Internate Das Vorurteil

Salem ist kein Bonzenbunker, sagt Daniela Zech, Tochter eines Postbeamten

Der Boden ist grau, pflegeleichtes PVC. Am Fenster steht ein Schreibtisch, ein zweiter an der Wand. Zwei Betten, zwei Schränke, zwei Regale. Kein Fernseher, keine Stereoanlage und auch kein Sofa. Wären nicht die Postkarten an der Wand und die Fotos mit den lachenden Gesichtern, die Lichterkette aus roten Herzen über dem Bett und der Flickenteppich auf dem Boden: Es sähe aus wie in einer Jugendherberge.

»Nicht gerade luxuriös, oder?«, sagt Daniela Zech. Und erzählt, dass die meisten erstaunt sind, wenn sie das erste Mal nach Salem kommen. Weil sie Luxus erwarten und dann Zweibettzimmer, Sammelduschen und Toiletten auf dem Gang finden. »Salem, der Bonzenbunker. Das ist das typische Vorurteil«, sagt die 18-Jährige und verdreht die braunen Augen. Weil es sie nervt, wenn sich die Leute keine eigene Meinung bilden. Wie diese Jungs. Daniela erzählt von dem Nachmittag an der Bushaltestelle, als drei Jugendliche gegen den Salemer Schulbus schlugen und »Hey, ihr Bonzen!« brüllten. »Wenn ihr wüsstet, habe ich gedacht.«

Etwa 2300 Euro kostet ein Platz in Deutschlands bekanntestem Internat pro Monat. Geld, das Danielas Eltern nicht haben. Der Vater, ein Postbeamter, ist Frührentner, die Mutter Hausfrau. Vor zwei Jahren hat sich Daniela für ein Stipendium beworben – und es bekommen. Rund 30 Neu-Stipendien vergibt die Schule Jahr für Jahr bei etwa 300 Bewerbungen. Auf den Geldbeutel der Eltern achtet die Jury nicht. Gesiebt wird nach Noten, natürlich, aber auch nach sozialer Kompetenz: Danach, wie sich die Bewerber machen beim Auswahltest, der an einem Wochenende in einem Selbstversorgerhaus stattfindet. Sie müssen sich beweisen in Theaterstücken und Geländespielen, beim Kochen und Abwaschen und in persönlichen Gesprächen. Wer überzeugt, bekommt 6000 Euro Nachlass pro Jahr.

Richtig drücken kann man den Preis, wenn die Eltern den Rest des Schulgeldes – immerhin noch 21600 Euro – nicht aufbringen können. »Aber alles bezahlen können wir nicht«, sagt Hartmut Ferenschild, in Salem zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit. Dass die Eltern einige hundert Euro beisteuern müssen, hängt mit den Grundsätzen der Schule und den Erfahrungen der Vergangenheit zusammen. Als es die Stipendien nur für jene Schüler gab, deren Eltern sich das Schulgeld nicht leisten konnten, sei die Hilfe ein regelrechtes Stigma gewesen, erzählt Ferenschild. »Nach dem Motto: Ein armer Teufel bekommt eine Chance, und alle müssen freundlich sein. Das aber wollen wir mit Sicherheit nicht.« Deshalb kann man in Salem von einem Stipendium allein nicht auf den finanziellen Hintergrund der Eltern schließen. »Die Stellung der Eltern ist unter den Schülern uninteressant«, sagt Ferenschild. »Wichtig ist doch, was das für ein Typ ist, mit dem ich das Zimmer teile.«

Das glaubt auch Daniela. »Natürlich gibt’s Unterschiede. Ich fahr mit meinen Eltern ins günstige Montafon zum Skifahren, St. Moritz können wir uns nicht leisten.« Statt Gucci trägt die 18-Jährige mit den schulterlangen braunen Haaren einen weißen Kapuzenpulli – »s.Oliver« ist lilafarben darauf gestickt. »Aber ehrlich«, sagt sie, »das interessiert hier keinen.« Seit einem halben Jahr teilt sich Daniela das Zimmer mit Nina. »Das Vermögen unserer Eltern war nie Thema.« Geredet wird über Freunde und Bücher, Musik und Jungs, über den Unterricht und die Aktivitäten nach Schulschluss. Die sind mit ein Grund, warum Daniela nach Salem wollte.

