen Film, die Welt und die Politik zu sprechen. Also redet er über die jüngsten Ölkriege, die Verrohung der amerikanischen Nachrichten, über den Karikaturenstreit, den er mit den Rodney-King-Riots vergleicht und vor allem als Reaktion auf eine allgemeine Islamfeindlichkeit sehen will. Er macht Witze über George Bush und eine eventuelle Clooney-Präsidentschaftskandidatur. Clooneys politische Ansichten sind weder originell noch radikal, noch sonderlich überraschend. Zwischendurch fallen Sätze wie: "Ich werde das Establishment so lange herausfordern, wie es geht. So lange, wie sie mich Kino machen lassen." Oder: "Amerika muss endlich umdenken!" Natürlich passt ein amerikanischer Superstar, der seiner Regierung so beharrlich vors Schienbein tritt, geradezu perfekt in eine Festivalszenerie, die immer stärker von weltpolitischen Frontverläufen und Kulturkämpfen eingeholt wird. Der Sog der großen Politik kann für ein Festival wie die Berlinale aber auch zu einer Endlosschleife der immergleichen Statements werden. Man sieht es schon daran, dass es für amerikanische Schauspieler und Regisseure fast schon eine kleine Mode geworden ist, George Bush auf den Pressekonferenzen eins überzuziehen oder sich zumindest von der Regierung zu distanzieren.