Der SPD geht es schlecht, im Mittleren und Nahen Osten drohen schwere Konflikte, im Parteipräsidium auch - da hilft nur noch eins: Gerhard Schröder. Wie bitte? Der Alt- und Friedenskanzler, kündigte Generalsekretär Hubertus Heil am Sonntag an, werde für die SPD in den Wahlkampf ziehen.

Wenige Tage später entpuppte sich der Coup als technisches Missverständnis, wie es im Willy-Brandt-Haus verlegen heißt. Schröder sei zwar bereit gewesen, man habe aber keinen gemeinsamen Termin gefunden. So weit, so schräg, so SPD.

Nur damit wir uns richtig missverstehen könnte das neue Motto der Partei lauten. Aktuell streitet man sich darüber, was unglücklicher war: die interpretationsfähigen Äußerungen Angela Merkels zu Iran (Die rote Linie ist überschritten) oder die Forderung des SPD-Vorsitzenden Matthias Platzeck, der partout darauf beharrt, militärische Optionen vom Tisch zu nehmen, obwohl sie niemand ausdrücklich dort hingelegt hat.

Zuvor hatten sich Vizekanzler Müntefering und der Vorsitzende Platzeck erst einen Kleinkrieg um die Deutungshoheit über die Familienpolitik geliefert, dann wurde anlässlich der Rentenreform über Stilfragen gezankt. Es gibt in der Politik öfter mal absurde Streitereien. Doch selten war ein Konflikt so überflüssig wie der zwischen Platzeck und Müntefering. Weder inhaltlich noch machtpolitisch sind die beiden in Wirklichkeit Konkurrenten. Im Kern wollen beide dieselbe Politik - und an Gerhard Schröders Agenda 2010 anknüpfen. Auch die Frage nach der besten Ausgangsposition im Kampf um die nächste Spitzenkandidatur stellt sich nicht. Müntefering dürfte spätestens 2009 Rentner, Platzeck Kanzlerkandidat werden.

Warum aber finden all die Reibereien trotzdem statt, warum kommt die SPD nicht zur Ruhe? Der Grund liegt in dem machtpolitischen und inhaltlichen Vakuum, das mit Schröders Abgang entstanden ist. Müntefering ist nicht mehr der Vorsitzende, Platzeck ist es noch nicht, jedenfalls nicht aufgrund natürlicher Autorität. Während der Koalitionsverhandlungen war die SPD damit beschäftigt, einen neuen Vorsitzenden zu wählen und sich von ihrem Kanzler zu verabschieden. So wenig die SPD dessen Reformpolitik verinnerlicht hatte, so wenig ist sie bis heute von der Großen Koalition überzeugt. Noch immer kämpft sie mit der Schubumkehr, die ihr die Realität aufnötigt. In den Worten Münteferings: SPD - Juniorpartner, Merkel - gut, Glückauf für Schwarz-Rot.

Die Partei will diskutieren, die Führung regieren

Die Agenda 2010 hatten Schröder und Müntefering ihrer Partei aufgezwungen, die gemeinsame Regierung mit der CDU die Wähler. Erklärt hat ihr beides lange Zeit keiner - und wenn, dann im Nachhinein. Ob Rente, Arbeitsmarkt oder Gesundheit, kaum geht es ans praktische Reformieren, beginnt es in der SPD zu rumoren. Immer klarer erkennen die Genossen, dass sie die ungeliebte Politik in einer ungewollten Regierung fortsetzen müssen. Schlimmer noch: Der Kanzlerbonus nährt nun die CDU. Die SPD weiß weniger denn je, was sie von einer Agenda-Politik und was das alles mit traditionellen sozialdemokratischen Werten zu tun hat.