»Anfangs war da dieses Kribbeln«, erzählt sie. Mit dem Vater war sie unterwegs, im Auto, als er auf ein altes Gebäude zeigte: »Schau mal, das war früher ein Internat.« – »Mich hat das fasziniert. Mit Gleichaltrigen zusammenleben. Gemeinsam etwas auf die Beine stellen.« Nicht dass sie keine Freunde gehabt hätte in dem kleinen Ort bei Biberach in Oberschwaben. Im Gegenteil: Bis heute sei der Kontakt eng, Briefe, E-Mails, SMS und Anrufe ersetzen die Treffen, die sie auf die Schulferien schieben muss. Wohl gefühlt habe sie sich zu Hause bei den Eltern und den zwei jüngeren Brüdern. Aber in der Realschule war sie schlicht unterfordert, mit einem Schnitt von 1,0 in der 9. Klasse. »Dass ich Abi machen will, war klar«, sagt sie. »Die Frage war nur: wo?«

Von Salem erfuhr sie zufällig und über fünf Ecken. Eine Freundin kannte eine, die eine kannte, die dort einmal war. Daniela ließ sich Infomaterial schicken. »Seitdem war ich gefangen.« Von der Ausstattung der Klassenräume, der Betreuung und den Aktivitäten: Basketball, Tanzen, Gesang, Kurse in der Kunstschmiede oder beim Automechaniker. Vor allem aber war Daniela begeistert vom »Dienst«, wie es in Salem heißt. Einen Nachmittag pro Woche müssen die Schüler etwas für andere tun. Sie gehen zum Technischen Hilfswerk oder zur Feuerwehr, Daniela hilft im Altersheim. »Ich kann mich endlich entfalten«, sagt sie. Ihren Tatendrang konnte zu Hause in Biberach niemand begreifen. Theater hat sie gespielt und Klarinette, ein Praktikum in der Psychiatrie gemacht und sich mit Freunden verabredet: Genug aber war es nie.

Also ist sie von zu Hause ausgezogen und eingezogen in ein Salemer Zweibettzimmer. Viel Freizeit hat sie nicht mehr. Die Schule beginnt um acht Uhr, Schulschluss ist um vier, nur samstags klingelt die Glocke mittags. Sie macht Sport und Dienst, singt und übt für ein Musical, diskutiert über Politik, macht Hausaufgaben und lernt für Klausuren. Und hält sich an die rigiden Salemer Regeln: Um 22.30 Uhr muss sie in ihrem Flügel sein, dem Mädchenbau, samstags müssen die Schüler um Mitternacht zurück im Internat sein. Warum das alles? »Das klingt jetzt kitschig und pathetisch«, sagt Daniela. Aber als sie sich entscheiden musste zwischen dem Internat und dem Leben mit ihrer Familie, da sei ihr ein Spruch in die Finger gekommen: Träume nicht dein Leben, sondern lebe deinen Traum. »Das mache ich. Nirgendwo sonst habe ich die Chance auf eine so gute Ausbildung«, sagt sie. Und schaut auf die Uhr. Noch zehn Minuten. Dann muss sie aber wirklich los zum Gesangsunterricht.

 
Leser-Kommentare
  1. Nach einem Besuch - mit Führung durch das alte Gemäuer und die ollen, schrulligen Gänge aus Klosterzeiten:

    *
    Jedes katholische Internat (ehemals "Konvikt")- unter dem Diktat eines Bischof z.B. von Münster - hat mehr Komfort, mehr sanitäre und hygienische Standardeinrichtungen, mehr Sport- und Spiel und Gruppen- oder Hobbymöglichkeiten als Salem.
    Dort in die Kirche zu gehen - war der absolute Mittelalter-Zugang: schwarz, schmuddelig, zugestellt, voller Altäre und Stiftungspackzeug.
    Da haben sich früher viele ihre privat finanzierte Himmelsleiter zum Gestühl vor Petri Gnaden aufstellen lassen.
    *
    Ein Trösterchen...?
    Zu Mittag, gleich nach dem Abschellen - noch vor dem Mittagstisch - eilten viele Mädchen zu den Käfigen und Ställen im Innenhof - und streichelten ihre Kaninchen und Meerschweinchen.

