Bis zur Einführung der gesetzlichen Rentenversicherung unter Otto von Bismarck Ende des 19. Jahrhunderts war die Altersversorgung reine Privatsache. Das hieß in der Praxis: Industriearbeiter waren lebenslang erwerbstätig. Auf dem Land hingegen war der Hoferbe verpflichtet, für die alten Eltern zu sorgen. Die zogen sich aufs Altenteil zurück und erhielten von den Nachkommen gemäß eines Altenteilervertrags eine Versorgung in Naturalien. Wohlhabende Bürger nutzten zudem die Möglichkeit des so genannten Rentenkaufs. Dabei überließ der Grundherr einem Bürger ein Grundstück, im Gegenzug entrichtete der ihm eine regelmäßige Rente.

In den Städten, wo die Geldwirtschaft Einzug gehalten hatte, gab es schon früh Geldformen der Altersversorgung. Wohlhabende Bürger, die sich den Ruhestand leisten konnten und finanzielle Mittel zum Leben im Alter wünschten, konnten sich schon seit dem Mittelalter eine lebenslange Rente kaufen, die so genannte Leibrente oder Rente auf Lebenszeit. Die ersten echten Leibrentenverträge gab es in deutschen Städten schon seit dem 13.Jahrhundert.

Weil das Risiko einer lebenslangen Rentenzahlung für einen einzelnen Gläubiger erheblich war, wurden schon damals Leibrenten meist nur von größeren Institutionen ausgezahlt. Damit ließ sich das Risiko, dass ein Rentner sehr lange lebte, ausgleichen durch andere, die früher starben. Viele Städte finanzierten den Bau ihres Rathauses, indem sie gegen die Zusage von Renten auf Lebenszeit Kapital einsammelten. Bürger stifteten Klöstern und Spitälern ihr Land und erhielten dafür lebenslange Unterhaltszahlungen.

So richtig los ging das Geschäft mit den Leibrenten dann mit dem Finanzbedarf der großen Staaten im 18. Jahrhundert. Damals begann die Finanzierung von Kriegen oder die Umschuldung von Staatsschulden durch die Ausgabe von Anleihen. Diese waren aber nicht, wie heute in aller Regel, mit einer festen Laufzeit versehen. Ihre Laufzeit endete vielmehr mit dem Tod des Käufers. Dazu gründeten die Monarchen Leibrenten-Gesellschaften, die dann das benötigte Kapital mobilisierten durch die Zusage von lebenslangen Rentenzahlungen. Schnell wurde es unter wohlhabenden Bürgern in Deutschland populär, auch in ausländische Gesellschaften in den weiter entwickelten Volkswirtschaften England, Frankreich oder den Niederlanden zu investieren, obwohl die Zinserträge dort niedriger waren.

Jahrhundertelang war die Berechnung der Höhe der Leibrente äußerst schwierig. Der Rentenbezieher hatte kaum eine Möglichkeit zu beurteilen, ob die Rente, die er erhielt, angemessen war. Erst im 18. Jahrhundert kamen Mathematiker darauf, Sterbetafeln zu erstellen, mit deren Hilfe man eine für beide Seiten kalkulierbare Höhe der Rente ausrechnen konnte. Solche Sterbetafeln dienen bis heute in der Versicherungsindustrie als Kalkulationsbasis zur Berechnung von Prämien und Renten.

Das ermöglichte einen regelrechten Boom der Leibrenten: "Heutzutage sind sie insonderheit in Engelland unter Privat-Personen sehr gewöhnlich", schreibt Johann Georg Krünitz in seiner berühmten 242-bändigen Enzyklopädie aus dem Jahr 1796. Dem Stichwort "Leibrente" allein sind hier 423 Seiten gewidmet. (bey)