Verschont uns mit Supergroups! Die Idee, ein paar Supertypen unter einem Supernamen zusammenzustecken, war nie mehr als eine gewinnmaximierende Maßnahme und ist zu Recht auf dem Müllhaufen der Popgeschichte gelandet. Ganz anders verhält es sich mit B-Supergroups. B-Supergroups stellen das Prinzip der Prominenz vom Kopf auf die Füße. Pünktlich zum Beginn des WM-Jahrs feiern sie die Mannschaft als Star. B-Supergroups lassen wir uns gefallen – vorausgesetzt, sie kommen aus der Tiefe des amerikanischen Raumes und heißen The Minus 5.

Von einer Überraschung zu sprechen wäre untertrieben. Kein Image, keine Verkaufsargumente, kein flotter Bandname, das jüngste Minus-5-Album hat nicht einmal einen richtigen Titel. Bloß eine Pistole prangt auf schwarzem Grund, als wollten die Künstler uns sagen: Gebt nichts auf Verpackungen, hört die Musik. Aber, jetzt kommt’s: Wer sich von der verkaufstechnischen Antiklimax nicht abschrecken lässt, stößt im Innern auf die größte Ansammlung von Hits, die es in den letzten fünf Jahren nicht in die Charts geschafft hat. Ein B-Ohrwurm mit B-Erfolgsaussichten reiht sich an den nächsten, ein ganzer Sack voll überschüssiger Melodien wird vor der Zeitgenossenschaft ausgeschüttet, und das mit Bedacht.

Was nach gängigen Maßstäben verschwenderisch wirkt, hat nämlich unter historischer Perspektive seine Richtigkeit. So wie die Dinge stehen, sind B-Supergroups dazu da, die Fehler echter Supergroups zu korrigieren. Auch im vorliegenden Fall stammen die Mitglieder aus bekannten Formationen, auch hier bringen sie ihre Vorgeschichte in den größeren Kontext ein. Peter Buck etwa spielt in seinem Haupterwerbsleben die Gitarre bei R.E.M., Jeff Tweedy bei Wilco, Colin Meloy und John Moen bei den Decemberists, und Scott McCaughey, der die meisten Stücke schreibt und als eine Art B-Bandleader in Erscheinung tritt, war schon mit sämtlichen Größen der jüngeren US-Rockhistorie auf Tour oder im Studio.

Entsprechend nah bewegt sich der Minus-5-Sound an den jeweiligen Prägungen: Americana mit wohlplatzierten Beatles- und Byrds-Einsprengseln, Countryeskes und der ein oder andere Punkknaller. Und doch geht es nicht darum, schnöde Erfolgsgeschichten in neuer Konstellation weiterzuschreiben. Unter falscher Flagge machen McCaughey, Buck, Tweedy & Co vielmehr die Musik, die sie schon immer machen wollten, in ihren Stammensembles aber nicht durften. Das Plus liegt im Spaß an der Freud, ausnahmsweise einmal nicht Kennerschaft, geschmackliche Überlegenheit oder Zielgruppenkompatibilität demonstrieren zu müssen, sondern einfach nur gute Lieder zu spielen.

Jeder nach seiner Fasson, das ist die Minus-5-Devise. Befreit von der Bürde, super zu sein, geht alles seinen sozialistischen Gang, die Gitarren schrängeln, die Chöre säuseln, die Musik luxuriert frei vor sich hin und ist auf eine Weise wunderbar, dass sich am Ende – nein, kein Trend daraus ergibt, auch kein klitzekleines Trendchen, wohl aber so etwas wie eine Einsicht: Der beste Pop entsteht auch 2006 nicht unbedingt an der Spitze der Hitparaden, sondern dort, wo Spielertypen seine ehernen Gesetze nicht allzu ernst nehmen.