Wir meinen, über Berlusconi alles zu wissen, weil bei einem Selbstdarsteller wie ihm kaum etwas verborgen bleiben könne. Aber der amerikanische Journalist Alexander Stille beweist mit seinem neuen, sorgfältig recherchierten und mit Fakten angefüllten Buch, dass wir noch immer viel zu wenig wissen. Stille hat länger in Italien gelebt, spricht die Sprache und gilt - vor allem durch sein Buch Die Richter. Der Tod, die Mafia und die italienische Republik (1997), das derzeit verfilmt wird - als Kenner des Landes.

Im Detail schildert er die Karriere dieses Mannes mit der glatten Eleganz eines Schnulzensängers, den Aufstieg vom kleinen, alles riskierenden Grundstücks- und Bauspekulanten bis zum Medientycoon und seit 2001 längsten amtierenden Ministerpräsidenten und reichsten Mann des Landes, der voller Vitalität, Skrupellosigeit und Selbstvertrauen ist. Seinen Verkäufern sagte er einmal, er stehe jeden Morgen vor dem Spiegel und rufe mehrmals: Ich mag mich! Die Schilderung dieses Lebens ist ebenso schockierend wie faszinierend, das Leben eines Kommunikationsgenies und machtgierigen Menschen, der vor kaum etwas zurückschreckt - und immer davonkommt.

Stille wird sehr konkret, wenn er sich mit den Mafia-Verbindungen Berlusconis und denen seiner Adlaten beschäftigt. Es ist eine italienische Karriere, aber Korruption ist mittlerweile auch in anderen westlichen Ländern ein weit verbreitetes Phänomen, und wir sollten mit Moralpredigten vorsichtig sein.

Auch viele Italiener meinten vor der jahrelang mit Entschlossenheit und Beharrlichkeit betriebenen Wiederwahl Berlusconis, er verdiene eine Chance, denn seine Schuld sei bisher nicht bewiesen und er sei doch geschäftlich so erfolgreich - das bewundern sie. Da hatte die töricht zerstrittene Linke, die keineswegs nur aus Dummköpfen besteht, kaum noch Aussichten.

Stille erklärt das Erfolgsgeheimnis dieses Mannes mit seiner fast grenzenlosen Fähigkeit, selbst fest an das zu glauben, was er sagt, und dies auch guten Gewissens vor Gericht zu beschwören. Berlusconi gehören drei nationale Fernsehsender, und seit seinem politischen Erfolg haben sie sich zum profitabelsten Medienkonzern Europas entwickelt. Als Regierungschef kontrolliert er aber auch die staatliche Anstalt RAI, findet das ganz in Ordnung und versteht nicht, wie man von Interessenkollision sprechen kann. Er ist, so der Autor, das Geschöpf ... der Ära des Fernsehens und der Massenmedien, in der es im Wesentlichen nur noch auf Image und Wahrnehmung ankommt. Berlusconi selbst sagte einmal: Verstehst du nicht, dass etwas, das nicht im Fernsehen läuft, nicht existiert? Kein Produkt, kein Politiker, keine Idee.

Als alle anderen noch schliefen, begriff Berlusconi die Möglichkeiten der Fernsehwerbung und die Chance, sie für sich zu nutzen. Er erreichte mit Hilfe des Ministerpräsidenten Craxi, dass es entgegen dem Urteil des Obersten Gerichts nicht nur lokales, sondern auch nationales privates Fernsehen geben darf. Er hat die Entscheidungen über die Zukunft seines Imperiums fast immer im politischen Raum gesucht - oder es sich als Regierungschef selber gerichtet. Man fragt sich indes, wann er bei all seinen Aktivitäten - Einfluss zu nehmen, seine Macht auszubauen und abzusichern - Zeit hat zu regieren.

Wer dieses Buch gelesen hat, kann sich nicht wünschen, dass Berlusconi am 9.