Das Wort Salomon Korns hat Gewicht in Deutschland. Er ist Vizepräsident des Zentralrats der Juden und hat mäßigenden Einfluss genommen in den schrillen Debatten um das Holocaust-Mahnmal in Berlin. Seine empfindsamen Essays über die vergangenheitsgebannte Existenz der Juden in Deutschland, der Überlebenden und ihrer Kinder, sind weise auf altmodische Art. Aber Salomon Korn hat nicht immer Recht - sosehr man sich das auch wünschen mag. Sein Wort vom Blutgeld, das an der Flick-Sammlung hafte, war von recht didaktischer Heftigkeit - sein Tadel-Wort von der aktiven Vereinnahmung des Jüdischen Museums in Berlin durch die Dresdner Bank, die dort am Freitag dieser Woche das umfangreiche Geschichtswerk zur eigenen, schandbaren NS-Vergangenheit (siehe auch Wirtschaft S. 28) vorstellen wollte - nun, dieses Wort war ebenso ungerecht wie in der Sache falsch.

Dass sich andere prominente Vertreter der jüdischen Gemeinde Korns Urteil anschlossen, mehr noch, dass die Dresdner Bank daraufhin die Präsentation ihrer selbstkritischen Aufklärungsarbeit aus dem Museum heraus in die eigene Hauptstadt-Repräsentanz am Pariser Platz verlegte, vergrößerte das Gesamtmissverständnis ins Groteske. Denn das Jüdische Museum ist keine subventionierte Versöhnungsanstalt, deren Nutzung mit einer höheren Geschichtsweihe verknüpft wäre, die sich begütigend genau über das legte, was die Exponate keineswegs verschweigen: dass der uralte deutsche Antisemitismus im Völkermord an den Juden Europas kulminierte. Es ist im Übrigen auch kein Museum, in dem sich Veranstalter wie die Dresdner Bank mitsamt ihrer lobenswerten, wenngleich verspäteten historischen Selbstanalyse als bevorzugtes Institut der SS eine Art Entlastung besorgen könnten. Es ist, anders gesagt, ein moralisch neutraler Ort mit einem zutiefst moralischen Auftrag - dem Abbau von Intoleranz gewidmet und dem Versprechen der Aufklärung.

Außerdem ist das Jüdische Museum in Berlin das erfolgreichste seiner Art. Das liegt nicht nur an seiner extravaganten Architektur, sondern vor allem an den Menschen, die in dem Museum arbeiten. Längst ist es ein Diskussionsforum und Lernzentrum - ein Podium, auf dem sich die Bürger des Landes - unter ihnen viele Mitglieder jüdischer Gemeinden Deutschlands - zu ernsten Gesprächen treffen.

Die moralische Schuld, die auf den längst gestorbenen Vorstandsmitgliedern nicht nur der Dresdner Bank im Dritten Reich lastet, bleibt unaufhebbar.

Doch diese Schuld ausgerechnet auf jene zu projizieren, die sie im Namen der historischen Wahrheit zum schmerzhaften Thema gemacht haben, ist unfair und ärgerlich. Den Hautgout, den Salomon Korn angesichts der geplanten Veranstaltung verspürt hat - ach, der liegt doch über der ganzen deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts, und er wird noch lange nicht vergehen. Warum nur wollte Korn ausgerechnet jenen in den Arm fallen, die ein paar Fenster in unsere, in ihre Vergangenheit öffnen wollten?

Der Autor ist Vorsitzender der Freunde und Förderer des Jüdischen Museums Berlin