Internate Frohe Botschaft

Warum konfessionelle Schulen die besseren Schüler haben

Es gibt ein Wort, das kann Pater Klaus Mertes überhaupt nicht leiden. Wenn es fällt, sitzt der Rektor des vielleicht besten Berliner Gymnasiums plötzlich kerzengerade in seinem Stuhl und zählt, ohne Luft zu holen, die Länder auf, aus denen seine Schüler stammen, von Russland bis Kolumbien. Als Nächstes kommen die Berufe ihrer Eltern an die Reihe, von der Verkäuferin bis zum Busfahrer. »Sie sehen«, sagt Pater Mertes schließlich, »das Canisius-Kolleg ist keine Eliteschule.«

An den meisten altsprachlichen Gymnasien humanistischer Prägung würde sich ein solcher Satz schon arg nach Scheinheiligkeit anhören. Doch der Jesuitenpater, wie er da in seinem Arbeitszimmer zwischen den Bücherstapeln den Finger reckt, an der Wand das Kruzifix, beschreibt lediglich ein Erfolgsgeheimnis. Es ist das Erfolgsgeheimnis kirchlicher Schulen, die ihre staatlichen Konkurrenten mittlerweile bei allen Leistungsvergleichen meilenweit abhängen und trotzdem nicht elitär sind. Kirchliche Schulen haben etwas geschafft, woran Deutschlands Schulsystem seit Jahrzehnten scheitert. Sie haben die Schülerleistungen von der sozialen Herkunft entkoppelt. Wissenschaftlich gesprochen. Praktisch heißt das: Am katholischen Canisius-Kolleg in Berlins Mitte lernen keineswegs vor allem die Kinder betuchter Akademiker, nein, viele Arbeiterkinder sind darunter, und der Ausländeranteil der Schule erreicht einen für Gymnasien phänomenalen Wert von 30 Prozent.

Vergangenes Jahr hat die Universität Erlangen-Nürnberg im Auftrag der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) die Pisa-Daten noch einmal ausgewertet. Das Ergebnis war erstaunlich. »Es gibt an Schulen in konfessioneller Trägerschaft weniger Risikoschüler«, sagt die Nürnberger Erziehungswissenschaftlerin Annette Scheunpflug. »Risikoschüler« oder auch »das untere Viertel« nennen Experten seit der ersten Pisa-Studie diejenigen gut 20 Prozent aller Jugendlichen, die bereits beim Lesen einfacherer Texte Verständnisschwierigkeiten haben. Was eine spätere Ausbildung fast unmöglich macht. In kaum einem anderen Pisa-Teilnehmerland ist die Risikogruppe so groß wie in Deutschland. An kirchlichen Schulen ist sie, zumindest für den Teilbereich Lesen, offenbar nicht existent.

Und das, obwohl die soziale Zusammensetzung ihrer Schülerschaft zwar immer noch leicht besser ausfällt als an staatlichen Schulen, aber längst nicht so krass wie an anderen Privatschulen. Die schließen ärmere Schulen oft schon durch ein exorbitantes Schulgeld aus. Trotzdem schaffen sie es nicht, gegen die Pisa-Stärke der kirchlichen Schulen anzukommen. Unter Eltern und Schülern hat sich die Stärke kirchlicher Schulen schon vor der Veröffentlichung der Erlanger Studie herumgesprochen. Die Konkurrenz um die knappen Plätze ist gewaltig.

Laut einer Umfrage des Arbeitskreises Katholischer Schulen (AKS) legen die Eltern dabei weniger Wert auf die Vermittlung von Glaubensfragen, sondern auf die Qualität der Lehrer und der Erziehungsangebote. Mancherorts übersteigen die Bewerbungen die Aufnahmekapazität um das Vierfache. Allein die Schulstiftung der EKD hat daher seit 1993 bei der Einrichtung von über 100 neuen evangelischen Schulen geholfen. Inzwischen betreiben Katholiken und Protestanten jeweils an die 1000 Schulen, die Zahl der Schüler ist auf über eine halbe Million angewachsen.

»Unsere Schulen sind schon da, wo die staatlichen erst noch hinwollen«

Dabei bieten die Kirchen mehr als nur ein paar prestigereiche Gymnasien. Besonders engagiert sind sie auch im Bereich der Förderschulen, wo sie sich um die schwächsten Kinder mit massiven Lern- und Verhaltensproblemen kümmern. »Unsere Schulen sind schon da, wo die staatlichen erst noch hinwollen«, sagt Andreas Verhülsdonk, Referent für Religionspädagogik im Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz. »Sie genießen weitgehende Autonomie, sie haben große Spielräume in der Gestaltung des Unterrichts, und die nutzen sie.« So könnten die Schulen auf ihr soziales Umfeld eingehen und wirklich individuelle Förderung ihrer Schüler betreiben, ohne die ganze Zeit von Weisungen von oben abhängig zu sein. »Das ist der Schlüssel zum Erfolg«, sagt Verhülsdonk.

Von außen betrachtet, wirkt das Canisius-Kolleg am Rand des Tiergartens nicht gerade wie ein Hort der Menschlichkeit. Neben dem imperialen Protzbau der japanischen Botschaft, einer der besten Adressen des »Dritten Reiches«, hatte der Krupp-Konzern in den dreißiger Jahren seine neue Hauptstadtvertretung errichtet. Nach dem Krieg zogen die Jesuiten ein, doch die Nazivergangenheit ist dem grauen Gebäude mit den hohen Fenstern immer noch anzumerken. Das ist die Welt von Pater Mertes. Mit zehn Mitbrüdern lebt er in einem kleinen Anbau am Rand des Schulhofes. Früher waren sie mehr, doch wie alle Orden leiden die Jesuiten unter Nachwuchssorgen. Die meisten Lehrer sind inzwischen »Zivile«.