  2. 2. \N

    Ich kam 2000 nach Überlingen. Auf dortigen Gymnasium wurde mir auch schnell von Altersgenossen eingedrichtert, dass in Salem nur böse Snobs hausen - als 14jähriger habe ich das geglaubt.
    Spätestens als dann ein Freund von mir verkündete, seine Schulkariere eben dort fortzusetzen, war ich gezwungen die Sache noch einmal zu überdenken.
    Ich lernte durch ihn und diverse Zufälle mit der Zeit ein paar "Spetzis" kennen und merkte schnell, dass meine Meinung von diesen vollkommen grotesk gewesen ist. Nicht nur, weil eben nicht alle Salemer aus reichem Hause stammen, sondern weil es gar nicht schlimm ist, wenn einer einen reichen backround hat. Nicht etwa, um davon partizipieren zu können, sondern weil es, bei einem Zäpfle (wundervolles Bier), vollkommen unerheblich ist.

    Vor einigen Monaten besuchte ich meinen Kumpel im Internat, und blieb für eine Nacht. Wirklich ich traf ausnahmslos sympathische Leute da oben. Im ersten Kommentar wird moniert, dass man Salemer schon am Kleidungsstil erkenne - absolut richtig. Na und ? Sie fallen auf, weil sie sich eindeutig hübscher kleiden, das hat aber nichts mit Markenzwang zu tun.
    (Salemer) "geben sich auch wie Neureiche und kleine verwöhnte Gören". Ich halte das schlicht für ein Vorurteil. Als ich den einen Tag in Salem war, habe ich mich mit min. 5 Schülern unterhalten, warum denn diese überhaupt nichts mit den Einheimischen zu tun hätten. Sie meinten sie hätten bisweilen immer das Gefühl gehabt, dass diese sie nicht mögen --> siehe Obigen Kommentar. Nur so am Rande, hier kommt doch auch wieder das typisch deutsche Problem des Neides und des Nicht Gönnens zum Ausdruck.

    Ich denke aber auch der Artikel zeichnet ein z.T. falsches Bild der Schule, denn so prüde und asketisch lebt es sich auf dem Internat auch nicht. Es gibt zwar strikte Regeln, aber diese können, vor allem durch den unglaublich guten Zusammmenhalt der SChüler, umgangen werden. Und ich unterstelle der Schulleitung einfach mal, dass dies sogar gewollt wird.

    Ich bin der festen Überzeugung, das Salem nicht nur eine sehr gute Ausbildung bietet, sondern den Schülern auch, viel Freiraum für eine erlebnisreiche Jugend, und somit für die Persönlichkeitsbildung, lässt.

    BTW : Für Rechtschreibfehler zeichent sich das sächsische Bildungssystem verantwortlich. Bzw. die staatlichen Gymnasien ?

  3. auf

    http://www.seepeople.de/c...

    ein offener Brief an Daniela.

