Schulen »Der Boom ist eine Medienübertreibung«
Aber Privatschulen stehen hoch im Kurs. Warum eigentlich? Vier Antworten auf häufig gestellte Fragen
Was für Privatschulen gibt es?
Wer »Privatschule« sagt, meint in Deutschland in erster Linie konfessionelle Schulen. Rund 80 Prozent aller Privatschulen befinden sich in der Trägerschaft der evangelischen und der katholischen Kirche. Gut die Hälfte der 540000 Privatschüler an allgemeinbildenden Schulen (ohne Förder- und Sonderschulen) besucht eine der 531 katholischen Einrichtungen. 76500 Schüler gehen auf eine der 257 evangelischen Schulen. Mit 75000 Schülerinnen und Schülern haben sich fast genauso viele für eine der 190 Freien Waldorfschulen entschieden, im Verband Deutscher Privatschulen (VDP) sind 236 Schulen mit 55000 Schülern zusammengeschlossen. Die weiteren Privatschulen machen wie die Freien Alternativschulen oder die Vereinigung der Landerziehungsheime zusammen weniger als zehn Prozent der allgemeinbildenden Privatschulen aus. Hinzu kommt eine große Gruppe von Sonder- oder Förderschulen und privater Berufsschulen. Alle Träger verzeichnen seit Jahrzehnten steigende Schülerzahlen. Bis zu hundert neue Schulen entstehen pro Jahr. Mit einer Ausnahme: Die Zahl der Internate stagniert, »weil Eltern, die über ein Internat nachdenken, ihr Kind immer öfter ins Ausland schicken – nach England, in die USA oder die Schweiz«, sagt Hartmut Ferenschild, der für die Vereinigung deutscher Landerziehungsheime Eltern berät.
Lösten die schlechten Pisa-Ergebnisse einen Boom der Privatschulen aus?
Seit Bekanntgabe der Pisa-Ergebnisse im Herbst 2001 berichteten viele Medien, Privatschulen seien der Ausweg aus der Misere. Der Spiegel machte gar einen »Gründungsboom« von Privatschulen aus. Der lässt sich allerdings kaum nachweisen. Das Statistische Bundesamt zählt jedes Jahr die Schulen; es fällt schwer, einen Anhaltspunkt für einen Boom zu finden. Zwischen 1992 und 2004 ist der Anteil der Privatschüler an allen Schülern zwar von 4,8 auf 6,5 Prozent gewachsen. Allerdings von Jahr zu Jahr recht gleichmäßig – und nach 2001 nicht stärker als in den Jahren zuvor (siehe Grafik rechts).
»Der Boom ist eine Medienübertreibung«, sagt Manfred Weiß vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (Dipf) in Frankfurt am Main. »Die immer noch steigende Zahl der Schulgründungen und der Schüler an Privatschulen sind auch auf den Nachholbedarf in Ostdeutschland zurückzuführen«. Nach Pisa habe das sowieso vorhandene Interesse lediglich noch einmal leicht angezogen.
Martin Kunze vom Verband deutscher Privatschulen (VDP) sagt allerdings, dass viele Eltern die Pisa-Ergebnisse zum Anlass genommen hätten, ihr Kind an einer Privatschule anzumelden. Einen Boom gebe es also zumindest auf den Anmeldelisten, sagen übereinstimmend alle Trägervereine deutscher Privatschulen. Aber nur ein Bruchteil der Kinder bekommt auch einen Platz. Laut Angaben des Arbeitskreises Katholischer Schulen in Freier Trägerschaft (AKS) übersteigt die Zahl der Bewerber die der Plätze derzeit um rund 30 bis 40 Prozent. Am katholischen Canisius-Kolleg in Berlin etwa gab es jüngst 500 Bewerbungen auf 120 Plätze. Auch die Schulen in evangelischer Trägerschaft können ihren Interessenten nicht genug Plätze bieten, sagt Uta Hallwirth von der Wissenschaftlichen Arbeitsstelle Evangelische Schule bei der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).
Sind sie besser als staatliche Schulen?
»Wir wissen insgesamt sehr wenig über Privatschulen«, sagt der Bildungsforscher Manfred Weiß, »bei einigen Schulformen, zum Beispiel den Internaten, tappen wir weitgehend im Dunkeln. Das öffnet der Legendenbildung Tür und Tor.« Stellt man die soziale Herkunft der Schülerschaft in Rechnung, fallen die Leistungsunterschiede zwischen privaten Schulen und staatlichen laut Weiß gering aus.
Zwar ist auffällig, dass konfessionelle Schulen in einigen Bereichen außerordentlich gut abschneiden. Weiß kommt in seiner Vergleichsstudie aber insgesamt zu dem Schluss, dass sich die »Vorstellung, die Schulen in privater Trägerschaft seien staatlichen Schulen deutlich überlegen, nicht bestätigt«.
Die Zufriedenheit der Menschen mit dem staatlichen Schulsystem sei im Übrigen insgesamt hoch, sagt Manfred Weiß, und da, wo sie seit Pisa abgesackt war, sei sie in den vergangenen Jahren auch wieder gestiegen. »Das allgemeine Interesse am Thema Bildung steigt. Davon profitieren die Privaten. Aber seit Pisa geht ein Ruck auch durch das staatliche Schulwesen.«
Für eine Gruppe lohnt sich »die Private« aber auf jeden Fall: Mädchen, die eine Realschule besuchen, insbesondere eine reine Mädchenschule. »Sie zeigen zum Teil Leistungen, die an jene der Schülerinnen eines durchschnittlichen staatlichen Gymnasiums heranreichen«, sagt Weiß. Es gibt noch weitere Vorteile der Privatschulen im direkten Vergleich. Die Quote der Sitzenbleiber ist geringer, und die Schüler fühlen sich im Allgemeinen besser gefördert. Gerade bei konfessionellen Schulen ist die Bindung zwischen Lehrern und Schülern stärker; es steht außerdem die Vermittlung eines verbindlichen Wertekataloges im Vordergrund. In einer Elternbefragung an katholischen Schulen gaben fast 97 Prozent der Eltern an, dass sie sich eine Erziehung zu sozialem Engagement wünschen genauso wie die Einführung in eine »heute mögliche Glaubenspraxis« (74 Prozent) und eine »Erziehungsgemeinschaft von Elternhaus und Schule« (97 Prozent).
Wer schickt seine Kinder auf Privatschulen und Internate?
Auf Internaten treffen sich noch immer hauptsächlich die Kinder besser gestellter Eltern. Ein kleiner Prozentsatz sind Stipendiaten. Bei Privatschulen sieht es etwas anders aus. »Bei uns gibt es keine Einkommensabfrage«, sagt Martin Kunze vom VDP. Aber die geringer verdienenden Eltern könnten ihre Kinder seltener zu einer Privatschule des VDP schicken, die durchschnittlich zwischen 50 und 150 Euro im Monat koste, sagt Kunze.
Zur Frage, welche Eltern mit welchem sozialen Hintergrund ihre Kinder auf nichtkonfessionelle Privatschulen schicken, gibt es keine aussagekräftigen Zahlen. Die Schüler der konfessionellen Schulen kommen meist aus gebildeteren Familien, sind im Durchschnitt finanziell leicht besser gestellt, wie eine Studie der Uni Erlangen aus dem Jahr 2005 zeigt. Die meisten konfessionellen Schulen kosten unter 50 Euro im Monat, an vielen ist der Beitrag nahezu freigestellt und wird für sozial schlechter gestellte Schüler reduziert oder erlassen.
- Datum
- Quelle DIE ZEIT 16.02.2006 Nr.8
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