E s ist Wahnsinn, es ist Sorabji. Unter Klavier-Maniacs reicht es, diesen Namen zu nennen, schon beginnen sie ehrfürchtig zu raunen. Kaikhosru Shapurji Sorabji (1892 bis 1988) war ein Parse in London, ein Fremdling in Europa und Indien, ein Derwisch des Klaviers. Seine 100 Transzendentalen Etüden, 1944 vollendet, deklassieren Franz Liszts gleichnamigen Zyklus zu Sandkastenspielereien.

Transzendenz – hier bedeutet sie die Überwindung der menschlichen Begrenztheit und der nervlichen Widerstände. Sie bedeutet auch Frivolität. Sorabji wusste, dass er ein Monstrum war und wie ein Monstrum komponierte. Seine Partituren sind von Dämonen bevölkerte Dschungel, es ist eine orientalische Fülle, die nur noch verwirrt. Jede Etüde hat ein hanebüchenes Spezialproblem, und oft geht es nicht ums Tempo, sondern um Geschwindigkeit, geht es um Skalen, voll gestopfte Akkorde, frappante Dreiklangsbrechungen, maschinell abgefeuerte Intervallketten, tanzende Staccati, tödliche Sprünge, flirrende Triller, rauschende Glissandi.

Jede erdenkliche Ungeheuerlichkeit hat Sorabji komponiert, und man geht nicht fehl, wenn man hinter diesem Teufelszeug den Wunsch eines seltsamen Luzifers sieht, von der Welt unberührt zu bleiben. Wenn einer Sorabji spielte, dann Sorabji selber. Seine Noten wurden nur selten gedruckt, sie galten als Geheimschriften, dicht gewebt wie persische Teppiche. Ihre geistigen Wurzeln liegen bei Busoni, Alkan und Godowsky; vergleichbar ist Sorabjis verwunschene Ästhetik mit Skrjabin. Die vollständige Sammlung der Transzendentalen Etüden Sorabjis dauert über sieben Stunden; sie endet mit einer geradezu aufgedunsenen Version von Bachs Chromatischer Fantasie.

Jetzt ist der Schwede Fredrik Ullén in die Schlangengrube gestiegen und hat die ersten 25 Etüden aufgenommen. Erwürgt wie Laokoon wird er nicht. Er behält prächtig den Überblick. Seine Finger erlahmen nicht. Er greift sicher zu. Das Pedal bedient er mit Maßen. Von dieser Musik fühlt man sich übermächtigt. Man atmet schwer. Die Parsen, zu denen Sorabji gehörte, eiferten Zarathustra nach. Der passt hier wie die Faust aufs Klavier.