An diesem Dienstagmorgen steht der Leistungskurs Religion auf dem Stundenplan. Ein düsterer Kellerraum mit Betonträgern, 20 Zwölftklässler hocken in ihren Bänken und beobachten Pater Mertes, wie er das Thema der Stunde an die Tafel kritzelt: »Wenn Gott a) allmächtig ist und b) gut, warum gibt es dann Leiden?« Pater Mertes dreht sich um zu seinen Schülern, sieht die grübelnden Mienen und streicht sich über die Glatze. »Da kommen wir direkt in ein Labyrinth von Fragen«, sagt er. »Das ist Theodizee.« Doch es dauert nur ein paar Augenblicke, da gehen schon die ersten Hände hoch. »Leiden ist dafür da, dass wir daraus lernen«, sagt ein blondes Mädchen, das sich eben noch Zettelchen mit seiner Nachbarin geschrieben hat, und der Junge mit den Basketballschuhen ein paar Plätze weiter sagt: »Leiden hat einen tieferen Sinn in Gottes Heilsplan.« Und dann ist da noch der Typ mit dem Ziegenbärtchen, der ein bisschen um die Sache herumredet. »Na ja, da hat Gott halt einen Fehler gemacht.« Da muss Pater Mertes dann doch grinsen. Nach der Stunde sagt er: »Da behaupte noch mal jemand, dass die Jugend von heute sich keine Gedanken macht.«

Noch nie haben so wenige Priester so viele Schüler unterrichtet

Als Mertes das sagt, steht Artjom Merjasch neben ihm in der Tür, 18 Jahre, Kapuzenpulli und Jackett. Wer einen Tag lang in den Fluren des Canisius-Kollegs unterwegs ist, dem läuft er ständig über den Weg. Er hockt im Reli-Leistungskurs, er macht mit in der Homepage-AG, und nachmittags geht er hinüber in den bröckeligen Neubau der Gemeinschaft Christlichen Lebens, die das Nachmittagsprogramm der Schule organisiert inklusive Hausaufgabenhilfe, Kicker und Firmungskursen. Artjom ist ein Idol für die kleineren Schüler, die haben so ein Leuchten in den Augen, wenn sie ihn sehen und er ein bisschen mit ihnen herumalbert. Idole wie Artjom gibt es einige am Canisius-Kolleg, denn das ist hier ein Prinzip: Die großen Schüler kümmern sich um die kleinen. »Die Wissensvermittlung ist das eine«, sagt Artjom. »Genauso wichtig ist, dass wir hier Eigeninitiative lernen und uns für andere einzusetzen.« So kommt es, dass für Schüler wie Artjom ihr Gymnasium viel mehr ist als nur Lehranstalt. Es ist ein Lebensgefühl, auf Klassenfahrten, in den Schulgottesdiensten und uralten Meditationsübungen. Das ist das zweite Erfolgsgeheimnis kirchlicher Schulen und besonders der Ordensschulen, die zugleich Arbeitsort und Zuhause der Ordensmitglieder sind.

Die Brüder und Schwestern prägen das Schulleben, und sie verzichten auf ihr Gehalt – ein enormer Gewinn für die Schule, die dadurch mehr Geld für den Unterricht übrig hat. »Das war immer eine unserer großen Stärken«, sagt Pater Mertes. Doch gleichzeitig ist es auch das größte Problem der Ordensschulen: Da der Nachwuchs ausgeht und immer mehr normale Lehrer für Geld eingestellt werden müssen, geraten sie in Finanznot. Der Jesuitenorden hat die meisten Schulen bereits abgegeben, die Diözesen betreiben sie weiter. Andere Orden mussten sich ebenfalls aus der aktiven Pädagogik zurückziehen, sie konnten sich ihren Erfolg nicht länger leisten. Einige Schulen wurden sogar geschlossen, denn auch vielen katholischen Bischöfen fehlt das Geld. Die wenigen verbleibenden Ordensschulen versuchen, irgendwie mit dem Schüleransturm fertig zu werden.

»Unsere Schule war noch nie so groß wie heute, und noch nie wurde sie mit so wenig Herz-Jesu-Priestern betrieben«, sagt Pater Heiner Wilmer, der das Leoninum in Handrup an der holländischen Grenze leitet, ein Gymnasium auf dem flachen Land mit 1350 Schülern. »Für einige fährt der Schulbus schon um halb sieben«, sagt Pater Wilmer. Außer ihm und dem Schulseelsorger ist kein Priester mehr übrig. Bis 1999 war das Leoninum eine Internatsschule, doch den Betrieb konnten sie nicht aufrechterhalten, zu teuer mit bezahlten Lehrkräften. Den guten Ruf seiner Schule erklärt Wilmer so: »Unsere Schüler sollen spüren, dass sie angenommen sind. So, wie sie sind. Wenn sie das wirklich verinnerlicht haben, kann all das beginnen, was wir gewöhnlich als Erziehung und Wissensbildung bezeichnen. Und zwar sehr intensiv. Aber erst dann.« Kuschelpädagogik auf Katholisch. Aber offenbar eine, die funktioniert.

 
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