  4. Hallo,
    ich bin vor 2 Jahren nach Überlingen gezogen. Als ich hierher kam, hörte ich genau die Dinge über die Schüler des College, wie Frau Zech es beschreibt. Das seien alles "Snobs", nur verwöhnte Schüler, die haben doch alles usw. Da ich immer versuche ohne Vorurteilen anderen Menschen gegenüberzutreten, glaubte ich den ganzen Aussagen nicht. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es so schlimm sei. Aber mittlerweile, sehe ich das ähnlich. Vielleicht würden solche "Vorurteile" oder Gerüchte gar nicht erst entstehen, wenn sie sich Schüler nicht so verhalten würden wie sie es eben tun. Nicht nur, dass man sie echt aufgrund ihres Kleidung auf der Straße dem College zuordnen kann, sondern sie geben sich auch wie Neureiche und kleine verwöhnte Gören. Ganz nach dem Motto:"Ich bin wer. Meine Eltern haben Geld. Ich geh auf das College. Und wer bitte bist du?!Du gehst doch nur auf eine dieser staatlichen Schulen.Und trägst nicht nur Markensachen...." Die Schüler des College laufen durch die Straßen als ob sie schon der Chefarzt persönlich wären, recken ihr Näschen gen Himmel, spielen sich in den Läden auf, hocken in Scharen im "Galgen" und wissen mit ihrem Geld nichts anzufangen. Sie scheinen bessere Menschen.
    Und... ist "s.Oliver" keine Marke? Ich denke schon, dass es eine Marke ist. Nur vielleicht eine nicht allzu teure wie gucci und co. Wenn ich mal am College vorbeilaufe, sieht es auch nicht so aus als ob die Zimmer schlecht ausgestattet seien.
    Ich kann und will mir nicht anmaßen über die Ausbildung in diesem College zu urteilen. Aber es gehen auch einige Gerüchte rum. Wie zum Beispiel, dass ein Schüler mal das Abitur fast nicht geschafft hätte. Da hat dann der Vater kruzer Hand einen neuen Hallenboden gezahlt und plötzlich hatte er das Abi in der Tasche. Naja und da die Schüler mit ihrem Geld nicht wissen wohin, blüht der Drogenkonsum.....Ob das stimmt, kann ich nicht beurteilen, aber das erzählt man sich in der Stadt, wenn man dann mal einen Platz im Galgen bekommt und nebenbei abschätzig von den Salemern angestarrt wird!

    MfG

  5. 1.Ich finde nicht, dass die Salemer "hübscher" gekleidet sind!! Ich denke eher sie übertreiben es etwas. Na klar sehen die Typen gut aus in ihrem Klamotten, aber ich finde dieser Kleidungsstil passt weder zu ihrem Alter noch zu ihrem Bildungsstand. Zum Teil(!!) laufen sie nämlich rum wie die Manager persönlich.
    2. Ein Vorurteil wäre es,wenn ich mich nicht auch schonmal mit welchen aus dem College unterhalten hätte!
    3. Ich bin bestimmt nicht neidisch!Das ist eine völlig haltlose Unterstellung. Wenn ich gewollt hätte, hätte ich ohne Probleme das Schulgeld bezahlen können und dort Abitur machen. Es geht mir nicht ums Geld. Die Qualität der Ausbildung hat auch nicht wirklich was mit dem Geld was man zahlen muß zu tun. Es gibt auch gut staatliche Schulen mit engagiertern Lehrern. Nur muß man sich dann in seiner Freizeit vielleicht noch selbst etwas bilden.
    4. Trotz allem denke ich auch, dass Salem viele Möglichkeiten für eine erlebnisreiche Jugend bildet....

    Und noch ganz allgemein:Vorurteile und Gerüchte entstehen nicht von ungefähr!

    • ttob
    • 04.11.2007 um 11:13 Uhr

    ...ist das falsche Wort, wenn dort auch Stifties sind. Bonzenschmiede passt wohl besser.Und ja, es gibt ein Recht darauf neidig zu sein und anderen ihren angeborenen Wohlstand zu missgönnen. Ich bin stolz darauf und halte diese deutsche Mentalität für wichtigen Treibstoff im Kampf um ein soziales Land. Ich möchte ums Ve*****en nicht in den USA oder GB leben.Dass dort graue PVC-Belege sind, verwundert allerdings schon, wohin fliesst denn die ganze Kohle, einzig in die Bezahlung der Lehrkräfte? Ich meine 2300,- das ist schon heftig, da kann man ja bereits mit zwei Schülern mindestens eine Lehrkraft bezahlen.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Serie Bildung & Beruf
  • Quelle DIE ZEIT 16.02.2006 Nr.8
  • Kommentare 6
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Gucci | Internat | St. Moritz
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service