Stundenlang standen Schauspieler und Kamerateam bei winterlichen Temperaturen bis zum Bauch im Wasser. Wenn die Neoprenanzüge unter den Kostümen nicht ausreichten, standen fahrbare Becken mit warmem Wasser zum Aufwärmen bereit. Ort der ungewöhnlichen Dreharbeiten: ein stillgelegtes Freibad am Baldeneysee in Essen. Das Projekt: die Verfilmung der legendären Hamburger Sturmflut von 1962. Als Kulisse hatte die Berliner teamWorx-Produktion auch noch einen ganzen Straßenzug des bei der Katastrophe überschwemmten Hamburger Stadtteils Wilhelmsburg in das Essener Badebecken gebaut.

Der Titel des aufwändigen Zweiteilers, der am 19. und 20. Februar auf RTL ausgestrahlt wird, lautet denn auch ganz einfach Die Sturmflut. Der Film ist Katastrophen-Thriller, Heldenepos und Liebesgeschichte in einem. Vor dem Hintergrund der Flut, mit 315 Toten bis heute eine der folgenschwersten Naturkatastrophen in Deutschland, wird die Dreiecksgeschichte einer jungen Krankenschwester, eines Oberarztes und eines Exgeliebten erzählt. Gespielt werden die drei Figuren von Nadja Uhl, Benno Fürmann und Jan Josef Liefers.

Außerdem treten Götz George, Gaby Dohm, Michael Degen sowie Christian Berkel als zupackender Hamburger Innensenator Helmut Schmidt auf. Produktionsfirma und Sender hoffen auf bis zu acht Millionen Zuschauer.

Mit Produktionen wie der Sturmflut vollzieht sich in der Film- und Fernsehbranche ein Wandel. Es gelingt deutschen Produzenten zunehmend, international vermarktbare TV-Filme zu entwickeln. Früher waren die Deutschen vor allem Abnehmer von Fernsehfilmen und Shows aus dem Ausland. Mittlerweile treten sie auf internationalen TV-Messen wie der Mipcom in Cannes vermehrt als Anbieter auf. Allein Nico Hofmann, Produzent der Sturmflut, war auf der jüngsten Mipcom gleich mit drei opulenten Zweiteilern vertreten: Neben der Flut präsentierte er Die Luftbrücke - Nur der Himmel war frei, der im November auf Sat.1 zu sehen war, und Dresden. Der Film über die Zerstörung der Stadt im Zweiten Weltkrieg wird Anfang März im ZDF gezeigt.

Das letzte Werk war teurer als alles was vor ihm kam: 10 Millionen Euro

Hofmann ist indes nicht der einzige Fachmann für international vermarktbare deutsche Geschichtsmelodramen. Großproduktionen invented in Germany liefert auch die Münchner Firma Eos Entertainment von Jan Mojto. Der frühere Manager des Filmhändlers Leo Kirch hat in den vergangenen Jahren die TV-Filme Napoleon, Augustus und Soraya finanziert, produziert und verwirklicht. Von der Münchner Bavaria wiederum, die mehrheitlich im Besitz der öffentlich-rechtlichen ARD ist, stammen Die Manns, Speer und Er (beide Heinrich Breloer) sowie die europäisch finanzierte und produzierte Verfilmung der Brandkatastrophe im Gotthard-Tunnel (Der Todestunnel). Alle wurden bereits in mehrere Länder verkauft. Budgets solcher Event-Movies sprengen dabei den Rahmen des Üblichen regelmäßig. So ist etwa Dresden mit rund zehn Millionen Euro die teuerste deutsche Fernsehproduktion überhaupt.

Derartige TV-Filme werden einerseits nur auf die jeweiligen Sender zugeschnitten (etwas mehr Gefühl für Sat.1, etwas mehr Action für RTL, historischer Tiefgang fürs ZDF) und andererseits sofort auf eine internationale Vermarktung angelegt. Im Ausland wird Die Sturmflut dann als einfacher Katastrophenfilm verkauft - ohne den politisch-gesellschaftlichen Hintergrund. Schon vor dem Fall der ersten Klappe sei es gelungen, die TV-Rechte in Frankreich, Italien und Spanien zu verkaufen, heißt es bei der Vertriebsgesellschaft BetaFilm. SevenOne International, Vertriebsfirma von ProSiebenSat.1, meldet für Die Luftbrücke Verkäufe in elf Länder, unter anderem nach Singapur und Island, weitere Verhandlungen liefen.